Er vergräbt sich, seine Wut und seine vertagte Lebenslust. Inzwischen hat er sich daran gewöhnt, sein Leben im Konjunktiv zu führen. Ist es überhaupt noch seine Existenz oder nicht schon längst die eines anderen, den er zu beobachten einfach nicht zu unterlassen vermag?
1 I. 3. Fieberträume oder die Agonie des Verstummens
Kierling, Klosterneuburg, Niederösterreich. Die andere Seite des Mondes. Zerstörtes Gewebe, wohin man auch blickt. Süßlicher Geruch des Todes beim Ausatmen. Fortwährender Durst, ins Unerträgliche gesteigert, wenn andere trinken. Ein Glas Wasser vor seinen Augen, unerreichbar von eigener Hand zu trinken und höllische Schmerzen, es Tropfen für Tropfen zu leeren. Es geht alles langsam, rückwärts, sprachlos. „Ich kämpfe, niemand weiß es …ich erfülle meine täglichen Pflichten. ... Natürlich kämpft jeder, aber ich kämpfe mehr als andere. Etwas ist allerdings anders…ich rede vom Freigelassen-sein, es ist nur ein Erklärungsversuch aus Not.“ 17
Max sitzt an einem Ende des Bettes, Dora an dem anderen. Die letzten Zeugen eines unwürdigen Zuckens. Die Lungentuberkulose, der Kehlkopf geschwollen, zum hässlichen Pfeifen und Röcheln verdammt, ein lebendig Begrabener, ein spindeldürrer Verwesender. Max repräsentiert die dem Patienten verschlossene Welt des praktischen Tuns, des Erfolgs und des Glücks, das sich mit beiden Händen packen lässt. Er hat geschafft, wozu Franz nie in der Lage gewesen ist, Heirat und Kinder, das Schreiben läuft wie von selbst neben seinem Beruf her, seine Lesungen weisen kaum Lücken im Publikum auf. Dora, diese kraftvolle Frau, fünfzehn Jahre jünger als der Siechende, die nichts kennt außer den kommenden Sommer und die Liebe zum einfachen Leben, selbst ihn weiß sie noch mit lächelnder Gebärde zu streicheln. Das väterliche Veto, sie sei eine nicht standesgemäße Erscheinung, für ihn ein Donnerschlag, hat sie nicht einmal betrübt. Wenn sie mitleidet, so tut sie es still und nicht vorwurfsvoll, da er sie mittellos zurück lassen wird auf dieser Welt. In vielem gleicht der todkranke Franz dem Hungerkünstler und Mäusesänger aus seinen letzten Erzählungen. Er ist abgemagert, besteht nur noch aus Schatten und Schmerz. Lieber wären ihm die Morphiumspritze und der folgende gläserne Schlaf als das unwürdige Stammeln.
Max bringt die Korrekturfahnen zum „Hungerkünstler“, auch wenn er weiß, die frisch gedruckten Blätter wird ein anderer riechen, so will er sein Werk vollenden. Ein Todgeweihter bittet darum, diese letzte Qual zu lassen. Eine Träne quillt verstohlen, aus seinem scheuen Augenwinkel hervor, als würde sie sich ihrer Geburt schämen. „Wie ich zu essen anfing, senkte sich im Kehlkopf irgendetwas, worauf ich wunderbar frei war.“ 18
Vor dem Gesetz kämpfen alle nur einen Kampf, denn es gibt keinen Selb-ständigen im Krieg mit sich selbst. So steht es auch in der Erzählung vom „Bau der chinesischen Mauer“, die doch die Mauer aller Menschen ist. Was macht uns mehr zu Brüdern als das Bewusstsein von Leid und Schmerz, wenn seltsam sich schmiegen die Lippen an Staunen? Dora schenkt ihrem Verlob- ten ein dem Vergessen abgerungenes Lächeln, das sich an keiner Welle bricht. Ob er sich vor dem Sterben fürchtet, fragt sie mühelos beinahe, es und er antwortet ihr, unterbrochen von rotem Husten, mit einem Satz aus dieser Erzählung: „Den Glauben muss man richtig verteilen zwischen den eignen Worten und den eigenen Überzeugungen.“ 19
Führen Frage und Antwort noch zueinander oder trennen sie nur was im Schweigen noch Vereinigung finden? „Früher be-griff ich nicht, warum ich auf meine Frage keine Antwort be-kam, heute begreife ich nicht, wie ich glauben konnte, fragen zu können…“ 20Dora glaubt, einem Sterbenden dürfe man keinen Wunsch abschlagen, doch dies ist falsch. Man darf ihn nicht länger belügen, das genügt. Max zittert beim Anblick seines schwächlichen Körpers und glaubt doch an Rettung durch ein Wunder. Denn wen Gott liebt, den züchtigt er, aber den vernichtet er nicht. Max glaubt an das unsterbliche Talent hinter der gebrechlichen Fassade, er hat es immer gesagt, der Franz ist unvergleichlich, doch wer schenkt seiner weltgewandten Zunge Ge-hör schenken? Seine Schwellungen am Kehlkopf, Tod durch Ersticken, das ist umso vieles realer als träumerische Poesie. In seinen kalten braunen Augen, in denen noch ein Duft des letzten Herbstes liegt, flüstert er ihm zu: „Es gibt kein Haben, nur … ein nach letztem Atem nach Ersticken verlangendes Sein.“ Gedulde doch noch ein wenig, antwortet der Freund, du wirst wieder gesund, wirst schon sehen, und glücklich. Franz aber lächelt boshaft in sich hinein. Was ihn glücklich macht, besitzt auch die Kraft hat, ihn zu zerbrechen.
1 I. 4. Das Vater - Sohn Verhältnis
Viele der in den Tagebüchern ausführlich niedergeschriebenen Träume beziehen sich auf den allmächtigen Vater. Einer davon handelt vom Versuch des Vaters, aus dem Fenster zu springen und dem des Sohnes, ihn zurückzuhalten. „Aus Bosheit streckt er sich noch weiter hinaus … Ich denke daran, wie gut es wäre, wenn ich meine Füße mit Stricken an irgendetwas Festem anbinden könnte, um nicht vom Vater mitgezogen zu werden. Allerdings müsste ich, um das zu bewerkstelligen, den Vater wenigstens ein Weilchen lang loslassen.“ 21
Dieser Traum ist an Symbolkraft wie die Aussage in der Niederschrift an Eindeutigkeit kaum zu übertreffen: Kafka vermag seinen Vater nicht loszulassen; gerettet will er von ihm ohnehin nicht werden und zugleich fürchtet der Sohn, durch den Vater in einen Abgrund gerissen zu werden. Omnipotenz und Ohnmachtsgefühle wachsen mit jeder leidvollen Erfahrung.
In einem anderen Traum sieht er seinen Vater als Redner, dessen an eine Predigt erinnernder Monolog das Publikum zu überzeugen versucht. Die Rede ist schlecht, die Idee nicht originell, der Durchfall bei den Zuhörern vorprogrammiert, da „er es weder von der Originalität noch der Brauchbarkeit seiner Idee überzeugt hat.“ Am Ende sitzt der Vater allein und auf dem Boden, fühlt sich aber noch immer im Recht. Kafka füllt nur die Lücken im Publikum als ein hilfloser Beobachter in gelähmter Passivität des Leidens.
Die Situation zu Hause bleibt stets angespannt, die Mutter schweigt, der Vater ist laut, grob, autoritär und gibt seinem Erstgeborenen zu verstehen, dass er mehr Entschlossenheit und Männlichkeit von ihm erwartet. Er argumentiert mit Sätzen aus der Tori, gegen die sich der Sohn nicht wehren darf und mit seiner entbehrungsreichen Zeit, gegen die er sich nicht wehren kann. Von klein auf sieht sich der Sohn mit Schuldgefühlen bela-den, da er es nicht nur besser haben soll, sondern auch muss, um das bitterste Los auf Erden ist zwischen ihnen entbrannt, ein Duell, das der Sohn nicht gewinnen kann, weil er nur Anwalt, der Vater aber der Richter ist.
Zunehmend gewinnt die Monotonie an Raum. „Trostloser Abend heute in der Familie … Vor Langeweile dreimal im Badezimmer hintereinander mir die Hände gewaschen.“ 22Besonders nach den Zerwürfnissen träumt Kafka schlecht und schreibt am folgenden Tag nichts. Er hasst die peinlich bürokratische Sorgfalt an sich selbst, die ihn zu sehr an den Vater erinnert, die väterlich „abergläubischen Vorsichtmaßregeln“, doch er ist seines Blutes. Kafkas Selbstaussagen zufolge fürchtet er sich vor dem Vater, besonders „wenn er vom Letzten, von Ultimo sprach.“ Sein Leben erscheint ihm abgezirkelt, zweck- und bedeutungslos, aufgegangen in Zwang und Ritual, manchmal Hass. „Ich habe geradezu mich in Haß gegen meinen Vater geschrieben.“ 23Er träumt von einem Windhund - Esel, der aus-sieht wie der Vater, nur etwas kleiner. Im Fremden spiegelt sich die Erweckung des höheren Selbst. Vielleicht ist der Vater dazu da, ihn anzutreiben, ein besserer Mensch zu werden.
Hermann Kafka bringt eine traurige Geschichte mit in die Familie: den Selbstmord seiner Mutter, die sich in der Elbe er-tränkt, weil sie über den Tod ihres Mannes nicht hinwegkommt und glaubt, des Überlebens schuldig zu sein. Das Gefühl, kein Recht auf Leben zu haben, überträgt sich auf Enkel Franz. Er leidet unter der Minderwertigkeit, von schweren Gewichten behangen unterzugehen, ist ihm nicht fremd.
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