So fand sie sich wenig später erneut durch den Wald stolpernd wieder, während die anderen von dem kleinen Mädchen in eines der Holzhäuser geführt wurden. Palmwedel hingen ihr ins Gesicht und exotische Pflanzen wanden sich ihren Weg an Bäumen hinauf und umeinander herum. Allerlei sonderbares Getier tummelte sich hier: Erstaunlich große Bienen schwirrten umher, Vögel mit langen Schnäbeln tranken aus Blumenkelchen und einmal glaubte sie sogar ein winziges menschenähnliches Wesen zu sehen, das fast durchsichtig und mit Flügeln ausgestattet hastig davonschwirrte. Vermutlich floh es vor allen Menschen, aber selbst weniger scheue Wesen ergriffen wohl die Flucht vor Machairi. Der Schatten passte nicht hierher. Das Dunkel seiner Kleider und seiner Haare hob sich deutlich von der bunten Umgebung ab und schien doch zwischenzeitlich mit den Schatten zwischen den Pflanzen zu verschmelzen. Die dicken Stämme gewaltiger Bäume führten hinauf zu dichten Blätterkronen und an manchen Stellen drang kaum ein Sonnenstrahl zu ihnen hinab.
Irgendwann trafen sie auf einen größeren Wasserlauf. Es war hier schon mehr ein Fluss als ein Bach und in vielen kleinen Wasserfällen stürzte er eine Felswand hinab. Es sah hübsch aus und für einen kurzen Moment dachte sie daran, dass man auf der Wiese am Fuße der Fälle ein hervorragendes Picknick hätte veranstalten können. Eine innere Stimme sagte ihr allerdings, dass Machairi kein Picknick mit ihr machen wollte. »Was tun wir hier?«, fragte sie, als Machairi endlich stehen blieb.
»Du kannst nicht weiter bei Dunkelheit in Ohnmacht fallen«, antwortete er und drehte sich zu ihr. »Ich habe wenig Interesse daran, dich durch die Unterwelt zu tragen.« Spontan wurde sie verlegen. Tatsächlich wäre es ihr unheimlich peinlich gewesen, wenn es so weit käme. Leider wusste sie auch nicht, was sie dagegen tun sollte. Ein Ort, den die Dunkelheit regierte, war sicherlich nicht der beste Aufenthaltsort für jemanden, der beim kleinsten Kontakt das Bewusstsein zu verlieren drohte. »Da Ila es dir nicht rechtzeitig beibringen konnte, wirst du es jetzt üben«, erklärte er dann weiter.
»Und wie?«, fragte Leén vorsichtig und bekämpfte das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen. Vermutlich hätte sie nicht einmal den Weg zurück zu dem kleinen Dorf gefunden durch das Dickicht des Waldes. Vielleicht war das der Sinn der Sache gewesen, sonst sah sie nämlich keinen Grund hierherzukommen, wenn es doch eine Übungswiese gab. Das Problem, das Leén mit jener Fläche gehabt hätte, wäre höchstens die Möglichkeit, dass Gina und Kory dort auftauchen würden, um selbst zu trainieren, und sie konnte auf Zuschauer verzichten. Besonders wenn die eine ihre spöttischen Bemerkungen kaum zurückhalten würde und die andere bisher noch eine recht gute Meinung von ihr hatte, die man leicht ruinieren konnte.
»Fall nicht um«, erwiderte Machairi nicht besonders hilfreich und trat auf die Felswand zu. Er schob einige Ranken zur Seite und bevor Leén fragen konnte, riss es sie von den Füßen.
Finsternis erhob sich über ihr wie eine Decke, drückte auf ihr Gemüt und engte sie ein. Ihr Kopf begann zu schwirren und es pfiff in ihren Ohren, während sie kaum mitbekam, dass sie auf den Boden sank. Drückend und kalt war das Schwarz, das über ihr schwebte, und wie von selbst stieg in ihr das Licht auf, um sich zu wehren. Vertraut war der Schein inzwischen und es wurde hell vor ihren Augen, obwohl sie sie geschlossen hatte. Ebenso plötzlich wie es gekommen war, hörte es auch wieder auf und Leén kauerte keuchend am Boden und versuchte, das taube Gefühl zu vertreiben, das zurückgeblieben war.
Machairi stand noch immer bei der Wand und musterte sie mit undurchdringlicher Miene. Vermutlich war er enttäuscht, aber er ließ es sich ebenso wenig anmerken wie irgendein anderes Gefühl. Es trug nicht dazu bei, dass Leén sich weniger schämte. »Du kontrollierst deine Magie. Nicht andersherum«, erinnerte er sie und musterte sie genau, als könnte er sie damit zwingen, sich geschickter anzustellen.
Kurz wollte sie ihm sagen, dass erst die Dunkelheit sie übermannte und dann erst das Licht kam, dass sie keine Kontrolle über die Dunkelheit hatte und dass sie nicht wusste, wie sie gegen etwas stehen konnte, worauf sie keinen Einfluss hatte. Doch sie nahm an, dass er wusste, wovon er sprach, und sie hatte keine Lust, wieder dumm zu sein. Deshalb schluckte sie, nickte und versuchte, sich besser zu wappnen, als er die Ranken ein zweites Mal zur Seite schob.
Wieder deckte sich die Finsternis über sie und verschleierte ihren Blick. Sie versuchte, die Augen geöffnet zu halten und sich an der Realität festzuhalten, aber ihr wurde buchstäblich schwarz vor Augen. Die Dunkelheit schien in ihren Kopf einzudringen, durch ihre Gedanken zu sickern und alles, was sie versuchen konnte, war das Licht zurückzuhalten, das in ihr aufsteigen und die Schwärze bekämpfen wollte. Ihre Bemühungen blieben fruchtlos. Zwar schaffte sie es eine ganze Weile, das Licht zu deckeln, aber die Dunkelheit wurde nur pressender und sie konnte nichts dagegen tun. Schließlich verlor sie den Kampf gegen das empordrückende Licht und was sich angefühlt hatte wie eine Viertelstunde, konnte kaum mehr als ein paar Sekunden gedauert haben. Sie gab ihren Widerstand auf und Helligkeit stieg auf, um die Dunkelheit fortzudrücken. Es half gegen die Benommenheit in ihrem Kopf, aber die unkontrollierte Magie hielt sie nun voll in ihren Fängen. Wie ein eigener lebendiger Organismus nahm es ihr die Selbstbestimmung und als die Dunkelheit endlich verflog, übergab sie sich ins saftige Gras der Wiese vor ihr.
Tief durchatmend stützte sie sich im Gras ab und fühlte sich plötzlich schrecklich müde. Krampfhaft hielt sie sich davon ab, zu dem Schatten zu sehen und spuckte noch einmal aus, um den widerlichen Geschmack loszuwerden. »Kann ich es nicht irgendwie davon abhalten, in erster Linie in meinen Kopf zu kommen?«, fragte sie zu wehleidig und setzte sich etwas zurück. Jetzt sah sie doch auf, aber nicht in die bohrenden schwarzen Augen, sondern auf die Ranken, die wieder über dem Stein hingen. »Was ist hinter diesen Ranken?«, wollte sie dann wissen. Was konnte da sein, das so düster war, sich aber von ein paar Ranken aufhalten ließ? Und woher hatte der Dämon gewusst, dass es hier war?
»Das musst du. Wenn deine Verteidigung ausgelöst wird, ist es längst zu spät.« Die zweite Frage beantwortete er nicht und irgendwie war sich das Mädchen nicht sicher, ob sie es überhaupt wissen wollte.
»Wie soll ich denn etwas aussperren, was ich weder kommen sehen noch physisch wahrnehmen kann?«, fragte sie etwas verzweifelt und wollte sich am liebsten irgendwo verkriechen. Warum war sie immer so unfähig? Nachdem sie nun schon zweimal der Dunkelheit erlegen war, schien die Verzweiflung greifbarer als zuvor. Es hatte sie ausgelaugt und müde gemacht und sie schämte sich für ihre Kindlichkeit.
»Was da ist, muss dich nicht überwältigen.« Er machte ein paar Schritte auf sie zu und hielt ihr die weiß behandschuhte Hand hin. »Es ist wie Angst.« War er sich bewusst, dass das nicht beruhigend war? Nur sehr zögerlich schob sie die Finger in das weiße Leder und ließ sich auf die Füße ziehen. Sie kannte Angst sehr gut. Seit er in ihrem Leben war, hatte sie eine Menge davon gehabt. Wenn die Angst einen überwältigte, konnte man entweder darin versinken und jeden Mut verlieren oder sie überwinden und sich ihr stellen. Das war zwar schön und gut, wirkte aber geradezu unmöglich.
»Was ist hinter diesen Ranken?«, fragte sie nochmal, musterte die Wand skeptisch und spannte sich unwillkürlich stärker an. Konnte es ein Monster sein? Eines wie das, was er aus den Tiefen des Meeres gelockt hatte, mit nichts als einem Messer?
»Finde es heraus«, antwortete er ruhig und sie schluckte. Leider hatte er recht. Sie konnte sich nicht weiterhin bei jedem kleinsten Kontakt mit dieser Dunkelheit aus ihrem Kopf verdrängen lassen – egal, ob sie nun in die Unterwelt ging oder nicht. Wenn es funktionierte wie Angst, dann war wohl der beste Weg, sich der Dunkelheit zu stellen. Ohne ein weiteres Wort hielt sie auf die Ranken zu. Sie spürte, wie die Augen des Schattens ihr folgten und er sie genau musterte, aber zur Abwechslung hatte sie vor ihm wesentlich weniger Angst als vor dem, was vor ihr lag. Leén atmete tief ein, streckte die zitternde Hand aus und schob sie in die Ranken. Jeden Moment erwartete sie, dass die Schwärze ihr entgegenschlagen würde und hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne, bevor sie die Blätter beiseiteschob.
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