Der Cop war sein Nachbar und hatte daher vielleicht diese ausführliche Antwort verdient, ausführlicher, als Palmer sie normalerweise gegeben hätte. Das ganze Konzept von Nachbarschaft war neu für ihn. Aber damit musste es dann auch genug sein.
„Ruth nimmt Anstoß, Palmer, und wenn meine Frau an etwas Anstoß nimmt, dann genügt mir das.“ Mark hob beide wulstigen Hände. „Nur ein freundlich gemeinter Rat. Sie leben auf Tribal Land, und wir“ – mit einem Daumen deutete er auf sich – „sind hier das Gesetz. Und Sie und ich wollen doch gute Nachbarn bleiben, oder?“ Und als Palmer nicht antwortete, sagte er, „Ja, und das war auch schon alles.“
„Sagen Sie, Mark“, sagte Palmer, „haben Sie eigentlich einen Hund?“
„Einen Hund?“ Mark schüttelte den Kopf und lachte kurz, „Was soll ich mit einem Hund?“, drehte sich um und stieg ein. „Schönen Tag noch, Nachbar.“
Palmer sah dem Tahoe nach, der hinauf Richtung Highway wackelte und quietschte und dabei dicke Staubwolken hinter sich her zog.
Dann schaute er hinüber zu dem Haus seiner Nachbarn. Ein Ranchhaus, eingeschossig, in der Form eines Hufeisens und rundherum Fenster.
Und an einem der Fenster, genau wie vorhin, stand Marks Frau und sah wieder zu ihm herüber.
„Wohin jetzt?“, sagte Chad und strich mit zwei Fingern über seine Oberlippe. „Zum nächsten Nachbarn, oder bist du durch? Mann, du hast ein Talent, unsre Zeit zu verschwenden.“
Chads Schnurrbart, nur wenige Haare, die nach allen Seiten abstanden, der dünnste Schnurrbart, den Mark je gesehen hat. Mark wusste, die Finger würden den ganzen Tag an der Oberlippe rummachen, ohne jede Wirkung, es würden nicht mehr Haare werden, und die wenigen Haare würden auch am Abend noch abstehen und genauso morgen und übermorgen.
Mark wusste auch, das besser nicht zu kommentieren.
„Und du bist gereizt heute“, sagte er. „Warum hast du vorhin den Kopf geschüttelt, huh?“
„Warum ich den Kopf geschüttelt hab?“
„Ja, warum?“
„Geez, Mac, ehrlich.“
„Was, stößt dir der Saft hoch?“
„Welcher Saft?“
„Von Ruth.“
„Ich hab keinen Saft getrunken.“
„Sie hat dir keinen gegeben?“
„Nein.“
„Ich hab ihr gesagt, sie soll dir von dem Saft geben.“
„Hat sie aber nicht, und ich schätze, deine Ruth wollte mir damit einen Gefallen tun. Sie weiß selbst, dass man das Zeugs nicht trinken kann.“
„Einen Gefallen tun, huh?“, sagte Mark und sah Yazzie von der Seite an. „Sie hat dir keinen Gefallen zu tun. Sie hat zu tun, was ich ihr sage. Verdammtes Weib.“
„Vergiss den blöden Saft, Mac, und vergiss deinen Nachbarn. Wenn er dich stört, hast du Möglichkeiten, da brauchst du nicht unsre Zeit verschwenden.“ Chad sah ihn an. „Wir haben Wichtigeres.“
Drei Meilen fuhren sie durch das Flussbett. Eine Unterhaltung war schwierig, also hielten sie den Mund. Mark klammerte sich an Armlehne und Türgriff und stieß trotzdem zwei Mal mit dem Kopf gegen die Decke. Seine Maße waren einfach nicht für diesen verdammten Weg gemacht. Chad hatte es besser.
Nach zwanzig Minuten erreichten sie den Cattleguard und dahinter den Parkplatz am Highway. Aber statt weiterzufahren stellte Chad den Motor aus und lehnte sich zurück.
„Was ist?“
„Wir haben ein Problem“, sagte Chad. „Ich zeigs dir.“
Sie stiegen aus und gingen um den Wagen herum. Chad öffnete die Hecktür. Mark sah in den Kofferraum.
„Uh“, machte er. „Was haben wir denn hier?“ Mit dem Knie stützte er sich auf der Ladefläche ab und beugte sich in den Kofferraum und strich mit der Hand über die Tasche. Leder, bunt bestickt, mit zwei massiven Schnallen aus poliertem Messing. „Schöne Tasche. Wirklich schön. Feine Arbeit, fühlt sich gut an. Weiches Leder, sehr robust. Hält ein Leben lang. Damit kannst du wirklich was anfangen.“ Er sagte, „Bison. Ich kenn mich aus, mein Onkel hat früher Taschen gemacht, so wie die hier. So ähnlich. Bison. Glaub mir, die halten ein ganzes Leben.“ Er sagte, „Was ist da drin?“
„Mach halt auf.“
Mit einer Hand packte Mark den Ledergurt um die Tasche geschnallt und zog, aber die Tasche war schwer; er nahm die andere Hand zu Hilfe und zog noch ein Mal, zwei Mal.
„Mann, was ist da drin ?“
Er sah Chad an und schnaufte durch. Dann zog er an dem Gurtende und öffnete die Schnallen und schob die Tasche auseinander.
Und schnalzte mit der Zunge.
„Genau“, sagte Chad.
„Wie viel ist das?“
„Eine viertel Million. Zweihundertfünfzigtausend. Exakt. Ich hab nachgezählt.“
Mark zog einen Schein aus einem der Bündel und rieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt ihn gegen das Licht.
„Hm, ich würde mal sagen, der ist echt.“
„Das würde ich auch sagen.“
Mark hob noch einmal die Tasche an.
„Hätte nicht gedacht, dass Papier so schwer ist."
„Ist ja nicht wirklich Papier, ist ja mehr ... Stoff. So wie deine Jeans, so was in der Art."
„Trotzdem. Hätt ich nicht gedacht."
„Ja, ich auch nicht."
Mark nahm mehrere Bündel in die Hand und warf sie wieder in die Tasche. „Sind die alle echt?“
„Ich hab zwei Dutzend Hunderter überprüft. Alle waren echt.“
„Wem gehört das?“
Chad zuckte mit der Schulter.
„Wo hast du das her?“
Chad sagte, „Mein Sohn hat es jemandem weggenommen.“
„Oh.“ Mark strich noch einmal mit der Hand über das Leder, die Stickereien, so gut fühlte sich das an. „Eine viertel Million Dollar.“ Mark schüttelte den Kopf. „Dein kleiner Miguel. Nicht schlecht. Wie hat er das angestellt?“
„Miguel ist erwachsen und fast so groß wie du, also schenk dir das mit dem Klein, okay? Also, Miguel wusste nicht, wer dieser Cop war, und als-“
„Cop?“
„Ja, Cop. Und als der Cop-“
„ Shit . SFPD?“
„Albuquerque.“
„Albuquerque?“
„Ja, Mann, Albuquerque. Der-“
„Jemand, den wir kennen?“
„Was? Nein – hey, soll ich jetzt weiter erzählen, oder was?“
„Albuquerque PD“, sagte Mark. „Was ist mit dem Cop?“
„Was denkst du?“, sagte Chad, gab Mark aber dann doch keine Zeit, nachzudenken und sagte, „Glaubst du, ein Cop lässt sich von einem Injun was gefallen? Der hat seine Reserve rausgeholt und auf Miguel angelegt. Was sollte der Junge denn machen?“
„Der Cop ist tot.“
„Könnte nicht toter sein, sagt Miguel.“
„Ein Cop mit einer Tasche voll Geld. Was ...“ Mark wusste nichts mehr zu sagen und zuckte mit den Schultern.
Chad sagte, „Genau. Ein Cop aus Albuquerque mit einer viertel Million im Kofferraum, der nachts durchs Rez fährt? What the fuck? “
„Durchs Reservat ? Der ist durchs Reservat gefahren?“
„Hab mich mal umgehört. Highway Patrol hatte einen Unfall gestern Abend. Zwei Trucks, ein RV. Rentnerehepaar von der Ostküste. Interstate Fünfundzwanzig war mehrere Stunden gesperrt.“
„Welche Richtung?“
„Santa Fe.“
Mark nickte. „Der wollte also nach Norden. Und anstatt zurück nach Albuquerque und bei Cedar Crest auf die Vierzehn hat er Exit 259 genommen und ist in die Berge.“
„Wollte die Abkürzung über die Drei nehmen und läuft dabei meinem Sohn über den Weg.“
„Wo genau?“
„War acht Meilen drin, Höhe Gypsy Queen Canyon. Wollte über die Furt beim Beaver Creek, hat sich aber wohl nicht getraut. Ist ausgestiegen, und die Jungs waren da.“
„Die Jungs? Wer? Miguel und ...?“
„Gus und Nez.“
„Miguel, Gus und Nez. Was haben die da gemacht?“
„Gejagt, was sonst. Waren seit zwei Tagen unterwegs und auf dem Rückweg, als der Cop kam.“
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