„Gut, dass du ihn gefunden hast, Ayiah“, sagte die Älteste Mutter. „Ich habe mir schon ernsthafte Sorgen gemacht. Wir können es uns einfach nicht leisten, auch nur einen von diesen zu verlieren.“
Die anderen Mütter blickten den Kleinen mit gerunzelten Brauen missbilligend an, die Knablinge, in deren Mitte er wie ein von einem fremden Stern gefallenes Wesen stand, aber lachten ihn unverhohlen aus, während sie im Chor skandierten:
„Brachvogel – Federmogel, Brachvogel – Federmogel“.
Bis auf einen, Agror geheißen, der ihn neugierig und fast schon ein wenig bewundernd ansah.
Von diesem Moment an waren Brachvogel und Agror unzertrennlich. Beide waren einander bislang noch nicht aufgefallen. Doch als Brachvogel da mitten im Kreis stand und nicht wusste, wie ihm geschah, neigte sich sein Herz natürlich dem zu, der ihn nicht verhöhnte. Und für Agror verkörperte Brachvogel in seinem missratenen Federkleid trotz aller Lächerlichkeit etwas Besonderes, Andersartiges, das ihn aus der Enge und Gewöhnlichkeit der eigenen Person herauszuführen versprach.
Während der Abendbesinnung suchte Brachvogel dann auch die Nähe Agrors, stellte sich neben ihn in den Kreis und besiegelte ihre neue Freundschaft mit einem kurzen Nicken. Alle Knablinge fassten einander an den Händen und richteten ihren Blick dorthin, wo gemäß der Anweisung von Mutter Leial am wolkenverhangenen Himmel das Nachtgestirn stehen musste. Gemeinsam sprachen sie ihre Bitte an die Mondin, die sie am Ende jeden Tages anstimmten, bevor sie sich zur Nacht niederlegten:
„Liebe Luna, sanfter Stern,
wir haben dich nur allzu gern,
gib in der Nacht,
wohl auf uns acht,
und schenk uns auch bei Tag Geleit
für Demut und Besonnenheit.“
„Mit dieser Anrufung der gütigen Mondin beschließen wir wie immer diesen Tag“, sagte Mutter Leial und geleitete die Knablinge zu ihren Schlafstellen.
Mit der Zeit gerieten Brachvogels ursprünglicher Name und die Umstände, wie er zu seinem neuen Namen gekommen war, in Vergessenheit. Er war Brachvogel. Längst schon war kein Spott mehr mit diesem Namen verbunden und er trug ihn wie eine Auszeichnung.
Nach Brachvogels Beobachtung gab es in der Stätte der Aufzucht zwei Arten von Menschen, Milchkinder oder Knablinge wie Agror und ihn selbst und die Mütter. Man musste den Müttern in Allem folgen und gehorchen, denn sie kannten das Leben, wussten um Gut und Böse und erklärten Werden und Wachsen und den Zusammenhang aller Dinge im empfindlichen Gefüge der Welt. Knablinge waren unwissend und klein und bedurften dringend der unablässigen Lenkung der Mütter. Mütter waren groß, staken in wallenden Gewändern, trugen lange Haare, wanden Schmuckreifen um die Handgelenke und hatten Brüste, aus denen man trinken und satt werden konnte. Während die Knablinge oft nackend umherliefen, sah Brachvogel die Mütter bis auf die jeweils zum Trinken freigelegte Brust niemals entblößt. Alle Milchkinder, gleich welchen Alters wurden an der Brust gelabt. Die ganz kleinen lagen dazu im Arm der Mütter, die mittleren saßen auf deren Schoß und die ganz großen kletterten vielfach auch schon einmal auf ein Bänkchen, während die Mutter über der rechten oder linken Brust eine Falte ihres Gewandes für die Nährung aufknöpfte, ohne ihre momentane im Stehen ausgeführte Verrichtung zu unterbrechen. Die älteren Knablinge bekamen natürlich auch andere Nahrung, aber in der gesamten Zeit ihres sieben Umlaufzwölfe währenden Lebens in der Stätte der Aufzucht bestand die mittägliche Hauptmahlzeit aus Muttermilch.
Mit steigendem Alter hatte sich Brachvogel zunehmend von den milchprallen Brüsten der Mütter abgestoßen gefühlt. Dagegen liebte er es, Wasser oder Kräutertee aus einem Becher zu trinken und sobald er alt genug war, ein solches Gefäß zu greifen, hielt er immer eines in der Hand, während er an einer Brust saugte, und fuhr begeistert über die klaren und festen Konturen hin, die ihm eine verlässlichere Orientierung zu bieten schienen als die nachgiebigen Brüste, die der Berührung seiner Lippen, dem Druck seiner Zunge oder dem Tasten seiner Hände keinen eindeutigen Widerstand entgegensetzten. Auch konnte er sich nicht an die unterschiedlichen Geschmäcke, Gerüche und Ausdünstungen der Mütter gewöhnen. Denn es nährte nicht eine bestimmte Mutter einen bestimmten Knabling, sondern alle Mütter spendeten allen Milchkindern Nahrung aus ihren Brüsten.
Eines Morgens kündigte Mutter Leial an: „Heute werden wir erfahren, wie wir unser Wesen der Fürsorge sanft lenken können.“
Jeder Knabling bekam, sobald er sicher laufen konnte, in immer größerem Umfang die Verantwortung für ein Wesen der Fürsorge übertragen, um sich beizeiten darin zu üben, etwas Lebendiges und in der Natur Gewachsenes zu hegen und zu pflegen. Brachvogel erinnerte sich noch eindrücklich daran, wie er als kleines Milchkind erstmals die konzentrierte Wärme des winzigen Körpers gespürt hatte, der sich mit der Atmung dehnte und wieder zusammenzog und dessen schneller Herzschlag in seinen Händen klopfte, wie er sein Gesicht in weiches Fell versenkte, das an der Nase kitzelte und wie er in große, runde, dunkelfeuchte Augen sah, die sein eigenes Gesicht widerspiegelten. Es waren dies die Augen eines Kaninchens, seines Tieres der Fürsorge, das ihn während seiner ganzen Zeit in der Stätte der Aufzucht begleiten sollte.
Agror und alle anderen Knablinge seiner Gruppe waren mit solch einem kleinen, langlöffeligen Zögling aufgewachsen, den sie im Laufe der Zeit immer eigenständiger betreuten und versorgten, damit sie so sinnenfällig Einsicht darin nahmen, wie stark sie mit allem in der Natur verbunden und verwoben waren und lernen konnten, ganz behutsam Einfluss auszuüben. Die Knablinge waren schon darin geübt, ihre Tiere regelmäßig mit Wasser, Heu und Gemüse zu versorgen, ihre Ställe reinlich zu halten, ihnen im Gehege Auslauf zu gewähren, ihr Fell zu pflegen und ihnen streichelnd Körperkontakt angedeihen zu lassen ‒ was nicht nur die Kaninchen vor Wohlbehagen leise mit den Zähnen mahlen ließ, sondern auch den Händen der Streichler schmeichelte.
„Ihr habt gelernt, eure Fürsorgezöglinge zu pflegen und mit allem Nötigen zu versorgen und ihr habt es vor allem geschafft, es behutsam dahin gedeihen zu lassen, dass sie eurer Weisung vertrauen“, leitete Mutter Leial die Übung ein. „Euren achtsamen Umgang mit diesen empfindlichen Wesen wird euch die Natur mannigfach vergelten. Doch heute lasst uns erproben, wie ihr eure Kaninchen lenken könnt, wenn sie nicht vom Gehege umfriedet, sondern außerhalb sind.“
Die Knablinge liefen zu den Ställen, nahmen ihre Tiere auf den Arm und kehrten zu Leial zurück, die sie auf eine große, kürzlich von Schafen abgeweidete Wiese hinter den Hütten führte.
„Ihr werdet euer Kaninchen gleich ins Gras setzen und sehen, was passiert. Um es zu führen, kann sich jeder von euch dort ein Netz, einen Stecken und eine Möhre nehmen.“ Leial deutete auf die Stelle, an der diese Lenkungsmittel bereitlagen. „Ihr seid verantwortlich für euer Fürsorgewesen. Setzt diese Dinge also mit Bedacht und Besonnenheit ein. Bedrängt euer Tier nicht, engt es nicht ein, zwingt ihm nicht euren Willen auf, sondern führt es behutsam. Wartet ab, lasst es gewähren, beobachtet es, seid nicht vorschnell in eurer Meinung, in welche Richtung es hoppeln wird, drängt es nicht auf euren Pfad, sondern wartet ab, welche Richtung es nehmen wird. Schreitet aber ein, wenn es euch zu enteilen droht.“
Zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr der Milchkinder hielten die Mütter diese und andere Übungen ab, um zu prüfen, welches Temperament und Gemüt die Knablinge ausgeprägt hatten. Dies war dann unter anderem Grundlage der Entscheidung, wer von ihnen entkeimt und wer zum Zeugungsträger bestimmt werden sollte. Neben der Erziehung in der Stätte der Aufzucht, während derer die Knablinge mit der Milch der Demut und Besonnenheit durchtränkt wurden, war die Entkeimung ein weiteres Mittel, den wilden Kern der Unbedachtsamkeit im Mannling zu brechen und seine Neigung zu unterbinden, seinen Willen gegen alles, was natürlich war, mit Gewalt durchzusetzen. Seit den Zeiten der Großen Verderbnis wussten die Frauen, dass der ungezähmte und ungehemmt sich entfaltende Geist des Mannlings eine Bedrohung für die Klave und die gesamte Schöpfung war. Gestaltungsdrang und Widerstandsgeist von im Knablingsalter entkeimten Mannlingen waren in der Regel sehr zurückgenommen, was auch in ihrer Körperlichkeit zum Ausdruck kam, die sich behäbiger und träger ausnahm, als die ihrer nicht entkeimten Artgenossen. Entkeimte Mannlinge blieben im Grunde große Milchkinder und fügten sich leicht in das Los, schwere körperliche Arbeiten zu verrichten, keine Freiheiten zu besitzen und in allem den Weisungen der Frauen zu folgen. Ein gewisser Anteil der Knablinge aber musste die Keimdrüsen behalten, damit der Fortbestand der Klave gesichert werden konnte. Diese Exemplare galt es sorgfältig auszuwählen, denn die Möglichkeit, dass ein nicht entkeimter Knabling dereinst zum Zeugungsträger gereift der Klave zur Gefahr wurde, musste unter allen Umständen ausgeschlossen werden.
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