Der Direktor hat sich gefangen, seine Kinnlade ist wieder an der vorgesehenen Stelle.
"Und wo ist das Geld?", fragt er den Kommissar.
"Das ist wirklich die Frage!", antwortet der Kommissar und er weiß, dass der Direktor einen wunden Punkt getroffen hat. "Wir können davon ausgehen, dass Sie den Räuber und die Frau Schweighofer schon länger kennen, woher auch immer, wir wissen es noch nicht. Es darf aber angenommen werden, dass Sie diese beiden Herrschaften, mit einer solchen Summe nicht fortgelassen hätten, wenn Sie nicht volles Vertrauen in sie hätten. Ich nehme an, dass sie sich von früher her kennen."
"Blödsinn!", schreit der Direktor.
Der Kommissar sieht ihn verwundert an. "Blödsinn?", fragt er, "haben Sie eine andere Erklärung"
"Das ist doch alles nur Zufall!", schreit der Direktor, er verliert langsam die Nerven.
"Ein Zufall der ganz genau passt", sagt der Kommissar. "Meine Herren", sagt er in Richtung der beiden Polizisten, "nehmen sie den Herren fest!"
Die beiden Polizisten treten an den Herren Direktor heran, nehmen ihn unter den Arm, führen ihn hinaus.
Der Kommissar ist zufrieden mit sich, mit seinem Erfolg. Seines Wissens nach wurde kein Bankraub in einer solchen kurzen Zeit gelöst. Der Haupttäter in Haft, die beiden Komplizen auf der Flucht, besser geht's gar nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Flüchtigen aufgegriffen werden,
Der Räuber ist müde, das Laufen macht ihn müde. Er fragt sich nur, warum er sich das antut? Er weiß doch Bescheid, er kennt sich aus, also was soll's? Er braucht nicht laufen, er kann mit einem Auto fahren! Er braucht nur eines zu organisieren. Das ist leicht, dass hat er gelernt, schließlich war er nicht umsonst im Gefängnis. Als junger Mann wurde er geschnappt, er hatte gestohlen, eine Kleinigkeit, dabei wurde er geschnappt. Die Polizei wurde gerufen, er wurde auf die Wache mitgenommen, seine Daten aufgenommen und er wurde auf freiem Fuß angezeigt. Er war kein Verbrecher, das war ein dummer Jugendstreich gewesen, eine Art Mutprobe, so wie es die meisten Jugendlichen unternehmen. Die wenigsten werden geschnappt. Er wurde geschnappt, er war zu tollpatschig gewesen.
Der Richter war ein feiner Kerl. Er verstand viel von den Jugendlichen, wusste wie sie tickten, hatte seine eigene Jugend vergessen, die er vielleicht nie gehabt hatte. Und so fiel auch sein Urteil aus: ein Jahr Haft! Das war ein hartes Urteil für einen jungen Menschen! Der Richter meinte, zu seiner Verteidigung, dass er ein so hartes Urteil fälle, gerade deshalb, weil er sich voll und ganz in den Jungen hineinversetzen kann, er verhindern möchte, dass der Junge vom rechten Weg abkommt. Damit hat der Richter dem Jungen seinen Werdegang vorgegeben.
Im Gefängnis lernte er alles, was er noch nicht wusste. Und er wusste vieles nicht. Er kam mit vielen Gaunern zusammen und alle brachten ihm etwas bei. Er war ein sehr wissbegieriger Mithäftling und das tat seinen Lehrern gut, denn sie konnten ihr Wissen, ihr Können weitergeben und darauf waren sie stolz. Jeden Tag lernte er Neues. Jeden Tag wurde geübt. Jeden Tag bekam er eine neue Lektion. Jeden Tag wurde er geprüft.
Als er das Gefängnis verließ, war er ein voll ausgebildeter Gauner. Kein Trick war ihm fremd, kein Schloss zu sicher, kein Portmonee saß zu sicher. Was immer es war, er konnte damit umgehen.
Noch vor einigen Jahren, hatte er den Richter gehasst, jetzt aber wusste er, dass er ohne ihn, nicht diese Möglichkeiten gehabt hätte, wie er sie jetzt hatte. Ohne diesen harten und unmenschlichen Richter, würde auch er, so wie diese Leute bei der Straßenbahnhaltestelle stehen, auf die Straßenbahn warten, zur Arbeit fahren, sich dort abrackern, alt und krank werden, auf eine kleine Pension hoffen, die ihm, so recht und schlecht, nicht verhungern lassen wird. Und für den er gearbeitet hat, der wird in Saus und Braus Leben, mit dem Geld, das er herangeschafft hat und er wird ihm noch dankbar dafür sein, dass er das alles das für ihn tun durfte.
Er entschied sich dafür, sich ein Auto auszuborgen. Er nennt es immer ausborgen, das Wort stehlen gefiel ihm nicht sonderlich. Er stahl es ja nicht wirklich, er borgte es sich nur aus, ließ es irgendwo stehen, meist unbeschädigt, darauf legte er wert. Niemand sollte einen Schaden haben und schon gar nicht der Besitzer des Fahrzeugs.
Er sucht sich einen unauffälligen Fiat aus. Fiat gab es viele, da braucht er nicht wirklich lange zu suchen. Mit sicheren Griff, Können öffnete er den Fiat, ohne etwas zu beschädigen, so hatte er es gelernt, sein Lehrmeister hämmerte es ihm so ein, er verachtete diese rohen Diebe, die mit roher Gewalt in die Fahrzeuge einbrachen, ohne Sinn für Können und Anstand. Die Fahrzeugtür sprang auf, er stieg ein, mit Können startete er das Auto, fuhr los. Er suchte noch einen zweiten Fiat, dasselbe Fahrzeug brauchte er noch einmal. Bald hatte er es gefunden. Er hielt an und wechselte die Nummernschilder aus. Das gab ihm mehr Sicherheit. Er fährt weiter, jetzt ruhig und besonnen. Er stellt das Radio an, sucht den Sender mit der schönsten Musik, singt mit. Er verlässt die Stadt, fährt hinaus, weiß nicht wirklich wohin. Es ist ein schöner Tag, er will ihn genießen, er will sich an diesen Tag erfreuen. Er kann es. Der Rucksack, vollgestopft mit Banknoten liegt hinter ihm. Er hat es nicht eilig. Er kann sich zeit lassen.
Nadja weiß nicht Ein noch Aus. Ihr fällt die Decke auf den Kopf. Sie ist alleine, muss mit ihrem Problem alleine fertig werden. Das ist nicht einfach, wenn der Mensch niemanden hat der ihm zuhört, geht er unter, verzweifelt an sich selbst. Sie geht lieber fort, nur weg aus der Wohnung, zu den Menschen auf der Gasse.
Auf der Gasse kennt sie niemand, sie geht die Straße entlang, in Mitten vieler Menschen, die sie nicht kennt und die sie nicht kennen. Das Gefühl, das sie in ihrer Brust spürt verstärkt sich noch. Sie muss sich fragen, wie es möglich sein kann, dass sich ein Mensch, in Mitten vieler Menschen, so allein, so verloren vorkommen kann.
Ohne Ziel geht sie durch die Stadt. Sie lässt sich von den Menschen mitreißen. Weiß nicht was sie tun soll, was sie unternehmen soll. Etwas sitzt in ihrem Bauch, in ihrem Kopf, nagt an ihr, sie weiß nicht was es ist, sie weiß nur, dass es etwas gibt, dass ihr auf der Seele liegt.
Sie kommt an einem Kiosk vorbei. Es ist später Nachmittag geworden. Sie bleibt vor dem Kiosk stehen, unschlüssig, sieht sich die Zeitungen an. Langsam begreift sie, dass dieses Bild in der Zeitung, ihr Bild ist. Sie fühlt sich wie von Donner gerührt. Sie fühlt, wie der Boden unter ihren Füßen schwankt. Sie ließt den Artikel. Da steht doch wirklich, dass heute ein Bankraub stattgefunden hat, dass es eine Bande war, die dieses Verbrechen durchgeführt hat, dass der Kopf der Bande der Direktor ist, das Frau Nadja S. eine Komplizin ist, derzeit auf der Flucht und der Dritte, ein Mann, unbekannt, sich ebenfalls auf der Flucht befindet. Nach ihr wird gefahndet! Sie wird des Bankraubes verdächtigt! Was noch alles? Und plötzlich wird ihr bewusst, dass sie nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren kann. Die Polizei wird schon warten! Was kann sie tun? Viel bleibt ihr nicht über, sie muss verschwinden, untertauchen, in eine andere Stadt ziehen, verschwinden. Die Entscheidung kommt rasch, sie entscheidet sich, diese Stadt zu verlassen. Mit starken Schritt geht sie zum Bahnhof. Viel Geld hat sie nicht, hätte sie das alles geahnt was auf sie einstürzen würde, sie hätte alles Geld mitgenommen. Abheben traut sie such nicht, da würde sie ihren Aufenthaltsort verraten. Sie kauft sich eine Fahrkarte.
Der Herr Direktor wird abgeführt. Die Angestellten staunen. Die Leute auf der Straße bleiben stehen, staunen, dass der Direktor die Bank abgeführt wird. Einige können es gar nicht glauben, dass der Herr Direktor zwischen zwei Polizisten zu dem wartenden Polizeiauto geführt wird.
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