Die Hatschi räusperte sich, als es still wurde und Mico Machairis eisige Stille kaum noch ertragen konnte, obwohl seine schwarzen Augen weiterhin die Faust ansahen. »Suchen wir noch nach diesem Orakel?«, fragte die Hatschi ganz leise, die Schultern hochgezogen und scheu, als befürchte sie, dass im nächsten Moment ein Messer auf sie fliegen würde.
Kurz war es still. Das geschäftige Treiben des Dorfes drang durch die Zeltwand und durchbrach die angespannte Stille im Inneren auf unwirkliche Art. »Er weiß, wo es ist«, sagte Vica, die Hände um den Drachen gelegt und die leeren Augen in die Richtung des Schattens gerichtet.
»Wo ist es?«, fragte Koryphelia, die sich etwas unbeholfen in die Gruppe einfügte, aber genauso von der Spannung beeinträchtigt war. Alle Blicke lagen nun erwartungsvoll auf dem Schatten und vielleicht fühlte zur Abwechslung einmal er sich bohrend gemustert.
Seine klare Stimme durchschnitt die Spannung in der Luft und fuhr durch Mark und Bein, als er endlich antwortete und damit doch nichts besser machte. »Es ist in der Unterwelt.«
Bleischwer hing die Antwort in der Luft. Unterwelt. Für einen Moment fragte sich Leén erneut, ob sie wirklich daran glaubte. Es klang noch immer so … unglaublich. Konnte sich tatsächlich ein sagenumwobenes Artefakt in den grausigsten Tiefen aller Welten verstecken? Wie war es dort hingelangt? War es dort nicht vielleicht sogar … sicher?
Am Anfang ihrer Reise – es schien Jahre her zu sein – hatte Gwyn ihr erklärt, dass sie das Orakel suchten, damit es niemand sonst fand und einen neuen Krieg damit anfangen konnte. Die Könige dieser Welt hätten die Beantwortung einer Frage genutzt, um einander zu zerstören. Das hatte einleuchtend geklungen. Auch, dass der Zustand der Bienen ein guter Indikator dafür war, wie es dem Land oder der Welt ging, hatte irgendwie Sinn ergeben. Doch nun? Wenn das allwissende Orakel in der Unterwelt verborgen war, war es doch keine Gefahr, oder etwa doch? Wenn Ebos selbst es hätte benutzen können, wäre es doch längst so weit gekommen, und für die Menschen war es vollkommen außer Reichweite. Nein, sie konnte keinen guten Grund sehen, wieso sie es zurück in die sterbliche Welt bringen sollten.
Zurückbringen. Das klang zuversichtlich, dabei war Leén alles andere als zuversichtlich. Eigentlich schüttelte sich ihr Innerstes allein bei der Vorstellung eines Ortes, der der Inbegriff des Leidens und der Schlechtigkeit war. Der Gedanke, hinabzugehen, wenn es denn einen Weg gab, nur um ein Artefakt zu holen, das besser aufgehoben war, wo es jetzt war … das Licht selbst schien sich zusammenzukrampfen. So wahnsinnig konnte doch nicht einmal der Messerdämon sein, oder?
Da war sie wieder: die Furcht, dass die Gerüchte über Machairi vielleicht doch der Wahrheit entsprachen. Was, wenn er wirklich dunklen Mächten entstiegen war? Gerade erschien nichts unmöglich.
»Ich bin nicht sicher, ob ich lachen oder dich erschlagen möchte«, sagte Gina und warf die roten Locken zurück. »Wenn es da ist, ist es ohnehin verloren. Wir können in aller Seelenruhe nach Hause fahren und den Bienenstock wieder einigermaßen unter Kontrolle bringen. Ich wette, es läuft längst alles aus dem Ruder.«
Vica schnaubte und wiegte Spítha in ihren Händen. » Sind die Tore nicht ohnehin schon seit ein paar hundert Jahren zu?«, fragte sie und schob sich weiter unter ihre Kapuze. Von der Seite konnte Leén ihr Gesicht dadurch nicht sehen, aber sie glaubte, Angst in der Stimme der Naturistin mitschwingen zu hören. Das war viel wert, weil sich ihr eigenes Herz noch immer nicht beruhigen konnte. Immerhin verstand sie nun, weshalb der Schatten nichts gesagt hatte. Er hatte kaum mit Zuspruch rechnen können und unwissend beleidigt war die Gruppe bestimmt einfacher zu manipulieren als wissend und von Angst geplagt.
Korys Blick war ins Nichts geschweift und sie saß stocksteif auf der Bank, was nicht nur ihrer unnatürlich geraden Haltung geschuldet war. Es machte die grausige Angst ertragbarer, wenn man sah, wie auch die anderen erschauderten bei dem Gedanken. Micos abgrundtiefe Abscheu war auf seine Züge zurückgekehrt und Leén erinnerte sich daran, dass er als Magier und als Cecilian vermutlich der Gläubigste von ihnen war. »Ungeachtet der Sage, dass es noch offene Tore geben soll … selbst wenn sich hier eines befindet, hast du nicht vor, uns alle da runter zu zwingen, oder?« Der Cecilian hatte die Hände aneinander festgehalten, aber sie zitterten trotzdem und er schob sie in die weiten Ärmel, um es zu verbergen.
Plötzlich schien sich die ganze Gruppe recht einig zu sein. Nicht weiter überraschend, dass keiner von ihnen auf einen Trip in die Unterwelt brannte. Der Einzige, der eher nachdenklich als verschreckt aussah, war Gwyn und der blickte hauptsächlich weiterhin abwesend auf den Boden. Trotzdem konnte Leén es in seinem Kopf rattern sehen. Vielleicht sah er darin eine Chance, seinen zerstörten Ruf wiederherzustellen und wenn dem so war, hätte sie ihm gerne auf den Kopf gehauen.
Wieder starrten sie alle Machairi an, hoffend, dass er etwas anderes vorhatte, vielleicht sogar einen wild-willkürlichen Plan, um irgendwie anders des Orakels habhaft zu werden. Doch plötzlich fiel Leén wieder ein, was Machairi zu Ila gesagt hatte, und ihr wurde so flau im Magen, dass sie beinahe zwischen die Blüten gekotzt hätte. Ich brauche nur einen Weg zurück. Die Worte erwartend kniff sie die Augen zusammen, als würde das irgendetwas aufhalten, wenn sie es nur nicht länger sehen konnte.
»Nein«, sagte der Schatten schließlich und die schwarzen Augen streiften einmal durch die Runde. »Wir gehen zu dritt«, sagte er und die Harethi musste nicht sehen, um zu wissen, dass seine Augen auf ihr lagen.
»Geht es für die Blinden unter uns vielleicht etwas genauer?«, fragte Vica, die Stimme so triefend vor Sarkasmus, dass man die Befürchtung dahinter deutlich hörte. Beinahe hätte Leén verzweifelt aufgelacht.
»Ich weiß, dass es eine unnötige Frage ist, aber hast du den Verstand verloren?«, fragte Gina und schüttelte den Kopf. »Das ist tatsächlich die unlogischste Wahl überhaupt!« Leén blinzelte und sah, wie die Faust die Hände in die Luft warf und fassungslos den Kopf schüttelte. »Da komm ich ja lieber selbst mit. Willst du dich umbringen?«
Gwyn hatte den Kopf gehoben, er sah vielleicht noch verletzter aus als vorher, weil er nicht einmal für eine Todesmission ausgesucht worden war. Auch Mico hatte sich zwar erleichtert zurückgelehnt, aber die Stirn in Falten gelegt.
Koryphelia selbst sah überrascht und schockiert aus, dass die Wahl auf sie gefallen war, und das erste Mal überhaupt hatte Leén das Gefühl, zu verstehen, was keiner außer Machairi sonst verstand. Sie hatte diese Wahl vollkommen vorausgesehen. Koryphelia und Leén waren die einzigen Personen, die er nicht mitgenommen hatte, weil er sie als Personen schätze oder geschätzt hatte oder sie in Om’falo gebraucht hatte. Für die Prinzessin war er in einen fremden Palast eingebrochen und damit war eigentlich schon klar gewesen, dass er sie für etwas Entscheidendes brauchte, und Leén selbst hatte er von vornherein als Werkzeug benutzen wollen. Sie sah sogar ein, dass Magie, die Licht und Gleichgewicht spenden sollte, in der Unterwelt sehr hilfreich sein konnte. Deshalb biss sie sich nur auf die Lippe und versuchte, das kalte Schaudern zu unterdrücken. Für einen Moment war sie versucht, den Kommentar abzuwerfen, den sonst Gwyn an dieser Stelle gebracht hätte: Ihr wisst doch, wie er ist, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken.
»Hallo?«, fauchte Vica, als alle sich nur ansahen und Sorge, Angst und Fassungslosigkeit ihre Züge zeichneten. Leén presste die Lippen aufeinander. Die seltsame Genugtuung, die Ungläubigkeit mal einmal nicht zu teilen, verschwand binnen kürzester Zeit wieder vollständig und wich grauenvoller Angst. Es fehlte eigentlich nur noch, dass die Dunkelheit sie wieder erschlug, wie so oft, wenn die Angst in ihren Knochen etwas zu groß wurde. Auf dem Schiff, als das gewaltige Seemonster aus den Tiefen gestoßen war, hatte sie sie für einen kurzen Moment zu spüren geglaubt, aber sie war so gebannt gewesen, dass sie sich kaum mehr sicher war, ob es tatsächlich so gewesen war, oder ob sie sich das nur eingebildet hatte.
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