"Da haben Sie wohl recht", sagt der Herr.
Die Straßenbahn kommt, alle stürzen zu den Türen, drängen sich hinein. Der letzte der einsteigt ist der Räuber. Er ist einer der wenigen, die es nicht eilig haben.
Nadja ist gegangen. Sie wurde gefeuert, dass tat weh, aber sie tröstete sich, sie wusste ja, dass sie dem Räuber eine schöne Summer übergeben hatte, und das tat ihr wieder gut. Sie konnte sich vorstellen, was für ein blödes Gesicht der Herr Direktor machen wird, wenn er dahinter kommt, dass die Bank doch überfallen wurde und nicht sie, diese dumme Pute, versehentlich diesen Alarm ausgelöst hat. Bei dieser Vorstellung musste sie lächeln. Was schwer sein wird, wird eine neue Anstellung zu bekommen. Für sie wird es schwer werden, für den Herren Direktor wird es unmöglich sein. Ein kleiner Unterschied, aber auch der brachte ein entzückendes Lächeln auf ihre Lippen.
Im wesentlichen wusste sie nicht wohin sie jetzt gehen sollte. Nach Hause wollte sie nicht, da war niemand der auf sie wartete. Sie ging unschlüssig die Straße entlang, sah sich die Auslagen an, wusste, dass sie für eine lange Zeit, sich nichts mehr kaufen konnte. Sie ist ja noch jung, hübsch ist sie auch, da wird sich schon wieder was finden. Wenn es bei der Bank nicht klappt, dann könnte sie einen Wiederstart wagen, vielleicht in einem Hotel. Die zahlen nicht besonders, aber sie hätte ein Einkommen und könnte sich langsam um einen besseren Posten umsehen. Sie schöpfte wieder Hoffnung. Das gab ihr Kraft, sie schritt weiter aus, sah sich die Menschen an, die ihr auf der Straße begegneten, in manchen erkannte sich sich selbst, wie sie noch diesen Morgen gehetzt aus dem Haus ging um die Straßenbahn zu erreichen, die wie so oft zu spät kam. Dann das nächste Hetzen, von der Straßenbahnhaltestelle hinauf zur U-Bahn. Sie musste lächeln, dass sie es erst jetzt merkte, dass die U-Bahn über den Dächern von Wien fuhr. Eigentlich sollte sie O-Bahn heißen. Aber das ging ihr nichts an. Es war ihr völlig gleichgültig. Sie ging hinauf zur U-Bahn, wartete auf den Zug. Dieser kam pünktlich.
Der Herr Direktor steht da, wie vom Donner getroffen. Da fehlen einige schöne neuen Scheine! Er ist ganz blass, was soll er nur tun. Der Kassier, der den Fehlbetrag gefunden hat, hat sofort den Herren Direktor gerufen und ihn informiert.
"Herr Direktor", fragt der Kassier den Direktor, "wie konnte das nur passieren? Sie haben doch den Alarm gehört? Oder nicht? Sie haben noch Nadja gefeuert ... und jetzt das!"
Der Herr Direktor muss nachdenken. Mit Erschrecken hat er feststellen müssen, dass er einen großen Fehler begangen hat. Wie kommt das nur rüber, denkt er erschrocken, da ist ein Bankraub und er schickt die Polizei fort, wirft die Nadja raus, die den Alarm ausgelöst hat. Viel bleibt ihm nicht über.
"Rufen Sie die Polizei", presst er zwischen den Zähnen hervor.
Der Kassier geht zum Telefon, ruft die Polizei.
Die Polizei kommt langsam, ohne Blaulicht, noch grinsen sie, denken sie doch wieder an einen Fehlalarm. Die Polizisten kommen sich verarscht vor. Der wievielte Alarm war das schon? Niemand weiß es genau. Sie beeilen sich nicht, diese beiden Beamte. Sie stellen das Fahrzeug ab, sperren ab, schlendern zum Eingang der Bank. Einige Passanten sehen zu, sind nicht interessiert, kein Polizist scheint in Eile zu sein, keiner zieht seine Waffe, es kann also nichts geschehen sein. Die zwei Polizisten gehen in ihrer Dienstzeit Geld abheben, das ist alles.
"Was gibt es schon wieder, Herr Direktor?", fragt ein Polizist.
Der Herr Direktor tritt von einem Fuß auf den anderen, er ist sichtlich nervös. "Wir sind überfallen worden", presst er schließlich hervor.
Die beiden Polizisten lachen.
"Lachen Sie nicht, meine Herren, es ist ernst!", sagt der Direktor mit bleichem Gesicht.
"Was ist geschehen?", fragt der zweite Polizist, der das Lachen nur schwer verbergen kann.
"Wie Sie wissen, hatten wir heute einen Alarm, von Nadja ausgelöst. Das dürfte ein Fehler gewesen sein, denn jetzt hat unser Kurier, Herr Kafka, einen erheblichen Fehlbetrag festgestellt."
Die beiden Polizisten staunen. "Sie meinen dich nicht, dass Sie wirklich überfallen wurden?"
"Genau das möchte ich sagen!"
"Sie sagen uns also, dass heute morgen die Bank überfallen wurde, Sie nichts davon gemerkt haben und uns, als wir hier ankamen, wieder weggeschickt haben."
"So könnte man es sagen", muss der Herr Direktor kleinlaut zugeben.
Die Polizisten müssen sich erst einmal beraten. "Wir müssen mit dem Kassier sprechen, Herr Kafka, wenn ich mich richtig erinnere."
Der Direktor ruft Herren Kafka, stellt ihn vor. Die Polizisten fragen ihn aus, aber er kann nichts Neues berichten.
"Das kommt mir dich sehr seltsam vor. Was meinst du, sollen wir nicht die Kripo rufen?", fragt der eine Polizist.
Der andere Polizist antwortet: "Wird besser sein."
Der Räuber hat sich in ein Kaffeehaus begeben. Jetzt hat er Hunger. Er hat noch nicht gefrühstückt. Wann hatte er das letzte Frühstück, wie lange ist das schon vorbei? Es müssen Wochen sein. Jetzt kann er sich ein Frühstück leisten, jetzt hat er genug Kohle um es zu bezahlen. Er sucht nicht lange, wählerisch war er noch nie, und jetzt, wo er reich ist, sich vieles, aber nicht alles leisten kann, wird er es auch nicht.
Er geht in ein kleines Kaffeehaus. Da gibt es nur fünf Tische. Er ist der einzige Gast. Die Kellnerin ist gleichzeitig die Inhaberin des Kaffeehauses. Es ist eine dicke Frau, mit rosigen Wangen. Ihr Gesicht glänzt wie ein Ferkel. Der Räuber bestellt ein schönes, gutes Frühstück, mit einem Mokka. Das Frühstück ist wirklich gut, schön angerichtet. Er isst mit großem Appetit. Es schmeckt ihm, dass fällt auch der Kellnerin auf.
"Es schmeckt Ihnen wohl sehr gut", bemerkt die Kellnerin.
"Es ist auch sehr gut."
"Danke, man bemüht sich. Die Kunden werden immer anspruchsvoller."
"Das liegt an der Zeit, die wird immer anspruchsvoller und das projizieren wir auf unser Umfeld."
"Das mag wohl so sein. Ich habe nur ein kleines Geschäft, die Steuer sitzt mir im Nacken, die glauben dich wirklich, dass ich Millionen umsetze. Und die, die wirklich Millionen umsetzen, die werden in Ruhe gelassen! Das ist doch ungerecht. Ich komme gerade so durch. Reich werde ich nicht werden, dafür ist das Geschäft zu klein. Wenn es so weiter geht, muss ich schließen."
"Das würde mir aber leid tun, denn Ihr Frühstück ist wirklich ganz ausgezeichnet."
"Was nützt mir das, wenn die Kunden wegbleiben, die Finanz immer mehr von mir mir verlangt, von Einnahmen die ich gar nicht habe!"
"Sie müssen sich Geld beschaffen."
"Leichter gesagt als getan."
"Machen Sie es so wie ich."
"Und was machen Sie?"
"Ich überfalle Banken."
Die Kellnerin sieht ihn an, weiß nicht, was sie von dieser Äußerung halten soll. Spinnt der?, denkt sie. Hat einen freundlichen Eindruck gemacht, jetzt hat sich herausgestellt, dass er ein Idiot ist. Sie dreht sich um und geht. Mit solchen Idioten möchte sie nichts zu tun haben.
Nadja hat sich in ihr Schneckenhaus zurückgezogen, das bei ihr, ihre kleine Wohnung ist. Die Wohnung ist nicht groß, sie kann sich nur ein Zimmer leisten, es aber komfortabel eingerichtet, nicht üppig, nicht luxuriös, dazu müsste die Wohnung - also dieses Zimmer - größer sein, es ist zweckmäßig eingerichtet. Das was sie jetzt möchte ist einfach nur vergessen, abschalten, an etwas schönes denken, an den letzten Urlaub in Kroatien, mit ihrer Freundin. Das war eine schöne Zeit. Es war auch ihr erster Urlaub überhaupt und da fuhr sie gleich so weit weg! Die Sonne war angenehm gewesen, das baden im Meer hatte ihr gut getan. Die Leute waren freundlich, besonders die Männer. Einige hatten sie sogar eingeladen, zu einen Kaffee, wie sagten, gemeint hatten sie was anderes, da hat sie es lieber gelassen und jede weitere Einladung abgelehnt.
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