„Du hast Köpkes Sohn wirklich dein Hof verkauft? Es steht mir nicht zu, Charlie, aber vielleicht hätte anderer Bauer dir besseren Preis gegeben?“
Schon möglich. Aber sie wollte den Hof in guten Händen wissen! Wenn sie schon verkaufen musste, dann doch lieber an die Familie eines Freundes als an Fremde. Außerdem war es praktisch, da Köpkes Grundstück an das ihre grenzte.
Sorgenvoll schaute Pavel sie an.
„Was willst du später machen, Charlie?“
„Meine wohlverdiente Rente genießen! Ausschlafen. Was weiß ich? Was alle Rentner so machen! Kaffeefahrten?“
Pavel lachte schallend los.
„Du und Kaffeefahrten? Das will ich sehen mit meine eigene Auge!“
Er hatte ja recht! Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, was sie mit so viel freier Zeit anstellen sollte! Noch hatte sie ihren geregelten Tagesablauf. Es gab immer Arbeit auf dem Hof, sieben Tage in der Woche, einzig im Dezember herrschte Arbeitsruhe. So war sie es ihr ganzes Leben lang gewohnt! Freizeit? Darüber musste sie erst noch nachdenken.
Pavel sorgte sich wirklich rührend, er wollte wissen, ob sie zurechtkommen würde. Warum sollte sie das nicht?
Irgendwie würde sie schon über die Runden kommen.
Charlotte hatte ihr Haus! Was brauchte sie mehr?
„Du solltest nicht allein sein!“, warf er ein.
„Ach, ich bin nicht allein! Aber du, du wirst mir fehlen!“
„Weil du keinen hast, den du dann rumkommandieren kannst!“
Sie stimmte in sein Gelächter ein, Pavels Fröhlichkeit war ansteckend. Sein Abschied würde ihr schwer fallen. Pavel war immer da, wenn sie Hilfe brauchte, und er verstand etwas von seinem Fach. Wie viele Nächte hatten sie sich gemeinsam mit dem Spritzen oder Beregnen der Obstbäume um die Ohren geschlagen? Bei Hagelschlag oder Wanzenbefall der Bäume bangte er genauso wie sie um den Ertrag. Im Laufe der Jahre hatte er sich ihr Vertrauen redlich verdient.
Nachdenklich schaute Charlotte ihren Mitarbeiter an, sie beide kannten sich schon so lange, dass er fast zur Familie gehörte, und er war eine liebe und treue Seele. Also warum sollte sie nicht wenigstens etwas für ihn tun können?
„Pavel, ich kann bei Helge ein gutes Wort für dich einlegen, bestimmt würde er dich gern übernehmen.“
„Oh, Charlie. Ich immer arbeite gern für dich, aber nicht für Köpke. Ich habe nichts gegen Helge. Aber sein Vater? Dem Alten ich nie getraut, ich sag dir, der ist nicht koscher!“
Scheinbar meinte er das ernst, doch sie wollte nicht mit ihm streiten, und so ließ sie das Thema fallen.
„Also gehen wir beide bald in Rente“, bemerkte sie trocken.
„Ja. Ich freu mich auf meine süße Enkel. Kann sie dann alle Tag verwöhnen.“
Verschmitzt grinste er bis über beide Ohren.
„Deine Schwiegertochter wird entzückt sein.“
„Glaubst du, Charlie?“, fragte er augenzwinkernd.
Sie lachte ihn an. „So sicher wie das Amen in der Kirche!“
Pavel hatte sie da gerade auf eine Idee gebracht. Vielleicht lag ihre Zukunft doch nicht in Einsamkeit und Langeweile! Warum sollte sie ihren Ruhestand nicht in vollen Zügen genießen? Bald gab es etwas, was sie in ihrem ganzen Leben nie hatte. Zeit, unermesslich viel Zeit!
Sie könnte viel öfter ihre Freundin Cordula besuchen, mit ihr ausgehen, ins Theater oder in ein Restaurant, und sie könnte sich mehr um Anne kümmern! Wer weiß, vielleicht würde sie sogar mit ihrer Tochter wieder ins Reine kommen? Silke konnte gewiss nicht ewig auf sie wütend sein!
Am Ende hatte dies alles doch noch sein Gutes?
Das Geschrei und Gezänk zweier Möwen riss sie aus ihren Gedanken und erinnerte sie an ihre Pflichten.
„Kommt in einer halben Stunde zum Essen rüber!“
„Charlie, besser du ruhst aus! Siehst nicht gut aus!“
„Herzlichen Dank auch! Ausruhen kann ich mich im nächsten Jahr genügend! Wahrscheinlich mehr als mir lieb ist!“
Obwohl das Angebot verlockend war, sich einfach ins Bett zu legen und diesen furchtbaren Tag zu verschlafen. Es gab viel zu tun, und noch war es ihr Hof!
„Ist ja gut, ich sag Marek und Georg Bescheid.“
Bereits im Gehen gab Charlotte weitere Anweisungen.
„Und Pavel? Heut Nacht soll es Regen geben, sobald es etwas kühler ist, fahren wir zum Spritzen raus! Marek kann am Nachmittag schon mal das Fass vorbereiten.“
„Klar. Wieder ganz die Alte!“, murmelte er leise.
„Das hab ich gehört!“, rief sie lachend zurück.
***
Anne wartete bereits eine ganze Weile am Haupteingang der Schule, als Maike eintraf und sich lauthals beschwerte.
„Mann, ich hasse Montage! Kommen sie dir nicht auch viel länger vor als alle anderen Tage?“
„Nö. Na obwohl, heut war‘s schon blöd.“
„Mmh, siehst du! Ich komm grad von Erdkunde, wir gehen Bevölkerungsentwicklung durch, total ätzend! Das ist so langweilig, ich wär fast eingeschlafen, und dann haben wir ausgerechnet auch noch ne Doppelstunde.“
Langsam schlenderten sie über den Schulhof, an der Turnhalle vorbei, zu den dahinterliegenden Fahrradständern, und Anne bemühte sich, das ihre zwischen all den anderen Rädern möglichst unbeschadet herauszuzerren, während Maike munter über den Sinn des Unterrichtsstoffes lamentierte, bis sie sich endlich beruhigte und abrupt das Thema wechselte.
„Ich hab die neue!“
Triumphierend hielt sie Anne eine CD vor die Nase.
„Ich sag dir, die ist absolut klasse! Im Herbst geben die Jungs ein Konzert in Hamburg. Mein Vater hat Karten bestellt. Und ich darf dich mitnehmen!“
Aufgeregt hüpfte sie auf der Stelle.
„Was sagst du?“
Anne hob bedauernd die Schultern. Ihre Mutter würde das nie erlauben, der fielen auf Anhieb bestimmt hundert Sachen ein, die schiefgehen könnten! Dabei war sie schon fünfzehn! Furchtbar gern würde Anne auf das Konzert gehen. Einfach so fragen, ging nicht! Sollte sich ihre Mutter erst einmal dagegen entscheiden, würde sie nichts auf der Welt wieder umstimmen. Auf jeden Fall musste sie den richtigen Zeitpunkt abwarten. Am besten bat sie zuerst ihren Vater, der würde es bestimmt erlauben. Solche Probleme kannte Maike nicht, ihr wurde meistens jeder kleine Herzenswunsch erfüllt, da käme ihr eine Ablehnung gar nicht in den Sinn. Trotz allem ließ sich Anne von der Begeisterung anstecken, und gemeinsam fantasierten sie über den geplanten Auftritt in der Hamburger Arena. Die Freundinnen waren so vertieft in ihre Träumereien, dass sie nicht bemerkten, wie sie in den Fokus zweier Schülerinnen gerieten, die sich ihnen streitlustig in den Weg stellten.
„Was seid ihr denn für Tussis?“
Überrascht verstummte das Gespräch. Was wollten die nur von ihnen? Anne kannte die kaum, vermutlich waren das Zehntklässler, die standen in der Pause meistens in einer der abgelegenen und von den Lehrern nicht so leicht einzusehenden Ecken des Schulhofes, um dort zu rauchen oder was auch immer sie da eben trieben. Der letzte Jahrgang blieb lieber unter sich, mit den „Kleinkindern“ wollten die nichts zu tun haben.
„Mann, guckt ihr vielleicht dämlich! Hat's euch die Sprache verschlagen, oder was?“
Ratlos blickte Anne zu ihrer Freundin rüber. Die guckte ebenso irritiert, zuckte mit den Schultern und raunte: „Komm, lass uns abhauen, das ist mir zu blöd!“
Zeitgleich setzten sie sich in Bewegung, als eines der Mädchen in Annes Fahrradlenker griff und sie aufhielt.
„He, mal nicht so eilig, wo wir uns doch gerade so schön kennenlernen“, grinste sie schadenfroh.
Vereinzelt zogen Schüler vorbei, doch niemand schien Notiz von der kleinen Gruppe zu nehmen.
„Lasst uns gefälligst in Ruhe, ja!”, keifte Maike neben ihr.
„Oh, es spricht!”, piepste die andere mit hoher Stimme und krümmte sich lauthals lachend über den eigenen Witz.
Als Maike wütend das Gesicht verzog, bedeutete Anne ihr mit einer Geste, Ruhe zu bewahren, vielleicht würde es den beiden schnell langweilig, wenn sie sich nicht provozieren ließen. Doch im Moment schienen sie sich noch köstlich zu amüsieren. Abrupt verstummte das Gelächter, beide Parteien nutzten die Zeit, sich gegenseitig in Augenschein zu nehmen.
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