Der Jäger setzte sein Verhör fort:
„Und wohin reist du?“
„Ich suche neue Freunde und will mich weiterbilden“, antwortete ohne Zögern der kleine Prinz.
„Freunde?“ sagte der Jäger, „Freunde? ... Die gibt es hier nicht.“
Seine Stimme klang dabei so entschieden, dass sich die Augen des kleinen Prinzen vor Überraschung weiteten.
„Hast du keine Freunde?“ fragte er ungläubig.
„Ich dachte mal, ich hätte einen“, bekannte der Jäger, „aber jedes Mal, wenn wir auf der Pirsch waren, zielte er auf dasselbe Tier wie ich.“
Er schulterte sein Gewehr:
„Da habe ich ihn fortgeschickt.“
„Er tut mir leid“, bemerkte der kleine Prinz.
„Er?“ fragte der Jäger überrascht. „Ich sollte dir leid tun. Ich muss jetzt allein in diesem Revier leben!“
„Wann habt ihr immer gejagt?“ fragte der kleine Prinz.
„Morgens um fünf und abends, so wie jetzt.“
„Und ab wann warst du glücklich?“
„Natürlich jedes Mal, wenn ich einen Hasen erlegt hatte ... oder ein Reh ... oder sogar einen Fuchs!“
Der Jäger ließ seine Erinnerungen frei:
„Das eine Mal hat er dreimal danebengeschossen, Päng, Päng, Päng ...“
Seine Finger zerschnitten dreimal die Luft. Dann, selbstgefällig:
„Bei mir ... ein Schuss!“
Beifall heischend blickte er zu dem kleinen Prinzen hinunter, zuckte jedoch zusammen, als dieser heftig mit einem Fuß auf den Boden stampfte:
„Ich habe einen Fuchs zum Freund“, erregte sich der kleine Prinz, während sich sein Gesicht deutlich zu verfärben begann. „Du hättest ihm bloß nachgestellt, aber er wollte, dass ich ihn zähme!“
Dieser unerwartete Gefühlsausbruch machte den Jäger höchst betroffen:
„Gezähmte Füchse finde ich langweilig“, versuchte er sich zu entschuldigen. „Außerdem ist es gegen die Natur.“
Doch der Zorn des kleinen Prinzen steigerte sich bei diesen Worten nur noch mehr. Sein Gesicht war jetzt ganz blass:
„Du hast keine Ahnung von der Natur“, erwiderte er anklagend, „mein Fuchs liebte das Getreide, weil ihn die Farbe an mein Haar erinnerte!“
Er ballte seine Hände zu Fäusten:
„Er hat sogar das Rauschen des Windes darin liebgewonnen! ... Und die Raupen ...“
„Was ist mit den Raupen?“ fragte der Jäger, der sich nur noch mit Mühe beherrschen konnte.
„Meine Rose hat gelernt die Raupen zu ertragen, weil sie die Schmetterlinge mag!“
Er schrie seine Antwort förmlich heraus.
Jetzt wurde es dem Jäger zu bunt:
„Was regst du dich so auf?“ sagte er. „Habe ich dir oder deinem Fuchs etwas getan? “
Seine Stimme wurde streng:
„Ich erfülle nur meine Pflicht“, ein Hustenanfall unterbrach ihn, „bei Wind und Regen, und du behandelst mich wie einen Verbrecher?“
Aber der kleine Prinz blieb in seinem ohnmächtigen Zorn erstarrt.
„Ach, mach doch was du willst“, sagte der Jäger. „Urteile weiter über Dinge, die du nicht kennst!“
Und mit diesen Worten ließ er den kleinen Prinzen einfach stehen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis dass der kleine Prinz wieder zu sich fand. Bestürzt schaute er dem Jäger nach, der sich mit weiten Schritten von ihm entfernte.
„Was habe ich getan?“ sagte er tonlos. „Was ist mit mir?“
Und er lief verstört in den nahen Wald, dessen Bäume mahnend zum Himmel zeigten.
III
Am nächsten Morgen wartete der kleine Prinz auf den Jäger, doch vergeblich. Die Plattform blieb leer. Tag um Tag verging. Und mit jedem Tag, mit jeder Stunde, begannen die letzten Worte des Jägers – „Urteile weiter über Dinge, die du nicht kennst“ – mehr und mehr im kleinen Prinzen zu wirken.
Am Morgen des siebenten Tages aber kehrte der Jäger endlich zurück.
„Waidmannsheil!“ grüßte ihn der kleine Prinz.
„Waidmannsdank“, antwortete der Jäger, überrascht von diesem freundlichen Empfang.
„Ich möchte dich um Verzeihung bitten“, begann der kleine Prinz zaghaft, hielt aber zu sprechen inne, weil ihm auffiel, dass der Jäger ohne sein Gewehr erschienen war.
„Vielleicht gibt es hier auch gezähmte Tiere ...“ erklärte der Jäger, der den erstaunten Blick des kleinen Prinzen wohl zu deuten wusste.
„Dein Vorwurf ... Erzähle mir von deiner Arbeit“, bat ihn der kleine Prinz.
Sie setzten sich ins Gras.
„Ich hege und pflege das Wild“, begann der Jäger. „Irgendwann im Lauf der Zeit sind die Dinge durcheinander geraten, und nun müssen wir Jäger der Natur helfen, sie neu zu ordnen.“
„Auf meinem Planeten ist noch alles in Ordnung“, warf der kleine Prinz ein und blickte dem Jäger in die Augen.
„Das ist selten“ sagte der Jäger. „Die Unordnung greift immer mehr um sich. Sie beginnt ganz klein, nährt sich von der Ordnung, und dann, auf einmal, sprengt sie das gesamte Gefüge.“
Der kleine Prinz nickte verstehend.
„Wie bei den Affenbrotbäumen?“ fragte er.
„So ähnlich“, stimmte ihm der Jäger zu. „Aber die falsche Schönheit ihrer Triebe ist auf fast allen Planeten bekannt. Bei der Unordnung ist das anders.“
„Warum?“
„Die Ordnung erscheint vielen Menschen langweilig“, antwortete der Jäger. „Sie denken, sie erhält sich von selbst. Deswegen freuen sie sich über das Andere, das die Unordnung mit sich bringt. Den Wert des Alltäglichen erkennen die meisten Menschen nicht mehr, sobald sie sich daran gewöhnt haben.“
Der kleine Prinz musste unwillkürlich an seine Besuche bei der Rose denken:
„Ich habe jeden Tag meine Rose besucht“, sagte er zu dem Jäger. „War das ein Fehler?“
„Du meinst, ob du sie am Ende gelangweilt hast?“
Der Jäger schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht ... Nicht, wenn sie dich geliebt hat!“
Der kleine Prinz schloss die Augen, um den Jäger zum Schweigen anzuhalten. Er wollte dessen Worte bedenken.
Plötzlich gähnte der Jäger.
„Hast du heute Nacht auch nicht geschlafen?“ fragte der kleine Prinz mitfühlend.
„Nein“, antwortete der Jäger, „und das war gut so ... Hoheit!“
Und er machte einen gutmütigen Diener in Richtung des kleinen Prinzen.
„Woher weißt du, dass ich ein Prinz bin?“ staunte der kleine Prinz.
„Die Nacht hat auch bei dir ihre Spuren hinterlassen“, antwortete der Jäger. „Ich sehe es an deinem Gesicht und höre es an deinen Worten.“
Den kleinen Prinzen überlief ein Schauder, als er an die vergangene Nacht dachte. Wieder und wieder hatte ihm der Wald die letzten Worte des Jägers zugeflüstert.
„Meinst du, ich darf jetzt weiterreisen?“ fragte er, etwas unsicher und verlegen.
„Es liegt in deiner Natur!“ sagte der Jäger, „aber davon verstehe ich ja nichts.“
Und er schickte ein tiefes Lachen hinterher.
„Leb wohl“, sagte der kleine Prinz, der es nun sehr eilig hatte. Er zog seinen gelben Seidenschal fester.
„Warte noch“, rief der Jäger, „ ich habe dir ein paar Kräuter mitgebracht. Ich glaube, du wirst ihren Duft mögen.“
Er reichte dem kleinen Prinzen einen unscheinbaren Beutel:
„Als kleiner Ausgleich für den großen Schrecken bei deiner Ankunft“, fügte er hinzu.
Der kleine Prinz verstaute den Beutel sorgfältig in seiner Rocktasche.
„Nun leb wohl“, sagte der Jäger, „gute Reise ... und grüß deinen Fuchs von mir!“
Und der kleine Prinz setzte seine Reise zuversichtlich fort.
IV
Der zweite Planet war der des Soldaten. Er marschierte vor seinem Schilderhäuschen auf und ab. Zehn Schritte nach rechts. Kehrt. Zehn Schritte nach links. Kehrt. Zehn Schritte nach rechts. Kehrt ...
Als der Soldat den kleinen Prinzen sah, blieb er stehen und salutierte.
Dann sagte er:
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