„Als der Notarzt den Toten umgedreht hat, ist sie heruntergefallen. Er hatte sie anscheinend in der
rechten Hand.“
„Dann ist er doch allein nach oben gefahren? Suizid?“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Seine Verletzungen kann er sich da oben kaum geholt haben. Und infolge der Schwere der Verletzungen kann er unmöglich selbst den Kran in Gang gesetzt haben, um nach oben zu fahren. Vermutlich ist er irgendwo hier unten gestorben.“
„Sehr mysteriös“, stellte Lüdenkamp fest „Habt ihr Papiere oder Kleidung gefunden?“
„Weder noch.“
Brasche fragte: „Gibt es Fingerabdrücke an der Palette?“
„Jede Menge! Aber auf der schwarzen Lackfolie ist das auch kein Wunder“, antwortete Schneider. „Apropos Folie. Die beiden Handwerker, die den Toten entdeckt haben, haben gesagt, dass bei einer der Paletten mit fertigen Steinen die Folie fehlt. Und bei einem der Steine haben sie eine Beschädigung festgestellt.“
Brasche und Lüdenkamp gingen zu Wippert und Kruse, die etwas verunsichert außerhalb der Baustelle auf einer Treppenstufe saßen.
„Kripo Wesel, Hauptkommissar Brasche. Mein Kollege, Hauptkommissar Lüdenkamp. Bitte erzählen Sie mal, was sich hier heute Morgen abgespielt hat.“
Wippert und Kruse berichteten. Ab und zu stellten die beiden Kripo-Beamten ergänzende Fragen. Vor allem interessierte sie: „Was meinen Sie, wie der Tote nach da oben gekommen ist?“
„Er muss die Fernbedienung geklaut haben und sich mit dem Kran gut auskennen. So ohne weiteres kann man mit dem nicht herumspielen. Und die Fernbedienung ist auch ein anderes Kaliber als die kleinen Dinger, die man vom Fernsehen kennt.“
„Das heißt, dass da ein Fachmann am Werk war?“
„Das glaube ich schon“, antwortete Wippert.
„Gut. Der Tote oder jemand anderer hat also die Fernbedienung geklaut. Und wo ist sie wieder aufgetaucht?“
„Auf der Palette. Der Notarzt hat sie entdeckt.“
„Waren Sie dabei?“, fragte Lüdenkamp.
„Nein, aber wir konnten das von hier aus beobachten“, antwortete Kruse. Brasche ging wieder zu Schneider.
„Das mit der Fernbedienung ist merkwürdig“, stellte Brasche fest. „Der Tote kann aufgrund seiner Verletzungen nicht allein nach oben gefahren sein. Wozu hatte er dann die Fernbedienung?“
„Keine Ahnung! Vielleicht hat sie ihm jemand in die Hand gedrückt.“
Brasche ging wieder zu Lüdenkamp und den beiden Steinmetzen.
„Kann man den Kran auch ohne Fernbedienung in Gang setzen?“, fragte er.
„Ja sicher. Sonst hätten wir den Toten ja nicht nach hier unten bekommen.“
„Wie geht das?“
„Das ist ganz einfach, wenn man sich auskennt und den Schlüssel zum Kran hat“, sagte Kruse.
„Und wer hat den Schlüssel?“
„Helge, also der Polier, und ich.“
„Sonst keiner?“
„Nein, außer uns beiden keiner.“
„War der Kran offen, als Sie beide heute Morgen hier angekommen sind?“, fragte Lüdenkamp.
„Nein, der war ordnungsgemäß verschlossen. Ich habe ihn erst aufgeschlossen, als wir gemerkt haben, dass die Fernbedienung weg war“, antwortete Kruse.
„Die Fernbedienung wird also nicht im Kran aufbewahrt?“, wollte Brasche wissen.
„Eigentlich schon. Aber wir deponieren sie meistens in einem Versteck in der Fassade. Das ist einfacher. Da müssen wir nicht jedes Mal den Kran auf- und zuschließen.“
„Und das Versteck kannte keiner außer Ihnen beiden?“
„Nein, ganz sicher nicht!“, meinte Wippert.
„Halten Sie es nicht für möglich, dass jemand Sie bei der Arbeit beobachtet hat?“, wollte Lüdenkamp wissen.
„Das kann ich mir kaum vorstellen“, meinte Kruse. „Hier laufen zwar jeden Tag einige Menschen über den Platz. Manche bleiben auch stehen und sehen sich die allmählich wachsende Fassade an. Aber das Versteck für die Fernbedienung ist von draußen – ich meine außerhalb der Baustelle – nicht zu sehen. Ich zeige Ihnen das mal.“
Brasche und Lüdenkamp stapften hinter Kruse her, nachdem sie sich bei Schneider vergewissert hatten, dass sie nichts mehr zertrampeln konnten. Kruse führte sie zu einem kleinen zurückspringenden Raum am linken Rand der Fassade, wo später - als krönender Abschluss - der Turm entstehen sollte. Dort hielten sich die Arbeiter bei schlechterem Wetter in den Pausen auf. Dort aßen sie ihre Mahlzeiten. Und dort brachten sie tagsüber auch ihre persönlichen Gegenstände unter. Ganz unten in einer Ecke zeigte ihnen Kruse einen kaum sichtbaren Spalt im Fundament.
„Das ist unser Geheimfach“, sagte er.
„Das ist von draußen ja tatsächlich nicht ohne Weiteres zu sehen“, stellte Lüdenkamp fest. „Da müsste Sie schon jemand gezielt ausgespäht haben, um an die Fernsteuerung zu gelangen.“
„Das sehe ich auch so“, stimmte ihm Brasche zu.
„Ihr Kollege hat uns erzählt, dass etwas mit einer Palette nicht stimmt“, sagte Lüdenkamp.
„Ja“, antwortete Kruse. „Wir haben gestern die letzten Steine aus einer offenen Palette verarbeitet. Alle anderen waren noch verschweißt. Jetzt fehlt bei einer Palette der obere Teil der Folie. Und bei einem der Steine ist eine Kante beschädigt. Das kann natürlich auch schon beim Transport nach hier passiert sein. Aber das wäre ungewöhnlich. Haben wir bis jetzt jedenfalls noch nicht gehabt. Und die Folie war gestern Abend auf jeden Fall noch vorhanden.“
„Schwarze Folie wie auf der Palette mit dem Toten?“, wollte Brasche wissen.
„Nein. Die Steine sind alle in durchsichtiger, farbloser Folie verschweißt.“
„Gut. Vielen Dank. Halten Sie sich bitte zur Verfügung. Wenn wir weitere Fragen haben sollten, melden wir uns. Ach ja. Wegen Ihrer Fingerabdrücke: Kommen Sie doch bitte morgen Vormittag ins Kriminalkommissariat im Kreispolizeigebäude, Reeser Landstraße.“
„Okay“, sagte Wippert.
Der Tote wurde abgeholt und in die Pathologie in Duisburg gebracht.
Die Arbeit der Spurensicherung ging weiter. Bisher hatte sie festgestellt, dass am Kran keine Einbruchsspuren festzustellen waren. Wenn die Angaben der beiden Steinmetze stimmten, dass es nur zwei Schlüssel gab, dann musste der Kran auf andere Weise bewegt worden sein. Die beiden hatten jedenfalls ihre Schlüssel vorgewiesen und angegeben, sie in der Tatnacht jeweils bei sich in ihrer Pension aufbewahrt zu haben.
Die Palette konnte von der Baustelle stammen. Das war noch genauer festzustellen. Die aufgetackerte schwarze Folie dagegen stammte nach Angaben der beiden Handwerker ebenso wenig aus dem Baustellenbereich wie der kleine Karton mit den Tackerklammern, der neben der Palette lag.
Völlig rätselhaft war auch, woher die Schrift auf der Unterseite der Palette stammte, die schon beim Herunterfahren entdeckt worden war und jetzt - nach dem Abtransport des Toten – genauer unter die Lupe genommen wurde. In großen pinkfarbenen Buchstaben war da – ebenfalls auf einer schwarzen Folie - zu lesen:
AKTION
ANTIFA
SSADE
Lüdenkamp, der noch vor Ort war, wunderte sich: „Antifa? Das ist doch die Abkürzung für ‚Antifaschismus’ und steht für linksradikale und autonome Gruppen, die Nationalismus und Rassismus bekämpfen. Von einer ‚Aktion Antifa’ und einer Gruppe S-S-A-D-E habe ich hier in Wesel noch nie gehört.“
„Ich auch nicht“, stimmte ihm Schneider zu. „Es gibt natürlich auch hier bei uns Einzelpersonen und Gruppen, die sich gegen jede Art von Faschismus und Neonazismus aussprechen. Vor allem in den Schulen wird dieses Thema immer mal wieder aufgegriffen und diskutiert.“
Lüdenkamp sagte: „Ich glaube, ich hab’s. Wir haben die Buchstaben falsch getrennt. Das heißt ‚AKTION ANTI FASSADE’ und richtet sich gegen den Bau der Rathausfassade.“
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