Spezialtechniken zur Figurenerschaffung
Figuren müssen Sie so anlegen, dass sie beim Leser eine Gefühlsreaktion hervorrufen. Verwenden Sie dazu die nachstehenden Techniken der Figurenbeschreibung, vertiefen Sie diese durch Details, und es entsteht nach und nach ein Held, den wir am Ende in- und auswendig kennen wie unseren Bruder, unsere Schwester oder unseren besten Freund. Sie kreieren einen ›Extremtypus‹. Figuren mit extrem ausgeprägten Eigenschaften sind die wirklich interessanten Helden.
Meister-Technik 1: Motivation – Ziel, Wunsch, Absicht
Alles, was eine Figur im Verlauf Ihrer Geschichte tut, dient nur einem einzigen, ganz bestimmten Zweck: ein festgelegtes Ziel zu erreichen. Jeder Held einer Geschichte ist von einer grundlegenden Absicht angetrieben. Er will sich einen sehnlichen Wunsch aus einem ganz bestimmten Grund heraus (= Motivation) um jeden Preis erfüllen. Er muss das Ziel, den Zweck seines Handelns, den Sie ihm als Autor in die Wiege gelegt haben, unter allen Umständen erreichen. Es ist die Motivation , die Ihre Figuren zum Handeln treibt. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Held einen starken Antrieb hat, dass ihn ein einschneidendes Ereignis dazu zwingt, ein starkes Ziel um alles in der Welt erreichen zu müssen.
Derek Foster muss unter allen Umständen dafür sorgen, dass das Versuchsprotokoll ›Biomat 79‹ nicht in die Hände von Ken Kowalski fällt, sonst ist Derek tot und die uns vertraute Weltordnung könnte schnell Geschichte sein.
Ihr Held kann eine unglaubliche Vielzahl von Zielen verfolgen: Er möchte einen Menschen ermorden. Er will einen Raubüberfall aufklären und den Täter hinter Gitter bringen. Er möchte die Liebe einer beeindruckenden Frau gewinnen. Er möchte die Sklaverei beenden. Er will eine Zeitreise machen. Er will Weltmeister im Box-Schwergewicht werden. Er muss ein Attentat auf den Präsidenten verhindern. Er soll ein Gegenmittel für ein tödliches Virus finden. Es gilt, einen Schatz zu finden.
Als Schriftsteller müssen Sie die Fähigkeit entwickeln, die ›reale‹ Welt hinter sich zu lassen. Scheuen Sie sich nicht davor, Ziele zu entwickeln, die Sie selbst innerlich verabscheuen. Vielleicht will ein Priester nichts sehnlicher als kleine Mädchen vergewaltigen, sie zerstückeln und am Friedhof vergraben. Möglicherweise verdient sich ein Kinderarzt seine Villen und Segeljachten damit, dass er Kindern bei Operationen Nieren entnimmt und die Organe der Mafia verkauft.
Wenn es um das Erfinden von Zielen geht, sind Ihrer Fantasie wirklich keine Grenzen gesetzt. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass Ihre Helden die Ziele aus einem starken, bestimmten Grund heraus, einer glaubwürdigen Motivation folgend, erreichen müssen. Der vorhin genannte Kinderarzt erscheint uns als Psychopath, als jemand, dem sofort das schmutzige Handwerk gelegt werden muss. Natürlich werden wir nicht zu seinem Freund, aber wenn wir wissen, dass er die Organe deshalb verkauft, weil seine eigene Tochter im Alter von fünf Jahren mangels einer Spenderniere verstorben ist, dann verändert dieses Motiv doch unseren Blickwinkel für die Figur. Ziele und Motive sind sehr eng miteinander verknüpft.
Das Ziel charakterisiert eine Person auf einen Schlag: der Mörder, der gute Cop, der Psychopath, der liebende Vater, der tollkühne Draufgänger, der listige Anwalt, der schrullige Detektiv, der ungeschickte Tölpel. Indem Sie Ihrer Figur ein Ziel geben, das sie aus einer starken Motivation heraus erreichen muss, erwecken Sie eine Romanfigur zum Leben.
Ich schlage Ihnen eine hilfreiche Übung vor: Fragen Sie Menschen im Gespräch immer dann, wenn sie Ihnen von einem Vorhaben, ihrem Wunsch, einem Ziel oder einer Absicht berichten, warum sie das tun wollen. Auf diese Weise entwickeln Sie ein feines Gespür für die Zusammenhänge von Zielen und Motiven, und Sie werden erkennen, wie stark ein Motiv sein muss, um einen Menschen zum Handeln anzutreiben. Achten Sie darauf, wo die Toleranzschwelle liegt, ab der eine Person sagt: ›Jetzt reicht es!‹, ›Ab hier reagiere ich.‹, ›Das lass ich nicht länger auf mir sitzen.‹, ›Das geht zu weit.‹ Zu Beginn Ihrer Geschichte sollte irgendetwas Ihren Helden motivieren, sein Ziel zu verfolgen. Jede Figur besitzt einen sogenannten Handlungsbogen :
1: Der Held erhält einen Beweggrund, ein Motiv, sein Ziel zu formulieren (der Familienvater schwört dem Mörder seiner Frau und Kinder Rache).
2: Der Held definiert aufgrund seines Motivs sein Ziel (Chester hat im Kasino Millionen verloren, er überfällt eine Bank, um nicht am Hungertuch nagen zu müssen).
3: Der Held handelt, um sein Ziel zu erreichen (Rocky Balboa trainiert wie besessen, um nach fünfzehn Runden im Ring noch auf den Beinen zu stehen).
4: Durch sein Handeln kommt es zum Konflikt mit dem Gegenspieler (der Mord ruft den Detektiv auf den Plan, um das Verbrechen aufzuklären).
Achten Sie darauf, dass keines dieser Kettenglieder fehlt, ansonsten ist sich der Leser unklar darüber, mit wem er sich verbünden soll und ob sich das überhaupt lohnt. Das Handeln verliert dann die Zielrichtung. Wenn der Leser nicht eindeutig weiß, warum Ihr Held tut, was er tut, dann verliert er schnell das Interesse an der Geschichte. Motivation ist das Dynamit, das Ihre Geschichte zu Beginn durch eine ›Explosion‹ in Fahrt bringt, den Held zum Handeln zwingt.
Sie können Motivation körperlich zum Ausdruck bringen (der Mord zwingt den Detektiv zur Aufklärung), im Dialog (eine Beleidigung oder die Mitteilung, dass jemand ermordet wurde) oder durch eine Situation zeigen (jemand liest die Stellenangebote in der Zeitung, während ihm der Postbote die nächste offene Rechnung ins Haus bringt).
Sehen wir uns ein Beispiel an:
Heute ist die Jacht explodiert.
Zum Glück waren wir gerade an Land und haben ein Picknick gemacht, sonst wären wir wohl alle mit in die Luft geflogen. So hat es nur Prinz Wesley erwischt.
Eigentlich war er überhaupt kein Prinz, sondern ein Riesenarschloch. Entschuldigung, ich weiß ja, dass man über Tote nichts Schlechtes sagen soll, aber er ist mir nun mal fürchterlich auf den Sack gegangen. …
… Ach ja: Ich habe vor, alles, was nach unserem Schiffbruch passiert, genauestens aufzuschreiben und es später als Basis für einen ›wahren‹ Abenteuerroman zu verwenden. So betrachtet wäre es natürlich von Vorteil, wenn wir nicht allzu schnell gerettet würden. Nur wenn wir länger hier auf der Insel bleiben, besteht die Hoffnung, dass sich ein paar dramatische Szenen abspielen. Eigentlich habe ich mein Notizbuch ja nur deshalb mit an Land gebracht, um an einer Kurzgeschichte zu arbeiten. Ich will nämlich gerne den Schreibwettbewerb auf dem College gewinnen. Daran sieht man, was für ein Optimist ich doch bin! Wer weiß, ob wir jemals wieder von dieser Insel kommen. …
Insider-Tipp: Sie sollten Motivation immer zeigen, nie erklären oder nur plump mitteilen und aussprechen. Am besten eignen sich körperliche Handlungen, um einen Helden zum Handeln zu zwingen. Eine Flucht zwingt zur Verfolgung, eine Schandtat zwingt zur Rache. Verzichten Sie hingegen auf Rückblenden, um die Motivation zu zeigen, das stoppt in den meisten Fällen die Handlung, weil der Leser dann das Motiv, den Handlungsgrund, nicht in der Gegenwart sucht, sondern in der Vergangenheit. Die Motivation Ihres Helden sollte nach Möglichkeit dem Jetzt entspringen. Wie machen Sie das? Ganz einfach: Bringen Sie Ihren Helden zu Beginn der Geschichte gleich in eine bedrängende Notlage, in eine üble Krisensituation. In solchen Momenten sind Menschen besonders offen und bereit, Dinge zu tun, die sie sonst vielleicht niemals tun würden. Und schon nimmt die Geschichte ihren Lauf.
Auch dafür ein Beispiel:
… Der muskelbepackte Gorilla schob die .38er über den Tisch. »Das Ding reißt ganz schöne Löcher in einen Brustkorb.«
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