Manchmal denke ich, er vergisst ganz schön viel. Ich hatte ihm schon vorher erklärt, dass es teurer ist, die Flüge für Freitag, Samstag oder Sonntag zu buchen, weil die meisten Leute über das Wochenende nach London fliegen und die Preise entsprechend höher sind. Außerdem hatte ich ihm doch auch meine Buchungsbestätigung per E-Mail gesandt.
Ich hoffte nur, dass Rob den Spieß nicht rumdreht und mich am Flughafen Stansted stehen lässt, mich nicht abholt. So nach dem Motto, du hast mich zweimal drei Tage im Stich gelassen, nun sieh mal zu, wie du klar kommst, fremdes Land, drei Tage allein, so dass ich selbst merke, wie er sich dabei gefühlt haben musste. Aber den Gedanken verdrängte ich schnell wieder, legte aber trotzdem meine Visakarte in den Geldbeutel. Sicher ist sicher.
Am Abend erzählte Rob mir am Telefon, dass er erst am Taxistand bemerkt hatte, dass die Waschmaschine daheim noch an war und er vergessen hatte, die Wäsche raus zu nehmen und aufzuhängen. Er fuhr noch einmal nach Hause zurück, um das zu erledigen. Wo hat der Mensch nur seine Gedanken? Hoffte bei mir. Weiterhin sagte er, dass der ganze Abend ziemlich ruhig sei und wenig los, er das achte Taxi am Stand wäre. Ich hatte gerade begonnen, ihm zu erzählen, dass ich letzte Woche in unserer Tageszeitung ein Stellengesuch hatte, dass ich nicht eine Zuschrift bekommen habe, dass es schwierig ist, auf das Jahresende trotz guter Qualifikation einen Job zu bekommen. Innerhalb dieser wenigen Worten von mir, sagte er auf einmal, dass gleich ein Zug käme, verabschiedete sich schnell, wünschte mir eine gute Nacht, schickte noch ein ich liebe dich hinterher, drei geräuschvolle Schmatzer auf das Display seines Telefons und legte auf. Ich war ganz perplex. Eben noch nichts los und dann mit hektischer Stimme eine schnelle Verabschiedung. Manchmal wusste ich wirklich nicht, was mit ihm los war.
Unsere Situation zu Hause war sehr entspannt. Mein Mann merkte ganz genau, obwohl ich nichts sagte, dass ich guter Dinge war, weil ich wieder zu Rob fliegen würde. Meine Entspannung und gute Laune legte sich auch auf ihn, wir hatten darüber auch keinen Streit mehr, er profitierte somit genauso vom Engländer, wie ich. Win win Situation für alle von uns, nur dass Rob davon nichts wusste, von meiner Harmonie, die ich zu Hause hatte. Deshalb machte es mir auch sehr zu schaffen, wenn Rob immer davon schwärmte, was wir doch an Weihnachten und Silvester für eine schöne Zeit bei mir haben werden. Er träumte vom festlich geschmückten Weihnachtsbaum im deutschen Wohnzimmer, Weihnachtsmusik, Kerzenlicht und Weihnachtsstimmung, von einer duftenden Gans im Ofen, von Stollen und Plätzchen, natürlich von mir selbst gebacken, vom draußen sein im Schnee, Silvester mit dem Sektglas vor der Tür, träumte natürlich weniger vom Ofen heizen, Holz holen oder Schnee wegräumen. Eben nur von den schönen Dingen. Rob wusste ja nicht, dass ich hier mit meinem Mann zusammen lebe, ich kann ihn ja nicht einfach irgendwo hin schicken, um hier einen auf Weihnachten mit dem Engländer machen. Ich hatte überhaupt noch keine Ahnung, wie ich Rob das alles verklickern sollte, dass es für uns hier kein Weihnachten und Silvester geben kann. Auch kann ich meinen Mann nicht hier allein hocken lassen und mir mit Rob schöne Weihnachtstage in England machen. Total verzwickte Geschichte. Das Dumme daran ist auch, dass ich ein Weihnachtshasser bin, der ganze Kram um den Jahreswechsel mir tierisch auf die Nerven geht. Ich brauche das alles nicht, weder den Weihnachtsbaum, noch das ganze andere Gedöns drum herum. Ich habe sogar schon überlegt, ob nicht vielleicht meine Mutter krank werden könnte, ich bei ihr sein müsste, so dass ich eine Ausrede hätte, nicht mit Rob feiern zu können. Aber so fürsorglich, wie er manchmal ist, würde er auf die Idee kommen, hier her zu fliegen, um ebenfalls meiner kranken Mutter Gesellschaft leisten zu können. Ich brauche bis Weihnachten irgendein Wunder. Auch muss ich Rob noch sagen, dass ich im Dezember in die Türkei fliegen werde, wieder Urlaub mit meiner Mutter mache. Die Tatsache allerdings, dass mein Mann mitfliegt und sich mit mir ein Doppelzimmer teilt, werde ich verschweigen. Hoffentlich kommt Rob nicht auf die Idee, dass er auch in dieser Zeit mal wieder Urlaub in der Türkei machen könnte. Ich werde mich rausreden und sagen, dass ich aufgrund der Entfernung, die zwischen dem Wohnort meiner Mutter und meinem liegt, und der Tatsache, dass ich jeden Monat mit Rob einige Tage verbringe, in diesem Jahr wenig Zeit für sie hatte und wir das im Urlaub etwas nachholen wollen. Ich verrenne mich immer tiefer und muss schwindeln, obwohl ich das eigentlich total verabscheue. Aber der Zug ist durch, Rob zu erzählen, dass ich hier mit meinem Mann zusammen lebe, wir uns sogar das schöne Wasserbett teilen. Er würde durch drehen, wenn er das wüsste. Meine Tante hatte sogar schon die Idee, dass ich Rob erzählen sollte, dass mein Mann wieder bei mir eingezogen ist, aber im Gästezimmer wohnt und das kleine Bad benutzt, wir uns nur die Küche teilen, wie eine Art Wohngemeinschaft. Wäre wieder eine Lüge oder Halbwahrheit. Ich habe mich total verstrickt. Auch weiß mein Mann nicht alles, was ich so mit Rob mache oder was wir treiben. Manchmal habe ich das Gefühl, beide Männer stehen an einem Seil jeder an einer Seite und ziehen, ich hänge in der Mitte, mal mehr zu Rob hingezogen, mal mehr zu meinem Mann. Eine aussichtlose Situation. Ich brauchte beide, mal den einen mehr, dann den anderen. Mein Problem war, ich konnte mit meinem Mann nicht über Sexualität, oder körperliche Bedürfnisse reden, er blockte dann total ab. Das war absolut nicht sein Thema, obwohl wir so lange zusammen sind. Durch Rob habe ich ein völlig neues Körpergefühl entdeckt und entwickelt.
Ich schrieb Rob, dass ich zum Zahnarzt musste. Er fragte, ob etwas nicht in Ordnung sei. Nein alles in Ordnung, nur Kontrolle. Nach meinem Zahnarztbesuch suchte ich wieder ein schönes Bild bei Google, dass ich Rob schickten konnte. Ich fand einen zahnlosen Mund, Großaufnahme, die Lippen und der Rest ohne Zähne, Foto gemacht mit dem Smartphone und dann der Text: Schatz, es war mehr nicht in Ordnung, als ich dachte. Der Zahnarzt musste mir leider heute die ganzen Zähne ziehen. Das neue Gebiss bekomme ich erst in drei Wochen. Wir müssen in der Zeit, wenn ich bei dir bin pürierte Suppen kochen, mit Fleischessen ist ein bisschen schlecht und lächeln kann ich auch nicht. Seine Antwort: Schatz, das macht doch nichts, ich liebe dich trotzdem. Der Kerl nahm mich nicht ernst, dachte ich.
Rob sagte mir schon vor langer Zeit, dass er seine Arbeitszeiten ändern wollte, weil wir immer, wenn wir zusammen waren, das Problem hatten, er schlief morgens viel länger, ich war wach, aber am Abend müde, wenn er zur Hochform auflief. Nun arbeitet er nicht mehr nur nachts, sondern am Morgen und von nachmittags bis gegen 22:00 oder 23:00 Uhr. Grund dafür ist auch eine Unterhaltung mit einem Taxifahrer-Kollegen und der meinte, dass man früh morgens sehr gute Geschäfte machen kann, wenn man um 07:00 Uhr am Taxistand ist und erläuterte, dass am Morgen viele Leute, die verschlafen hatten und demzufolge Bus oder Zug verpasst hätten, sich ein Taxi zur Arbeit nehmen würden. Das fand Rob toll und seit einigen Wochen macht er das so, von früh um 07:00 bis knapp 11:00 Uhr arbeiten, dann nach Hause, frühstücken, schlafen bis 14:00 oder 15:00 Uhr, noch ein bisschen rumtrödeln, so nach Robs Art und dann wieder auf Arbeit. Mit der Umstellung kam er gut zurecht und verdiente auch nicht schlecht. Ab und zu hatte er auch einige Terminfahrten am Nachmittag, ob er diese von Dave hatte, oder sich selbst besorgt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass er einen Passagier mehrmals in der Woche nach Dunton fahren musste, oder ihn dort abholte. Jedenfalls war er sehr fleißig und erzählte mir auch, dass er für unsere Zukunft sparen will und bereits auch schon einiges gespart hatte.
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