Elin Bedelis - Pyria

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»Nur war Machairi kein normaler Umstand. Machairi war wie Regen, der in den Himmel fiel oder Feuer unter Wasser: denkbar, aber eigentlich ausgeschlossen.«
Nur knapp haben sie die Flucht aus der brennenden Stadt überlebt und schon nimmt Machairi seine Gefährten mit auf die nächste schicksalhafte Reise. Die tückische Idylle der entlegenen Insel Skîl trennt die ungleiche Gruppe und bald kommen Erinnerungen ans Licht, die keiner von ihnen je preisgeben wollte. Pyria stehen dunkle Zeiten bevor und das wahre Ziel des Messerdämons ist noch wahnsinniger, noch gefährlicher und noch schwerwiegender als jedes zuvor. Machairis Motive sind nicht was sie zu sein schienen und bald ist nicht einmal mehr Leén sicher, ob der Schatten ein Mensch oder ein Monster ist. Am Rande ihrer Kräfte ist seinen Gefährten bald nur noch eines klar: Ihr aller Schicksal liegt allein in einem weißen Handschuh.
~
Der zweite Teil der Pyria Trilogie
mit einigen Antworten, mehr Fragen,
mehr Charakterentwicklung
mehr Protagonisten
mehr Blick in die Vergangenheit
mehr Dunkelheit
mehr Göttern
mehr Schauplätzen: von tropischen Wäldern über düstere Ödnis zu verschneiten Bergen
mehr Pyria!

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Das Mädchen kam zurück und sie war nicht allein. Eine Frau trat zu ihnen. Die untere Hälfte ihres zarten Gewandes war von einem leichten Rosa. Eine braune Kordel hielt es als Gürtel an der Taille zusammen und ein Teil ihres braunen Haares war mit zahllosen Blüten zu einer Art Krone geflochten, während sich der Rest in leichten Wellen über ihre Schultern ergoss. Sie war vielleicht Ende dreißig und von so unnatürlicher Schönheit, dass Mico spontan die Flucht ergreifen wollte. Mit jeder Sekunde hatte er mehr das Gefühl, dass er nicht hierhergehörte.

»Willkommen, Reisende«, sagte sie huldvoll und in einwandfreiem Cizethi. Lächelnd musterte sie die Fremden einen nach dem anderen und schien sich besonders über Gwyns Anblick zu freuen. »Mein Name ist Reolet. Ich bin die Mutter dieses Dorfes.« Mit einer fließenden Bewegung deutete sie in die Runde der Hütten. Angesicht ihres Alters und aus purer Hoffnung, dass es nichts anderes war, ging Mico davon aus, dass es sich mehr um einen Titel als um eine wörtliche Tatsache handelte. Etwas an ihr war seltsam. Wie alles hier wirkte sie unwirklich und befremdlich. Ihre Freundlichkeit wirkte aufgesetzt und er glaubte, dahinter einen Blick voller Skepsis und vielleicht sogar Abneigung zu sehen. Vielleicht war er allerdings auch zu sehr mit Abneigung vertraut, um irgendetwas anderes zu erwarten.

Keiner von ihnen konnte sich so recht zu einer Antwort durchringen. Selbst Gina und Vica, die sich sonst beide kaum zurückhalten konnten, schienen nichts zu sagen zu haben. Der Blick, den die Faust der Frau zuwarf, war allerdings so tief von Argwohn gezeichnet, dass sie eigentlich nichts mehr sagen musste, um ihr Misstrauen zum Ausdruck zu bringen. Man merkte den Bienen doch an, dass sie sich selten in freundlichen Konversationen versuchten. Einzig die Prinzessin nickte freundlich. Mico seufzte. »Vielen Dank, Reolet«, sagte er und versuchte dabei ihren Namen ebenso zu betonen, wie sie es getan hatte. »Wir sind … nun … wir sind …« Ja, was genau waren sie eigentlich? Sie waren keine Freunde oder auch nur Kollegen. Sie wussten nicht, weshalb sie hier waren, und kaum, wo sie hinwollten. Es wollte ihm nichts einfallen, was er hätte sagen können. »Wir haben uns im Wald verloren«, sagte er schließlich. Sie hatten Machairi verloren, den Weg verloren, teilweise scheinbar den Verstand verloren und ihr Ziel verloren. Es schien ihm die beste Beschreibung zu sein.

Gina schnaubte und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie die Locken nach hinten schüttelte. Es reichte noch immer nicht für einen Kommentar, aber sie war offenbar schon wieder kurz davor. Reolet ließ sich davon nicht beeindrucken. »Dann ist es ein wahres Glück, das Katyre euch gefunden hat, bevor ihr noch mehr verloren gehen konntet.« Sie warf einen liebevollen Blick auf das Mädchen, das einen halben Schritt hinter ihr stand und die Fremden noch immer neugierig musterte. Ihre Scheu war verständlich und ein Zeichen von Intelligenz.

Mico zwang sich zu einem Lächeln und nickte. »Wahrlich«, antwortete er so verbindlich, wie er konnte, und wollte am liebsten gehen. Etwas stimmte hier nicht. Dieser Ort brummte vor Magie und doch, oder vielleicht gerade deswegen, fühlte er sich unwohl.

Reolets dunkle Augen musterten ihn wissend und er fühlte sich fast bedroht, obwohl sie lächelte. Es jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken, ein Effekt, den sonst nur Machairi hervorrief. »Bizarr, so verloren könnt ihr doch nicht gewesen sein, wenn ihr so zuverlässig hergefunden habt.« Hatte sie nicht eben selbst noch gesagt, dass das Mädchen mit dem seltsamen Namen sie gefunden hatte? Warum hatte er das Gefühl, dass sie eigentlich etwas ganz anderes sagen wollte? »Kommt«, fügte sie dann nach einem weiteren Moment, in dem sie ihn nur bohrend musterte, hinzu und drehte sich um. Mico schielte nach links und rechts. Fand noch jemand, dass irgendetwas komisch war? Es war schwer zu sagen. Schweigend und mürrisch folgten sie der Frau in das Zelt, aus dem sie gekommen war. Sie schob die Zeltplane zur Seite und hielt sie fest, während ihre Gäste sich einer nach dem anderen in das Zelt schoben. Tatsächlich waren sie inzwischen eine große Gruppe, das wurde spätestens jetzt deutlich, weil das Zelt unangenehm voll wurde, obwohl es recht geräumig war. Als Gwyn eintrat, schmunzelte Reolet wieder. »Du hättest erwähnen sollen, dass du einen so außergewöhnlichen Jungen bei dir hast. Ich wäre wesentlich leichter zu überzeugen gewesen.«

Gwyn fuhr zusammen, als er verstand, dass es um ihn ging, und zog den Kopf ein, als schwarze Augen ihn trafen und eisig musterten. Machairi stand mitten im Zelt und schien gewartet zu haben. Ausgestattet war das Zelt für Micos Geschmack etwas zu blumig. Der Boden war hölzern und es standen Bänke im Kreis vor einem bedeutend gemütlicher aussehenden Stuhl - vielleicht war es eine Art Thron. Cail stand direkt daneben und er wollte so gar nicht hierher passen in seinen schwarzen Kleidern. »Ich hätte eher verzichtet.« Der Schatten hatte die Augen nicht länger auf Gwyn gerichtet, sondern musterte nun die ganze Runde.

Reolet lächelte wissend. »Es muss schon ein Wunder geschehen, dass meine Hilfe überhaupt einen Unterschied macht.« Mit einer Geste deutete sie auf die Bänke. »Du kannst sie aber unmöglich alle mitnehmen wollen.« Fragend sah sie Machairi an, während sie endlich die Zeltplane losließ und zwischen gestreuten Blütenblättern hindurch weiter in den Raum trat.

Bevor Machairi dazu kam zu antworten, platzte Ginas Geduldblase und sie fuhr dazwischen. »Ich glaub’s nicht! Jetzt weiß schon die verrückte Urwaldtante, was hier läuft?« Wütend funkelte sie Machairi an und schob den Unterkiefer vor. »Du erklärst mir jetzt, was hier vorgeht, oder ich nehme deine dumme Nussschale und fahre nach Hause!«

»Niemand hat dich gebeten, mitzukommen, Gina«, erinnerte Cail ruhig und musterte sie gleichgültig. »Das Schiff bleibt hier«, fügte er jedoch hinzu und schien die Diskussion damit beenden zu wollen.

Die Faust stampfte in den Kreis der Bänke, auf dem sich der Rest von ihnen stillschweigend niedergelassen hatte, und trat direkt vor den Messerdämon. Das wütende Funkeln in ihren Augen hätte jeden anderen mit Verstand wenigstens ein paar Schritte zurückweichen lassen, aber natürlich begegnete Machairi ihr mit kalter Ruhe. Sie griff nach seinem Kragen. »Du bist ein unglaubliches Arschloch, weißt du das?«, fauchte sie und schien sehr bereit, auf ihn einzuschlagen.

Er reagierte nicht, wich nicht einmal aus und ließ zu, dass sie die Finger im dunklen Stoff vergrub. Eisig und strafend sah er auf den kleineren Schatten hinab und plötzlich wirkte es wesentlich dunkler im eigentlich so übertrieben freundlichen Raum. Mico sah das Blitzen einer silbernen Messerklinge in beiden Handschuhen, aber Machairi regte sich nicht.

Einen Moment war die Szene wie gefroren, dann löste die Faust den eigenen weißen Handschuh aus dem dunklen Stoff und trat einen halben Schritt zurück. »Wohin geht diese bescheuerte Reise?«, fragte sie noch einmal, weiterhin wütend, aber nicht mehr kochend genug, um sich noch ein zweites Mal so weit vorzuwagen. »Du kannst nicht erwarten, dass dir alle weiterhin blind hinterherrennen.«

Die Faust sprach Mico aus der Seele und nicht nur ihm, das konnte er sehen. Seufzend stützte er die Arme auf die Knie und musterte die Runde. »Sie hat recht«, sagte er so ruhig und verbindlich er konnte. »Wir sind immer noch hier und viel schlimmer kann die Reise eigentlich nicht werden. Es ist kaum jemand hier, an den wir dich verraten könnten. Was schadet es dir, uns einfach zu sagen, was wir hier tun?«, fragte er vorsichtig und hoffte, dass er im Zweifel den Rückhalt der Gruppe hatte. Bei dem Wort verraten, schienen alle Blicke kurz zu Gwyn zu zucken, der möglichst unauffällig am äußersten Ende der Bank hockte und den Boden anstarrte.

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