Obwohl ihr momentan der Kopf rauchte, wunderte sie sich langsam, wo eigentlich Rupert blieb? Da klingelte auch schon das Telefon. Einer seiner Kongresskollegen war ihm beim Ausparken versehentlich ins Auto gefahren. Rupert war gottseidank nichts passiert. Aber das Abschleppen dauere und ein Ersatzfahrzeug bekomme er nicht vor morgen. Also müsse er noch eine Nacht bleiben und käme dann im Laufe des Tages.
Traurig musste sich Lotti eingestehen, dass ihr das jetzt im Moment gerade recht kam.
Lotti erzählte ihm natürlich nichts von ihrem Verdacht. Sie wollte erst Gewissheit haben. Nach einer unruhigen Nacht in der sie im Traum ständig Kinder einfangen musste, wachte sie gerädert auf. Sie rief ihre Chefin an und meldete sich krank. Am Vormittag fuhr sie mit Emily zur Frauenärztin. Ihre Schwägerin bohrte um Antworten und sah sie merkwürdig an. Lotti wollte aber noch nichts von ihrem Verdacht sagen. Schon im Wartezimmer knabberte sie nervös an den Fingernägeln. Ein schneller Test und eine anschließender Ultraschalluntersuchung brachte das Ergebnis auf den Tisch. Sie war im dritten Monat schwanger.
Lotti klappte der Kiefer runter. Emily bekam einen ganz roten Kopf vor Aufregung und sagte ganz spontan: „Ich habe nie geglaubt das bei Rupert etwas nicht stimmt. Das hatte Gloria ihm nur weismachen wollen! Ein Kind hätte doch ihre Figur ruiniert!“ Mit einem Ultraschallbild bewaffnet verließ Lotti die Praxis. Bei Emily war ebenfalls alles in Ordnung. Während deren Untersuchung hielt Lotti den kleinen Robin auf dem Arm. Er legte vertrauensvoll die kleinen Arme um die Tante. Die beiden größeren Jungs waren in Schule und Kindergarten. Emily war ebenfalls im dritten Monat, nur schon zwei Wochen weiter. Lotti war geschockt und konnte gar nicht mehr denken. Sie fühlte sich wie in Watte gepackt, eigentlich wie ein Zombie.
Emily plapperte ohne Luft zu holen. Wie schön das doch wäre, wie sehr sich Rupert freuen würde, auch Hazel und Andrew. Die Kinder können super zusammen aufwachsen. Emily war happy, Lotti konnte es sogar verstehen. Wenn nur die Umstände anders gewesen wären, zB Lotti 10 oder 20 Jahre jünger. Andrew war ebenfalls Anfang 40. Lotti holte tief Luft und verdonnerte Emily streng zu absolutem Stillschweigen. Diese guckte etwas verschüchtert versprach es dann aber.
Lotti musste unbedingt mit jemandem reden und zwar nicht mit Rupert. Sie fuhr auf dem Heimweg beim Supermarkt vorbei und kaufte Hundefutter und zwei Säcke Möhren. Freddy sprach sie auf den Anrufbeantworter, dass er sich bitte dringend ein paar Tage um ihre Tiere kümmern muss. Lotti packte eine Tasche mit etwas Bekleidung und fuhr zum Bahnhof. Mit dem Zug ging es zum Flughafen. Dort nahm sie den nächsten Flug nach Köln/Bonn. Die Anreise bekam sie eigentlich nicht richtig mit. Sie funktionierte wie ein ferngesteuerter Roboter. Ob ein Er oder eine Sie neben ihr im Flugzeug saß, hätte sie nicht mehr sagen können. Sie leistete sich den Luxus mit dem Taxi zu Katja zu fahren. Zwei Straßen weiter befand sich eine kleine Pension, in der Lotti früher selbst schon mal Besuch untergebracht hatte. Gottseidank war dort ein Zimmer frei.
Sie warf ihre Tasche aufs Bett und marschierte dann das kurze Stück Fußweg zu Katja. Weil niemand die Türe öffnete, setzte sie sich eben auf die Stufen vor der Haustüre und wartete. Sie hatte Katja nicht angerufen, sie brauchte den direkten Kontakt für so eine Katastrophe. Endlich kamen alle Drei mit dem Auto angefahren. Es war wohl ein Info-Abend von einer weiterführenden Schule für den Sohn gewesen. Katja machte große Augen, Rainer schnappte sich seinen Sohn und überlies die beiden Mädels sich selbst. Lotti hatte ein Déjà-vu als sie wieder mit Katja und einer Flasche Wein, wie vor gut einem Jahr, im Wohnzimmer saß. Sie zeigte ihr das Ultraschallbild. Katja war sprachlos. „Ja aber!“ kam von ihr und dann lange Zeit nichts. „Ich will das nicht“ sagte Lotti. „Ich bin zu alt, Andrew ist zu alt, ich will meine Freiheit behalten und ich habe schon Kinder großgezogen. Soll das jetzt alles wieder von vorne anfangen?“ Lotti weinte: „Mit dem Baby eingesperrt sein, Elternabende, Krabbelgruppen, Krankheiten, durchwachte Nächte, meine Figur, kaum Sex, Finanzsorgen, Streit mit Lehrern, Vokabeln abhören, usw“.
Katja hörte geduldig zu und fragte: „Wieso bist Du eigentlich schwanger?“ „Weil Rupert mir erzählt hatte, das Gloria nicht schwanger wurde, beim Arzt war und Rupert schuld ist“, schniefte Lotti. „Daher konnte ich mir die Pille ja schenken! Toll Rupert, super Idee!“ heulte sie, inzwischen wütend auf Rupert. „Ich bin so blöd! Wie kann ich ihm sowas nur glauben!“ Katja fragte vorsichtig: „Was sagt eigentlich Rupert dazu?“ „Der weiss ja noch nichts!“ kam von Lotti die Antwort. Sie erzählte ihrer alten Freundin vom Kongress und dem Unfall, von den Erdbeeren und Emilys Frauenärztin. Ebenfalls erzählte sie vom Gedanken an Abtreibung. Es war ein langer Abend.
Rupert kam am Freitagnachmittag endlich vom Kongress mit einem Leihauto nach Hause. Er versuchte Lotti schon seit zwei Stunden per Handy zu erreichen. Sie ging einfach nicht dran. Zuhause war sie nicht und das Auto war ebenfalls nicht da. Er rief direkt im Schreibwarenladen an und erfuhr zu seiner Überraschung, dass Lotti sich krankgemeldet hatte. Während er vor sich hin grübelte, kam Freddy um sich um die Tiere zu kümmern und wunderte sich, dass Rupert da war. Er ließ Rupert die Nachricht vom Anrufbeantworter auf seinem Handy abhören, um seine Anwesenheit zu erklären. Freddy hatte das Gefühl, dass Rupert immer etwas eifersüchtig und misstrauisch auf das besondere Verhältnis von seiner Frau und ihm war.
Beide Männer waren sich einig, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Rupert suchte sich die Nummer von Sabine in London raus und stellte fest, dass sie keine Ahnung hatte. Dann rief er seine Mutter an und fragte sie dasselbe. Sie wusste nicht wo Lotti war, allerdings wusste sie, dass Lotti mit Emily zur Frauenärztin gegangen war. Rupert fackelte nicht lange und fuhr mit dem Auto bei seiner Schwester vorbei und stellte sie zur Rede. Emily wollte erst nichts sagen, aber Rupert wurde schrecklich wütend. Also erzählte sie ihm, was sie wusste. Allerdings hatte auch sie keine Ahnung wo Lotti jetzt war.
„Sie ist schwanger?“ Rupert bekam weiche Knie. „Von mir?“ „Na, von Freddy bestimmt nicht!“ kam es etwas bissig von Emily. „Aber wie kann das denn sein? Gloria war doch beim Arzt?“ „Entweder Wunderheilung oder du kapierst endlich das dich das Miststück von vorne bis hinten angelogen hat.“ kam es wütend von Emily zurück. „Du weißt schon, dass Lotti von der Schwangerschaft nicht begeistert ist!“ fuhr ihn seine Schwester ruppig an. „Sieh zu, dass Du sie findest, bevor sie eine Dummheit macht.“ Mit diesen Worten seiner Schwester im Ohr machte sich Rupert schnell auf den Weg, um Lotti zu suchen. Er rief Freddy auf dem Handy an und dieser fuhr in Cheltenham umher. Langsam wurde es dunkel und Rupert fuhr mit dem Auto in Tewkesbury umher und suchte verzweifelt. Endlich entdeckte er ihr Auto auf dem Parkplatz am Bahnhof. „Wo wollte sie denn mit der Bahn hin?“ fragte sich Rupert irritiert. „Natürlich nach Deutschland!“ kam ihm bald die logische Erklärung. Lotti traute sich immer noch nicht den Londoner Verkehr und das Chaos am Flughafen zu. Er rief Lottis Kinder an und fragte nach ihrer Mutter. Verwundert erklärten sie ihm, dass sie keine Ahnung hatten, dass sie kommen wollte. Er fragte nach Katjas Adresse und schrieb sie auf die Rückseite eines Kuverts. Die Telefonnummer kannte Julia auch nicht. Über die Auskunft bekam er sie dann doch noch. Als Rupert bei Katja anrief, konnte er in ihrer Stimme keine Überraschung hören. Bingo, nun wusste er wo seine Geliebte war. Aber Lotti wollte nicht mit ihm reden. Er versprach Katja am nächsten Morgen zum Frühstück da zu sein. Rupert fuhr nach Hause, packte eine Tasche und erkundigte sich nach einem sehr frühen Flug, den er auch gleich buchte. Er gab noch seinen Eltern und Freddy über die Neuigkeiten Bescheid.
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