Bildliche Darstellungen gab es auch. Sie gingen von kindlichen Kritzeleien über gelungene Karikaturen bis zu naturalistischen Zeichnungen. Dargestellt waren romantische Motive aber auch immer wieder erotisch gemeinte Werke. Und alles in der Größe von Miniaturen, also maximal zehn Mal zehn Zentimeter.
Leider fehlte es Klaus an Papier und Zeichenstifte, um das Vorgefundene zu notieren und zu dokumentieren. Anderseits hätten seine Fähigkeiten bei Weitem nicht ausgereicht, um dies zu realisieren. Aber ihm blieb das Gesehene als genereller Eindruck stark und unvergesslich ins Gedächtnis eingeprägt, weil er das was die „Künstler“ ausdrücken wollten, durch die lokale und zeitliche Nähe zum Original, fast spürbar mit bekam.
Rote Falken in der Volksküche
Die Langeweile machte den Kindern in der kalten Jahreszeit ganz besonders zu schaffen. Das eisige Wetter und der allgemeine schlechte Zustand ihrer Bekleidung und besonders der Schuhe brachten es mit sich, dass sie kaum ins Freie kamen. Da ihre Schuhe den Anforderungen des Winters meisten nicht genügten, waren nasse Füße und Frostbeulen an den Zehen die Folge. Also verlegte man die Spiele ins innere der Volksküche, worüber viele der Erwachsenen nicht begeistert waren, besonders wenn sich die Jungs während der Essenszeit zwischen den Tischen herumtrieben. Beschwerden über ihr Verhalten und ihre lautes Getobe häuften sich und ihre Mütter wurden täglich von sich gestört fühlenden älteren angegangen, sie sollten doch ihre Kinder besser erziehen, meisten mit dem Zusatz verbunden, dass es so was früher nicht gegeben hätte.
Wobei sie sicher Recht hatten, denn unter solchen Umständen ein Kind zu sein, war nicht erstrebenswert. Ein Ausweg aus diesem Dilemma wäre die Beschaffung von Schuhen gewesen, aber das war aussichtslos. Dafür hatte jetzt die Herstellung von Holzschuhen Hochkonjunktur. Einige Einheimische hatten sich auf ein altes Handwerk besonnen und stellten wieder Holzschuhe her. Die gab es sogar ohne Bezugsscheine. Aber die Preise dafür waren für die mittellosen Flüchtlinge unerschwinglich, zumal sie meisten nur in Naturalien, wie Speck und Eier bezahlt werden wollten.
Einige der Mütter schienen einen Ausweg ersonnen zu haben, um diese immer lästiger werdende Unrast zu kanalisieren. Denn eines Tages erschien eine junge Frau nach dem Essen in der Volksküche, die es fertigbrachte, die ganze Rasselbande um sich zu versammeln, sodass diese fasziniert zuhörten. Sie erzählte ihnen etwas von "roten Falken" und was man alles erleben könne, wenn man bei ihnen mitmacht. Es wurde über Spiele in den Wäldern, mit Lagerfeuer und anderen Dingen spannend erzählt. Das Klang interessant und erinnerte an das Jungvolk und die Geländespiele, an die sich noch einige gut erinnern konnten.
Sie wohnte mit ihrem Vater in einem großen Haus nicht weit von den Baracken entfernt. Er war eine bekannte Persönlichkeit bei der SPD, sagte man. Man wusste, das war eine Partei, die auch von den Nazis verfolgt worden war und die es jetzt wieder gab. Sie erzählte von den Sommerlagern der Falken, die es früher gab und die es wieder geben solle.
Da aber wegen momentanen winterlichen Wetters draußen keine Aktivitäten möglich waren, unterhielten sie sich bei ihren Zusammenkünften wieder mit den bekannten Spielen, die sie noch von den Heimabenden beim Jungvolk kannten, und sangen gemeinsam Lieder, die sie allerdings noch nie gehört hatten. Nichts Martialisches und keine Heldengesänge kamen in ihnen vor, sondern von der Natur und von Solidarität war die Rede.
Das machte frei von Angst und der unterschwelligen Pflicht ein Held sein zu müsse. Die meisten Mütter waren froh, dass sie sinnvoll beschäftigt wurden und sie schöpften wieder Hoffnung, dass aus ihren Kindern doch noch was werden würde, so sagten sie.
Aber einige der alten Männer fanden ein Haar in der Suppe und versuchten das ganze mies zu machen. Sie sagten, das wäre nichts anderes als die HJ nur mit anderen Namen, was ganz offensichtlich eine Ausrede war, denn sonst wurde von ihnen über die HJ nur in rühmenden Worten gesprochen, wo man besonders den Jungs schon die Hammelbeine lang gezogen hätte. Klaus fand das empörend und war traurig, als sich die Gruppe auch wegen dieser Anspielungen nach und nach auflöste.
Es wäre Klaus sicher schwergefallen das Essen in der Volksküche genauer zu beschreiben, obwohl er neuerdings glaubte, etwas von der Materie zu verstehen. Denn er war unerwartet in den Besitz eines ganzen Stapels, der Illustrierten „Die Gartenlaube“ gekommen und konnte dadurch die in ihnen abgedruckten zahlreichen Rezepte ausführlich studieren. Er kannte die Illustrierte von früher aus Stolp, wo er mit Oma und Eta auf der Ofenbank sitzend, oft in ihnen geblättert hatte.
Trotz allem sah Klaus keinen Grund sich zu beklagen, denn das Essen in der Volksküche war fast immer ausreichend und verträglich, mit anderen Worten, es blieb bei ihm nie ein Teller leer. Er hatte zwar keine unvergesslichen kulinarischen Ereignisse in der Volksküche erlebt, wenn man die nicht dazu zählt, wo er seinen Teller zweimal gefüllt bekam, aber dass der Küchenchefs und seiner Mitarbeiter überhaupt jeden Tag was auf die Teller bringen konnten und alle zufrieden und dankbar machte, war sicher wichtiger und hinterließ ein wärmendes Gefühl in seinem Bauch, an was er sich noch lange Zeit erinnerte.
Nun mühte er sich mit der üppigen Rezeptsammlung in der „Gartenlaube“ ab. Diese war eingebettet in eine Rubrik, welche heute die neudeutsche Bezeichnung „Lifestyle“ bekommen hätte. Von den dort dringlich vorgebrachten Vorschlägen für einen sittlichen Lebenswandel sowie der Verinnerlichung hauswirtschaftlicher Tipps und der schließlich geforderten richtigen Führung des Hauspersonals konnte er keinen Nutzen für seine Probleme erkennen.
Jedoch die Rezepte hatten es in sich, hier vermutet er etwas lernen zu können. Edith hatte sich ihm nach einigen Fragen, als Mitleserin angeboten und war eine große Hilfe. Es ging ja nicht nur darum eine Erklärung für die oft rätselhaften Inhaltsstoffe zu finden, sondern auch wie die Zubereitung mittels der verschiedensten Wiegemesser, Mörser und Kochtöpfen erfolgen sollte. Aber auch hier sah er bald ein, dass es zwischen jener offenbar für immer verschwundenen Welt und der jetzigen rauen Wirklichkeit, keine Verbindung mehr bestand.
Im Augenblick war Klaus jedoch dankbar die Gartenlaube studieren zu können. Er hatte den ganzen Stapel von Frau Plambeck, einer freundlichen alten Dame erhalten, bei der Oma ein Zimmer vom Wohnsamt zugewiesen bekommen hatte. Er dürfe sie alle behalten, wenn er sie nur auch liest, hatte sie gesagt und ihm über den Kopf gestrichen. Dabei war sie gerade einen Kopf größer als er. Sie hätte sie alle vor der Sammelwut der HJ gerettet, die dauernd Material für ihre Altpapiersammlung gesucht hatten. Von ihnen war sie ständig belästigt worden. Denn irgendjemand hatte ihnen verraten, welche Schätze dieser Art sich in ihrer Wohnung befanden, aber sie hätte sich ganz einfach diesen Menschen verweigert. Er spürte die Verachtung, die aus ihren Worten sprach.
Die einzelnen Exemplare der Zeitschrift waren alle aus den Jahren um die Jahrhundertwende, aber das störte ihn nicht, denn auch sonst stammte fast alles Lesbare, was ihm im Moment in die Hände fiel, aus diesem Zeitraum. Dass diese ziemlich zeitlich einseitige Beeinflussung seines Lesestoffs auch daran lag, dass zwei Zensurwellen über die öffentlich zugänglichen Quellen hinweggegangen waren, wurde dadurch deutlich. Zuerst waren es die Nazis gewesen, die mit ihrer „Aktion wider den undeutschen Geist“, versucht hatten alles für sie unbequeme auszumerzen und dann waren die Alliierten gekommen, welche die Bücher entnazifizierten und sie damit vom „ großdeutschen Geist “ befreien wollten.
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