„Möchten Sie noch einen Raketee?“ Die freundliche Stimme der Sekretärin riss ihn aus seinen Gedanken. „Nein, danke.“, antwortete er und fragte: „Sagen sie Frau Denz, wissen sie was man von mir will?“ „Nein bedaure. Das kann ich ihnen leider nicht sagen.“, antwortete Resi Denz lächelnd und räumte die Tasse vom Tisch. „Ein Wasser vielleicht?“, wollte sie wissen. „Wir haben das neue Perlenwasser!“. „Ja, gerne!“, antwortete Shabbadag und widmete sich wieder seinen Gedanken.
Perlenwasser! Das gab es auf Terra erst seit kurzem. Lotte Rie verkaufte das Getränk exklusiv über ihre Firma Amazonas. Lotte lernte Perlenwasser nach dem Absturz in Ostfriesland am Strand von Norden – Norddeich kennen. Shabbadag erinnerte sich gut daran, dass er den Terranern dort die Verwendung von Kohlensäure erklärte. Auf Terra gab es damals so ein prickelndes Trinkwasser nicht. Die fließenden und stehenden Gewässer Terras haben eigene Geschmacksrichtungen ohne Kohlensäure. Lotte Rie vermutete, dass sie Perlenwasser bestimmt gut vermarkten könne. Und nun siehe da! Sie zog Gewinn aus der Reise, obwohl diese so unglücklich begann. Shabbadag betrachtete die Flasche genauer. Perlenwasser stand in schnörkeliger Schrift auf dem Etikett. Erfrischend - Belebend - Ostfriesisch! Hergestellt im Auftrag von Lotte Rie. Er öffnete den Schraubverschluss, hörte das typische Zischen, dann nahm er einen kräftigen Schluck. Lecker.
Das Klingeln eines Telesprechs ließ Shabbadag aufblicken. Die Vorzimmerdame hob den Telesprechgriff ab und meldete sich. „Resi Denz. Ja, bitte?“ Sie lauschte einen Moment. „In Ordnung, kommt sofort.“, sagte sie freundlich und legte den Telesprechgriff zurück auf den Apparat. Ohne Hast stand sie auf, kam auf Shabbadag zu, schaute ihn lächelnd an und sprach: „Kommen Sie dann bitte, Herr Wixwurst. Der Oberbürger lässt bitten!“ Mit diesen Worten zeigte sie mit einer eleganten Handbewegung auf die verschlossene Tür des Nebenraums. Shabbadag stand auf und folgte ihr. Sie öffnete die Tür. Dahinter befand sich gleich noch eine Tür, an die Resi Denz dezent klopfte. Gleich darauf öffnete sie die Tür weit und trat mit einem Schritt in den Raum. „Herr Shabbadag Wixwurst für Sie!“, sagte Resi Denz in angenehmen Ton. Shabbadag betrat den Raum. Frau Denz verließ das Zimmer und zog die Türe hinter sich zu.
„Shabbadag Wixwurst! Ich freue mich, sie endlich persönlich zu treffen!“, sagte der Oberbürger. Er kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Shabbadag ergriff die Hand des Oberbürgers, schüttelte sie vorsichtig. Dabei verbeugte er sich leicht und wünschte „Tuten Gag“. „Kommen sie, mein Lieber“, sprach der Oberbürger. Er zog Shabbadag am Arm zu einer Sitzgruppe. Dort saßen fünf Personen, die Shabbadag in seiner Aufregung bisher nicht bemerkte. Jetzt zeigte er sich sichtlich überrascht, denn einige von ihnen kannte er! Strausselbert Eng klopfte auf das Polster des Sofas, auf dem er saß. Neben ihm glänzte ein freier Platz. „Komm, setz dich zu mir!“, sagte er freundlich und lachte ihm aufmunternd zu.
„Tuten Gag zusammen!“, stammelte Shabbadag die terranische Begrüßungsformel ein wenig unbeholfen in die Runde und nahm neben Strausselbert Platz. Oberbürger Tittus Doppeldee saß gegenüber. „Ihr beiden kennt euch ja schon!“, sagte dieser wissend. „Sind Ihnen die anderen Herrschaften ebenfalls bekannt?“ Shabbadag sah sich um. Persönlich kannte er nur eine weitere Person. Sigrid Sörvis ahlte sich gemütlich in einem mächtigen Ohrensessel. „Hallo!“, sagte sie grinsend, als er sie entdeckte und lachte laut auf, weil er so perplex aussah. „Überraschung!“, rief sie gut gelaunt. Die Anwesenden stimmten in ihr heiteres Lachen ein. Die ungezwungene Stimmung löste Shabbadags Anspannung etwas. Ferner trug die Anwesenheit zweier Bekannter dazu bei, dass sein Auftreten sicherer wurde.
Eine bemerkenswert gutaussehende junge Frau, die neben Tittus Doppeldee saß, kannte er (leider) nicht. Oberbürger Doppeldee stellte sie vor. „Darf ich bekannt machen? Das ist meine liebe Nichte! Die überaus wissbegierige und hochtalentierte Froni Verero!“ Froni lächelte charmant. Sie sah Shabbadag aus tiefblauen Augen an. Shabbadag traf dieser Blick auf Anhieb mitten ins Herz. Froni hielt ihm ihre rechte Hand zum Gruß hin. Lächelnd sagte sie: „Hallo Shabbadag. Freut mich sehr, dich kennenzulernen! Kannst mich Froni nennen!“ Shabbadag wurde es kalt und heiß zugleich, als er ihre Hand ergriff. Eine Gefühlsexplosion, wie sie in diesem Moment in seinem Körper stattfand, erlebte er nie zuvor! Froni überwältigte ihn im Sturm. Er brachte es soeben noch fertig, seinen Namen halbwegs anständig fehlerfrei zu stammeln. Danach sank er zurück in die weichen Polster des Sofas. Hochrot im Gesicht, emotional komplett überfordert. Er vermutete, dass er wie ein Vollidiot dastand. Die Männer im Raum bemerkten nichts davon. Sigrid Sörvis hingegen schon. Sie glaubte an die Liebe auf den ersten Blick und grinste Froni vielsagend an und zwinkerte ihr zu. Froni antwortete mit einem Nicken. Dabei lächelte sie, als wolle sie Sigrid zu verstehen geben: „Ja, du hast nicht zu viel versprochen! Das ist wirklich ein total Süßer!“
Zwei Herren der Runde waren Shabbadag nicht persönlich bekannt. Durch ihre Prominenz erkannte er sie aber sofort. Beide bedeutende Forscher, einer von ihnen regierte bereits als Oberbürger. Es handelte sich dabei um den ehrenwerten Professor Lee Verwagen, Dekan der Kackda Janethin Unität. Der andere Herr ist Kurt Sichtig, ein anerkannter Forscher. Dieser moderiert seit Jahren eine erfolgreiche wissenschaftliche Teleguck Sendung, die Shabbadag regelmäßig anschaute. Zunächst stellte der Oberbürger Kurt Sichtig vor. Als Kurt Sichtig Shabbadags Hand zum Gruß ergriff, lief Shabbadag augenblicklich ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Es entstand das gegenteilige Gefühl zu dem, welches er bei der Berührung Fronis erlebte. Die Hand des Kurt Sichtig fühlte sich sonderbar an. Kalt und feucht. Als Shabbadag sie drückte, entstand der Eindruck in mit Gelee gefülltes Gummi zu greifen. Unangenehm.
Als Nächsten lernte er Professor Lee Verwagen kennen, Vorgänger von Tittus Doppeldee auf der Position des Oberbürgers. Er erfüllte die „Vornehme Aufgabe“ und leistete Terra einen fantastischen Dienst. Lee führte das Autoinduktionssystem ein. Später kommen wir darauf zurück. Zudem ist der Professor verantwortlich für den Ausbau fruchtbarer Handelsbeziehungen zu Bewohnern anderer Planeten in ihrem Teil des Weltraums. Unter Leitung des Professors baute man den Warenaustausch mit diesen Völkern bedeutend aus. Trotzdem, dass sich darunter Planeten befinden, die nicht auf dem technologischen Stand Terras sind, entwickelte sich reger Handel in friedlichem Miteinander. Hauptaufgabe des Professors ist nichtsdestotrotz die Leitung der Kackda Janethin Unität.
„Shabbadag!“, begann Oberbürger Doppeldee. „Wir möchten etwas mit Ihnen besprechen, dass der allerhöchsten Geheimhaltung unterliegt. Egal mit welchem Ergebnis unser Gespräch endet, es darf nichts davon diesen Raum verlassen. Verstehen Sie das?“ „Ja!“, nickte Shabbadag. „Also gut. Ich übergebe das Wort an Professor Verwagen. Bitte sehr.“ Mit einer einladenden Geste in Richtung des Professors beendete der Oberbürger seine Einführung.
Überraschenderweise entpuppte sich Professor Lee Verwagen als Mann kurzer Erklärungen. Oft hören sich Akademiker gerne selber reden, jedenfalls nach der Meinung von Shabbadag. Professor Lee Verwagen bildete eine wohltuende Ausnahme. „Shabbadag, ich will es kurz machen. Oberbürger Doppeldee möchte seine „Vornehme Aufgabe“ erfüllen. Dazu hat er folgende Idee: Wir stellen ein Expeditionsteam zusammen, um Forschungen auf der Erde durchzuführen, aus denen wir Gewinn für Terra ziehen können. Ein speziell für diese Aufgabe geschultes Expeditionsteam soll sich, getarnt als Touristen, zwischen den Erde Menschen bewegen, forschen und Erkenntnisse sammeln. Wir möchten sie gerne als Leiter der Unternehmung gewinnen. Da sie bereits eine, zwar ungewollte, Erfahrung dieser Art gemacht und gemeistert haben, dachten wir an sie als Expeditionsleiter. Was sagen sie dazu?“ Shabbadag war überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet. Darum sagte er: „Ich bin überrascht! Damit habe ich nicht gerechnet!“
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