Sean Schnipowitz - Beim ersten Jucken

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Beim ersten Jucken: краткое содержание, описание и аннотация

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'Beim ersten Jucken' handelt von der Geschichte eines erzählenden Muttermals, welches ungeschützt auf der Stirn Gorbatschows zur Welt kommt und sogleich die harten Seiten des Lebens kennenlernt, indem es vom dort ansässigen Feuermal vertrieben wird und dabei das Ende des kalten Krieges sicherstellt. Nach und nach erforscht es die Welt, schlägt Wurzeln und lauscht den Gedanken seines ersten Wirts, bis es, wie der Titel verrät, dem Jucken anheim fällt und weiterziehen muss. Es lernt auf seiner Reise durch die Welt verschiedenste Wirte und ihre Geschichten kennen: Von Tollos (Mooshammers) selbstmordgefährdeter Hündin Düsi bis zum Radiomoderator Damien (Domian) bleibt ihm nichts erspart, bis es zuletzt auch noch zwischen himmlische Fronten gerät und miterleben muss, wie Mutter Bojaxhius (Theresa) Seligsprechung durch die Aussage eines teuflischen Advokaten für einen Moment ins Wanken gerät. Reisen Sie mit!

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***

Als ich am nächsten Morgen erwachte, stand Napoleon bereits steif wie ein Fahnenmast und wippte voller Erwartung sanft von einer Seite zur anderen. „Guten Morgen, Kamerad, ich hoffe sie sind ausgeruht? Ich habe mir in der Zwischenzeit erlaubt, mittels der etwas kurzgeratenen Kameraden hier eine Depesche an die Zentrale zu versenden.“ Die kurzen, gekräuselten Haare, die rings um uns spärlich den Handrücken besiedelten, verbeugten sich untertänig. „Ich erwähnte, in der Begleitung jenes Muttermals zu sein, welches den gestrigen Ausfall verhindert hat, worauf mir sofort komplette Rehabilitation angeboten wurde. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ich sie der Zentrale vorstelle!“ Bei diesen Worten kräuselte sich Napoleon erwartungsvoll. „Wir sollten also keine Zeit verlieren, man erwartet uns ganz oben, Plattform eins, rechte Flanke hinten. Auf geht‘s!“ Mit diesen Worten zog er an seinem Schaft, kippte jedoch, nach wie vor fest in mir verankert, sogleich vornüber, wodurch er zwei der gekräuselten Kameraden derbe anrempelte. Die beiden beschwerten sich lauthals, der Respekt vor Napoleons Größe ließ sie jedoch schnell wieder verstummen. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, beugte er sich tief zu mir herab. „Gibt es hier ein Problem, Kamerad? Wir müssen los, denn Michel wird nicht mehr allzu lange ruhen. Sie wissen was das bedeutet, ein heilloses Bewegungschaos, in dem es uns schwerfallen wird, die Zentrale unbeschadet zu erreichen.“ Ich protestierte verhalten und äußerste meine Angst, von der Zentrale für mein plötzliches Auftauchen und Sabotieren der Mission Gewalt angetan zu bekommen. „Die Zentrale ihnen Gewalt antun? Machen sie sich nicht lächerlich, Kamerad, selbst die einfältigste Zelle auf diesem Wirt weiß, dass einem Muttermal Gewalt anzutun so ziemlich das Dümmste ist, was man anstellen kann! Keiner hier will ihre Bösartigkeit heraufbeschwören, das könnte fatal für uns alle enden. Es wäre also eine reine Geste der Freundschaft, Kamerad, ein Gefallen, den sie mir zur Rettung meiner Karriere täten. Sie können mir glauben, sie haben nichts zu befürchten.“ Schlagartig holte mich die Erinnerung an den roten Pulsar inmitten der Plattform wieder ein, doch Napoleon schien meine Gedanken zu lesen und nahm meinen nächsten Protest sogleich vorweg. „Und sorgen sie sich nicht um das unerfreuliche Riesenmal inmitten der Plattform. Wir haben eine Abmachung mit diesem üblen Subjekt, die es ihm zwar erlaubt, unbehelligt auf unserem Wirt zu verweilen. Jedoch ist es ihm verwehrt, sich in die äußeren Bereiche von Plattform eins zu verästeln. Wir haben lange mit ihm darum gerungen, wobei er anfangs die Überhand behielt und sich stark zu vergrößern drohte.“ Napoleons Stimme wurde für einen Augenblick leiser, schwoll jedoch gleich wieder zu ihrer ursprünglichen Lautstärke an. „Jedoch gaben wir so schnell nicht auf und verwandelten die Kopfhaut zu einem Ort des Grauens für ihn, indem wir uns alle absichtlich Entzündungen der Wurzel zuzogen. Das Jucken, das sich dadurch auf Plattform 1 ausbreitete, hätte ihn beinahe in den Wahnsinn getrieben, bis er mit uns schließlich an den Verhandlungstisch getreten ist. Zu unserem Glück ist das Mal nicht mit einem Übermaß an Verstand gesegnet und wir konnten, abgesehen von den territorialen Zuweisungen, noch eine weitere Bedingung der Waffenruhe aushandeln“. Napoleon wippte triumphierend und rief stolz aus: „Er trägt seither Rot als die Farbe der Zentrale!“ Schließlich schrie er beinahe vor Glück. „Sie sollten sehen, wie er pulsiert, wenn er sich aufregt, ein herkulisches Farbenbanner unserer Gemeinschaft! Jedes Haar ist GLEICHWERTIG!“ Ich stöhnte leise in mich hinein. „Werden sie mich also begleiten, Kamerad?“ Was hätte ich sonst tun sollen? Ein neugeborenes Muttermal auf seiner allerersten Reise durch die bedrohliche Welt. Ein brauner Fleck inmitten einer fremden Landschaft, ohne sozialen Anschluss, eben noch von einem Feuermal in den Hintern getreten. Allein zu bleiben schien mir in dem Moment die dümmste aller Entscheidungen zu sein. Nachdem ich Napoleon zugestimmt hatte, zogen wir umgehend los. Was folgte, war ein beschwerlicher Aufstieg durch Landstriche üppigster Formen und Farben, gesäumt von Muttermalen und Haaren aller Statur, die den vorbeiziehenden Einmaster ungläubig anstarrten. Während ich angestrengt ein Füßchen nach dem anderen in den Boden vor mir grub, um Halt für das Nachziehen meines Körpers zu bekommen, genoss Napoleon den Aufstieg sichtlich, da er nicht viel mehr beitragen konnte, als geruhsam in mir zu stecken. Jedes Mal, wenn wir an größeren Mengen von Haaren vorbeikamen, rief er ihnen einstudierte Parolen zu und als wir schließlich eine Region passierten, die er als Michels Hals bezeichnete, konnte er nicht davon absehen, seinen geliebten Satz durch die unbewohnten Täler und Schluchten hallen zu lassen. Schließlich erreichten wir über die rechte Wange die Schläfe, von deren Ende ausgehend sich ein dichter Wald weißer Haare zu erstrecken begann. Napoleon bat mich, für einen Moment innezuhalten. „Kamerad, wir sind gleich da! Bevor wir uns jedoch ins Dickicht der Kameraden begeben, möchte ich sie noch um eine Sache bitten: Lassen sie mich mit der Zentrale verhandeln, ich werde ihnen alles erläutern. Und seien sie so freundlich und lassen sie sich auch nicht auf irgendein Gespräch mit einem anderen Haupthaar ein. Die Kameraden nützen jedes Wissen zu ihrem Vorteil und bringen einen in Verruf, wenn sie verstehen.“ Dabei hüstelte er kurz etwas angespannt, räusperte sich und beruhigte sich wieder. „Also dann, Kamerad, lassen sie uns weiterziehen, wir bringen uns im Nu wieder an die Spitze!“ Nun kam der schwierigste Teil unserer bisherigen Reise. Wir mussten uns mit aller Kraft durch die dicht gedrängten Haupthaare zwängen, wobei sich Napoleons Torso immer wieder ungeschickt um Artgenossen wickelte. Er entschuldigte sich jedes Mal ausschweifend für sein Missgeschick, was dazu führte, dass unsere Durchquerung des Haarfeldes eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Die Haupthaare beäugten das Spektakel argwöhnisch und ich war überglücklich, als wir endlich eine kleine Lichtung erreichten. Inmitten der Lichtung standen drei borstige, graue Haareminenzen, die allesamt einen größeren Umfang als die ringsum stehenden Artgenossen aufwiesen und zudem hoch in den Himmel ragten. Das mittlere schien jedoch das Mächtigste zu sein und überragte die anderen beiden in jeglicher Dimension. Alle drei blickten streng zu uns herüber und als wir in Hörweite kamen, fing das Linke an lautsprecherartig zu tönen. „Nummer 278, sie sind zurück? Dass sie es überhaupt wagen, nach dieser Schmach noch einmal vor uns zu treten!“ Das rechte Haar übernahm ohne Unterbrechung: „Und sie haben auch noch den Verursacher dieser Misere mitgebracht! Haben sie denn jetzt auch noch den letzten Rest ihres ohnehin dürftigen Verstandes verloren?“ Napoleon wollte zu einer Antwort ausholen, wurde jedoch jäh vom linken Haar unterbrochen. „Zwei Jahre Vorbereitung binnen weniger Sekunden zunichte gemacht, man sollte sie einfach ausreißen und ihrem Schicksal überlassen.“ Das Rechte donnerte: „Besser noch, man sollte sie auf das Kinn strafversetzen, dort würden sie die tägliche Hölle der Klinge durchleben, Kameraden, was haltet ihr davon?“ Einzelne umstehende Haupthaare begannen ‚Tod am Kinn‘ zu skandieren. Das Linke schrie: „Oder wir stecken sie in das große Muttermal nebenan, würde ihnen das gefallen? Glauben sie mir, die Tortur der Genossen in den bekleideten Zonen ist der reinste Kindergeburtstag dagegen! Wer ist für Folter am Feuermal, Kameraden?“ Die Haupthaare tobten wie wild und schrien ‚Folter am Mal, Folter am Mal‘, während Napoleon immer unruhiger wurde. „R-U-H-E!“ Sekundenschnell verebbte jeglicher Lärm. Das mittlere Haar richtete sich zu seiner vollen, majestätischen Größe auf. „Nummer 278, sie erwähnten in ihrer Nachricht von heute Morgen, dass ihr Begleiter hier bereit wäre, sich für das Projekt ‚Verirrter Mann‘ freiwillig zu melden. Ist das korrekt?“ Napoleon bejahte eifrig, während ich noch nicht so recht begriff, was sich gerade abspielte. „Er ist also einverstanden, die Maximen der Haare anzunehmen und sich seiner Aufgabe mit aller Ergebenheit zu stellen?“ Napoleon bestätigte auch dies mit servilem Nicken, während es nun ich war, der immer weniger entspannt war. Das mittlere Haar schwieg nachdenklich und beugte sich zuerst nach links, dann nach rechts, um die Meinung der beiden anderen Weisen einzuholen. Schließlich wandte er sich in Richtung Publikum. „Kameraden! Nummer 278 hat uns bitter enttäuscht, das ist nicht zu leugnen. Aber mit dem Scheitern unserer Mission hat er uns gleichzeitig eine neue, mächtige Waffe gegen unsere kapitalistischen Widersacher beschafft. Bis dato war es uns unmöglich, ein Muttermal zu dem Projekt ‚Verirrter Mann‘ zu überreden, aber heute ist der historische Moment gekommen, Kameraden, an dem sich das Blatt zu unseren Gunsten wendet!“ Einige Haare raunten einander unverständliche Worte zu, während die Ansprache des mittleren Haars immer mehr an Lautstärke gewann. „Ab heute werden wir ein Exempel statuieren, Kameraden, ein Zeichen des Widerstands setzten, ein Zeichen, dass wir nicht einverstanden sind mit den jüngsten Entwicklungen!“ Die Zustimmung der Menge wurde hörbar. „Dieses Muttermal wird uns in eine Zukunft mit traditionelleren Werten führen, Kameraden, denn jedes Haar ist gleichwertig!“ Die Menge teilte die Meinung lauthals. Plötzlich erschütterte eine massive Druckwelle den Boden und ich klammerte mich gerade noch rechtzeitig fest, um zu verhindern, dass ich gegen den Haarwall hinter mir flog. Man konnte jedoch immer noch die Stimme des mittleren Haars vernehmen, die das Poltern der Welle übertönte: „Und diese Zukunft, Kameraden, diese Zukunft beginnt jetzt!“ Mit diesem Ausruf kam plötzlich leichter Wind auf, denn offenbar war Michel soeben aus seiner Nachtruhe erwacht und setzte sich in Bewegung. Alle Haare begannen, sanft und synchron in der Morgenbrise zu wiegen, was dem Ernst der Situation für einen Moment ein leicht komisches Element verlieh. Als die Druckwelle schließlich abgeklungen war, fuhr das mittlere Haupthaar mit gemäßigter Stimme in Napoleons Richtung fort. „Nummer 278, sie haben uns mit dieser Auslieferung gezeigt, dass sie ihren Fehltritt bereuen und bereit sind, dem Feind noch einmal ins Auge zu sehen. Sie werden hierzu eine allerletzte Chance erhalten.“ Er richtete seine Ansprache wieder an die versammelte Haarmenge. „Zuverlässige Quellen haben uns mitgeteilt, dass unser Wirt heute Morgen mit seiner Gattin das Frühstück zu sich nehmen wird.“ Er hielt kurz inne, um den folgenden Worten das nötige Gewicht zu verleihen. „Viel wichtiger jedoch ist, dass wir wissen, was Michel seiner Gattin während dieses Vorgangs erzählen wird!“ Die Menge lauschte gebannt. „Ein bedeutendes Magazin der feindlichen, dauergewellten Kapitalisten hat doch tatsächlich entschieden, unseren Wirt zum Mann des Jahres zu küren, man stelle sich vor, Kameraden! Diese erneute Anbiederung und Untergrabung unserer Prinzipien kann unmöglich gebilligt werden! Ganz im Gegenteil, wir werden dies zu verhindern wissen und dabei kommen sie ins Spiel!“ Das Haar beugte sich vorahnungsvoll zu mir herab. Schließlich lehnte es sich ganz nah an Napoleon und flüsterte ihm unhörbar etwas zu. „Also gut, es geht los, Kameraden, bereiten wir ihnen den Weg! Nummer 278, sie instruieren das Muttermal unterwegs, ich vertraue darauf, dass ihre Mission dieses Mal ein voller Erfolg sein wird!“ Mit diesen Worten teile sich der Haarwald zu unserer rechten und legte einen schmalen Pfad in Richtung Plattformmitte frei. Ich war von den strengen Blicken der Haare, die uns zu tausenden umringten, so eingeschüchtert, dass ich mich widerspruchslos auf den Weg machte. Napoleon, für den die vorangegangenen Schweigeminuten wahre Folter bedeutet haben mussten, begann nun emsig auf mich einzureden. „Kamerad, ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr ich ihnen zum Dank verpflichtet bin! Volle Rehabilitation und dann auch noch die beratende Funktion im Projekt ‚Verirrter Mann‘, ich bin sprachlos!“ Nichts hätte weniger zutreffen können. „Aber nun lassen sie mich ihnen von unserem Vorhaben erzählen. Ich hatte ihnen doch davon erzählt, dass Muttermale durch Anlegung von Pfahlwurzeln ihren Wirt kontrollieren können?“ Er grinste leicht dümmlich. „Nun, ich fürchte ich habe sie nicht belogen, Kamerad, sie besitzen diese Fähigkeit, so wie jeder ihrer Artgenossen sie auch besitzt. Es gibt allerdings nur eine Handvoll Präzedenzfälle erfolgter Anwendung, die allesamt entweder im Wahnsinn des Wirts oder, nun, mit Schlimmerem endeten. Es wird von Seiten der Muttermale also im Allgemeinen von diesem Prozedere abgesehen.“ Napoleon hüstelte verhalten, setzte aber sogleich fort. „Dabei ist allerdings zu bedenken, dass diese Versuche ohne genaue Instruktionen seitens der Haare erfolgten, wodurch man bei unserem Unterfangen von einer völlig anderen Situation sprechen muss!“ Ich hielt kurz inne und blickte entgeistert zu Napoleon empor. „Jawohl, Kamerad, wir werden in die Gedanken Michels eindringen, während er seiner Gattin von dem Angebot der Zeitschrift erzählt und ihm eben dieses madig machen. Was halten sie davon?“ Ich hatte endgültig genug von diesem ganzen Wahnsinn und wollte am Absatz kehrt machen. Zu meinem Missfallen musste ich jedoch feststellen, dass sich der Pfad hinter uns lückenlos geschlossen hatte und die Haare dermaßen dicht gedrängt standen, dass eine Umkehr völlig ausgeschlossen war. Einige der finsteren Zeitgenossen raunten mir ein ‚wir beobachten sie, Kamerad‘ und ‚auf Misserfolg steht die Höchststrafe‘ zu, während sie weiterhin sanft im Wind wogten, den Michel durch seine Bewegung hervorrief. Ich verfluchte Napoleon, dass er mich in diese Lage gebracht hatte, setzte mich jedoch schließlich wieder in Bewegung, da ich mich in der Haarschlucht alles andere als wohl fühlte. „Sie müssen meine Lage verstehen, Kamerad, ich flehe sie an, ich hatte doch keine Wahl. Wenn sie nicht kooperieren, wird uns die Zentrale im günstigsten Fall verbannen, ich befürchte jedoch, dass sie noch weit Schlimmeres mit uns vorhat.“ Mit dieser Drohung kamen wir in Sichtweite des Waldendes und wechselten solange kein Wort miteinander, bis wir schließlich die Weite der Plattform erreicht hatten, hinter der sich der für mich noch immer unbegreifliche, unendliche Raum erstreckte. Ich hielt inne und sah Napoleon mit festem Blick an. Er hielt meinem Blick tapfer stand, sich dem Ernst der Situation sichtlich bewusst. Ach, was soll ich lügen? Ich willigte murrend ein, jedoch nur unter der Bedingung, nach dem Projekt die Kommune als freies Muttermal verlassen zu dürfen. Napoleon musste seiner grenzenlosen Freude sogleich Platz machen, indem er ein ‚jedes Haar ist gleichwertig‘ über die talgige Einöde schmettere. „Ich versichere ihnen, Kamerad, ich werde sie nach diesem Abenteuer nicht mehr behelligen. Nun aber lassen sie mich noch eines erwähnen, bevor wir zur Tat schreiten und ich mahne zur Eile, den Michel setzt sich soeben zu Tisch.“ Mein Blick schweifte über die Plattform hinweg und ich erkannte in weiter Entfernung die geradlinigen und geschwungenen Formen verschiedenster Gegenstände, die den nicht enden wollenden Raum ausfüllten. „Es gibt für ein Muttermal, das Pfahlwurzeln schlägt, drei erreichbare Wahrnehmungsebenen, Kamerad. Soviel konnten wir zumindest aus den vorangegangenen Fällen in Erfahrung bringen, auch wenn die Aussagen der betroffenen Muttermale oftmals wirr waren und eingehender Analyse bedurften. Die erste Ebene ist bereits durch eine einigermaßen lose Verbindung mit dem Wirt zu erreichen. Dadurch sind sie mit allen physiologischen Vorgängen verbunden, die in ihm vorgehen. Sie werden Zellen sich bewegen, Haare wachsen, Blut rauschen und Eingeweide glucksen hören. Die zweite Ebene ist bereits ein wenig schwieriger zu knacken, denn sie müssen tiefer wurzeln, um sie zu erreichen. Sobald sie diese aber erreicht haben, werden sie in der Lage sein, die Gedanken des Wirts zu hören als wären es die ihren, zweifelsohne ein verstörender Moment, den die Berichte zahlloser Male einwandfrei belegen. Die gesamte Erfahrungssphäre des Wirts wird mit einem Mal auf sie einstürmen, was so manches Muttermal auf Tage paralysiert hat. Lassen sie sich von diesem Augenblick bitte trotz ihrer Unerfahrenheit nicht völlig überwältigen, ansonsten verpassen wir unser Zeitfenster! Sollte ich das Gefühl haben, dass mir ihre Aufmerksamkeit entgleist, werde ich mich mit einem Kratzen an ihrer Innenseine bemerkbar machen. Es ist also von höchster Wichtigkeit, dass sie die für uns relevanten Gedanken Michels zügig erfassen und dann zur letzten Ebene voranschreiten. Zur Ebene drei!“ Napoleon verstummte augenblicklich und sah mich so eindringlich an, dass mich dabei leicht fröstelte. „Und von da an beginnt das Niemandsland, Kamerad! Von da an sind sie auf sich allein gestellt und Herr unser aller Schicksals. Wie auch immer sie es anstellen werden, gebieten sie dem kapitalistischen Wahnsinn Einhalt, aber ich flehe sie an: Treiben sie es nicht zu weit! Wir vertrauen darauf, dass sie die Haare aus der Krise führen. Und nun genug der Worte, wir sollten keine weitere Zeit verstreichen lassen. Kamerad, ich wünsche ihnen Glück!“ Und in dem Moment stellte ich fest, dass uns Muttermale von all den Dingen, die man von uns zu wissen glaubt, in erster Linie eine Eigenheit auszeichnet. Jene Eigenheit, die uns zu jeder Zeit und an allen Orten auftauchen lässt: Die Eigenheit unserer unersättlichen Neugier. Ich holte mehrmals tief Luft und begann zu wurzeln.

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