Er dachte auch noch daran, daß er ihr Geld geben müsse, und wiederum nicht um ihretwillen, nicht weil sie es brauchte, sondern nur weil es alle so thaten. Er gab ihr denn auch soviel, wie er es seiner und ihrer Stellung entsprechend für an gemessen erachtete.
Nach dem Mittagessen am Tage der Abfahrt erwartete er sie auf dem Flur. Katjuscha errötete und wollte an ihm vorbeigehen, denn die Thür zum Mädchenzimmer war offen, aber er hielt’ sie zurück.
»Ich wollte mich verabschieden . . . « sagte er, das Kouvert mit dem Hundertrubelscheine in der Hand knüllend. »Hier . . . «
Sie erriet seine Absicht, verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf und stieß seine Hand weg.
»Nein, nimm nur . . . « stammelte er und steckte ihr das Kouvert in den Busen. Und gequält und stöhnend als hätte er sich verbrannt, lief er in sein Zimmer.
Dort ging er noch lange auf und ab, krümmte sich, sprang sogar in die Höhe und stöhnte laut. Er empfand jedesmal einen heftigen physischen Schmerz, wenn er an diese Szene erinnert wurde.
Aber was war da zu machen? Es war immer so. So war es mit Schönbock und der Gouvernante gewesen, von der ihm jener erzählte, so war es mit Onkel Grischa, so auch mit seinem eigenen Vater, als er auf dem Lande lebte und ihm jener uneheliche Sohn, Mitenjka, geboren wurde, der noch jetzt existierte. Wenn es aber alle so machten, so mußte es also so sein.
So suchte Nechljudow sich zu trösten. Es gelang ihm aber nicht und die Erinnerung an diese That versengte ihm das Gewissen.
In der Tiefe, in der tiefsten Tiefe seiner Seele wußte er, daß er so niedrig, gemein und grausam gehandelt hatte, daß er im Bewußtsein dieser Schund- that nicht nur nicht jemand anderes, wer es auch sei, verurteilen, sondern einfach niemandem in die Augen sehen konnte. Natürlich konnte er sich auch nicht mehr für jenen edlen und großmütigen, prachtvollen jungen Mann halten, für den er sich bis jetzt gehalten hatte. Er mußte sich aber für einen solchen halten, um rüstig und heiter das Leben verbringen zu können. Nur ein Mittel kannte er dagegen: nicht daran zu denken. Das that er denn auch.
Das neue Leben, in das er eintrat, die neuen Orte, die Kameraden, der Krieg, erleichterten ihm die Ausführung dieser Absicht. Und je mehr er lebte, um so mehr vergaß er auch und vergaß zuletzt wirklich alles.
Nur einmal, als er nach dem Kriege in der Hoffnung, Katjuscha wiederzusehen, die Tanten nochmals besuchte, mußte sein Herz sich von neuem zusammenkrampfen. Er erfuhr, daß Katjuscha nicht mehr da war, daß sie bald nach seiner Abreise weggegangen war, um niederzukommen, daß sie dann auch gebar und hernach, wie die Tanten gehört hatten, ganz verkommen war. Der Zeit nach konnte das Kind, das sie geboren hatte, sein Kind sein, es konnte es aber auch nicht sein. Die Tanten erzählten, daß sie verdorben und ebenso liederlich wie ihre Mutter war. Und dieses Urteil der Tanten war ihm angenehm, denn es schien ihn zu entschuldigen.
Anfangs wollte er noch sie und ihr Kind aufsuchen, aber später, eben weil es ihm in der Tiefe seiner Seele zu wehe that, weil er sich vor sich selbst zu sehr schämte, machte er dazu nicht die nötigen Anstrengungen und vergaß noch gründlicher seine Sünde, an die er zuletzt gar nicht mehr dachte.
Und nun erinnerte ihn dieser wunderbare Zufall an alles und verlangte von ihm das Geständnis seiner Herzlosigkeit, Grausamkeit und Niedertracht, die es ihm möglich gemacht hatten, zehn Jahre lang mit einem, von einer solchen Sünde belasteten Herzen ruhig zu leben.
Jetzt aber war er von einem derartigen Geständnis noch weit entfernt und dachte augenblicklich nur daran, daß nicht alles das offenbar würde und sie oder ihr Verteidiger nicht alles erzählten und ihn so vor der ganzen Welt blamierten.
In einer solchen Gemütsverfassung befand sich Nechljudow, als er aus dem Sitzungssaal in das Zimmer der Geschworenen getreten war. Er saß am Fenster, horchte auf das Gespräch um ihn her und rauchte unaufhörlich.
Der lustige Kaufmann sympathisierte augenscheinlich von ganzem Herzen mit der Art, wie sich der Kaufmann Smeljkow die Zeit vertrieben hatte.
»Na, mein Bester, der hat ’mal ordentlich gelumpt, echt sibirisch. Der war darin Fachmann, so ein Zuckermädel . . . «
Der Obmann äußerte irgend welche Erwägungen, denen zufolge die ganze Sache dem Gutachten der Sachverständigen gemäß beurteilt werden müsse. Pjotr Gerassimowitsch scherzte mit dem jüdischen Kommis und beide lachten. Nechljudow antwortete einsilbig auf die an ihn gerichteten Fragen und wünschte nur eines, daß man ihn in Ruhe ließe.
Als der Gerichtsvollzieher mit dem schiefen Gang die Geschworenen wieder in den Sitzungssaal bat, wurde Nechljudow von einer Furcht befallen, als ob nicht er zu Gericht sitzen, sondern über ihn abgeurteilt werden sollte. In der Tiefe seiner Seele fühlte er bereits, daß er ein Schuft sei, der den Leuten nicht in die Augen sehen dürfte, er betrat aber gewohnheitsgemäß, mit den gewohnten selbst bewußten Allüren das Podium und setzte sich auf seinen Platz neben dem Obmann, das eine Bein über das andere geschlagen, das Pincenez zwischen den Fingern.
Auch die Angeklagten waren inzwischen irgend wohin abgeführt worden und wurden jetzt wieder vorgeführt.
Im Saal sah man neue Gesichter, Zeugen, und Nechljudow bemerkte, wie die Maslowa mehrere Mal, als könnte sie sich nicht satt sehen, auf eine in Samt und Seide geputzte dicke Dame hinblickte, die in einem hohen Hut mit großer Schleife und einem eleganten Ridikül auf dem bis zum Ellbogen entblößten Arm, in der ersten Reihe, gleich vor dem Gitter saß. Das war, wie Nechljudow sofort erriet, eine Zeugin, die Vorsteherin des Hauses, in welchem die Maslowa in ihrer letzten Stellung »gearbeitet« hatte.
Das Zeugenverhör begann. Name, Konfession u.s.w. Nach Befragung der Parteien, ob sie das Verhör mit oder ohne Vereidigung haben wollten, erschien wieder mit demselben mühsamen Gang der alte Geistliche und wieder legte er mit derselben Geste das goldene Kreuz auf der seidenen Brust zurecht und nahm mit derselben Ruhe und Sicherheit den Zeugen und dem Sachverständigen den Eid ab. Nachdem die Vereidigung beendet war, wurden alle Zeugen, mit Ausnahme von Maslowas Wirtin, der Kitajewa, wieder abgeführt. Sie wurde gefragt, was sie von der Sache wisse. Mit einem gemachten Lächeln erzählte sie mit deutschem Accent, indem sie den großen Hut wellenförmig bewegte, folgendes:
Zuerst kam ihr Bekannter, der Korridorbediente Simon zu ihr, um die Ljubascha abzuholen. Nach einiger Zeit kehrte Ljubascha mit dem Kaufmann wieder zurück. Der Kaufmann war bereits in Ekstase, — erzählte die Kitajewa mit einem leichten Lächeln, — und fuhr auch bei uns zu trinken fort. Da ihm aber das Geld bald ausging, so schickte er zu sich ins Hotel jene Ljubascha, zu der er eine »Prédilection« gefaßt hatte, — sagte sie mit einem Blick auf die Angeklagte.
Nechljudow schien es, als hätte die Maslowa dazu gelächelt und dieses Lächeln machte auf ihn einen widerwärtigen Eindruck. Ein eigentümliches Gefühl von Abscheu und Mitleid zugleich stieg in ihm auf.
»Und welche Meinung haben Sie von der Maslowa gehabt?« fragte zaghaft und errötend ihr vom Gericht ernannter Verteidiger, ein junger Aspirant.
»Die allerbeste«, antwortete die Kitajewa in gebrochenem Russisch. »Sie war gebildet und chic. In einer feinen Familie war sie erzogen und konnte Französisch lesen. Sie trank zuweilen ein übriges, vergaß sich aber nie. Ein wirklich braves Mädchen.«
Katjuscha sah auf die Wirtin, wandte dann aber ihren Blick plötzlich auf die Geschworenen und ließ ihn auf Nechljudow ruhen, wobei ihr Gesicht einen ernsten und sogar strengen Ausdruck annahm. Das eine ihrer strengen Augen schielte. Ziemlich lange blieben diese seltsam dreinschauenden Augen auf Nechljudow geheftet. Und trotz des Schreckens, der ihn erfaßte, konnte auch er seinen Blick von diesen schielenden Augen nicht wenden. In seinem Gedächtnis tauchte jene schreckliche Nacht auf mit dem berstenden Eis, dem Nebel und dem ab nehmenden umgekehrten Mond, der gegen Morgen aufging und etwas Schwarzes und Furchtbares beleuchtete. Diese zwei schwarzen Augen, die auf ihn und zugleich an ihm vorbei blickten, erinnerten ihn an dieses Schwarze und Furchtbare.
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