Das wird der schönste Tag des Jahrhunderts. Nevio hörte schon das Aufatmen so vieler Menschen, die psychische Entlastung, die Freudenschreie, die Maifeste, hungernde Menschen, die plötzlich wussten, sie könnten ihre Familie ernähren, ihr kleines Dorf neu aufbauen, Bildung geniessen.
Die Welt schrie nach Veränderung. Die obersten Staatsmänner wollten aber noch so lange wie möglich von ihrer Herrschaft profitieren, nochmals richtig absahnen, ohne das ihnen wirklich bewusst war, dass über kurz oder lang durch ihre Haltung alles mit ihnen gemeinsam zusammenstürzen würde. Tara gab ihre Vermutung ein, dass diese Menschen sich der ganzen Tragweite ihres Verhaltens nicht wirklich bewusst waren. Es half nichts, sie zu verurteilen. Wir alle mussten die Verantwortung wieder selbst übernehmen. Allein das war Evolution. In der Vergangenheit waren die Leidtragenden immer die Bevölkerung, welche ohnmächtig zusah. Diesmal war Nevio sicher, dass sich mit der Realisierung des bedingungslosen Grundeinkommens der Spiess umdrehen liesse. Das Chaos konnte er nicht verhindern. Das war ihm klar. Jedoch würde die Bevölkerung diesmal das Chaos im Besitz von Geld meistern. Die Bevölkerung war es gewohnt, mit schwierigen Situationen umzugehen, denn sie hatten alle lange genug dem Druck der Leistungs- und Konsumgesellschaft Stand gehalten. Die Machtgierigen würden diesmal lernen müssen und dennoch hatten auch sie ihr Existenzminimum zur Verfügung. Wo sich ganz sicher so mancher Bürger wünschen würde, dass diese eine Weile gar kein Geld bekommen dürften. Aber es ging hier mit dieser Vision nicht um Revanche. Was wir geben kommt zu uns zurück. Andere Kräfte waren hier für den Ausgleich zuständig. Es ging nicht um Verurteilung, sondern um „zu recht rücken“ der Dinge. Jeder würde in dieser Phase seine Entwicklung, seine Erfahrungen machen, die jetzt für das jeweilige Bewusstsein wichtig waren.
Tagebucheintrag Tara: „Mit einem Grundgehalt nehmen wir den Menschen nicht noch mehr weg, sondern geben ihnen etwas, das ihre Existenzangst mindert. Wir gehen von der Annahme aus, dass es dann weniger Opfer geben wird und weniger Missbrauch stattfinden wird. Die Menschen mit sehr hohem Bewusstsein werden mit Liebe und Passion Neues kreieren und grosse Veränderungen schneller herbeiführen. Diejenigen, die früher die Täter waren und Machtspiele ihr Motor des Wohlstandes waren, werden immer weniger haben und damit umgehen lernen müssen, weil niemand mehr ihre Machtspiele bedient. Wird dieses Grundeinkommen gewährt, wird ausdrücklich betont, dass die Kündigungsfristen in den Unternehmen eingehalten werden müssen, damit ein Umdenken Raum und Zeit hat. Chefs, deren Mitarbeiter nicht zufrieden waren, werden jetzt für eine Aussprache zu Tisch gebeten und wir bitten auch alle, die unzufrieden waren, jetzt nicht den Spiess umzudrehen und zum Täter zu werden, der Rache übt, sondern diesen Menschen durch Gespräch eine Möglichkeit des Umdenkens und Handelns zu gewähren. Sind sie dazu nicht bereit, geht eure neuen Wege. Auch die Chefetagen gehen mit einem Grundgehalt und werden nicht verhungern. Jedoch werden sie nicht mehr regieren. Auch Chefs, die mit ihren Mitarbeitern nicht zufrieden waren und diese auf Grund von gesetzlichen Regelungen behalten mussten, gewährt diesen noch eine Chance, ansonsten schickt sie nach Hause. Auch dieser Weg, der den Menschen etwas schenkt, ist ein neuer Weg und muss behutsam Schritt für Schritt neu gegangen werden. Alte Regeln werden wegfallen und mit jedem Schritt werden wir sehen, welche das sind. Welche sind überflüssig und welche haben noch einen Wert und erleichtern das Zusammenleben? Welche Regeln sind vielleicht noch hilfreich und werden neu besprochen? Es kann ein Weg des Glücks für Alle sein. Die Bestehenden doch so positiven Gegebenheiten im Leben können bestehen bleiben. Diese Dinge haben sich die Menschen erarbeitet, wie Supermärkte, Kosum in einem angemessenen Masse, Industrie, Transport und Vieles mehr. Alles wird weniger werden und jeder entdeckt für sich selbst sein individuelles Mass, mit dem der Mensch sich wohlfühlt. Dieser Weg könnte dahin führen, dass wir die Welt „einen“, es einen universellen Pass gibt, die Grenzen damit langsam abgebaut werden, jeder in diesem Pass das Land angibt, in welchem er gerade lebt. Auch wenn er in ein anderes Land umzieht, wird das Land im Pass einfach geändert. Die Regeln und Gesetzmässigkeiten der Länder werden gelockert, um funktionierende Regeln, die sich z.B. in einer kleinen Gemeinde positiv auf das Zusammenleben ausgewirkt haben, in ihr bestehendes System einfliessen lassen zu können, in dem Masse, wie es für die augenblickliche Situation im jeweiligen Land stimmt. Die Welt wird langsam zu einer einzigen grossen Gemeinschaft. Aber das heisst nicht, dass wir alle gleich sind. In den neuen Rahmenbedingungen dieser Gemeinschaft hat jeder die Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Diese Rahmenbedingungen verändern sich flexibel mit der weiteren Entwicklung, Erhöhung des Bewusstseins jedes Einzelnen von uns.“
Die Idee mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, einer Existenzgrundlage für alle Menschen, die einfach gegeben wurde, ohne Erwartung an die Menschen, die gegeben wurde, einfach weil jeder Mensch einzigartig war und in dieser Einzigartigkeit existierte, wurde formuliert. Tara, Nevio und ihr Team trugen zusammen, was für die Übergangszeit erhalten bleiben musste und was an Institutionen langsam wegfallen würde, weil sie überflüssig wurden. Sie ergründeten, was es an neuen Arbeits- und Hilfsgruppen geben müsste, um die Übergangszeit zu begleiten. Sie alle wussten, dass sie dort einen ganz neuen Weg gingen, der niemals hergeplant werden konnte. Er musste gegangen werden und während des Gehens, Schritt für Schritt, gäbe es neue Regeln, neue Gesetze, die aber immer wieder in Frage gestellt werden würden und erneuert oder eliminiert werden würden, sonst wäre der Mensch ganz schnell wieder dort, wo er begonnen hatte, im gleichen Dilemma.
Hier hiess es, einen lebendigen Organismus zu erschaffen, welcher sich flexibel jeder Veränderung der Zeit anpassen würde und nicht wieder zu einem toten, starren, unbeweglichen System entarten würde.
Das Bildungssystem war schon lange veraltet. Es würde ganz neu überdacht und viel freier gestaltet werden. Lehrer konnten z.B. über Internetwebschaltungen von zu Hause aus lehren oder sie unterrichteten eine kleine Gruppe, die sich doch lieber persönlich traf. Alles entstand auf der Basis der Freiwillig-keit (freier Wille). Schule war nicht mehr Zeitabhängig. So konnten Familien zum Beispiel zu anderen Zeiten reisen.
Der ganze Luftraumverkehr würde neu organisiert werden und entspannte sich auch mit der Zeit, da die Menschen nicht mehr reisen wollten, um sich in erster Linie zu entspannen, sondern, weil sie Freude hatten, andere Länder und Menschen in ihrem wirklichen alltäglichen Leben kennen zu lernen.
Es gab immer noch die Luxushotels, aber viele wollten auch in Familien leben oder machten einfach einen Tausch, Häusertausch, Couchhopping. Es gab weniger Stau auf den Strassen, weil die Menschen auch ihre Arbeitszeiten überdachten und mehr Jobsharing stattfand. So begannen die einen sehr früh, die anderen erst mittags. Abends entstanden mehrere Heimfahrt Phasen.
Während diesen Recherchen kam Nevio und Tara das Buch von Phillip Riederle „Wer wir sind und was wir wollen – ein Digital Native erklärt seine Generation“ in die Hände und sie mussten beide laut lachen und das ganze Buch war mit grünem Textmarker angestrichen, weil er ihnen so sehr aus der Seele sprach. Sie erinnerten sich beide an früher, ohne Handy, stattdessen Telefonzellen und Festnetz mit Kabel am grossen schweren Telefonapparat, ohne Auto, öffentliche Verkehrsmittel 2 Mal am Tag in ländlichen Gegenden und Neubausiedlungen, wenig Zugang zu Bibliotheken, wenig Freunde, weil wenig Kommunikation und so weiter. Heute schrieb dieser 18 jährige junge Mann sein erstes Buch. Selfpublishing war möglich. Überhaupt war nichts mehr unmöglich. Sie hatten damals um jeden kleinen Meter gekämpft, um ihre Träume annähernd zu verwirklichen, besser ausgedrückt, um ihre Träume nicht im Anflug schon wieder im Keime zu ersticken. Diese Welt, diese Technik war so genial. Steve Jobs hat uns mit seinen Visionen und ihrer Verwirklichung eine Freiheit geschenkt, die wir uns nie hätten erträumen können. Nun musste nur noch das Mass aller Dinge auf einen gesunden Level gebracht werden.
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