wir können uns nicht vorstellen,
dass unsere tiefsten Gefühle,
die in unserem aller tiefsten Inneren leben,
die wir selbst oft gar nicht kennen,
an die heran zu kommen in unserem fordernden Alltag schier unmöglich ist, weshalb wir in
Selbstfindungsgruppen
Urlaub
Kirchen
oder anderen spirituellen Orten
und zu besonderen Personen
oder zu Therapeuten,
zu Yoga- und ähnlichen Kursen gehen,
die, wenn wir sie einmal gefunden haben,
und sei es nur ein kleines Stück davon,
ein winziges Puzzleteil,
ein Hauch, eine Ahnung,
uns unsagbar kostbar sind,
so kostbar, dass Geld dagegen gering wiegt,
weshalb wir gerne bereit sind, unser Geld
in die Gruppen und Therapeuten und Kurse und weiten Wege zu investieren.
Was wir gar nicht als Investition erleben
dass diese Gefühle
von jemandem
missbraucht werden könnten.
Wir können es uns nicht vorstellen,
dass es einen Menschen geben könnte,
der diese tiefen kostbaren Gefühle in uns weckt,
sie zum Vorschein bringt,
sie uns erleben lässt,
sie uns erfüllen lässt,
es mit uns nicht gut meinen könnte.
Wir können es uns nicht vorstellen,
dass ein Mensch in der Lage wäre,
diese tiefen kostbaren Gefühle in uns zu wecken
ohne lautere Motive.
Wir können es uns nicht vorstellen,
dass ein Mensch
diese tiefen kostbaren Gefühle in uns weckt,
obwohl wir ihm gleichgültig sind
oder er uns gar Schaden zufügen möchte.
Das können wir uns nicht vorstellen.
Leider gibt es Menschen, die so etwas erleben mussten.
Die im Nachhinein erkennen mussten:
das ist mir geschehen!
Diese Menschen können sich dann
das Unsagbar Entsetzliche
so gut vorstellen,
dass sie sich nicht mehr vorstellen können,
dass ihnen jemand
mit lauteren Motiven begegnet.
Die tiefsten inneren Werte, die kostbarsten Empfindungen
sind in diesen Menschen zerstört worden.
Das, woraus sie leben,
ist vergiftet, zerbrochen, zerschlagen.
Oftmals dauerhaft.
Ein sehr langer, mühevoller und überaus schmerzlicher Heilungsweg folgt,
der gewöhnlich den vorigen Zustand nicht wiederherzustellen vermag.
Wer vor
einem Menschen
einer Gruppe
einer spirituellen Person
einem Therapeuten
oder wem auch immer
steht,
wer angesichts dieser Gruppe oder Person
tiefe innere Gefühle erlebt,
erfüllend, beglückend, reich und bereichernd,
wie soll dieser Mensch
wissen und unterscheiden:
was geschieht hier in Wahrheit auf der anderen Seite?
Wird mir ein Weitergehen mit dieser Gruppe oder Person
auch weiterhin geben,
was ich jetzt erlebe -
oder ist es tatsächlich
nur ein Köder,
der mir hingeworfen wird,
so dass ich
später
doch
möglicherweise Schaden nehme
möglicherweise großen Schaden nehme,
möglicherweise auch meine Familie großen Schaden nimmt?
Vorstellung von „Betrug“ und „Betrüger“
Wenn Sie das Wort „Betrug“ hören oder „Betrüger“, was stellen Sie sich dann vor? Viele schmunzeln an dieser Stelle. Sie denken an „Felix Krull“ oder „catch me if you can“.
Vergessen Sie Felix Krull. Vergessen Sie „catch me if you can“.
Wie echte Betrüger vorgehen, ist für den Autor, den bekannten Thomas Mann, offensichtlich unvorstellbar. Hätte er „Felix Krull“ in realistischer Weise verfasst, wäre das Werk nie zu einem Erfolg geworden. Denn das ist nicht mehr lustig. Das ist schrecklich. Einfach nur schrecklich.
Vorstellungshorizont weiten
Beispielsweise ist der alte Graf in „Felix Krull“ ein herzensguter, warmherziger Mensch! Er schließt den jungen sympathischen Felix Krull ins Herz und bietet ihm an, sein persönlicher Begleiter zu werden mit Ausblick auf sein gesamtes Erbe, denn er hat keine eigenen Kinder. Felix lehnt dies ab, mit einem erlogenen Grund.
Wäre Felix Krull ein echter Betrüger gewesen wie „meiner“, dann hätte er dieses Angebot angenommen. Er hätte sich das Vertrauen des Grafen zunutze gemacht mit dem Ziel, ihn um sein gesamtes Vermögen zu bringen. Das hätte er so geschickt angestellt, dass ihm niemand etwas hätte nachweisen können. Wenn er dies Ziel nach einiger Zeit erreicht hätte, wäre er als nächstes dazu übergegangen, es den alten Grafen heraus finden zu lassen, nach und nach. Zuerst hätte er sein Unverständnis und seine Verwirrung genossen, ihn dann weiter Stück für Stück die Wahrheit entdecken lassen: dass dies von vornherein sein Plan war, den er eiskalt mit Vergnügen realisiert hat. Damit hätte er dem alten Herrn sein gutes warmes Herz mehr als gebrochen. Er hätte es in viele tausend Stücke zerrissen und sich daran geweidet, bevor er ihn gleichgültig hinter sich gelassen und sich neuen Opfern zugewandt hätte. Aufgrund seines Alters wäre der gute alte Graf daraufhin wahrscheinlich einem Herzinfarkt erlegen. Und da er weder Ehefrau noch Nachkom-men hatte, wäre es niemandem in den Sinn gekommen, nach den wahren Gründen für diese tragischen Entwicklungen zu forschen.
So gehen die echten Betrüger vor.
Vorstellungsfähigkeit in Bezug auf Betrug und Betrüger
Versucht der normale Mensch, sich vorzustellen, er solle eine Inszenierung leben, wie ein Betrüger das tut, wird er schon allein bei dieser Vorstellung verrückt. Das kann er nicht schaffen, das ist nicht zu leisten. Wie soll er sich all das merken? Schon beim Ausdenken muss er passen... und: wozu sollte das nützen? Das wäre doch kein lebenswertes Leben!
Der normale Mensch scheitert also schon an der Vorstellung. Nach dem Grundsatz „ich schließe von mir auf andere“ erwächst dann die Überzeugung: „das könnte ich nicht schaffen, darum kann es niemand schaffen. Ich will das nicht, das kann niemand wollen, es kann also nicht sein!“ In diesem Rückschluss liegt ein gravierender Denkfehler: Betrüger wollen etwas anderes als normale Menschen, und sie haben andere Fähigkeiten als normale Menschen.
Der Betrüger wiederum kann sich nicht vorstellen, was im normalen Menschen vorgeht und empfindet die Masse der normalen Menschen schlicht als dumm. In seinen Augen sind diese dummen Menschen dazu da, manipuliert und betrogen zu werden bis hin zur Vernichtung. Der Betrüger kann lügen, kann sich vieles ausdenken, kann sich seine Geschichten und trickreichen Handlungen merken. Einen Wahrheitsgehalt in seine Worte zu investieren – wozu sollte das gut sein? Das würde doch nur seine Inszenierungen erschweren und verhindern!
Auch Angehörige des juristischen Systems können sich das nicht vorstellen, jedenfalls die meisten. Sie leben in Sicherheit und Wohlstand, gehen täglich zur Arbeit, haben Kollegen und freuen sich auf den Feierabend. Sie haben mit unangenehmen „Fällen“ zu tun, darum haben sie sich innere Schutz- und Abwehrmecha-nismen zugelegt. Sie arbeiten, wiees von ihnen verlangt wird, denn davon leben sie – davon leben sie gut. Wozu sollten sie sich in diese grauenvollen Dimensionen hinein denken?
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