Marie saß mit leuchtenden Wangen in Rikes Zimmer und lauschte ihren Erzählungen.
„Und du hast das alles wirklich nicht geträumt? Bist du dir ganz sicher?“
Auf einmal prustete sie los: „Meine Güte, bin ich doof. Jetzt hätte ich dir beinahe die Geschichte abgenommen.“
Rike rollte mit den Augen. „Marie, hör auf! Das ist jetzt gar nicht witzig. Ich hab dir keinen Quatsch erzählt. Es stimmt. Ob du es nun glaubst, oder nicht.“
„Ehrlich?“
Rike nickte.
„Ist ja der Hammer! Zeig mir doch mal die Kugeln, von denen du erzählt hast.“
Rike hielt den Beutel hoch. Marie sah sie sich ganz genau an. „Die sehen wirklich wie Kaugummikugeln aus. Und damit funktioniert es? Tut mir leid, aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“
„Ich weiß zwar nicht, wie es wirklich abläuft, aber es klappt tatsächlich.“
„An was kannst du dich denn erinnern?“
„Ganz einfach: Ich nehme die Kugel in den Mund und dann komme ich in diese andere Welt.“
„Aha.“
„Ich glaube, dass hier sogar die Zeit stehen bleibt, solange ich in der anderen Welt bin.“
„Wie praktisch! Vielleicht sollten wir es ja mal gemeinsam ausprobieren“, überlegte Marie. „Ich meine, du kaust die Kugel und ich beobachte das Ganze. Dann kann ich dir erzählen, was mir aufgefallen ist. Was hältst du davon?“
„Ich weiß nicht. Ich denke drüber nach. Heute schaffen wir es sowieso nicht mehr. Meine Mama kommt gleich nach Hause und ich muss die Hausaufgaben und die Hefteinträge noch machen. Aber vielleicht können wir uns ja morgen Nachmittag treffen?“
Marie stimmte zu, sah aber enttäuscht aus. Doch für Rike war das alles noch zu aufregend, um diese Geschichte mit Marie zu teilen. Einerseits war Marie ihre einzige, wirkliche Freundin. Sie vertraute ihr und so gab es eigentlich nichts, was dagegen sprach. Trotzdem. Es sollte erst einmal ihr Abenteuer bleiben.
Marie verabschiedete sich schnell. Sie hatte ihrer Mutter versprochen, nicht zu lange zu bleiben und noch im Lokal mitzuhelfen, das ihre Mutter vor ein paar Jahren übernommen hatte.
„Bitte, komm morgen wieder zur Schule! Erstens ist es verdammt langweilig ohne dich und zweitens will ich wissen, ob du noch was erlebt hast.“
Eine halbe Stunde später rief Marie noch mal bei Rike an. Nele hatte den Hörer abgenommen und gab ihn an Rike weiter.
„Rike, ich glaube, ich weiß, wo die rote Kugel ist.“
Lärm drang an Rikes Ohr. Deswegen brüllte Marie in den Hörer, um das Stimmengewirr zu übertönen. Rike konnte geradezu sehen, wie Neles Ohren immer größer und größer wurden. Bald wird sie ein Elefant sein, dachte sie gehässig. Würde ihr ganz recht geschehen.
„Wo denn?“, nuschelte Rike in das Telefon, damit Nele nicht alles mitbekam.
„Was hast du gesagt?“, plärrte Marie wieder. Entnervt verließ Rike den Raum. „Wo denn?“, wiederholte sie dieses Mal ein bisschen lauter.
Marie stand nun wohl direkt neben der Stereoanlage im Lokal ihrer Mutter, denn plötzlich drang zu dem Stimmengewirr auch noch laute Musik an Rikes Ohr. Sie musste genau hinhören, um Marie zu verstehen.
„Du hast doch erzählt, dass die Tüte über den Rand deines Nachttischchens hing. Vielleicht ist die Kugel einfach heraus gerollt und hinter das Schränkchen oder unter dein Bett oder wohin auch immer gerollt. Sieh doch mal nach! Also dann, bis morgen. Ich muss wieder zu Mama zurück. Tschüss.“
Rike musste nicht lange überlegen. Minka war mit einem roten Gummiball durchs Zimmer gerast, bis der Ball unter das Bett rollte. Zumindest hatte Rike gedacht, dass es ein Gummiball war.
Und nun klemmte die Kugel tatsächlich zwischen Wand und Bettpfosten. Nele hatte also mit dem Verschwinden der Kugel tatsächlich nichts zu tun.
Schuldbewusst steckte Rike sie schnell zurück in die Tüte und bemerkte dabei, dass Nele im Flur stand und sie beobachtete. Schnell schloss sie die Tür, die sie leider offen stehen gelassen hatte. Hoffentlich hat Nele nicht allzu viel mitbekommen, sonst zahlte sie es ihr sicher wieder heim.
Rike saß an ihrem Schreibtisch und starrte ihr Hausaufgabenblatt an, als ob es sich dadurch von selbst füllen würde. Ihre Gedanken hingen schon wieder in dieser versteckten Welt, in die sie zufällig gelangt war. Mühsam rang sie sich die Konzentration ab, um nicht einen Fehler nach dem anderen zu fabrizieren und irgendwann hatte sie es tatsächlich geschafft. Bis zum Abendessen war noch ein bisschen Zeit. Sollte sie noch einen kleinen Abstecher nach Averda unternehmen? Obwohl es ihr furchtbar schwer fiel, entschied sie sich für später, in der Hoffnung, Nele würde bei Mama noch ein bisschen Fernsehzeit herausschinden und ihr somit nicht in die Quere kommen.
„Mensch, bin ich müde! Ich gehe gleich nach oben in mein Zimmer. Dann bin ich morgen wenigstens fit.“
„Kannst du denn wieder einigermaßen gut laufen?“, erkundigte sich Rikes Mutter.
„Ja, ich komme schon klar. Wahrscheinlich muss ich ein bisschen früher los, damit ich rechtzeitig dort bin, aber ich schaff das schon.“
Rike gähnte. „Gute Nacht! Schlaft gut!“
Sie hörte, dass Nele bettelte, noch ein bisschen Fernsehen zu dürfen und musste sich beherrschen, nicht in Laufschritt zu verfallen, als sie in ihr Zimmer ging.
Dort schnappte sie sich ihr Farbenbuch und die grüne Kugel aus der Tüte mit der Nummer „Zwei“ und konnte es kaum erwarten, bis es losging.
Die Farbe Grün beherrschte das Bild vor ihren Augen, aber es war nicht das Häuschen der Klaasens, das Rike sah.
Diesmal fand sie sich an einem düsteren, ungemütlichen Ort. Alles andere als vertrauenerweckend. Nebelfetzen waberten über ein sumpfiges Gebiet. Rike fröstelte unwillkürlich.
Einsame Stille umfing sie. Nur ihre schmatzenden Schritte im Schlamm, die dumpf an ihr Ohr drangen und eiskalte Schauer über ihren Rücken jagten, begleiteten sie.
Das dunkle Gestrüpp am Rande des Weges schien Augen zu haben. Warum nur tauchte sie gerade hier in diesem elenden Grünsumpf auf?
Plötzlich kam etwas Wind auf und ein leichtes Heulen strich über das Gebiet, verfing sich als Singsang in den Halmen, kletterte in die Baumkronen und entfachte in den Blättern ein schauerliches Lied, das unaufhaltsam in Rikes Ohren kroch. Rike presste die Hände an ihre Ohren, um es nicht hören zu müssen, doch es nützte nichts. Ihr Herz pochte hart und laut in ihrem Brustkorb. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, bis die Knöchelchen weiß durch die Haut schimmerten.
Kleine, grüne Knäkenten watschelten ihr so plötzlich vor die Füße, dass sie erschrocken einen Schrei losließ. Die Enten tauchten mit aufgeregtem Schnattern schnell im Wasser ab, das an dem Morast anschloss.
Dann hatten ein paar Baumlurche ihren Auftritt und quäkten durchdringend, als Rike an ihnen vorbeikam.
Rike hielt den Atem an und blieb reglos stehen, denn urplötzlich schwirrte ein heftig mit Flügeln schlagendes Etwas ganz dicht an Rikes Gesicht heran und wirbelte mit einem leisen, hellen Summen in wilden Schwüngen um sie herum. Rike schlug mit beiden Händen nach ihm und schrie so lange auf, bis ihr schlicht und einfach die Luft wegblieb.
„Dummes Kind“, wisperte das Etwas ihr ins Ohr. „Musst du so laut schreien, bis wirklich jeder mitbekommen hat, dass du hier bist?“
„Was?“ Rike blinzelte angestrengt, um zu erkennen, welches kleine Flügeltier so dicht vor ihrer Nase herumschwirrte und nun sogar in der Luft stehenblieb. Es erinnerte sie an einen dieser kleinen, ferngesteuerten Hubschrauber, die die Jungs aus ihrer Straße zum Zeitvertreib gerne über ahnungslose Spaziergänger kreiseln ließen.
Das hier war allerdings kein über Funk gelenkter Helikopter, sondern eine wunderschöne, grüne Edellibelle. Rike hatte mal gelesen, dass diese Tiere furchtbar neugierig wären und ganz nahe an etwas heranflögen, um es wirklich genau begutachten zu können. Und genau so ein Wesen wirbelte im Moment um sie herum.
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