Marks rieb sich mit dem Taschentuch die Fingerspitzen ab.
»Unter anderem kann er lügen wie gedruckt«, bemerkte er leichthin. »Aber was war das?«
Marks sah argwöhnisch auf die Hecke, die nur ein paar Meter von ihnen entfernt war, denn er hatte ein Rascheln im Laub gehört. Schnell sprang er auf, eilte zu den Sträuchern und sah sich nach allen Seiten um, aber er konnte niemanden entdecken. Nachdenklich kehrte er zu seinem Kameraden zurück.
»Ich möchte nur wissen, ob der Teufel gelauscht und wie lang er unsere Unterredung mit angehört hat!«
»Wen meinst du? Doch nicht etwa O'Shea?« fragte Connor bestürzt.
Marks antwortete nicht, er holte nur tief Luft. Allem Anschein nach fühlte er sich nicht sicher.
»Wenn er etwas gehört hätte, wäre er zu uns gekommen. Er ist in einer so verteufelt schlechten Stimmung, daß er sofort losgeplatzt wäre.«
Connor stand auf und streckte sich.
»Ich möchte nur wissen, was für ein Leben er führt. Beinahe möchte ich wetten, daß er eine Frau und eine Familie irgendwo im Land unterhält. Solche Leute machen so etwas. Da kommt er übrigens!«
Sie sahen die Gestalt O'Sheas, der von der Höhe des Hügels auf sie zukam.
»Halten Sie die Masken bereit. Sie wissen, was Sie zu tun haben, Marks?«
Die Stimme klang durch den hochgeschlagenen Kragen etwas gedämpft und undeutlich, aber trotzdem war der Ton freundlich und liebenswürdig.
»Holen Sie einmal den Kerl her«, sagte O'Shea und zeigte auf Lipski.
Die beiden gehorchten und kamen gleich darauf mit dem noch etwas benommenen Lipski wieder zu O'Shea.
»Sie gehen an das Ende der Straße«, sagte er zu Lipski. »Stecken Sie die rote Laterne an. Es ist nicht notwendig, daß die Kerle anhalten, sie brauchen nur langsamer zu fahren. Unter keinen Umständen gehen Sie aus der Deckung heraus. Es sind wahrscheinlich zehn schwerbewaffnete Polizisten auf dem Lastauto.«
O'Shea ging dann zu den Gasbehältern hinüber. An der Öffnung jeder Flasche war ein dicker Gummischlauch befestigt, der in die Mulde hinabführte. Mit einem Schraubenschlüssel drehte er die Ventile auf. Unter leisem Zischen entwich das Gas durch die Schläuche.
»Das Gas ist schwer und bleibt unten im tiefsten Teil der Mulde. Sie brauchen Ihre Gasmaske erst im letzten Moment aufzusetzen.«
Er folgte Lipski bis zum Ende der Senke und kontrollierte, daß der Mann die rote Laterne anzündete. Dann zeigte er ihm die Stelle, wo er sich verstehen sollte, und ging zu Marks zurück. Nicht im mindesten ließ er sich anmerken, daß er die Unterhaltung der beiden gehört hatte. Jetzt war es auch nicht an der Zeit, mit ihnen abzurechnen oder einen Streit vom Zaun zu brechen.
Gleich darauf hörten sie von fern das Geräusch des Lastautos, das sich auf der Straße näherte, lange bevor die Scheinwerfer aufblitzten. Der Transport mußte den Wald von Felsted passieren, bevor er an dieser Stelle vorbeikam.
»Jetzt!« rief O'Shea scharf.
Er selbst setzte keine Gasmaske auf.
»Schießen Sie nicht, wenn es nicht durchaus nötig ist, aber halten Sie die Waffen bereit, falls etwas schiefgehen sollte. Und denken Sie daran, daß die Begleitmannschaften sofort feuern, wenn sich jemand blicken läßt. Warten Sie, bis die Leute von dem Gas betäubt sind. Sie wissen doch, wo Sie mich morgen treffen sollen?«
Marks nickte. Das Lastauto näherte sich in verhältnismäßig langsamem Tempo. Allem Anschein nach hatte der Chauffeur die rote Laterne entdeckt, denn jetzt hörten sie das durchdringende Heulen einer Sirene. O'Shea konnte von seinem Platz aus die ganze Straße deutlich übersehen.
Der Lastwagen war bis auf fünfzig Meter an die vergaste Stelle herangekommen und fuhr jetzt nur noch langsam. Plötzlich sprang Lipski aus den Büschen, aber nicht an der Stelle, wo O'Shea ihn postiert hatte, sondern etwa zehn bis fünfzehn Meter weiter. Mit erhobenen Händen lief er auf das Lastauto zu. Im nächsten Moment knallte ein Schuss. Lipski feuerte, um die Aufmerksamkeit der Leute im Auto auf sich zu lenken. O'Shea ballte die Fäuste. Lipski wollte ihn verraten.
»Achtung!« rief er Marks und Connor zu. »Wenn die Sache schiefgeht, laufen Sie querfeldein nach verschiedenen Richtungen!«
Und dann geschah das Wunder. Von dem Lastauto fielen zwei Schüsse. Lipski stürzte getroffen am Rand der Straße nieder, und der Wagen fuhr langsam und vorsichtig weiter. Die Begleitmannschaft hatte Lipskis Absicht nicht verstanden, sondern geglaubt, daß er den Goldtransport anhalten wollte.
»Glänzend!« sagte O'Shea mit heiserer Stimme, denn im Augenblick fuhr das Lastauto in die vergaste Senke.
In einer Sekunde war alles vorüber. Der Chauffeur sank bewußtlos auf sein Steuerrad, und bald darauf fuhr der Wagen gegen die hohe Böschung und blieb stehen. O'Shea hatte an alles gedacht. Wenn Lipski nicht das rote Licht gezeigt hätte, wäre der Lastwagen mit unverminderter Geschwindigkeit weitergefahren und dann so schwer beschädigt worden, daß er nicht hätte weiterfahren können. So aber brauchte Marks nur auf den Führersitz zu steigen und den Rückwärtsgang einzuschalten, um wieder freizukommen.
Ein paar Minuten später war das Auto mit dem Goldtransport aus der Senke herausgefahren. Die bewußtlosen Polizisten und der Chauffeur waren gefesselt und lagen am Straßenrand. Innerhalb von fünf Minuten war alles erledigt gewesen. Marks nahm seine Maske ab und setzte seine Uniformmütze auf, während Connor ins Innere des Wagens kroch, wo die kleinen, versiegelten Kisten mit dem Gold standen.
»Vorwärts!« befahl O'Shea.
Das Lastauto setzte sich in Bewegung, und zehn Minuten später war es außer Sicht.
O'Shea ging zu seinem Wagen zurück und fuhr in der entgegengesetzten Richtung davon.
Es war eine regnerische Nacht in London, und das war Connor recht. Das Wetter begünstigte sein Vorhaben. Er trat durch die Seitentür eines kleinen Restaurants in Soho, stieg die enge Treppe hinauf und klopfte an eine Tür. Ein Stuhl wurde, gerückt, ein Schlüssel drehte sich, dann öffnete Marks, der allein im Zimmer war.
»Hast du ihn gesprochen?« fragte Connor hastig.
»Ja, ich habe O'Shea am Themse-Ufer gesehen. Übrigens – hast du die Zeitungen gelesen?«
Connor grinste. »Ich bin nur froh, daß die Kerle nicht krepiert sind.«
Marks warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
Auf dem Tisch lag eine Zeitung, und auf der ersten Seite las Connor die Schlagzeilen:
Ein Goldtransport von drei Tonnen wird zwischen Southampton und London erbeutet.
Einer der Räuber tot am Tatort aufgefunden.
Transportauto spurlos verschwunden.
In den frühen Morgenstunden wurde gestern ein kühner Handstreich ausgeführt, der den Tod von sechs Beamten von Scotland Yard hätte herbeiführen können. Es wurde ein Transport von einer halben Million Pfund erbeutet, der für die Bank von England bestimmt war.
Der Dampfer ›Aritania‹, der gestern Abend in Southampton ankam, hatte eine Goldsendung von Australien an Bord. Um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, wurde das Gold in einem Lastauto von Southampton um drei Uhr morgens abgesandt, damit es vor Beginn des regen Verkehrs in London ankommen sollte. In der Nähe des Waldes von Felsted führt die Straße durch eine Senke, die von der Räuberbande vergast wurde. Daß ein Überfall geplant war, merkten die Begleitmannschaften, bevor sie die gefährliche Stelle passierten. Ein Mann sprang aus einer Hecke und schoß auf das Lastauto. Die Beamten erwiderten das Feuer sofort, und der Betreffende wurde später sterbend am Straßenrand aufgefunden. Einen zusammenhängenden Bericht konnte er nicht geben, er nannte nur einen Namen, wahrscheinlich den des Bandenführers.
Die Inspektoren Bradley und Hallick sind mit der Aufklärung des Falles betraut worden ...
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