„Tales! Komm sofort her! Ich werde keinen Finger krumm tun, um dir dein Zeugnis zu geben!“, zeterte Mrs. Prenton und fuchtelte mit seinem Zeugnis in der Luft herum. Auch das interessierte ihn herzlich wenig. David genauso. Er hatte andere Probleme. Weitaus größere Probleme. Die Direktorin hatte ihn gestern zu einer Unterhaltung in ihr Büro eingeladen, zu der er in weniger als einer Stunde erscheinen musste. Angeblich musste sie dringend mit ihm über sein fehlerhaftes Verhalten reden. Das Seltsame daran war, dass er sich nichts zu Schulden hat kommen lassen. Sein Sozial- und Arbeitsverhalten entsprach den Erwartungen in vollem Umfang – endlich etwas in dem Terry dank seiner Arroganz nicht besser sein konnte – und er war nie sonderlich negativ aufgefallen. Die einzig logische Erklärung war also, dass, wie so oft, seine Mutter dahintersteckte. Sie nutzte die Position ihrer Cousine gerne das ein ums andere Mal aus, um ihren Willen bei David durchzusetzen, da er auf sie nicht mehr hörte, seit er sie beim Fremdgehen mit einem Immobilienmakler auf frischer Tat ertappt hatte. Ihr Verhältnis war noch nie sehr eng oder vertraut gewesen. Beide konnten auch ohne den anderen gut zurechtkommen und konnten lediglich durch ihre Verwandtschaft als echte Familie bezeichnet werden. Müde legte er den Kopf auf seine Arme, die er auf dem Tisch verschränkt hatte. Es war nicht nötig, dass er konzentriert aufpasste, ob sein Name genannt werden würde. „Williams“ stand auf der Klassenliste fast ganz unten. Nur „Young“, ein kleiner, schmaler, schwarzer Junge und „Zimmermann“, ein ursprünglich aus Deutschland stammender, athletischer Junge mit einem gewaltigen Ego, befanden sich noch unter ihm in der Klassenliste. David hatte also noch ausreichend Zeit bis Mrs. Prenton bei ihm ankommen würde, wo sie zudem grade ohnehin noch ihren Monolog darüber hielt, dass sie früh anfangen sollten, anderen gegenüber Respekt zu zollen. Dies bezog sich in diesem Fall besonders auf das Verhalten von Tales, der aufgehört hatte, sich mit Warren zu unterhalten und stattdessen das Mädchen, das vor ihm saß, umgarnte.
Das laute Knistern einer Plastikflasche riss David aus seinen Tagträumen. Es war Lance, der neben ihm einen großen Schluck Saft in sich goss, wobei ein großer Teil auf seinem ohnehin schon nassen T-Shirt landete. Davids Blick schweifte in Richtung der weißen, runden Uhr, die über der dunkelgrünen Klassentür hing und leise, aber dennoch hörbar, tickte. Viertel vor eins. Er hatte es tatsächlich geschafft eine halbe Stunde lang Mrs. Prenton, Tales und den Rest der sich im Raum befindenden Jugendlichen, die ihm alle gewaltig auf die Nerven gingen, auszublenden.
„David Williams“, sagte Mrs. Prenton erschöpft von der Hitze und ihrer Moralpredigt, die sie kurz zuvor hoffnungslos beendet hatte. Er war also grade noch rechtzeitig aus seinen Gedanken gerissen worden. Mit einer schnellen hektischen Bewegung stand er auf, wobei er mit seinen Oberschenkeln gegen die Unterkante des Tisches stieß und für ein leises Kichern bei dem weiblichen Part seiner Sitzreihe sorgte. Ein wenig verlegen zupfte er an seinem dunklen California T-Shirt und kratzte sich am Hinterkopf. Ein kurzes gemurmeltes „Herzlichen Glückwunsch“ und „Vielen Dank“ und schon war das Prozedere vorbei, und er konnte zu seinem Tisch zurückkehren. Wie erwartet. Er war in keinem Fach schlechter als B- und hatte keine negative Bemerkung erhalten. Also kein Grund für ein Gespräch mit der Direktorin. Seine Vermutung, dass in Wirklichkeit sein Verhalten zuhause gemeint war, schien sich zu bestätigen. Kopfschüttelnd setzte er sich hin.
„Und?“, fragte Lance neugierig. Es war sein üblicher Versuch, Anschluss zu finden, denn niemand hatte Interesse daran, sich mit „Ginger Fat“ zu unterhalten geschweige denn anzufreunden. David stöhnte in sich hinein und schob ihm sein Zeugnis rüber. Same procedure as every Year James, dachte er genervt. Ein Satz, den Terry bei seinem Vortrag über ein britisches Theaterstück aus den Zwanzigern des Öfteren erwähnt hatte und die gesamte Situation wohl am besten beschrieb. Um welches Stück es sich handelte, wusste David nicht mehr, es war ihm aber auch egal. Zimmermann ging nach vorne und nahm als Letzter sein Zeugnis entgegen. Mrs. Prenton schnaufte erleichtert und tupfte sich die Stirn ab. Tales machte eine feixende Bemerkung, die David jedoch nicht wirklich verstehen konnte. Henry und Warren wahrscheinlich ebenso wenig, aber trotzdem grunzten sie erneut wie kleine Ferkel. Davids Zeugnis landete wieder auf seinem Tisch, und er verstaute es in seiner Tasche. „Wie schaffst du es jedes Jahr so ein gutes Zeugnis zu haben?“, quiekte Lance und lachte über seine eigene Frage. Verdammt er war wirklich ein absoluter Pflegefall, dachte David sich. Anstatt eine Antwort zu geben, zuckte er nur uninteressiert mit den Schultern, was Lance natürlich sofort kommentieren musste, da selbst das schon mehr Aufmerksamkeit war, als er sonst erhielt.
„Voll krankes Tier“, sagte er lachend. Lance hatte es noch nie mit solchen Ausdrücken gehabt und seine Versuche, sie zu verwenden, scheiterten jedes Mal kläglich und machten seine Erscheinung noch trauriger, als sie ohnehin schon war. So peinlich seine Auftritte auch waren, steckte dahinter nichts anderes als der Wunsch nach Akzeptanz, welche er nirgendwo erhielt. Sein Vater hatte ihn und seine Mutter verlassen, und sie gab ihm auch heute nach zehn Jahren immer noch die Schuld dafür und verweigerte ihm jede Zuneigung. Aber so etwas war in dieser Schule nichts Besonderes. Insgesamt konnte man zurecht behaupten, dass die Schule neben ihrer hohen Quote an jungen Lehrerinnen auch eine hohe Quote an Scheidungs- und Waisenkindern vorzuweisen hatte. Beinahe sechzig Prozent der dort zur Schule gehenden Schüler lebten in einem zerrütteten oder zumindest beschädigten Verhältnis mit ihren Eltern. David war dabei keine Ausnahme. Sein Vater hatte sich, nachdem die Affäre seiner Frau aufgeflogen war, nach Irland abgesetzt, um möglichst großen Abstand zu ihr aufzubauen. Seitdem hatte er nichts mehr von ihm gehört und lebte alleine mit seiner Mutter in Kalifornien. Früher waren sie noch zu dritt, doch kurz nachdem Davids Vater verschwunden war, verschwand auch Bobby, Davids kleiner Bruder. Er war zwei Jahre jünger als David. Eines Tages als David vom Training zurückkehrte, fand er das Haus vollkommen verlassen vor. Seine Mutter war wieder einmal dabei, sich mit ihrem Makler einen vergnüglichen Abend zu machen, doch auch sein kleiner Bruder war nicht da. Von diesem Tag an war das letzte bisschen Vertrautheit zwischen ihm und seiner Mutter zerstört. Sie hätte zuhause sein sollen, wenn David nicht da war, weil Bobby oft zu depressiven Zügen ansetzte, und kurz davor stand, sich etwas anzutun.
Die Schulglocke ertönte. Alle griffen nach ihren Taschen, um endlich diesen Kochtopf zu verlassen und die nächsten Wochen in aller Seelenruhe vor dem Ventilator zu verbringen. Mary machte einen letzten hoffnungslosen Versuch, Terry seinen Notenschnitt zu entlocken, wobei sie ihn mit traurigem, beinahe bettelnden Blick ansah und sich ihre braunen, gewellten Haare aus dem Gesicht strich. Selbstverständlich zeigte auch dieser Versuch keine Wirkung, und sie griff nach ihrer Tasche und zog genervt von dannen.
„Schöne Ferien“, grinste Lance ihn an und offenbarte seine gelblichen Zähne, die – Gott sei Dank – größtenteils von einer Zahnspange überdeckt wurden. Wieder würdigte er ihn keiner Antwort, sondern nickte ihm nur schwach zu.
„Kommen Sie David, ich will auch in die Ferien“, sagte Mrs. Prenton ungeduldig.
„Jawohl Mrs. Prenton, Verzeihung“, antwortete er, während er seinen Rucksack auf seinen Rücken schwang und den Stuhl unter den Tisch schob.
„Schon gut“, murmelte sie und gab ihm mit ihrer faltigen Hand zu verstehen, dass er vor ihr gehen sollte. Vermutlich, um bevor sie den Weg nach Hause antrat, eine ihrer filterlosen Zigaretten zu rauchen, die ihr Mann so verabscheute.
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