In jedem Stockwerk der Gebäude hier gab es drei Türen, meine Wohnung war die mittlere Tür im Erdgeschoss des rechten Hauses. Es sah alles ziemlich alt aus und wie in großer Eile zusammengesetzt, irgendwie, lieb- und trostlos. Im Vergleich zu den Hochhäusern, in dessen Schatten sie standen, wirkten sie eher wie temporär aufgestellte Bauten, um Fremdarbeiter unterzubringen.
Den Schlüssel fand ich dort, wo meine Gastgeberin ihn hinterlassen hatte. Unter der Fußmatte – der Klassiker.
Drinnen lief die Klimaanlage auf Hochtouren. Ich wurde von einer Kälte empfangen, die jener in Österreich zu dieser Jahreszeit glich und musste sofort niesen. Die Flaschen klirrten in der Tüte, der Idiot war immer noch nicht weggefahren. Eine gemütliche Couch, ein Fernsehgerät und ein kleiner Schreibtisch, auf dem eine Orchidee stand, möblierten den ersten Raum. Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel auf dem liebevoll eine Palme und eine Sonne gemalt waren.
„Willkommen! Miami freut sich auf dich, so auch ich. Ich werde in der Sweet Virginia Bar zu finden sein. Schau doch vorbei, wenn du nicht zu müde bist.”
Der Brief war von Maria unterschrieben. Ich rief sofort die Bilder von unserer ersten und einzigen Begegnung auf. Es geschah am Flughafen in Moskau. Sie sprach mich an und wir stellten fest, dass wir beide in die gleiche Richtung flogen. Danach saßen wir die zehn Stunden, die der anschließende Flug dauerte, nebeneinander und verstanden uns so gut, dass wir am Ende die Kontaktdaten tauschten. Vielleicht verirrst du dich ja irgendwann in den Sunshine State hatte sie damals gesagt. Ich rechnete damals nicht damit, da sie mir nichts davon verraten hatte, dass sich hier keiner um einen scheren würde, doch hier war ich nun, drei Jahre später.
Mir fröstelte es schon, also legte ich mein Gepäck ab und nahm einen großen Schluck aus der Rumflasche. Dann sah ich mir die Klimaanlage an, fand aber keinen Schalter oder Drehknopf, also trank ich noch zwei weitere Schlucke. Angeheitert begab ich mich schließlich unter die Dusche.
Das Sweet Virginia befand sich direkt im ersten Hochhaus, eine Schwebebahn fuhr daran vorbei, ein vietnamesisches oder thailändisches Restaurant war der Nachbar. Sweet Virgina - the number one Karaoke Bar schrie mir von einem Plakat entgegen - mir schwante Böses. Unterwegs meinte ich den Idioten in seinem Wagen gesehen zu haben, doch ich war mir nicht sicher und die Wahrscheinlichkeit, dass mein übermüdetes und schon sehr angeheitertes Gehirn mir Possen spielte, war doch sehr hoch. Die Straßen waren gesäumt von gelben Taxis.
Beim Eintreten in die Bar verfärbte sich der Himmel gerade in schönen Orangetönen und ich überlegte, ob es nicht angebrachter wäre, irgendwo zum Meer zu laufen und meinen ersten Tag in Florida mit einem Sonnenuntergang zu besiegeln. Doch der Alkohol in mir fühlte den Alkohol, den es in der Bar gab und erstickte diese Bedenken unverzüglich.
Drinnen war es dunkel, zwei schummerige Lichter an jedem Ende der Bar und eine Wand, die von einem Projektor angestrahlt wurde, waren die einzigen Lichtquellen. Trotz der frühen Stunde war bereits eine Gruppe, bestehend aus vier dunkelhäutigen Mädchen, die alle einen kräftigen, um nicht zu sagen dicken, Körperbau hatten, anwesend. Unter ihnen befand sich zudem eine Asiatin, die klein und schmal war, eine Hellhäutige, deren Körper irgendwo zwischen diesen zwei Extremen einzuordnen ist, und ein Junge, der aber offensichtlich lieber ein Mädchen gewesen wäre. Die Gruppe besetzte einen Tisch nahe am DJ Pult. Direkt mittig an der Bar saß ein Mann. Egal auf welcher Seite der Bar ich mich setzen würde, die Entfernung zu ihm bliebe dieselbe. Er will sicher reden , war mein erster Gedanke.
Maria erblickte mich und rannte sofort auf mich zu.
„Da bist du ja.”, sprach sie das Offensichtliche mit Begeisterung aus. Tatsächlich, ich war dort, wurde mir sofort bewusst. Ich umarmte sie, so wie es sich gehörte und bemühte mich um eine passend geistreiche Erwiderung.
„Ja, da bin ich.”
„Schön, dass du endlich da bist.”, befand sie. Ich hatte dazu noch gemischte Gefühle.
„Ja, schön dich zu sehen.”
„Es ist lange her.” Auch diese Meldung ihrerseits konnte man als richtig werten. Drei Jahre können mitunter eine sehr lange Zeit sein. Es sind immerhin stolze vierzehn Monate mehr als die Schwangerschaft bei afrikanischen Buschelefanten dauert. Und auch wenn es nur ein Zehntel der Dauer des Dreißigjährigen Krieges ist, so kann man sie doch getrost als lange Zeit bezeichnen.
„Ja, so ist es, drei Jahre.”, ich versuchte mit Zahlen zu imponieren, denn sobald wir uns aus der Umarmung lösten und ich sie, vor allem aber ihr freudig lachendes Gesicht, ansah, erinnerte ich mich wieder an ein Detail, welches irgendwie in den Hintergrund gerutscht war - sie sah unglaublich gut aus!
„Fast auf den Tag genau drei Jahre, ich glaube nächste Woche irgendwann müsste sich unser Dreijähriges erfüllen.”
Mist, sie hatte die Zahlen besser im Kopf, ihr strahlendes Lachen half mir ruhig zu bleiben, am Ende war es also doch kein Wettkampf um richtige Zeitberechnungen.
„Wie war dein Flug?” Mit dieser Frage bewies sie endgültig, dass für sie die paar Tage, um die sich meine Berechnungen irrten, keine Rolle spielten.
„Ach, wir sind schlussendlich gelandet, damit hat die Fluggesellschaft ihre Pflicht erfüllt.”
„Luczizcki, ich habe mich schon so auf dich und deine Art gefreut, ich habe schon all meinen Nachbarinnen von dir erzählt, und zugegeben, auch etwas geschwärmt, eigentlich fasse ich es immer noch nicht, dass du wirklich hier bist.”
Dabei hatten wir schon am Anfang unserer Unterhaltung einstimmig beschlossen, dass ich dort war. Ich konnte mir echt keinen Grund mehr vorstellen, wieso sie meine Anwesenheit anzweifeln sollte.
„Was möchtest du trinken? Ich muss wieder hinter die Bar, du wirst sehen, innerhalb kürzester Zeit wird es hier gerammelt voll sein.”
„Na wunderbar.” - Ich meinte es ganz und gar nicht so.
Wie um ihre schaurige Ankündigung noch zu unterstreichen, kam Bewegung in die Gruppe, die bis dahin nur um den Tisch gestanden und sich verhalten unterhalten hatte.
„Fabunni, Fabunni, Fabunni.”, begannen sie alle im Chor, von Klatschen begleitet, zu skandieren.
Fabunni zierte sich nur kurz und nur für den Anschein, dann schritt sie entschieden auf das Pult zu und griff mit ihrer dicken Hand nach dem Mikro. Sie flüsterte dem Kerl, der am Pult stand, etwas zu, worauf dieser nickte. Die Projektion an der Wand wechselte und drei Punkte erschienen auf einem grünen Hintergrund. Die Musik setzte ein und wurde auf die wütenden Handzeichen Fabunni´s hin lauter gedreht. Dann erschienen die Worte auf die Wand und die Stimme Fabunni´s, die sich vorgenommen zu haben schien, das Hochhaus, in dem wir uns befanden, in seinen Grundfesten zu erschüttern, setzte ein. Ihre Clique fand es gut, sie tanzten und ermutigten sie. „Yes babe. Show them babe! You got it!” Der Junge saß auf einem Barhocker, klatschte unaufhaltsam in die Hände und setze ein Gesicht auf, als ob ihm jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet hatte. Dieser ganze Zirkus kulminierte im Refrain des Liedes, in dem uns Fabunni glatt belog.
“Don´t be fool by the rocks that I´ve got, I´m still, I´m still Jenny from the block!” plärrte sie schamlos und überforderte die armen Boxen. Mein ohnehin schon vom langen Flug und der Zeitverschiebung geplagtes und vollkommen trübes Gehirnwasser, hielt mich davon ab, Fabunni, lass den Scheiß! zu schreien . Ich schien ohnehin der einzige zu sein, dem das Dargebotene plagte. Sogar Maria, die hinter der Bar stand, klatschte hemmungslos im Takt und sang abschnittsweise sogar lautstark mit.
Nun, ihr würde ich die Sache mit Jenny from the block auch eher abkaufen. Ihre kubanischen Wurzeln schienen sie mit all den Vorzügen, die eine Latina auszeichnet, gesegnet zu haben. Ihr fehlte nur die Größe Jennys. Doch Fabunni... lassen wir das, denn ich bin mir der Gefahr bewusst, in die man geraten kann, wenn man anfängt sich über Äußerlichkeiten anderer auszulassen - sie war aber ein richtig großes Exemplar Mensch.
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