»Bitte scannen Sie Ihre Bankdaten ein«, forderte die junge Frau ihn auf. Marc scannte seinen Oberarm und wie gewohnt gab der implantierte Chip die Daten frei.
»Zahlen Sie für beide?«, fragte die Frau am Schalter weiter.
»Ja«, erwiderte Marc.
»Ich schätze, dass die Maschine in drei Wochen nach Tibet fliegen wird, ganz genau kann ich das natürlich nie sagen. Sie bekommen zwei Tage vor Abflug von uns Bescheid.« Dann lächelte sie professionell. »Vielen Dank, dass Sie bei Jump in the Sky gebucht haben.«
Als nächstes rief er seine Dienststelle an, wieder erschien ein Bild mitten im Raum. Betty, Marcs Vorgesetzte, saß am Schreibtisch. »Oh, hallo Marc«, sagte sie erfreut, dann drehte sie den Kopf. »Hallo Pia, wie schön, dich zu sehen«, sagte Betty mit etwas kühler Stimme. »Diese dunkelblauen Kontaktlinsen stehen dir gut.« Daphne verkniff sich eine Antwort; zum Glück sprach Marc gleich wieder. »Betty, ich brauche in etwa drei Wochen Urlaub.«
Betty runzelte die Stirn. »Für wie lange denn?«, fragte sie. Marc zögerte einen kurzen Augenblick und meinte dann, »Vierzehn Tage werden reichen, denke ich.«
»Ich schau mal nach. Wenn du morgen zum Dienst kommst, reden wir darüber«, sagte Betty. Auch Daphne musterte Betty heimlich. Sie trug ihre braunen Locken kurzgeschnitten, was ihr hübsches Gesicht gut zur Geltung brachte. Betty war groß, um einiges größer als sie und schmal, ja fast dünn. Auch wusste sie, dass Marc und Betty einmal ein Paar gewesen waren, und dass er sie wegen ihr verlassen hatte. Na ja, verlassen war nicht das richtige Wort; Betty hatte ihn freigegeben. Während Daphne ihren Gedanken nachhing, hatte Marc alles mit Betty geklärt und war dabei, das Gespräch zu beenden. Betty blickte noch einmal zu Pia, nickte ihr kurz zu und das Bild erlosch. »Sie mag mich immer noch nicht«, stellte Daphne fest.
»Du meinst, sie mag Pia nicht«, berichtigte Marc sie. »Betty weiß nur, was in den Polizeiakten über Pia steht, mach ihr keinen Vorwurf«, sagte er tröstend. Daphne schwieg, ihre Gedanken wanderten wieder nach Tibet. Vor etwas mehr als sechzig Jahren lebte und liebte sie dort. Ihre Mitschülerin und kleine Schwester Tashi hatte ihr in Briefen mitgeteilt, dass auch das Kloster mittlerweile überdacht war. Dann hatte Tashi weniger und weniger geschrieben, bis ihre Briefe schließlich ganz ausblieben. Aber Daphne konnte fühlen, dass sie noch am Leben war. Daphne fragte sich, wo Tse Wang das Geld für die Überdachung des Klosters herhatte. Sie kannte Tse Wang gut genug, um zu ahnen, dass er wohl die Geldspenden an das Kloster, an den Chinesen vorbeigeleitet hatte, anstatt sie ihnen zu geben. Denn zu ihrer Zeit ging es dem Kloster richtig gut, jeden Tag kamen Pilger und Gläubige, um Buddha zu huldigen, Kranke, um Heilung zu finden und Touristen, um das Kloster zu besichtigen. Die Vorratskammern waren prall gefüllt, und auch Geld war reichlich vorhanden. Für einen kurzen Moment lebte das Bild in ihrem Geiste auf, sie dachte an die Bücherhalle, an all die Bücherregale, gefüllt bis unter die Decke mit altem Wissen, mit Philosophie, Astrologie, Medizin, Lyrik, Prosa und noch vielem mehr. Manche Bücher waren Hunderte von Jahren alt. Ihr Blick wurde traurig, wie sollten die Schüler jetzt lernen? Vor ihrem geistigen Auge sah sie all die Regale leer. Wieder wanderte ihre Hand zu ihrem Bauch und legte sich schützend darüber. »Was sagst du dazu?«, hörte sie Marc fragen, er hatte sie aus ihren Gedanken gerissen. »Was hast du gesagt?«, fragte sie. »Ich möchte nicht, dass du irgendjemandem die Tür öffnest, wenn ich nicht da bin«, sagte er. Sie nickte und widersprach nicht, denn sie spürte, dass er recht hatte. Er ging zu ihr, zog sie vom Sofa hoch und schloss sie in die Arme. Er hielt sie so fest, dass es ihr fast wehtat. »Ich würde es nicht überleben, wenn dir etwas zustoßen würde«, murmelte er in ihr Haar. »Du bist mein Leben, ohne dich will und kann ich nicht mehr sein. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie sehr ich dich liebe.« Seine Stimme klang seltsam belegt, als er weitersprach. »Ich weiß auch nicht, was manchmal mit mir los ist. Irgendwo tief in mir lauert eine Angst, dass ich dich verlieren könnte.« Wie ernst er es meinte, sah sie, als sie den Kopf etwas hob, um ihm in die Augen zu blicken. Er hatte die Zähne so fest zusammengepresst, dass seine Kiefermuskeln stark hervortraten. Zärtlich strich sie ihm durch seine dunklen Haare und sah ihm tief in die Augen, er konnte bei ihr das gleiche Gefühl für ihn erkennen. Das erste Mal in seinem Leben musste er darum kämpfen, nicht vor Glück und gleichzeitig vor Sorgen zu weinen.
Die nächsten Tage verbrachte Daphne zu Hause, sie arbeitete wie besessen an ihrem Projekt.
Doch immer wieder glitten ihre Gedanken ab, wanderten zurück in der Zeit, nach Tibet. Wie sollte sie verhindern, dass Marc herausfand, dass er die Reinkarnation Jimpas war? Wäre es nicht besser, dass sie ihn darauf vorbereitete? Eines war klar, es würde sich nicht verhindern lassen, dass er es herausfand. Sobald er das Kloster Sakja betrat, würde sich sein altes Wissen erheben. Die Frage war nur, wieviel würde er noch wissen, und wie würde er reagieren? Sie entschloss sich dazu, ihm die Wahrheit zu sagen, aber sie wollte auf einen günstigen Zeitpunkt warten.
An manchen Abenden gingen sie engumschlungen noch etwas spazieren, hier und da blieben sie stehen, um sich die Hologramm-Auslagen der Geschäfte anzusehen. Sie bemerkten beide nicht, dass sie dabei schon von dunklen, geschlitzten Augen beobachtet wurden. Der Verfolger hielt sich immer im Schatten, doch er sog alles, was er sah, in sich auf. Die außergewöhnliche Schönheit Daphnes berührte ihn tief, doch gleichzeitig hasste er sie. Nie würde eine Frau wie sie auch nur einen Blick an ihn verschwenden. Dieser Marc war ein ernstzunehmender Gegner, sein Körper war gut durchtrainiert, und auch er war ein überdurchschnittlich gutaussehender Mann. Sein Hass auf die beiden steigerte sich ins Unermessliche. Dann lächelte er hinterhältig, in seinem Kopf entstand ein böser Plan.
Wenn Marc abends nach Hause kam, brachte er immer etwas zu essen mit und erzählte, wie sein Tag so gewesen war. Betty hatte, nach einigem hin und her, seinen Urlaub genehmigt, auf keinen Fall hätte er Daphne allein nach Tibet fliegen lassen. Am Ende der Woche kam Marc schon gegen Mittag nach Hause, und als er die Tür öffnete, hob sie erstaunt den Kopf und fragte: »Was machst du denn schon hier«? Aber als sie ihn ansah, merkte sie gleich, dass etwas nicht stimmte, er wirkte nervös und angespannt. »Das Altenheim hat mich heute angerufen«, meinte er. »Daphne, also dein Körper, hatte heute Besuch von drei Chinesen und einem tibetischen Mönch. Einer hat die Schwestern ausgefragt, nachdem sie festgestellt haben, dass die alte Dame im Koma liegt. Der Kerl hat nicht lockergelassen, so dass sie ihm schließlich gesagt hatte, er solle doch mit seinen Fragen Daphnes Enkelsohn aufsuchen. Er hat sich meinen Namen geben lassen und meine Rufnummer. Kannst du dich an Schwester Anni erinnern?«, fragte er. Daphne konnte nur nicken, ihr Mund fühlte sich plötzlich sehr trocken an. »Ihr hat die ganze Geschichte keine Ruhe gelassen«, erzählte Marc weiter, »sie hat mich angerufen. Sie sagt, der eine sei ein ziemlich schmieriger Kerl, der alles ganz genau wissen wollte. Leider konnte sie meinen Namen nicht aus der Geschichte herauslassen.« Daphne war blass geworden. Marc hatte in der Zeit seine Uniform gegen bequeme Freizeitkleidung getauscht. Achtlos legte er seinen Pistolengurt, in der seine Waffe steckte, auf einen kleinen Schrank. Er würde ihn später wegschließen. Beruhigend streichelte er Daphnes Gesicht. »Hör zu, meine Liebste«, sagte er, »ich denke es ist besser, du gibst mir deinen Dolch. Ich werde ihn fortbringen, nur zur Sicherheit. An dem Tag, an dem wir nach Tibet abreisen, werde ich ihn wieder holen, versprochen.« Er lächelte tröstend. »Ich werde dir nicht sagen, wo ich ihn verstecken werde, und ich bitte dich, es auch nicht mit deinen wunderschönen blauen Augen in meinem Kopf zu lesen.« Wieder konnte sie nur nicken, ihr gefiel der Gedanke, sich von ihrem Dolch zu trennen, ganz und gar nicht. Doch so sehr sie auch überlegte, ihr fiel keine andere Lösung ein. Ohne die Kette zu öffnen, zog sie den kleinen Dolch einfach mit der Kette über den Kopf, und schweren Herzens übergab sie ihn an Marc. Der eilte davon und kam mit einem alten Holzkästchen zurück, in den er, fast liebevoll, den Dolch legte. Daphne hob erstaunt die Brauen. »Ist das Kästchen aus echtem Holz?«, fragte sie. Marc lächelte. »Ja, das ist es«, erwiderte er. »Ich habe es von meinen Eltern, und die haben es von ihren, es wird schon eine Weile von Generation zu Generation weitergegeben.« Dann klappte er den Deckel zu, klemmte sich die Holzschachtel unter den Arm und war schon auf dem Weg zur Tür, als er noch einmal stehenblieb. Eindringlich sagte er zu Daphne: »Du öffnest auf keinen Fall die Tür, während ich nicht da bin, egal, wer auch davorstehen sollte. Packe in der Zeit ein paar Sachen für uns beide zusammen, wir werden für eine kurze Weile untertauchen.« Er hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen und verschwand. Erst als er auf der Straße stand, überlegte er, wo er die Schachtel hinbringen könnte. Ein Schließfach? Nein, er hatte Angst, dass es aufgebrochen werden könnte. Betty fiel ihm ein, dort wäre der Dolch in Sicherheit. Als er noch einmal zu seiner Arbeit zurückkam, schaute Betty ihn skeptisch und überrascht an. »Na, kommst du doch heute wieder arbeiten?«, fragte sie Marc. »Nein, Betty, ich möchte dir nur etwas geben und dich bitten, ein paar Tage darauf aufzupassen.« Er stellte ihr die Holzschachtel auf den Tisch. Betty hob überrascht die Augenbrauen. »Da ist aber nichts Illegales drin?«, fragte sie. Marc lächelte. »Keine Angst, es hat alles seine Ordnung. Würdest du die Schachtel mit nach Hause nehmen?«, bat er sie noch. »Wir sehen uns dann morgen.« Er hatte keine Ruhe, seine Gedanken waren bei Daphne.
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