Und dann las Frau Hubert weiter:
„Allmählich wachte Leon auf und befreite sich zunächst aus seiner Bettdecke, in der er gefangen war. Schweißgebadet und leicht zittrig auf den Beinen, ging er ins Bad um sich zu duschen. Er dachte dabei immer wieder an den so realen Alptraum und entschloss sich, seinen
Freund Paul anzurufen. Gleich nachdem er das Bad verlassen hatte, warf er sich zunächst einen Bademantel über und wählte die Nummer. Paul meldete sich gleich persönlich: „Polizeipräsidium Köln, was kann ich für sie tun?“
Nervös und mit stockendem Atem, meldete sich Leon:
„Hallo Paul, ich bin es Leon.“
Den genervten Unterton von Paul ignorierte Leon.
„Hallo Leon, was gibt es denn? Du brauchst nicht zufällig wieder Informationen für ein neues Buch? Du weißt, ich habe viel zu tun.“
Er ignorierte die Frage seines Freundes bezüglich seines neuen Buches und nach den richtigen Worten suchend, versuchte Leon sich so kurz wie möglich zu halten.
„Ich hatte gerade einen merkwürdigen Traum, der sehr real war und wollte gern von Dir wissen, ob es in den letzten vierundzwanzig Stunden in der Stadt einen Banküberfall gab?“
Man konnte hören wie Paul etwas in den Computer eingab und antwortete Leon:
„Nein, das wüsste ich. Alles ist so ruhig wie schon lange nicht mehr. Sei also beruhigt.“
Leon war erleichtert, dass es wohl doch nur ein Traum gewesen sein musste.
Er entschied daher, diesen Traum nicht allzu ernst zu nehmen. In knappen Worten antwortete er seinem Freund:
„Schon gut. Vielen Dank für dein Verständnis. Ich werde diesem Traum nicht soviel Bedeutung schenken und bin beruhigt, dass es nur ein Traum war.“
Verwirrt über Leons heutiges Verhalten beendete Paul das Telefonat. Sein Freund verhielt sich sonst nicht so seltsam, ging es ihm durch den Kopf. Also musste doch mehr dahinter stecken. Er entschied die Sache im Auge zu behalten. Leon haderte währenddessen mit sich, ob er allmählich verrückt wurde. Er nahm sich noch einen Kaffee und setzte sich an seinen Rechner, um seine Erinnerungen an den Traum zu notieren. Wenn es schon nicht real war, sollte daraus wenigstens eine Geschichte entstehen. Ein möglicher Krimi, ging es ihm durch den Kopf. Er schrieb alles auf, bis ins kleinste Detail und jede noch so unwesentliche Kleinigkeit. Daraus wurden einige Seiten.
„Wird daraus dann ein richtiger Krimi?“, fragte Monika und Sven antwortete:
„Warte es doch mal ab und lass Frau Hubert weiterlesen.“
„Geht das auch etwas freundlicher“, fauchte Monika zurück und setzte sich abseits von Sven.
Am nächsten Tag saß Leon in seinem Arbeitszimmer und schrieb weiter an seinen Werken. Inzwischen war die erste Kurzgeschichte in der Zeitung veröffentlicht worden. Darüber freute er sich natürlich und legte die Zeitung vorsichtig in einen Karton. Im nächsten Augenblick klingelte das Telefon. Es lag glücklicherweise vor ihm. So, dass er diesmal nicht erst in den Flur hetzen musste. Er nahm das Gespräch an. Sein Freund Paul meldete sich. Seine Stimme klang dringend:
„Hallo Leon, ich muss mit dir sprechen. Können wir uns im Café Baltimore
treffen?“
Leon war überrascht, er kannte Paul mit einem solch eindringlichem Ton nicht.
Er sagte zu. Leon nahm seine Jacke von der Garderobe, griff zu seinen Schuhen und nahm die Schlüssel an sich. Wie er die Wohnung verließ, schloss er wie gewöhnlich
zweimal ab. Der Treppenflur war um die Mittagszeit still und leer. Kaum jemand war um diese Zeit zu sehen. Er lief gemütlich den Weg zum Café rüber. Wie er am Zeitungsladen vorbei kam, wurde sein Blick förmlich auf die Titelnachricht einer Tageszeitung gezogen. Ein beklemmendes Gefühl überkam ihn. Er kaufte sich die Zeitung und las den Artikel direkt vor Ort. Das durfte nicht wahr sein, dachte er. Was er las, schockierte ihn. Denn der gestrige Traum war doch noch wahre und schonungslose Realität geworden.
„ÜBERFALL AUF STÄDTISCHE BANK“
las er und darunter ein paar Details darüber. Es lief alles genauso ab, wie in seinem Traum vor ein einigen Tagen. Ein Mann kam ums Leben und andere Passanten wurden mit Schockzustand, ins Krankenhaus eingeliefert. Aber sie gingen ohne Verletzungen, aus der Geschichte hervor. Auch eine Frau, die offensichtlich den Tod ihres Zwillingsbruders rächen wollte und sich dabei auf einen der Bankräuber stürzte, wurde mit einer leichten Verletzung noch am Unfallort behandelt. Wie die Polizei außerdem mitteilte, sei sie die einzige Zeugin. Niemand sonst hätte angeblich das Gesicht des mutmaßlichen Anführers sehen können. „Wie in meinem Traum“, flüsterte Leon. Er faltete das Blatt zusammen und nahm den Weg zum Café wieder auf. Er dachte über diese Schlagzeile nach und welche Rolle seine „Vision“ dabei spielen könnte. Die Fragen häuften sich in seinen Gedanken, doch er fand keine Antworten darauf.
Wie war so etwas nur möglich?
Ein Zeichen?
Wollte ihm damit jemand etwas deuten?
Die Antworten auf die ganzen Fragen mussten warten.
Als er am Café Baltimore angekommen war, betrat er das Ambiente und schaute sich suchend um. Paul saß an einem der hinteren Tische, versunken in einer Zeitung. Leon setzte sich Paul gegenüber und begrüßte ihn. Dieser schaute erschöpft zu seinem Freund auf und begann das Gespräch ohne zu zögern zu beginnen:
„Ich hab leider nicht viel Zeit, ich muss nachher wieder zurück zum Revier.
Es wäre aber wichtig, dass wir uns unterhalten.“
Leon nickte und suchte nach der Bedienung. Die erschien als er seine
Hand hob, um seine Anwesenheit zu verkünden.
„Was kann ich Ihnen bringen?“
Fragte diese freundlich. Leon bestellte einen Latte Macchiato mit
viel Schaum, so wie er ihn mochte. Paul schaute ihn unterdessen die ganze Zeit skeptisch an. Diesen Blick kannte Leon von seinem Freund überhaupt nicht. Aus begrenzten Zeitgründen wartete nicht, bis Leons bestelltes Getränk gebracht wurde, sondern fuhr mit dem Gespräch fort. Er wies auf die Zeitung, die Leon auf dem Weg zum Café mitgebracht hatte und sprach ihn darauf an:
„Wie ich sehe, hast du dir die heutige Zeitung bereits geholt. Dann bist du
informiert und ich muss nicht ganz von vorn beginnen.“
Leons Blick wanderte auf die Zeitung neben sich.
Und unbeirrt bestätigte er Pauls Vermutung:
„Ja, die habe ich gerade beim Kiosk gekauft, da mir die Titelnachricht
ins Auge fiel. Darum geht es, richtig?“
Der Kommissar rührte seit Leons Anwesenheit seinen Kaffee wiederholt durch.
Offenbar versprach er sich so, seinen Kaffee länger warm zu halten oder aber seine Nervosität zu unterdrücken. Als er Leons prüfenden Blick endlich wahrnahm, legte er den Teelöffel auf der Untertasse ab und setzte das Thema fort:
„Ganz genau darum geht es. Wie du sicher gelesen hast, wurde die Bank
gestern Nachmittag überfallen. Wenige Minuten nachdem wir telefoniert hatten.“
Leon nickte verständnisvoll und sah Paul dabei ins Gesicht. Auf seiner Stirn
bildeten sich Schweißtropfen, denn obwohl er direkt unter einem der vielen
Ventilatoren saß, war es im Bistro übertrieben warm. Er fragte Paul anschließend:
„Habt ihr schon Hinweise oder die Typen erwischen können?“
Dieser schüttelte den Kopf und antwortete:
„Noch nicht, doch das wird meinen Kollegen gelingen. Ich wollte dich wegen
deines Traumes befragen. Möglicherweise könnte es für uns von wichtiger Bedeutung sein.“
Leon willigte mit einem erneuten kurzen Nicken ein.
Paul suchte in seiner Jackeninnentasche nach einem Notizblock und einem
Kugelschreiber, legte alles vor sich auf den Tisch, um bereit zu sein, jedes noch so kleine Detail zu notieren. Und fing mit der Befragung an:
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