Wieder musste jemand die Lücke füllen, die Gwyn hinterließ, obwohl er mitten in ihrer Runde saß. Leén schluckte und hoffte, dass ihre Stimme normal klingen würde. »Koryphelia und ich«, krächzte sie und als sie Machairis Blick begegnete, erschauderte sie. Prüfend musterte er sie und sie wollte wissen, was er wohl dachte.
Vica lachte auf, aber es war ein frustriertes Lachen. Puki sprang vor Schreck unter ihrer Kapuze hervor und rollte als kleiner Zylinder über den Boden und aus Spíthas bebenden Nüstern rauchte es. »Natürlich. Ich nehme an, dass wir keine Erklärung bekommen, warum du genau die Fähigsten ausgesucht hast?« Ihr Sarkasmus schlug in Wellen durch den Raum und Gina schnaubte. Vermutlich war sie nicht damit einverstanden, dem Mädchen zuzustimmen, das ihr kaum vor einer halben Stunde eine Waldkatze auf den Hals gejagt hatte. Tatsächlich waren sich die beiden wohl ähnlicher, als sie verkraften konnten.
Leén konnte ihnen den Gedanken allerdings nicht einmal übelnehmen. Von der Gruppe waren Koryphelia und Leén vermutlich tatsächlich die am wenigsten geeigneten Kämpfer und Abenteurer. Interessanterweise war es wieder Mico, der plötzlich einlenken konnte. »Naja. Ich weiß nicht, ob man davon ausgehen kann, dass Vicas Fähigkeiten in der Unterwelt überhaupt nutzbar sind, ebenso wie meine. Und Gina ist zu … impulsiv.« Einen nach dem anderen musterte der Cecilian sie. Zuletzt blieb sein Blick an Gwyn hängen, aber bevor er etwas zu dem Feuerspucker sagen konnte, erfüllte wieder Machairis kalte Melodik den Raum.
»Wenn sie nicht beide notwendige Attribute hätten, würde ich niemanden mitnehmen«, stellte er klar und musterte die beiden Mädchen genau. Koryphelia straffte die Schultern unter diesem Blick noch mehr. Sie hatte sich noch immer nicht geäußert. Vielleicht war ihre Kehle ebenso trocken wie Leéns. Natürlich wollten sie nicht in die Unterwelt hinabsteigen, aber wenn Machairi das so beschlossen hatte, gab es vermutlich kaum einen Weg darum herum. Immerhin standen die Chancen gut, dass nicht einmal der Messerdämon ohne unumstößliche Notwendigkeit in die Unterwelt hinabstieg.
Gina verdrehte die Augen. »Du hast überhaupt keine kampffähige Unterstützung und willst drei Personen beschützen?« Sie schnaubte. »Das klingt sinnvoll.« Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. »Das ist bescheuert. Ich komme mit!« Überraschte Blicke trafen sie und ein abfälliges Schnauben kam aus Vicas Richtung. Der Schatten sah sie strafend an und sie alle wussten, was er von der Aussage hielt. Dabei wusste Leén nicht wirklich, was ihn daran so sehr störte. Eigentlich schienen sich die beiden doch ganz gut zu verstehen und vielleicht würde sogar die Faust ihr loses Mundwerk zügeln können, wenn sie an einen solch gefährlichen Ort gingen. Leén hätte jedenfalls nichts dagegen gehabt, eine weitere kampffähige Person bei sich zu haben. Das schien auch Gina so zu sehen. »Du musst weder deine Künste noch deine Männlichkeit unter Beweis stellen.« Sie versuchte, ebenso strafend zurückzusehen – natürlich ohne Erfolg. »Lass mich einfach helfen«, knurrte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Du hilfst, indem du hier aufpasst«, vertröstete der Schatten sie und die Harethi fand es schon beachtlich, dass er ihr überhaupt eine Alternative bot. Gleichzeitig fragte sie sich, warum Vica, Mico und Gwyn die Faust als Kindermädchen brauchten und konnte sich gut vorstellen, dass keiner von denen das gut fand.
»Die sind erwachsen, die können ganz allein auf sich aufpassen«, schnaubte sie und warf die Haare zurück. Erneut nahm sie ein Blickduell mit dem Dämon auf und eine Weile war es still, während alle beobachteten, wie lange es dauerte, bis Gina verlor. »Verdammt, na gut!«, stieß sie schließlich hervor und wandte sich ab, beleidigt und gedemütigt. »Dann bekommt eine von euch beiden jetzt einen Selbstverteidigungsschnellkurs von mir!«, beschloss sie und sah zu Kory und Leén.
Letztere zog instinktiv den Kopf ein, weil sie sich an ihre letzte Kampfstunde erinnerte und überhaupt nicht das Bedürfnis hatte, sich vor der Faust auch noch zu blamieren. Sie war leider ein hoffnungsloser Fall und das würde sich nicht in kürzester Zeit ändern lassen. Die Prinzessin hingegen schmunzelte. »Das klingt in der Tat nicht nach einer schlechten Idee«, sagte sie. »Bevor ich mich auf diese fragwürdige Mission einlasse, wüsste ich allerdings gerne genauer, was uns dort unten erwartet.« Fragend sah sie zu Machairi, die blauen Augen funkelnd und das Kinn gestreckt, in dem Versuch, ihre Unterlegenheit zu verbergen.
»Dunkelheit«, antwortete der Schatten, aber sein Blick traf Leén statt Koryphelia. Ein Schauer schüttelte die Harethi und das Licht selbst schien zu erzittern. Dunkelheit war ein gefährliches Thema mit ihr. »Wir gehen morgen früh. Rish, komm.« Damit schien er die Runde auflösen zu wollen, auch wenn mit Sicherheit noch lange nicht alle Fragen beantwortet waren.
»Bevor ihr geht«, Reolet, die wie eine Statue am Zelteingang gestanden hatte, trat zu ihnen und blickte in die Runde, »möchte ich euch bitten, in diesem Dorf keine Magie zu üben und keine Kämpfe auszutragen. Es ist ein heiliger Ort.« Mahnend sah sie besonders zu Vica und Gina, die diese Reglung bereits gebrochen hatten. »Es gibt eine Übungsfläche jenseits des Baches, wo ihr jede Abstrusität ausüben könnt, wie es euch beliebt, solange es sich nicht um schwarze Magie handelt. Ansonsten könnt ihr in einem der Häuser unterkommen.« Lächelnd sah sie in die Runde. Irgendetwas an dieser Frau war sonderbar. Ihr Gesicht glänzte leicht, als habe sie besonders stark geschwitzt oder als sei es aus weichem Wachs geformt und sie wirkte auf seltsame Weise unecht. Sie war Leén trotz ihrer Freundlichkeit unheimlich.
»Abstrusität«, wiederholte Vica und es klang, als schmecke das Wort ekelhaft bitter auf der Zunge. Der Spott, den sie hervorbringen wollte, ging darin unter und man musste sich spontan fragen, wie oft Vica sich schon aufgrund eines Urteils über ihre Fähigkeiten geärgert hatte. Dabei war Leén sich nicht einmal sicher, dass Reolet tatsächlich hatte ausdrücken wollen, dass sie abnormale Magie wirkten. Vielleicht hatte die Frau auch einfach sagen wollen, dass ihr egal war, was sie taten, solange sie es nicht im Dorf taten.
»Du kannst mit mir kommen«, sagte die Frau ungerührt freundlich und warf einen Blick auf den Drachen, als habe sie den Kommentar der Blinden gar nicht gehört. »Wir werden deinem Drachen sicher helfen können.« Ein schlauer Zug. Für Spíthas Wohl würde sogar Vica ihren Stolz vergessen, so verzweifelt, wie sie zuletzt über seinen Zustand gewesen war. »Katyre wird dem Rest zeigen, wo ihr unterkommen könnt.« Katyre war der Name des kleinen Mädchens gewesen, das sie im Wald gefunden hatte. Hoffentlich wusste das Kind auch, dass es ihnen helfen würde, denn außer Gwyn schien niemand ihre Sprache zu sprechen.
Vicas Kiefer malmte, aber sie stand auf und hielt den kleinen Drachen sanft fest. »Wo ist mein Stock, Hatschi?«, fragte sie mühsam beherrscht und klang trotzdem noch immer patziger, als Leén es je zustande gebracht hätte.
Wortlos hob sie den Stock vom Boden auf, reichte ihn Vica und sah zu, wie die Blinde etwas unbeholfen Reolet folgte, während Puki sich aus seiner Rolle löste und ihr hinterherhüpfte. Ob er wohl eifersüchtig war auf den neuen Begleiter, der so viel mehr Aufmerksamkeit bekam als er?
Damit war die Runde aufgelöst. Die Prinzessin verkündete, dass sie zunächst Quartier beziehen wollte, bevor sie sich irgendeiner Form von Training hingab, und Gina war einverstanden. Obwohl sie nur vom Schiff hierhergekommen waren, schien schrecklich viel passiert und auch Leén hatte das Bedürfnis, sich irgendwo hinzusetzen und die verstörenden Neuigkeiten zu verarbeiten. Leider war sie wohl die Einzige, der das nicht vergönnt war, denn sie hatte nicht vor, ausgerechnet Machairi zu erklären, dass sie erst eine Pause brauchte, bevor sie ihm irgendwohin folgen wollte.
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