„Verschwindet oder ihr werdet es bereuen“, fuhr Karon die streitsüchtigen Kerle an. Doch sie waren unbelehrbar. Fünf gegen zwei, denn einen Zwerg und einen Elf nehmen solche Kerle wie wir doch nicht für voll, dachten sie in ihrer grenzenlosen Überheblichkeit. Die Frau zählte für sie als Gegner sowieso nicht. Ein fataler Irrtum wie sie sehr schnell erkennen sollten.
Und dann griffen sie ohne Warnung an.
Samiras sprang zusammen mit ihren Gefährten auf und zog ihr Schwert, welches ihr geradezu entgegensprang. Warm und vibrierend lag „ Strahlenzauber“ wie angewachsen in ihrer Hand. Und schon übernahm es den Angriff, denn es war kein gewöhnliches Schwert. Wie hatte der Zwergenschmied Ventor gesagt?
„ Ich hatte eine Vision, in der mir befohlen wurde, dieses Schwert zu schmieden.“ Und für wen ist es bestimmt? hatte sie gefragt.
„ Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich es wissen, wurde mir gesagt“, hatte er geantwortet. Und genau so war es gekommen, denn das Schwert war für sie bestimmt gewesen. Gefährlich nahe zischte etwas dicht an ihrem Kopf vorbei und riss sie abrupt aus ihren Gedanken.
Schnell wie ein Lufthauch und tödlich wie eine Viper reagierte Strahlenzauber. Es trieb ihren Gegner, einen ungeschlachten Kerl, vor sich her, zuckte zum entscheidenden Stoß vor und glitt mühelos durch Leder und Stoff. Schreiend brach der Kerl zusammen. Er presste die Hand auf die stark blutende Wunde und starrte Samiras fassungslos an. Eine Frau hatte ihn besiegt! Er konnte es nicht fassen.
Zwei der Kerle bedrängten Karon mit ihren Schwertern. Doch da hatten sie bei einem Krieger wie ihm schlechte Karten. Seine eisenharte Hand schnellte vor, packte den Arm des einen Gegners, verdrehte ihn und schlug ihm die Handkante in den Nacken, als der Kerl sich vor Schmerzen krümmte.
Dem zweiten Angreifer stieß er die Schwertklinge in die Seite, während er bereits auf dem Weg zu Ephlor war, der schützend vor dem bewusstlosen Hetzel stand und einen Koloss von Mann in Schach hielt. Einer der Gäste hatte dem Zwerg von hinten eine Flasche über den Kopf gezogen.
Doch Samiras wusste, wer es gewesen war und drängte sich wutentbrannt durch die Menge. Sie würde diesen hinterlistigen Kerl nicht ungestraft davonkommen lassen! Leider übersah sie in der Eile einen vorgestreckten Fuß und stürzte zu Boden. Die Kapsel mit dem Zaubersamen rutschte aus ihrer Tasche und öffnete sich.
Schlagartig wurde es mucksmäuschenstill.
Alle Augen richteten sich auf die glitzernden, über den Boden verstreuten Samenkörner. Samiras sammelte sie hastig unter den gierigen Blicken wieder ein, die jeden ihrer Handgriffe verfolgten, und die vermeintlichen JUWELEN in ihren schmalen Händen förmlich verschlangen. Dass es nur Samenkörner waren, Samenkörner zur Rettung aller, würde ihr keiner der von Habgier besessenen Gäste glauben.
Und dann erfolgte ohne Vorwarnung der zweite Angriff.
Doch dieses Mal hatten sie nicht nur fünf Gegner, sondern alle gegen sich. Sie schlugen sich wacker, doch langsam wurde es brenzlig, denn das Kampfgetümmel blieb draußen nicht unbemerkt und zog Neugierige aber auch Gesindel an, das sich ohne zu zögern einmischte und gegen die Fremden stellte.
Samiras und ihre Gefährten wurden immer weiter zurückgedrängt, bis sie im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zur Wand standen und gegen eine Flut von Leibern kämpften, die nur aus Waffen und Fäusten zu bestehen schien. Es waren einfach zu viele; und die Gier verlieh ihnen zusätzliche Kräfte.
Sie brauchten schnelle Hilfe oder die Massen würden sie über kurz oder lang unter sich begraben. Doch die Rettung aus ihrer misslichen Lage war nicht weit entfernt.
„Zu Hilfe, Danina!“, sandte sie ihren geistigen Hilferuf aus.
Ihr Hilferuf war kaum verklungen, da sprang die schwarze Pantherin mit langen Sätzen die Treppe hinunter. Wie ein Ungewitter kam sie über die Phalanx der Angreifer. Sie schnaubte und schäumte furchterregend und griff zischend an. Wie ein Racheengel wütend brach sie mit Krallen und Zähnen eine Schneise in das Menschengewühl, drang unbeirrt mit brachialer Gewalt zu ihren Freunden vor und baute sich schützend vor Samiras auf. Bis hierhin und nicht weiter, hieß das, und wer sich nicht daran hielt, hatte die Folgen zu tragen.
Ihre Zähne und Krallen waren scharf und davon geschlagene Wunden fürchterlich. Einige ganz Unbelehrbare, deren Verstand von der Gier nach den EDELSTEINEN , die in Wahrheit doch nur Samenkörner waren, völlig vernebelt war, versuchten es noch einmal ansatzweise, zogen sich jedoch mit blutigen Köpfen schnell wieder zurück.
Und dann war die Gaststube plötzlich von einer Sekunde auf die andere leer.
„ Wieso hast du mich nicht früher gerufen?“, fragte Danina vorwurfsvoll.
„Ich dachte, wir würden es alleine schaffen. Aber es wurden immer mehr.“
„ Immer auf die letzte Minute“, beschwerte sich die Pantherin. „ Und ich darf dir dann genauso wie bei deinen unnötigen Verletzungen aus der Patsche helfen. Nun sieh dir nur mal an wie ich aussehe. Das ist ja widerlich“, knurrte sie und leckte sich den blutverschmierten Bart.
Der Wirt stand stocksteif hinter seinem Tresen und starrte sie ängstlich an.
„Wir reisen morgen ab“, sagte Samiras und bezahlte die Rechnung, wobei sie dankbar an die Zauberin Xzatra dachte, die sie großzügig mit den landesüblichen Zahlungsmitteln versorgt hatte. Sie strich das Wechselgeld ein und drehte sich um. Hintereinander stiegen sie die Treppe hinauf zu ihren Zimmern. Der verschlagene Blick des Wirtes folgte ihnen.
AUFBRUCH
Am nächsten Morgen waren sie schon lange bevor sich das erste blasse Licht des Tages am östlichen Horizont zeigte auf den Beinen. Hetzel führte sie zu einer abseits gelegenen Scheune, in der er zusammen mit Ephlor die Reitpferde untergebracht hatte, die sie nach Preleida bringen sollten, der Stadt, in der der Perlmuttbaum mit Hilfe des Zaubersamens neu entstehen sollte.
Die Todeswüste hatten sie zu Fuß und mit Hilfe der Teleportationsfähigkeiten der Sandokka durchquert. Doch diese waren heimgekehrt und Samiras fragte sich, ob und wann sie Risan wiedersehen würde. Sie hoffte aus tiefstem Herzen bald, denn sie war ihm in inniger Freundschaft und tiefer Dankbarkeit verbunden.
Mehr würde es zwischen ihr und dem Sandokka niemals geben, denn die Sandokka waren zweigeschlechtliche Wesen, Mann und Frau in einem, die zwei Mal in ihrem Leben ein Kind gebären konnten, wann, das regelte die Natur.
Es wäre schön gewesen, wenn er sie bis zuletzt auf ihrem Weg hätte begleiten können. Doch leider hatte die Vorsehung oder der RAT DER WEISEN, wie immer man das sehen mochte, es anders bestimmt.
Und so waren wieder Danina und Karon, Hetzel und Ephlor und natürlich das Mauswiesel Mawi ihre treuen Begleiter. Alles war wie zu Beginn ihrer Suche nach dem Zaubersamen, nur dass diesmal Lestopoktus dabei war, ihr Bruder, der sie aus dem Kerker in Teufats Burg befreit hatte. Ohne ihn hätte sie den Zaubersamen niemals gefunden. Oh ja, Teufat hatte ihn wahrlich gut und sicher versteckt. Ohne die ihr zur rechten Zeit gesandte Vision wäre sie niemals darauf gekommen, dass der Zaubersamen in Lestopoktus´ blasenförmigen Schwanzende in einer Kapsel versteckt war.
„Was ist? Träumst du?“, fragte Hetzel und führte seinen braunen Wallach so dicht an ihr vorbei, dass er sie streifte.
Samiras trat hastig beiseite. Sie hatte in Gedanken versunken mitten im Eingang zum Stall gestanden und nicht bemerkt, dass ihre Gefährten die Pferde bereits gesattelt hatten und sie ihnen den Weg nach draußen versperrte.
„Die Stute ist für dich“, sagte Ephlor, als er sein Pferd, eine graue Fuchsstute, am Halfter an ihr vorbeiführte.
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