Letzteres gab den Ausschlag. Es war immer gut, mehr über seine Gegner zu wissen, und hier bot sich vermutlich ihre einzige Chance.
„Also gut“, nickte sie und wagte ein zaghaftes Lächeln. „Ich gehe mit dir. Verrätst du mir auch deinen Namen?“
Er grinste jetzt breit und zufrieden.
„Javier. Javier Baird. Eine gute Entscheidung. Du wirst es nicht bereuen.“
Das hoffte sie selbst.
Javier Baird führte sie zu seinem Wagen. Karina war beeindruckt. Offenbar hatte ihr neuer Bekannter einen kostspieligen Autogeschmack. Er fuhr einen fetten Porsche, so viel erkannte sie. Mit Autos kannte sie sich nicht aus, aber dass dieses Modell teuer war, konnte selbst sie erkennen.
Er hielt ihr die Beifahrertür auf und schob sich dann elegant hinters Steuer.
„Wo fahren wir hin?“, fragte Karina.
„Erst mal weiter nach Westen. Ich kenne da ein abgelegenes Hotel, wo wir Unterschlupf finden und reden können.“
Das war Karina nur recht. Unterschlupf hörte sich gut an und reden noch besser. Sie brannte darauf, mehr über Wandler und Wölfe zu erfahren. Und über Javier Baird, der so erschreckend normal wirkte. Auch wenn er es wohl nicht war.
Das Hotel war gewöhnungsbedürftig und nicht sehr komfortabel, aber Karina beschwerte sich nicht. Immerhin verlangte er kein Doppelzimmer. Dafür waren die nebeneinanderliegenden Einzelzimmer über eine Tür miteinander verbunden.
Karina überlegte, warum sie das beruhigend fand. In den letzten Jahren hatte sie immer auf sich selbst aufpassen müssen. Die Möglichkeit, dass ihr jemand zu Hilfe eilen konnte, war - erleichternd. Angenehm. Wohltuend.
Sie hockten sich in seinem Zimmer an einem kleinen Tisch nieder und genossen ein reichhaltiges Abendessen, das Javier Baird kurzerhand nach oben bestellt hatte.
Es war seltsam, mit anzusehen, dass er anscheinend den gleichen Appetit in sich trug wie sie.
„Bist du ... bist du wirklich wie ich?“, fragte sie schließlich leise.
Javier stockte beim Essen und sah hoch. Dann nickte er und hob die Hand. Vor ihren Augen formte sie sich zu einer bedrohlichen Klauenhand. Ihr bekannte rote Muster tanzten auf seiner Haut und als sie aufsah, blickte sie in flammendgelbe Augen.
Sie schluckte unwillkürlich. Mehr Beweise waren wohl nicht nötig.
„Aber – was sind Wandler? Warum gibt es sie? Wie sind sie entstanden? Warum – warum bin ich auch so?“
Javier zuckte mit den Schultern.
„Wie wir entstanden sind? Evolution? Genetik? Mutation? Keine Ahnung. Es gibt Wandler jedenfalls schon sehr lange. Und wie du zu deinen Fähigkeiten gekommen bist, welche auch immer das sein mögen ... Nun, das weißt du vermutlich besser als ich. Über die ganze Sache ist striktes Redeverbot verhängt worden. Nur wenige wissen darüber Bescheid. Alles was ich weiß ist, dass man an dir herumexperimentiert hat. Und es geht das Gerücht um, dass du nicht nur Wandlerfähigkeiten in dir trägst, sondern auch Wolfs- und Hexengaben.“
Karina sah ihn entgeistert an.
„Sagtest du gerade Hexengaben? Hexen gibt es auch?“
Er lachte mitleidig.
„Du weißt wirklich nichts. Aber gut, das können wir ja ändern. Hexen gibt es jede Menge, und ehrlich gesagt kann ich dir nur raten, einen großen Bogen um sie zu machen. Diese Weiber sind hochgradig verrückt. Wenn sie der Meinung sind, dass du Hexenfähigkeiten besitzt, werden sie alles daran setzen, dich einzufangen und dazu zu bringen, ihrem Kreis beizutreten. Fügst du dich nicht, bist du tot.“
„Das ...“ Karina schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Aber das ist doch nicht in Ordnung. Man kann doch niemanden dazu zwingen.“
Er lachte trocken auf.
„Man nicht, Hexen schon. In einem Punkt haben sie natürlich recht. Hexen, die unerkannt und unausgebildet durch die Gegend laufen, können durchaus gefährlich sein. Und vor allem könnten sie mit ihrer Magie dazu beitragen, dass Menschen auf sie aufmerksam werden. Und das will niemand von unseren Völkern. Weder Hexen noch Wölfe, Vampire oder Wandler. Wir sind alle daran interessiert, dass Menschen nichts von uns erfahren.“
Das leuchtete Karina sogar ein. Menschen konnten grausam sein, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Und sie neigten nun mal dazu, allem Fremden und Andersartigen mit Misstrauen zu begegnen. Evolutionsmäßig war das vielleicht sinnvoll, aber in einer globalen und multikulturellen Welt wirkte diese Denkungsweise eher archaisch. Trotzdem. Karina konnte sich noch sehr genau an die ablehnenden und furchtsamen Gesichter ihrer Mitgefangenen erinnern. Keiner hatte in ihr das gesehen, was sie eigentlich war: ein Opfer krimineller und unmoralischer Experimente.
Und das, obwohl gerade diese Menschen das gleiche Schicksal durchlitten hatten wie sie.
Nachdenklich blickte sie auf ihre Hand und ließ sie zur Klaue werden. Langsam hob sie diese und gewährte Javier einen Blick darauf.
Karinas Klauen waren deutlich größer und länger als seine.
„Wouh“, murmelte er beeindruckt und in seinen Augen entstand ein faszinierter Glanz.
„Ich kann verstehen, dass Menschen vor mir Angst haben“, sagte sie leise. „Ich bin ein Monster. Sogar andere Monster hatten Angst vor mir. Vielleicht wäre es tatsächlich besser, wenn es mich nicht mehr gäbe. Darüber habe ich schon oft nachgedacht.“
„Und warum sitzt du dann hier?“, fragte Javier ebenso leise.
„Vielleicht weil ich feige bin. Zu feige, mich selbst umzubringen. Aber ehrlich gesagt will ich noch nicht sterben. Ich will einfach nur ein normales Leben führen. Ohne Gewalt und Schmerz.“
Javier legte seine Hand auf ihre Klaue.
„Das verstehe ich, aber sehr viel Hoffnung kann ich dir da nicht machen. Du bist kein Monster . Du bist eine Wandlerin. Und noch dazu eine mit besonderen Fähigkeiten. Ein normales Leben wirst du daher nie haben. Und Gewalt liegt in der Natur unseres Volkes. Einige von uns schaffen es, sich zu kontrollieren, doch die meisten geraten immer wieder in Auseinandersetzungen.“ Er grinste ihr entschuldigend zu. „Umso interessanter finde ich es, dass du dich bisher so gut verborgen halten konntest. Hattest du nie Schwierigkeiten? Von dem letzten Fall mal abgesehen?“
Karina schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte sie leise. „Ich meine, ein paarmal musste ich Männer abwehren, die zudringlich wurden. Aber ich konnte immer entkommen.“
Er wirkte eher ungläubig.
„Du bist nie ausgeflippt? Und hast dich dabei gewandelt?“
„Naja.“ Karina zögerte. „Ich rege mich manchmal schon recht schnell auf. Aber bisher konnte ich mich immer rechtzeitig zurückziehen. Ich weiß ja, dass eine Wandlung in der Öffentlichkeit nicht ratsam ist. Und ich will auf keinen Fall jemandem Angst einjagen oder gar verletzen.“
„Hm.“ Er wirkte nicht überzeugt, bohrte aber nicht nach. „Wie sieht es mit deinen Fähigkeiten aus? Beherrschst du Tarnung?“
„Irgendwie schon – denke ich. Aber ich weiß natürlich nicht, wie weit es überhaupt möglich ist, unsichtbar zu werden.“
Er grinste. „Also mit dem entsprechenden Training wird dich niemand sehen. Wandler natürlich ausgenommen.“
„Also ist es normal, dass ich Wärmebilder wahrnehme?“
Jetzt klappte ihm der Mund auf.
„Wärmebilder? Du siehst im Infrarotbereich? Verdammnis, das ist – neu.“
Karina war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel. Aber viel wichtiger war ihr etwas anderes.
„Hab ich das richtig verstanden, dass Wandler einander sehen können, auch wenn sie sich – äh – tarnen?“
Javier nickte abwesend.
„Ja, wir haben wohl eine spezielle Ausstrahlung, Ausdünstung, was auch immer. Du wirst immer wissen, ob ein Wandler neben dir steht oder nicht. Aber Wärmebilder können wir normalerweise nicht erkennen. Wie sieht es mit deinen anderen Sinnen aus?“
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