Der Blick des Khans der Urben schweifte über die Zelte, die im Norden der Stadt errichtet worden waren. Vor einigen Tagen hatte die Zahl der urbischen Soldaten die Einhundert überschritten. Jeden Tag kamen mehr an, in kleinen Gruppen. Celan hatte Valor Kath als Basis für seinen Plan gewählt. Narthas hatte ihm nach kurzer Überlegung zugestimmt, obwohl er erst Zweifel gehabt hatte. Valor Kath war abgelegen und lebensfeindlich. Viele der Vorräte mussten mit Karren aus anderen Freiherrentümern hergebracht werden. Bis zu der Grenze Tandors war es eine weite Entfernung. Eine starke Festung gab es nicht. Doch all dies waren Faktoren, die Celans Plan beflügelten. Den nächsten Angriff auf Fendron.
Seit einigen Jahren hatte sich ein stabiles Gleichgewicht zwischen Tandor, Fendron und den verbleibenden Kronlanden eingestellt. Doch dieses würde nicht mehr lange bestehen. Allerdings hatte der Waffenstillstand auch wieder Reisende angeregt, Händler, die durch ganz Valorien zogen. Und so auch Neuigkeiten übermittelten, aus den Städten und Dörfern, aber eben auch Militärbewegungen. Wenn Celan eine große Streitmacht aufgestellt hätte, vielleicht sogar direkt an der Grenze seines Reiches, wäre er sofort bemerkt worden. Forgat würde dann wohl seine Truppen sammeln um sich in einer seiner Burgen oder an einer Furt zu verschanzen, auf den Angriff wartend. So wie er es schon bei den bisherigen nicht erfolgreichen Angriffen getan hatte. Also hatte sich Celan für einen anderen Plan entschieden und wie schon so oft in den Kämpfen spielte Narthas dabei eine wichtige Rolle.
Kleine unscheinbare Truppen sammelten sich entlang der gesamten Grenze zu Fendron. Im Norden der einstigen Kronlande, in Auenstein, in Lyth Valor. Doch die größte Streitkraft von Reitern würde sich hier in Valor Kath sammeln, verdeckt vor den Augen des Feindes, der doch nicht in diesen entlegenen Winkel des Reiches blickte. Mit jedem Tag wuchs also die Truppe unter Narthas Befehl und in ein bis zwei Monaten würde der Angriffsbefehl erschallen. Bis dahin galt es ruhig und unscheinbar zu bleiben, die Männer bei Laune zu halten. Dem Freiherrn und den Bewohnern von Nordend waren die Urben als Verstärkung der nördlichen Grenze erklärt worden. Späher hätten Aktivitäten der Nordlande erkannt. Natürlich ein Vorwand. Zum einen hatte Narthas in diese Richtung keine Späher geschickt, zum anderen gab es jenseits der Berge wohl kaum etwas zu sehen.
Mit langsamen Schritten ging er die Palisaden weiter entlang und beobachtete die jungen Urben, die vor der Stadt mit Pferd und Bogen übten. Viele der Älteren hatten befürchtet, dass die junge Generation unter tandorischem Befehl verweichlichen würde. Narthas war anderer Meinung gewesen und sah sich bestätigt. Er führte ausgezeichnete Urben in die Schlacht, die den Geist der Steppe in sich trugen, obwohl sie weit entfernt der alten Heimat groß geworden waren. Sie waren furchtlos, stolz und stark, wie ihre Vorväter. Wie all die Krieger, die er in den letzten Jahrzehnten in die Kämpfe geführt hatte.
„Mein Herr.“, hörte Narthas eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um und erkannte eine der Wachen von Wichart, dem Freiherrn. Er lächelte, amüsiert darüber, wie schwer es den Valoren immer noch fiel, eine Anrede für ihn zu finden. Er war Khan der Urben, ein Titel, den die Valoren nicht einzuordnen wussten. Doch seine Ausstrahlung forderte Respekt und er war bekannt als enger Vertrauter Celans, um nicht wie ein einfacher Mann angesprochen zu werden. So hatte er schon viele Varianten gehört und immer schien sein Gegenüber nervös.
„Ja, mein Junge?“, antwortete er mit hochgezogener Augenbraue.
„Mein Herr, der Freiherr schickt mich Euch zu holen. Es sind Gäste eingetroffen.“
„Gäste?“
„Ja...ja… mein Herr.“, stammelte der Bote, sichtbar unsicher ob der Reaktion des Khan.
„Wer?“
„Seine Gnaden, der Sohn von Herzog Celan.“
„Lumos ist hier in Nordend?“, fragte Narthas ungläubig. Doch der Mann schüttelte den Kopf.
„Nein, mein Herr. Vincent von Tandor.“
Narthas nickte nur. Vincent war besser als Lumos, so viel war klar. Der jüngere Bruder war besonnener und umgänglicher als der Erbe des Herzogtums.
„Gut. Ich komme gleich.“, sagte er und signalisierte dem Mann mit einer Handbewegung zu verschwinden. Noch einmal drehte er sich um und blickte über seine Urben. Der Tag rückte näher, an dem sie das beenden würden, was er vor sechzehn Jahren begonnen hatte. Er erinnerte sich noch wie heute an den Abend nach der Schlacht, in der sie Ismar von Falkenheim geschlagen hatten. Erst an jenem Abend hatte Celan seinen Plan ausgebreitet, und ihn, Forgat und Ulf in seine Gedanken eingeweiht. Der geplante Fall von Eisentor, der die anderen Ritter auseinanderziehen sollte. Die Eroberung Eloraths von Innen. Der Tod von Geron, Heinrich, Arthur und Eleonora, der ja nur teilweise realisiert worden war. Schließlich die Übernahme des Throns durch Celan, dem Erben von Leodegar, dem Bruder des Gründervaters Gilbert. Obwohl sie viele Erfolge gefeiert hatten, war der Plan nicht vollständig aufgegangen. Er selbst hatte seinen Teil erfüllt. Eisentor erobert, die Kargatianer ins Land gelockt, die Burg zurückerobert, um dann den General des Nachbarlandes für seine Zwecke zu gewinnen. Aber der Tod Ulfs war ein Rückschlag gewesen, genau wie die Flucht Arthurs und Gerons und das Erstarken Alois‘. Doch all dies hätte wohl nichts ausgemacht, wenn Forgat von Fendron nicht seine religiöse Eingebung gehabt hätte, die die Machtverhältnisse geändert hatten. Narthas selbst glaubte nicht an jene Trias, wollte aber ihre Existenz auch nicht ausschließen. Wenn die Geister über die Steppen herrschten, konnte es auch andere Wesen geben, die ihre Reiche beanspruchten. Doch deren Einmischung kam zu einem schlechten Zeitpunkt. So hatte sich die ständige Situation des Krieges eingestellt, in der sie nun lebten.
Er seufzte und wendete sich ab. Obwohl er ein Mann des Kampfes war, war es in der Tat höchste Zeit, diesen Zustand zu beenden. Hierfür gab es nur eine langfristige Lösung: der Sieg Tandors. Nun war er gespannt, ob Vincent Nachrichten von seinem Vater brachte, die diesen Plan weiter befeuerten. Dann machte er sich auf und lief die Palisaden hinunter, um auf den kleinen Bergfried zuzusteuern.
„Euer Gnaden, wenn Ihr Euren Besuch früher angekündigt hättet, hätte ich Nordend vorbereitet, um Euch entsprechend willkommen zu heißen. Bitte entschuldigt den Zustand der Stadt und des Hofes.“, sagte Wichart, während er sich tief vor Vincent verbeugte, der gerade aus dem Sattel gestiegen war. Vincent schaute den Mann an, der als Veteran unter seinem Vater in vielen Schlachten gekämpft hatte. Trotzdem war er ein erbärmlicher Speichellecker. Ein Typ von Untertan, von denen Celan von Tandor viel zu viele hatte, zumindest in Vincents Augen.
„Danke, Wichart. Es ist auch nicht nötig. So lange deine Küche mir und meinen Gefährten ein stärkendes Mal und ein kühles Bier servieren kann, bin ich vollkommen zufrieden.“, antwortete Vincent selbstsicher und signalisierte Wichart, sich aufzurichten.
„Sehr wohl, Euer Gnaden. Ich werde Euch natürlich meine Kammer überlassen.“
„Hab Dank auch dafür. Wichart, darf ich dir meinen Gefährten Daron vorstellen. Er ist ein Reisender aus dem Ylonischen Bund, fern im Süden jenseits Kargats, und will unser schönes Tandor kennenlernen. Ich hatte vor, mit ihm morgen an den Valor Kath zu reisen.“
„Es ist mir eine Freude.“, sagte Wichart an Daron gerichtet, allerdings deutlich trockener als die vorher an Vincent gerichteten Worte. Daron antwortete mit einem Nicken.
„Und mir eine Ehre, Wohlgeboren.“
„Dann wollen wir mal eintreten.“, sagte Wichart und wies den Weg in die kleine Halle hinein. Daron folgte Vincent, der sich dem Freiherrn anschloss, als auf einmal eine weitere Stimme von hinter ihnen ertönte.
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