Anfangs war sie wegen der Kinder öfter zuhause geblieben, aber die dadurch höheren Personalkosten machten das Geschäft nicht mehr rentabel. So kamen die Kinder zu einer lieben Tagesmutter und sie arbeitete praktisch ganztags. Abends kochte sie noch, kontrollierte die Hausaufgaben und erledigte die Wäsche. Für das Grobe kam zwei Mal wöchentlich eine Putzfrau. Marilotta hatte sich große Mühe gemacht, um es besonders den Kindern recht zu machen. Leider ging die Rechnung nicht so auf, wie sie sich das vorgestellt hatten. Die Kinder bildeten eine Einheit und waren hauptsächlich dem Vater zugetan. Vielleicht weil sie nie Zeit gehabt hatte? Es musste doch die Buchhaltung für den Steuerberater vorbereitet werden und die ständigen Bestellungen. Um so etwas kümmerte sich ihr Mann nicht, aber an den Kegelabend dachte er schon! Ebenso an Fußball in Fernsehen, den er mit seinen Kumpels ansah. Zu Fußballspielen nahm er wenigstens die Kinder mit, so hatten sie das Gefühl, das er sich um sie kümmerte. Die Wochenenden waren manchmal schlimmer als der Rest der Woche, da sie leider feststellen musste, dass die Kinder lieber in ihren Zimmern blieben, als unten bei der Mutter. Dann standen noch regelmäßig am Sonntag Jürgens Eltern auf dem Programm. Oma und Opa kamen zum Kaffee und es musste natürlich ein selbstgebackener Kuchen sein. Kaufen kam nicht in Frage! Diese Nachmittage mit den dummen Fragen seiner Eltern, brachten sie an den Rand des Wahnsinns. Sie fühlte sich, als wenn sie gleich implodieren würde. Eigentlich bräuchte sie jede Minute, um mit ihren Kindern zu sprechen, zu fragen und zuzuhören. Wen interessierten schon deren Nachbarn und die dazugehörigen Urlaubsorte? Oder die tollen Tipps der Schwiegermutter zu neuen Diäten.
Manchmal konnte sie sich nur mit ein paar Runden joggen abreagieren. Ein paar Urlaube leisteten sie sich in den letzten Jahren mit den Kindern. Einige fröhliche Bilder an der Wand zeugten davon, dass wenigstens die Kinder ihren Spaß hatten. Sie und ihr Mann hatten immer weniger privates miteinander zu reden. Trotzdem wäre sie niemals auf die Idee gekommen, dass ihr Mann sie betrügt!
Um die Zeit besser einzuteilen, hatte jeder 1-2 Nachmittage in der Woche frei, weil es nachmittags immer ruhiger war und dann eine Arbeitskraft zur Bewältigung der Kundschaft reichte. An ihren Nachmittagen erledigte sie die Einkäufe, Arzttermine, Besorgungen für Geburtstage, Weihnachten uä. Ab und zu reichte die Zeit für einen Kaffee mit Freundinnen. Wenn Jürgen frei hatte, so musste sie in letzter Zeit feststellen, wenn sie abends heimkam, war absolut nichts gemacht und noch nicht mal etwas fürs Abendessen eingekauft. Dafür war er stets bester Laune und bestellte was vom Chinesen. Das gab es sonst nur an besonderen Tagen oder wenn ganz viel Stress war. Nach ein paar Nachmittagen dieser Sorte wurde sie misstrauisch. Roch er abends nicht besser als sonst? Hatte er nicht morgens ein anderes Hemd angehabt? Sie merkte es am Bügelberg, der auch höher war als normal. Als sie ihn darauf ansprach, reagierte er sofort zickig und raunzte sie deswegen an. Es wäre wohl seine Sache, wie oft er seine Hemden wechseln würde. Er hätte sich eben verschwitzt gefühlt. Eine logische Erklärung, aber ein merkwürdiges Gefühl blieb. Sie beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und bestellte für den nächsten freien Nachmittag ihres Mannes eine Aushilfe.
Natürlich ohne dass er es merkte, verließ sie kurz nach ihm den Laden. Sie fuhr vorsichtig hinter ihm her und wunderte sich, dass er einfach nach Hause fuhr. Schon machte sich ein fürchterlich schlechtes Gewissen in ihr breit. Was hatte sie sich nur dabei gedacht! Sie blieb mit dem Auto in der gegenüberliegenden Nebenstraße stehen und überlegte erst mal. Ihr Mann war ganz normal ins Haus gegangen. Was, wenn er jetzt im Laden anrief? Oh je, er konnte sehr aufbrausend und cholerisch werden. Als sie einmal einen kleinen Autounfall hatte und es beichtete, schmiss er vor Wut die volle Kaffeetasse an die Wand. Langsam wurde ihr übel und sie legte sich Bruchstücke einer möglichen Ausrede zurecht. Auf einmal kam Jürgen wieder aus dem Haus und – verdammt – er hatte ein anderes Hemd an. Heute hatte sie sich eine gedankliche Notiz gemacht, das Hemd von morgens gleich in die Sammlung zu geben, weil es am Bauch doch recht spannte. Nun hatte er das schöne Rote an und kam in ihre Richtung gelaufen. Sie wohnen in einer Straße mit lauter gleichen langweiligen Reihenhäusern auf beiden Seiten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine Reihe mit Häusern genau spiegelverkehrt angeordnet. Ein Herzanfall bahnte sich bei ihr an, denn sie wusste nicht, was wohl geschehen würde. Er ging zum Eingang des ersten Hauses der Straße und klingelte. „Was will er denn bei Vera?“ dachte Marilotta verwundert und bekam die Antwort sofort. Die Nachbarin Vera öffnete und fiel ihm um den Hals. Nach einem nicht jugendfreien Geknutsche zog sie ihn ins Haus. Marilotta blickte zur Haustüre und hatte plötzlich nur noch Rauschen in den Ohren und einen schlechten Geschmack im Mund.
Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Letztens ging er doch am Sonntag rüber, weil bei der frisch geschiedenen “armen“ Frau wohl die Waschmaschine nicht funktionierte und sie ihn um Hilfe gebeten hatte. Was die Zwei da gemacht hatten, brauchte man jetzt nicht groß erklären. Sie hatte währenddessen in der Küche gestanden und einen Kuchen für seine Eltern gebacken. Nun wurde ihr so manches klar. So einige Anrufe in den letzten Wochen, wo sofort wieder aufgelegt worden war, wenn sie den Hörer abnahm, zum Beispiel. Wenn Jürgen ans Telefon ging, waren es seine Freunde vom Fußball. Ja, wer das glaubte! Dabei hatten sie die Vera erst vor ein paar Monaten kennengelernt, als das jährliche Straßenfest war und sie sich als Neue überall vorstellt hatte. Niemals hätte sie die unsympathische, dürre Blondine als irgendeine Gefahr eingeschätzt. Sie hatte mit ihr nichts zu tun und es bestand von ihrer Seite auch kein Interesse an einem näheren Kennenlernen. Wenn sie sich mit ihr verglich, schnitt sie ihrer Meinung nach viel besser ab. Sie hatte schöne kastanienbraune Locken, wozu sie sich ab und an rote Strähnchen gönnte. Mit ihren 1,70m und knappen 20 Kilo Übergewicht, gut verteilt, machte sie trotzdem mehr her. „Was will er mit diesem Bügelbrett von Frau?“ dachte Marilotta “die hatte ja nicht mal was in der Bluse, was ihrem Mann doch angeblich so wichtig war?“
Jetzt wuchs eine Wut ihn ihr, die sie so noch nicht gekannt hatte. Ihr wurde heiß und sie wollte in irgendetwas reinschlagen und kaputt machen. Das war also der Lohn für die vielen Jahre Ehe und Schufterei? Gerade lief es etwas leichter und die Kinder waren fürs Studium in eine gemeinsame WG gezogen. Sie beide hätten es nun einfacher haben können, denn der große Kredit fürs zweite Auto war komplett und die Hypothek fürs Haus fast abbezahlt. Was sollte das jetzt! Ohne nachzudenken fuhr sie mit quietschenden Reifen über die Straße und vor das Haus der Nebenbuhlerin mit den Vorderreifen bis tief ins Blumenbeet rein. Sie hupte so lange, bis beide aus dem Haus kamen, notdürftig angezogen! Alles was sie ihm und ihr an den Kopf werfen wollte, blieb ihr im Halse stecken. „Bis heute Abend hast Du Deine Sachen aus dem Haus geholt“, flüsterte sie ihm zu. Vor Wut versagte fast ihre Stimme, “Dich will ich nie mehr sehen!“ Von ihm kamen keine weiteren Einwände, nur ein betretener Blick und das bestätigte sie in ihrem Verdacht, dass das Verhältnis schon länger ging. Sein Mund öffnete und schloss sich wie bei einem großen Karpfen. Kein Mucks kam über seine Lippen. Das Gesicht war ähnlich ausdrucksstark wie bei einem Fisch. Veras Gesicht war hochrot, allerdings mit einem siegessicheren Ausdruck. Ein Großteil der Nachbarn stand inzwischen auf der Straße und genoss die Szene. Egal! Sie fuhr mit dem Auto zum nächsten Supermarkt auf den Parkplatz und machte den Motor aus. Ihr Kopf schien zu platzen. Brauchte sie jetzt Kaffee, Schnaps oder lieber Kamillentee? Sollte sie nicht weinen, Heulkrämpfe kriegen? Ihr ganzes Leben lag in Trümmern vor ihr. Eheberatung und Versöhnen? Sie überlegte kurz, aber die Verletzung war zu stark. Nein, im Leben nicht! Nein, wenn dieses Weib ihren Mann haben wollte, mit seinen ganzen Macken und Launen – gut, viel Spaß dabei!
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