Der Geselle kam kurz danach zurück: „Die ist weg!“
„Wer ist weg?“
„Die Fernsteuerung ist nicht da!“
„Das gibt’s doch nicht!“
Inzwischen war ein leichter Wind aufgekommen, und die Palette über ihnen begann sich leicht zu bewegen. Die beiden starrten nach oben und beobachteten verwundert, dass sich die Hand bewegte. Es sah aus, als wenn sie ihnen zuwinkte. Und dann rutschte plötzlich ein ganzer Arm über die Kante der Palette und schaukelte im Wind.
Kruse meinte grinsend: „Besser arm dran als …“
„Lass deine blöden Witze!“, wurde er von Wippert unterbrochen. „Ich glaube, das ist kein Scherz. Da liegt einer auf der Palette.“
„Quatsch! Wie soll der denn da oben hingekommen sein?“
„Das weiß ich auch nicht. Starte mal den Kran von Hand. Ich sehe mir inzwischen das Ganze von oben an.“
Kruse verschwand in Richtung Kran. Wippert rannte zum Baugerüst, das links – dort, wo später der Turm der Historischen Rathausfassade entstehen sollte – bereits bis zur oberen Fensterreihe des Hauses Nr. 9 reichte, und kletterte, so schnell er konnte, nach oben. Als er dort angekommen war, stellte er fest, dass der Kranausleger mitsamt der daran hängenden Palette immer noch ein ganzes Stück über ihm schwebte. Er sah, dass die untere Fläche der Palette mit irgendwelchen roten Buchstaben beschriftet war. Lesen konnte er das aus seiner Perspektive nicht. Und was auf der Palette lag, konnte er ebenfalls nicht sehen.
„Ich kann nichts erkennen. Das ist zu hoch“, rief er nach unten.
Kruse hatte in der Zwischenzeit das Krangehäuse geöffnet und rief: „Jetzt müsste es gehen. Soll ich die Palette absenken?“
„Ja, aber ganz langsam. Und erstmals nur ein paar Meter.“
Man hörte das Surren des sich langsam abrollenden Stahlseils, und die Palette bewegte sich zentimeterweise nach unten. Als sie auf gleicher Höhe mit Wippert angekommen war, rief der: „Vorsichtig stopp!“
Das Surren hörte auf, und die Palette schaukelte langsam hin und her.
„Siehst du was?“, rief Kruse nach oben.
Es dauerte einen Moment. Dann kam die Antwort:
„Da liegt tatsächlich jemand drauf! Ein Mann! Er
bewegt sich nicht! Lass mal ganz langsam runter.
Ich komme auch.“
Der Polier war früher wieder unten als die Palette. Er war hinuntergerannt, so schnell er konnte, und beobachtete jetzt, wie der Geselle vorsichtig den Kran stoppte. Die Palette schwebte etwa einen Meter über dem Boden, auf dem überall in Folie verschweißte Pakete mit fertigen Steinen verteilt waren.
„Sieht aus wie ein Mann“, stellte Kruse fest. „Wie ein nackter Mann. Wie ein eingerahmter toter nackter Mann.“
Die Palette war auf der Oberseite mit einer schwarzen, an den Rändern festgetackerten Kunststoff-Folie bespannt. Rundherum lief ein etwa vier Zentimeter breiter ockerfarbiger Rand. Auf der Palette lag ein völlig textilfreier, nur mit Sportschuhen und einer Armbanduhr bekleideter Mann, lang ausgestreckt, auf dem Rücken, mit gespreizten Beinen und ausgebreiteten Armen. Er hatte eine sportliche Figur und ziemlich lange dunkle Haare. Der Anblick erinnerte Wippert spontan an eine Zeichnung von Leonardo da Vinci: die berühmte Proportionsstudie des ‚vitruvianischen Menschen’. Die war ihm während seiner Ausbildung zum Steinbildhauer ein paar Mal begegnet, und er hatte sich mit der Theorie des ‚wohlgeformten Menschen’, die ursprünglich von dem römischen Architekten Marcus Vitruvius Pollio stammte, eingehend beschäftigt. Vor Jahren hatte er sich sogar das Original der Tintenzeichnung von da Vinci in der ‚Gallerie dell’ Academia’ in Venedig angesehen. Und seit er im vergangenen Sommer im Urlaub in Italien gewesen war, trug er den ‚vitruvianischen Menschen’ auf der Rückseite einer italienischen 1-Euro-Münze immer bei sich.
Wippert wurde unsanft in die Realität zurückgeholt.
„Helge! Hallo!“, rief Kruse laut und knuffte ihm in die Seite.
Wippert bemerkte jetzt, dass das, was er da sah, in Wirklichkeit wenig mit dem Ideal der da Vinci-Zeichnung zu tun hatte: Die Palette war rechteckig statt quadratisch; der Kreis, der bei da Vinci den ‚wohlgeformten Menschen’ einrahmte, fehlte; und: der Mann vor ihm lag nicht mittig auf der Palette. Vielmehr war er, vermutlich durch die Schaukelei am Kran, in Richtung einer der Längskanten verrutscht. Sein linker Arm baumelte über diese Kante.
Wippert war jetzt wieder voll da: „Wir brauchen einen Arzt. Schnell! Ruf die 1-1-2!“, rief er.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis der Rettungswagen und der Notarzt an der Baustelle ankamen. Der Arzt stellte fest, dass der Mann auf der Palette tatsächlich tot war. Bei der dann folgenden ersten Leichenschau fielen ihm vor allem die schweren Kopfverletzungen auf.
„Kennen Sie den Mann?“, fragte er, an Wippert und Kruse gewandt.
„Nein“, antwortete Wippert.
Kruse stimmte ihm zu: „Den habe ich auch noch nie gesehen.“ Dann fragte er: „Können wir ihn nicht zudecken?“
„Nein, auf keinen Fall! Das soll die Polizei machen. Ich kann hier nichts mehr tun.“
Der Notarzt stellte den Totenschein aus und bescheinigte darin ‚eine nicht natürliche Todesursache’. Dann informierte er die Weseler Kripo und verschwand wieder - nicht ohne den dringenden Rat, nichts anzufassen oder zu verändern. Inzwischen hatten sich einige Neugierige um die Baustelle herum versammelt. Wippert und Kruse verschlossen den Eingang mit einem dafür vorgesehenen beweglichen Zaunstück. Dann warteten sie auf die Polizei.
Die Spurensicherung war schon eine geraume Zeit tätig, als die Kriminal-Hauptkommissare Armin Brasche und Hans Lüdenkamp am Großen Markt auftauchten.
Brasche wandte sich an die drei Männer in Weiß, die zwischen den Sandsteinpaketen umherwuselten und ein bisschen wie Bergsteiger am Himalaja aussahen.
„Hallo Schneider. Was macht die SpuSi?“, fragte er.
„Die SpuSi sichert Spuren.“
„Ach was!“
„Jedenfalls hat sie das so lange getan, bis zwei offenbar schlecht gelaunte Kommissare am Tatort herumtrampelten.“
„Hauptkommissare! Wenn schon, denn schon!“, korrigierte Lüdenkamp.
„Na gut“, grinste Schneider.
„Und? Wie sieht’s aus?“, fragte Brasche.
„Der Tote ist tot“, kam postwendend die Antwort.
„Geht’s ein bisschen detaillierter?“ Lüdenkamp klang ein wenig knurrig.
„Natürlich“, sagte Schneider beschwichtigend. „Der Notarzt hat eine nicht natürliche Todesursache festgestellt. Und erhebliche Kopfverletzungen, die vermutlich ursächlich für den Tod sind.“
„Wie und wo genau ist er gestorben?“, wollte Brasche wissen.
„Mit ziemlicher Sicherheit nicht da oben auf der
Palette.“
„Oben auf der Palette?“, fragte Brasche verwundert.
„Ja. Er baumelte da oben am Kran, als er entdeckt wurde.“
„Wie kommt er jetzt nach hier unten?“
„Die Bauleute haben ihn heruntergeholt.“
„Und wieso kann er nicht da oben gestorben sein?“, fragte Lüdenkamp.
„Weil wir kaum Blut auf der Folie gefunden haben, auf der er liegt. Bei den schweren Verletzungen müsste das anders aussehen.“
„Gibt’s Hinweise auf Fremdverschulden?“, fragte Brasche.
„Bis jetzt nicht.“
„Aber der Tote kann sich doch nicht selbst da hingebeamt haben“, wandte Brasche ein und blickte nach oben, wo der Kranhaken langsam hin und her schaukelte.
„Das müsst ihr rausfinden. Bis jetzt steht nur fest, dass er eine Funk-Fernbedienung für den Kran bei sich hatte.“
Brasche grinste: „Hatte er die in der Tasche?“
Schneider ging auf seinen Scherz ein: „Hast du schon mal einem nackten Mann …?“
„Nein. Wo hatte er sie denn versteckt?“
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