1 ...7 8 9 11 12 13 ...21 „Und da die rastlose Clarissa...“
„...,die ihre Zeit am liebsten damit verbrachte, Hunde der Nachbarn auszuführen, Fahrrad zu fahren oder auf dem Bauernhof zu arbeiten.“
„Du ahnst nicht, wie oft mir Deine Mutter von Euren Streitereien erzählt hat, vor allem immer wieder die Geschichte mit dem Kleid.“
„Du meinst, als ich den abgeschlossenen Kleiderschrank meiner Schwester von hinten geöffnet habe, weil sie mir kein Kleid für einen Ball leihen wollte?“
„Genau.“
„Und wo ich das Pech hatte, das ausgerechnet ein Bild von mir anlässlich der Berichterstattung über den Ball in der Zeitung auftauchte? Du meine Güte, was war Antonella sauer!“
„Das kann man in dem Fall auch verstehen, oder?“
„Na ja. Als Revanche hat sie dann mein schönstes Foto mit rotem Lippenstift bemalt und drunter geschrieben: 'meine bildhübsche Schwester Clarissa‘“.
Francesca lacht laut.
„Ihr wart schon zwei...“
„Die sind wir immer noch...“
„Amanda fehlt Euch sehr, was?“
„Ja, gerade jetzt in der Schwangerschaft hätte ich sie gerne bei mir. Auch Vater leidet noch immer sehr unter ihrem Tod. Es ist ja auch erst ein paar Monate her, dass Mama gestorben ist.“
„Das braucht Zeit, mein Kind. Und ganz wird dieses Gefühl des Verlustes wohl nie verschwinden.“
„Nein, das glaube ich auch nicht, Francesca.“
„Grüß Werner von mir, auch Deinen Vater und denk' dran: Deine Tante will jede Kleinigkeit wissen. Sobald es etwas Neues über das Baby zu berichten gibt, bin ich die Erste, die Du anrufst!“
„Zu Befehl, comandante.“
Als Clarissa völlig überraschend schwanger wird, muss Werner Schmitz erneut auf Wohnungssuche gehen. Schließlich soll das Kind in geordneten Verhältnissen aufwachsen. So lässt auch der Heiratsantrag an die Dame des Herzens nicht lange auf sich warten.
Werner und Clarissa heiraten in der Kirche St. Mechtern in Ehrenfeld und feiern ihre Hochzeit in der Gaststätte „Bei Josip“, einem jugoslawischen Lokal, im gleichen Stadtteil. Der Besitzer ist ein guter Bekannter Werners, er hat alles für ihn organisiert.
Die Hochzeitsreise fällt aus, schließlich steht für die werdenden Eltern der Umzug an.
Werner schwankt zwischen einem kleinen Reihenhaus in Holweide und einer großzügigen Wohnung in Braunsfeld.
Aufgrund der Nähe zu den Spielstätten der beiden größten Kölner Fußballklubs 1.FC und Fortuna, beide tragen ihre Heimspiele in der 'Kölner Radrennbahn' aus, entscheiden sich die Frischvermählten schließlich für das Objekt in Braunsfeld.
Schon bald beziehen sie die Wohnung in Nähe des Kölner Stadtwaldes.
Alles scheint perfekt für die frisch Vermählten.
Die Schwangerschaft verläuft in den ersten Monaten ohne jedwede Auffälligkeiten, Clarissa geht es blendend, sie ist trotz der Tatsache, dass sie in anderen Umständen ist, in ihrem Tatendrang kaum zu stoppen.
Das tagtägliche Rauchen, sieben Zigaretten am Tag und nicht mehr!, und das geliebte Gläschen Rotwein am Abend sind tabu, trotzdem geht sie weiterhin mit Werner zum montäglichen Nachbarschaftsstammtisch, besucht regelmäßig die Kölner Oper und begleitet Werner zunehmend zu den Sportveranstaltungen, über die ihr Mann berichten muss.
Bei aller Harmonie sind sich Clarissa und Werner nicht einig, was den Namen des neuen Erdenbürgers betrifft.
„Es wird ein Junge. Das weiß ich. Ein strammer Stammhalter, Clarissa.“
„Und wie soll der dann heißen?“
„Mach' mal einen Vorschlag.“
„Also, wenn ich schon mit Dir in Deutschland lebe und Bella Italia aufgegeben habe, dann möchte ich wenigstens den Namen des Kindes bestimmten dürfen. Tomaso! Ja, Tomaso.“
„Aber doch keinen italienischen Vornamen!“
„Die sind doch viel schöner als die Deutschen. Überhaupt: Die italienische Sprache ist doch mit die schönste, die es gibt. Nehmen wir mal ein Beispiel...,genau, Sommersprossen. Was für ein furchtbares Wort! Und auf italienisch: lentiggine...herrlich!“
„Trotzdem. Wir sind eine alteingesessene Kölner Familie. Tomaso, ich weiß nicht.“
„Bitte, Werner. Nur den Vornamen.“
„Ist gut, Kleines. Du sollst Deinen Tomaso haben.“
Werner und Clarissa sind überglücklich, planen schon die Zeit nach der Geburt und richten die Wohnung kindesgemäß ein.
Der Himmel hängt voller Geigen für die beiden – bis Clarissa im fünften Schwangerschaftsmonat eine schwere Infektion erleidet, die sie für gut zwei Wochen ans Bett fesselt.
Es hat sie böse erwischt. Sie kann tagelang kaum Nahrung bei sich behalten, das Fieber will nicht sinken, sie fühlt sich fortwährend ausgelaugt und schwach.
Ganz werdende Mutter gilt ihre Sorge weniger ihrer Gesundheit, sondern den möglichen Schäden, die ihr Baby davontragen könnte.
Clarissa Schmitz hat sich seit Beginn der Schwangerschaft ausgiebig über mögliche Komplikationen während derselben informiert, dass Infektionen schwangerer Frauen ein Risiko für das ungeborene Kind bedeuten, beunruhigt sie doch sehr.
Erst kürzlich hat Clarissa einen Zeitungsbericht gelesen, indem von neuen Untersuchungsmöglichkeiten am ungeborenen Baby mit Ultraschall die Rede war.
1965 / 1966 konstruieren Holmes und Wells einen Kontakt-compound-Scanner, dessen Schallkopf an einem Arm befestigt, und der durch Gelenke frei beweglich ist. Durch eine Mechanik kann die Schnittbildebene versetzt werden (26).
Das Diagnosespektrum, welches die neuen Geräte abdecken, wächst stetig, es scheint sogar möglich, den Entwicklungsstand ungeborener Kinder im Mutterleib mittels Ultraschall überwachen zu können.
Auch in der Kölner Universitätsklinik werden Anfang der 60er die ersten Untersuchungen mit Kontakt-compound-Scannern durchgeführt.
Noch sind die Untersuchungen nicht Gegenstand der ärztlichen Diagnostik im Rahmen des Leistungsangebots deutscher Krankenkassen, möglich jedoch sind sie bereits.
„Ich mache mir immer mehr Sorgen, Werner“, schüttet Clarissa ihrem Frischvermählten ihr Herz aus.
„Um das Kind, meinst Du?“
„Ja. Das war schon eine sehr starke Infektion, nicht, dass dem Kleinen etwas passiert ist.“
„Fühlst Du denn irgendein ungewöhnliches Gefühl im Bauch? Hast Du Schmerzen? Ist Dir schlecht?“
„Nein, überhaupt nicht. Aber trotzdem...“
„Ich glaube, so lange Du Dich gut fühlst, brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen.“
„So einfach geht das aber nicht.“
„Ich weiß, Clarissa. Ich weiß.“
„Werner, Du kennst doch Hinz und Kunz hier in Köln. Es gibt da eine neue Untersuchungsmethode – Ultraschall.“
„Habe ich nichts von gehört, sagt mir nichts.“
„Damit kann man allerlei Sachen im Körper bildlich darstellen, auch ungeborene Babys.“
„Aha.“
„Meinst Du, Du könntest mal nachfragen, ob an der Uniklinik schon so ein Gerät existiert?“
„Ach, Clarissa. Dem Kind geht es gut, glaub es mir. Aber wenn Du möchtest, höre ich mal nach, ob die Uniklinik solche Untersuchungen durchführt.“
„Danke. Du bist ein Schatz!“
Werner Schmitz ist durch seinen Job bei der Zeitung mittlerweile in und um Köln ein bekannter und angesehener Mann, der über vielfältige Kontakte verfügt. Einer der Professoren an der Universitätsklinik ist Mitglied im 1.FC Köln, hat eine Dauerkarte und besucht des Öfteren die Pressekonferenzen nach Heimspielen der „Geißböcke“.
Nach einer schmerzlichen 1:3-Niederlage gegen den 1.FC Kaiserslautern erspäht Werner Schmitz den Mediziner im gut gefüllten Presseraum in den Katakomben des Müngersdorfer Stadions.
„Herr Dr. Freudenberg, schön, Sie zu sehen.“
„Guten Tag, Herr Schmitz, freut mich auch, Sie zu sehen. Das war ja wenig, was heute auf dem Platz bei unserer Mannschaft zusammenlief.“
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