Die Maslowa rauchte schon seit langem, aber in der letzten Zeit ihres Verhältnisses mit dem Kommis, und besonders seitdem er sie verlassen hatte, gewöhnte sie sich immer mehr an das Trinken. Der Wein zog sie nicht nur darum an, weil er ihr schmeckte, sondern noch viel mehr, weil er sie all das Schwere, was sie durchlebt hatte, vergessen machte; er verlieh ihr jene Ungezwungenheit des Auftretens, jene selbstbewußte Sicherheit, die ihr sonst mangelten. Ohne Wein schämte sie sich ihrer selbst und war traurig.
Die Agentin bewirtete zuerst die Tante und machte die Maslowa betrunken. Dann proponierte sie der letzteren, in eine gute Anstalt, die erste der Stadt, einzutreten, indem sie ihr alle Vorzüge einer solchen Lage erklärte. Sie stand jetzt vor der Wahl: entweder die erniedrigende Stellung einer Dienstmagd, die sie sicher den Nachstellungen der Männer aussetzte und zu periodischem, heimlichen Ehebruch verführte, oder eine sorgenlose, ruhige, durch das Gesetz beschirmte Lage und offener, chronischer, vom Gesetze geduldeter, gut bezahlter Ehebruch. Sie wählte das letztere. Da durch glaubte sie sich auch an ihrem Verführer, am Kommis und an allen Menschen, die ihr Böses gethan, zu rächen. Außerdem verführte sie und war für ihren endgültigen Entschluß der Umstand ausschlaggebend, daß, wie die Agentin ihr sagte, sie sich Kleider, soviel und welche sie wollte, bestellen konnte: samtene, seidene, Ballkleider mit bloßem Halse und Armen. Und als sich die Maslowa sich im grellen gelben Seidenkleide mit schwarzem samtenen Besatz vorstellte, decolletiert, da konnte sie der Versuchung nicht mehr wider stehen. Am selben Tage nahm die Agentin eine Droschke und brachte das Mädchen in die berühmte Anstalt der Kitajewa.
Von der Zeit an begann für die Maslowa jenes, in der chronischen Übertretung menschlicher und göttlicher Gesetze bestehende Leben, das hundert und aberhundert Tausende von Frauen, nicht nur unter der Duldung, sondern auch unter dem Schutze der Regierung, die für das Wohl der Bürger zu sorgen hat, führen. Von zehn Frauen bezahlen es neun mit qualvollen Krankheiten, früh zeitiger Altersschwäche und frühzeitigem Tode.
Des Morgens und am Tage ein schwerer Schlummer nach den Orgien der Nacht. Um drei, vier Uhr ein mattes Aufstehen aus dem schmutzigen Bett; dann Selterwasser gegen den Brand, Kaffee trinken, ein müßiges Umherschlendern in den Zimmern im Nachtjäckchen, Peignoir oder Schlafrock, das Hinausgucken zu den Fenstern hinter den Gardinen her vor, lässiges Wortgeplänkel; dann das Waschen, Ein reiben und Parfümieren des Körpers und der Haare,das Anpassen der Kleider und der Streit um dieselben mit der Wirtin; dann das Stehen vor dem Spiegel, das Schminken; dann ein süßes und fettes Essen, das Anziehen einer grellen Seidentoilette; endlich der Eintritt in den geputzten, hellerleuchteten Saal, die Ankunft der Gäste, Musik, Tanz, Süßigkeiten, Wein, Cigaretten. Dann Ehebruch mit Jünglingen und Männern, mit halben Kindern und verfallenen Greisen, mit Junggesellen und Ehemännern, mit Kaufleuten, Kommis, Armeniern, Juden, Tataren, mit Reichen, Armen, Gesunden, Kranken, Betrunkenen, Nüchternen, Rohen und Zärtlichen, mit Militärs, Zivilisten, Studenten, Gymnasiasten — mit Leuten jeden Standes, Alters und Charakters.
Und Geschrei und Späße und Keilereien und Musik, Tabak und Wein, und Wein und Tabak, und Musik vom Abend bis zum Morgengrauen. Und nur am Morgen Erlösung und ein schwerer Schlummer. Und so jeden Tag, die ganze Woche hindurch. Am Ende der Woche aber die Fahrt in ein staatliches Institut, das Polizeibureau, wo im Staatsdienste stehende Beamte, Ärzte, Männer, — zuweilen ernst und streng, zuweilen unter Scherzen und Späßen, die von der Natur, zur Verhütung des Verbrechens, nicht nur dem Menschen, sondern auch den Tieren verliehene Scham vernichtend — diese Frauen untersuchten und ihnen dann das Patent zur Fortsetzung derselben Verbrechen, die sie mit ihren Genossen die Woche über vollführt hatten, erteilten. Und wieder eine eben solche Woche. Und so jeden Tag — im Sommer und im Winter, an Wochen- und an Feiertagen.
So lebte die Maslowa sieben Jahre hindurch. Während dieser Zeit hatte sie zweimal die Anstalt gewechselt und war einmal im Krankenhause gewesen. Im siebenten Jahre ihres Aufenthaltes im öffentlichen Hause und im achten Jahre nach ihrem ersten Fall, als sie sechs und zwanzig zählte, ereignete sich das, wofür man sie ins Gefängnis gesperrt hatte und jetzt, nach sechsmonatlicher Untersuchungshaft in Gesellschaft von Mörderinnen und Diebinnen, vors Gericht brachte.
Um die nämliche Zeit, als die Maslowa, ermüdet vom langen Gehen, mit ihrer Eskorte vor dem Gebäude des Bezirksgerichts anlangte, lag derselbe Neffe ihrer Erzieherinnen, der sie verführt hatte, Fürst Dmitrij Iwanowitsch Nechljudow, noch in seinem hohen, zerwühlten Sprungfederbett. In sauberem holländischen Nachthemd mit feingebügelten Brustfalten, lag er mit aufgeknöpftem Kragen und rauchte eine Cigarette. Unverwandten Auges sah er vor sich hin und dachte darüber nach, was ihm heute bevorstünde und was gestern gewesen war.
Er dachte an den gestrigen Abend, den er bei Kortschagins, reichen und angesehenen Leuten, deren Tochter er nach der Meinung Aller heiraten sollte, verbracht hatte, und seufzte. Er warf die ausgerauchte Cigarette weg und wollte sich aus dem silbernen Etui eine neue holen, bedachte sich aber, streckte seine glatten weißen Füße zum Bett hinunter, und suchte mit ihnen die Pantoffeln auf. Dann warf er sich um die vollen Schultern einen seidenen Schlafrock und ging, mit schnellen, schweren Schritten in das neben dem Schlafgemach gelegene Toilettenzimmer, welches von einem künstlichen Geruch von Elixiren, Eau de Cologne, Vixatoirs und Parfüms durchsogen war. Dort putzte er sich die an vielen Stellen plombierten Zähne mit einem besonderen Pulver, spülte sich den Mund mit einem aromatischen Wasser, begann sich dann von allen Seiten zu waschen und mit verschiedenen Handtüchern abzureiben. Nachdem er sich die Hände mit einer parfümierten Seife gewaschen und die langen Nägel sorgfältig gebürstet, spülte er sich vor einem Marmorbecken das Gesicht und den dicken Hals ab und ging in ein drittes Zimmer, wo eine Dusche bereitet war. Dort übergoß er seinen muskulösen, fettbelegten weißen Körper mit kaltem Wasser und trocknete sich mit einem zottigen Handtuch. Dann zog er sich reine gebügelte Wäsche an, wie ein Spiegel glänzende Schuhe, und setzte sich vor den Toilettentisch, um sich, mit Hilfe zweier Bürsten, den kleinen, krausen schwarzen Bart und das vorne gelichtete, lockige Haupthaar zu glätten.
Alle Toilettengegenstände, die er benutzte, die Wäsche, die Kleider, das Schuhwerk, die Kravatten, Nadeln, Hemdknöpfe waren von der besten, teuersten Qualität, unauffällig, schlicht, dauerhaft und kostbar.
Nachdem er sich aus einem Dutzend Kravatten und Nadeln die ersten besten gewählt hatte — früher einmal war das noch neu gewesen, und hatte ihm Spaß gemacht, während er jetzt kein Interesse mehr dafür hatte — zog Nechljudow die gebürsteten und auf einem Stuhl bereitgelegten Kleider an. Dann trat er, zwar nicht besonders frisch, aber sauber und duftend, in das lange Speisezimmer, dessen Parkettboden gestern von drei Männern gebohnert worden war. Im Speisezimmer stand ein riesiges Eichen-Buffet und ein ebenso kolossaler Ausziehtisch, der mit seinen weit auseinanderstehenden, in Form von Löwentatzen geschnitzten Füßen etwas feierliches an sich hatte. Auf dem, von einem feinen Linnentuch mit gestickten Monogrammen bedeckten Tisch standen: eine silberne Kanne mit duftendem Kaffee, eine ebensolche Zuckerdose, ein Kännchen mit gekochter Sahne und ein Körbchen mit frischen Semmeln, Zwieback und Biskuits. Neben dem Service lagen die eingegangenen Briefe, Zeitungen und das neueste Heft der »Revue des deux Mondes«. Nechljudow wollte eben die Briefe vornehmen, als durch die in den Korridor führende Thür eine volle ältere Frau, in Trauer und mit einem Spitzenaufsatz, der den etwas lichten Scheitel verdeckte, hereinsegelte. Es war Agrafena Petrowna, das Stubenmädchen der seeligen, unlängst in ebendieser Wohnung verstorbenen Mutter Nechljudows, die jetzt beim Sohn die Stelle einer Wirtschafterin versah.
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