Chan bedachte die Schwertmeisterin mit einem Blick. Leider war sie keine der legendären Medusen von Lordria. Sonst wäre Toshira in diesem Augenblick zu einer eisigen Skulptur ihrer Selbst erstarrt.
“Wir müssen gleich ausrücken. Es scheint Ärger zu geben.” Mit einem Mal war Toshira ernst geworden, eine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn.
“Du nimmst mich mit?”, rief Chan dennoch begeistert, nachdem sie eilig den Rest des Eintopfes in ihren Magen befördert hatte.
Sie sprang auf. “Soll ich meine Schwerter mitnehmen?”
Toshira nickte. „Wenn du meine mitbringst.“
“Danke, Toshi!” Es war das erste Mal, dass sie ihre Ziehmutter bei einem Einsatz begleiten durfte.
Kurz darauf stürzte Chan in ihr gemeinsames Zimmer im Gesindehaus. Schnell zog sie ihre Reithose an und tauschte ihr Hemd gegen ein schweres Lederwams, das an der Brust ziemlich spannte. Sie würde Toshira darum bitten, dass sie ein neues in Auftrag gab.
Dann griff sie unter ihr Bett und zog den Kasten mit ihren beiden Kasanschwertern hervor. Sie schlüpfte in das Kreuzgehänge mit den Schwertscheiden, wie sie es hunderte von Malen geübt hatte. Die Brustgurte waren perfekt angepasst. Sie zog sich die Reitstiefel an und rannte aus dem Zimmer.
Verdammt .
Sie drehte nochmals um und holte Toshiras Schwerter unter dem Bett ihrer Ziehmutter hervor. Kurz darauf eilte sie die Treppe ins Erdgeschoss hinab, öffnete die Tür zum Hof und begab sich im Laufschritt zu den Stallungen der Reitkatzen.
Toshira saß bereits auf ihrem Reitgepard. Sie hob eine Braue. “Aus dir wird vielleicht doch noch eine verlässliche Schwertschwester.” Sie zwinkerte Chan zu.
Chan übergab ihr das Gehänge mit den beiden gebogenen Kasans und nahm die Zügel ihrer eigenen Reitkatze — einem Nachtjäger — von einem der Stallburschen entgegen. Sie schwang sich auf den Rücken des Panthers und nickte Toshira zu. Sie war bereit.
Die Schwertmeisterin schien noch auf etwas zu warten.
Fünf Soldaten des Forts ließen sich die Zügel ihrer Reitkatzen von den Stalljungen übergeben. Einen der Jungen kannte Chan. Garm. Ein kleiner Zayao. Sein rötliches Fell war unverkennbar. Chan winkte ihm zu. Er winkte zurück. Er kümmerte sie gut um Navar, ihren Reitpanther.
Er machte ihr den Hof. Dass er ein paar Jahre jünger war, als sie, hielt ihn nicht davon ab. Stolz hatte er ihr vor einer Woche verkündet, dass er sie später heiraten wollte. Sie wäre seine Traumfrau.
Als sie gelacht hatte, war er schmollend abgezogen. Erst als sie ihn erneut aufgesucht und ihm erklärt hatte, dass sie sein Angebot in Erwägung zog, hatte er wieder mit ihr gesprochen. Er hatte ihr versichert, dass es ihm nichts ausmachte, dass sie ein Mensch war. Sie sei so schön, wie zehn Zayaomädchen zusammen.
Chan musste zugeben, dass sie sich geschmeichelt fühlte. Er hatte eine Charmante Art.
Einen Tag später hatte er ihr einen Ring an den Finger gesteckt.
"Jetzt sind wir verlobt", hatte er stolz verkündet.
Lächelnd blickte Chan auf ihre Hand. Der Holzring schmiegte sich immer noch an ihren Finger. Garm hatte ihn selbst geschnitzt und poliert.
Als Chan aufsah, ritt der Trupp auf sie und Toshira zu. Ihr Anführer war ebenfalls ein junger Zayao. Eine Katze auf einer Katze. Chan lächelte. Eine Reiterin des Trupps schien neu zu sein. Ein spitzes Ohr schimmerte kurz durch ihre rotbraunen Haare.
“Eure Eskorte meldet sich zum Geleit. Im Auftrag von Kommandant Mercos”, verkündete der Zayao. Sein rötliches Fell wies nahezu die gleiche Farbe auf, wie sein Reitpuma. Er hatte die Mähne so kurz geschoren, dass sein Nackenfell wirkte, als wären seine Haare ständig gesträubt.
“Vielen Dank, Truppführer Amaru!”
Erwartungsvoll bleckte der Zayao die Zähne, so dass sich seine Schnurrhaare aufspreizten.
“Wir folgen Euch, Schwertmeisterin!”
“Eine Patrouille wird vermisst”, verkündete Toshira, “drei Soldaten. Suchen wir sie.”
“Wartet, ich komme mit Euch!” Der junge Schreiber näherte sich der Gruppe auf einem Pferd.
Chan rollte mit den Augen. Man sollte den Stallburschen verbieten, Reittiere für Gelehrte zu satteln. Damit war Chans Hoffnung dahin, ihrem Lehrer wenigstens einen Ausritt lang entkommen zu sein.
Soweit sie wusste, war er nur fünf Jahre älter als sie selbst. Sie würde es ihm gegenüber nie zugeben, dass es sie beeindruckte, wie weit sein Wissen reichte. Das Problem mit ihm war, dass er diesen Umstand jedem unter die Nase rieb. Besonders Chan. Der Unterricht bei ihm war nicht langweilig. Er wurde nur durch die selbstgefälligen Ausführungen Ladhars zu einer Angelegenheit, die ätzend war, wie Chlorsäure. Zudem ließ er sie jedesmal spüren, dass er über ihr stand. Er bestand auf Ihr und Euch als Anrede. Er benahm sich derart gestelzt, dass Chan sich einmal zu der Aussage hinreißen ließ, er habe einen Stock im Arsch. Daraufhin war Chans Lieblingskleid ruiniert worden. Toshira hatte gerade den Mund voll mit Rotwein gehabt. Beide hatten sich vor Lachen ausgeschüttet.
Als Toshira sich von ihrem Lachanfall erholte, kommandierte sie Chan für ihre unflätige Bemerkung zum Küchendienst ab. Lächelnd hatte Chan der Köchin beim Abspülen der Töpfe und Pfannen geholfen.
Chan löste sich aus ihren Gedanken.
“Ladhar.” entgegnete Toshira trocken. “Ich wäre besorgt um Eure Sicherheit, falls wir in ein Gefecht geraten.”
“Vielen Dank für Eure Besorgnis, Schwertmeisterin. Ich denke, wenn der Ausflug für Chan ungefährlich genug ist, werden eine Schwertmeisterin und ein berittener Trupp ebenso für meinen Schutz ausreichen. Außerdem bietet sich sicherlich die eine oder andere Gelegenheit für die eine oder andere naturwissenschaftliche Lektion.”
“Dann gebt Acht, dass Euer Pferd nicht scheut, indem ihr es zu nah an die Reitkatzen führt.”
Toshira ließ ihm keine Zeit für eine weitere Antwort. Ihr Reitgepard trabte hinter dem Pferd des Schreibers entlang, so dass es einmal nervös im Kreis tänzelte.
Die Soldaten verhielten sich ein wenig rücksichtsvoller. Sie hielten etwas mehr Abstand, als sie das Pferd passierten.
Chan rieb die schwarzen Haare am Hals ihres Panthers gegen den Strich, was ihm ein Fauchen entlockte.
Ladhars Pferd stieg auf die Hinterhand.
Chan grinste und ließ Navar loslaufen.
Zun ächst gilt es, unsere Verteidigungsfähigkeit zu sichern und einen Gegenschlag vorzubereiten. Denn noch wichtiger, als nach einer Übereinkunft zu suchen ist es, das Leben der Völker Elestrias zu gewährleisten.
Chan genoss den Wind, als sie die hohen Palisaden des Forts hinter sich ließ und ins Freie galoppierte. Ihr Nachtjäger fauchte.
Toshira zeigte auf eine Erhebung in der Nähe. Sie schwenkten darauf ein. Schließlich hielt die Schwertmeisterin mitten auf dem Hügel an.
Zu ihrer Linken ragte ein schroffer Grat etwa zehn Schritt hoch auf, der im Fort als Drachenspeer bekannt war. Nach den anderen Seiten fiel die Anhöhe sanft ab.
Nachdem Toshira auf einen Busch mit einigen abgeknickten Zweigen gewiesen hatte, zeigte sie auf eine Stelle am Boden davor. “Der Sand ist aufgewirbelt worden. Hier hat ein Kampf stattgefunden.”
Chan saß ab und registrierte ein paar kleine Flecken in der Nähe der Felswand. “Blut”, raunte sie. Es war noch frisch.
Toshira saß ebenfalls ab und betrachtete die Spuren. Sie bedeutete Chan, sich wieder zu ihrem Nachtjäger zu begeben. Ein weiterer Tropfen hinterließ einen dunklen Fleck im Staub.
Blitzartig zog die Schwertmeisterin ihre Klingen.
Eine Gestalt stürzte von dem zerklüfteten Felsen herab. Noch im Sprung versuchte der Angreifer, Toshiras Schädel durch einen Hieb zu spalten.
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