Nach einem weiteren Mord hielt ich es nicht mehr aus.
Dieser Mord war der schlimmste von allen gewesen - das männliche Opfer lebte beim Eintreffen noch so lange, dass er mir röchelnd eine Nachricht übermitteln konnte: „'Schnitter', … der Mörder nennt sich 'Schnitter'...!“
Nach diesem Satz schloss er für ewig seine Augen.
Ich hätte schreien wollen, allein meine Professionalität verbot mir das. Ich biss mir so fest auf die Innenseite meiner Wangen, dass sie bluteten.
Anschließend saß ich um drei Uhr morgens zitternd auf meiner Couch, als es an der Haustür klopfte. Ich wusste, dass es Mike war.
„Du brauchst mich jetzt“, stellte er fest und erstaunt erkannte ich, dass er Recht hatte.
Nach einer wundervollen Liebesnacht musste ich mir eingestehen, dass ich mich in Mike verliebt hatte, indes die misstrauische Stimme in meinem Inneren war nicht verstummt.
Am darauffolgenden Mittag verabredeten wir uns zu einem Spaziergang am Strand. Wir liefen Hand in Hand barfuß am Wassersaum entlang, die Sonne stand hoch, wärmte meine nackten Arme und ich war ungewöhnlich schweigsam. Wie gerne hätte ich mich ihm anvertraut – ihm VERtraut! Ich konnte nicht.
Wir erreichten eine einsame Stelle am Strand, als ich es nicht mehr aushielt: „Mike, wie heißt du wirklich?“
Sein eiskalter Blick ließ mich frösteln: „Wieso kannst du mich nicht annehmen, wie du mich kennen gelernt hast?“
Ich wich seinem Blick nicht aus, wohingegen er die Frage in meinen Augen las: „Wieso vertraust du mir nicht? Ich habe dir nichts Böses getan und doch misstraust du mir.“
Ich hätte mir auf die Zunge beißen sollen, dem ungeachtet musste es heraus, endlich heraus: „Wie ist dein Name?“
Seine Augen überzog ein trauriger Schimmer: „Hans-Walter.“
Nach diesen Worten ließ er meine Hand los und verließ mich. Ich blickte ihm nach, bis er hinter einer kleinen Düne verschwand, da erst brach ich zusammen. Ich fiel auf die Knie, in den weichen Sand, konnte das Zittern in mir nicht mehr kontrollieren, weinte bittere Tränen der Angst, Wut und Enttäuschung, heiße Tränen eines zerbrochenen Herzens, indes musste ich eine Sache noch vollbringen.
Geraume Zeit später holte ich mein Handy hervor, wählte seine Nummer und stellte ihm eine letzte Frage, als er meinen Anruf entgegennahm: „Wie ist dein Nachname?“
Er antwortete nicht, ich hielt das Handy vor meine Augen, blickte es stumm an, als ich im Display, das mein Gesicht widerspiegelte, entsetzt erkannte, dass sich hinter mir eine große Person aufbaute. Ich drehte halb meinen Kopf, erkannte Mike, der „Mein Nachname ist Schnitter“ antwortete, mir mit seinem Messer die Kehle aufschlitzte und ich tot auf dem Sand aufschlug.
Ich hielt mich in einer Küche auf. Es war ein großer und freundlicher Raum. In der Mitte stand ein Tisch, mehrere Gläser befanden sich darauf, so, als ob sie jemand kurz zuvor benutzt hatte. Die Arbeitsplatte rechts von mir war groß und hell. Weiße Fließen rundeten das Gesamtbild ab. Ich stand mit dem Rücken zum Fenster, die Sonne wärmte mich. Doch sie wärmte lediglich meinen Körper, denn ich spürte eine eisige Kälte in mir. Verzweiflung! Vor mir saß ein Mann in einem Rollstuhl und sagte mir, dass er mich umbringen würde. Er und ich wussten nicht wieso, aber wir wussten beide, dass es geschehen würde. Es war die Gewissheit, dass es geschehen würde, die die eisige Kälte in mir verursachte. Es war grotesk. Ich hätte versuchen können zu fliehen, auch die Tatsache, dass er zwischen mir und der Tür stand, die meine letzte Rettung gewesen wäre, hätte mich nicht mutlos werden lassen sollen. Ich hätte es versuchen sollen, aber ich tat es nicht. Etwas in seinen Augen, die nicht irre aufblitzten, ließen mich dieses Vorhaben gar nicht erst weiter in Gedanken fassen.
Er sagte einfach: "Komm her."
Nicht drängend, nicht böse, nur sanft und sachlich. Ich ging langsam zu ihm, kniete vor ihm nieder. Er hielt ein gewaltiges Messer in der Hand und setzte es vorsichtig an meiner Kehle an.
Ich flehte ihn an: "Nein."
Er nickte traurig, ernst. Ich sprang schnell auf, warf mich zurück an die Wand, spürte die kalte, raue Oberfläche des Putzes, drückte mich Hilfe suchend daran. Der Mann bewegte sich nicht. Er wusste, dass ich kommen würde, wieder zu ihm kommen würde. Ich kannte ihn nicht, dennoch wusste ich, dass er mein Mörder werden würde.
Er sprach erneut zu mir: "Komm her."
Ich fing an zu weinen: "Nein. Bitte! Tu es nicht. Ich habe solche Angst vor den Schmerzen."
Ich ging erneut zu ihm, wandte mich wieder ab. Obwohl er mich noch nicht verletzt hatte, spürte ich Schmerzen an meiner Kehle. Meine Angst vor dem Tod war gering, aber die vor den Schmerzen, die das gewaltsame Hinübergleiten in den Tod begleiten würden, war immens. Dann atmete ich ganz ruhig, hatte mich gefasst. Ich ging auf dem Mann zu, kniete vor ihm nieder, war bereit. Er setzte die kalte Klinge an meiner Kehle an, als ob er versuchte, mir so wenig Schmerzen wie möglich zuzufügen. Dann schnitt er meine Haut leicht an. Jetzt war ich auf den endgültigen Schnitt vorbereitet – der Schmerz konnte kommen. Ich blickte ihm in die hellgrünen Augen, dann schloss ich meine langsam, spürte den ziehenden, tiefen Schmerz, als er mir von rechts nach links die Kehle durchschnitt.
Von einem Ort aus, in dem ich wohnte, beschloss ich durch die Berge zu einer kleinen Stadt zu laufen. Ich begann meine Wanderung, es war ein heißer Sommertag und ich war nur mit kurzen Hosen und einem leichten Shirt bekleidet. Fröhlich zog ich los und bewunderte die reine Natur, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Links und rechts von mir thronten zwei riesige Berge, die von dichten, dunkelgrün belaubten Bäumen bewachsen waren und über mir prangte ein azurblauer Himmel, dessen herrliche Pracht keine einzige Wolke trübte. Die Sonne brannte heiß auf mich herab, doch ich spürte die Hitze als angenehm, denn neben meinem Weg, der aus weichem Moos und vielen kleinen, bunten Blumen bestand, floss ein klarer Bach. Nirgendwo begegnete mir eine Menschenseele, ich fühlte mich nicht allein, diese herrliche, unberührte Natur füllte mein Herz, meine Seele aus. Ich wanderte stundenlang, wurde nicht müde und fühlte mich wie in einem nur von mir entdeckten Paradies. Ich hoffte, dass dieser Weg nie enden würde.
Überraschend begann eine Wegstrecke, in der ich durch viele Häuser hindurchgehen musste. Die Häuser waren direkt auf den Weg gebaut, dem ich lange folgte. Eine Tür, die mich in die Häuser hinein führte und immer wieder eine Tür, die nach draußen führte, über ein kurzes Stück des Moosblumenweges, der dann abermals an einer Tür, die in ein Haus führte, endete und erst danach weiter ging. Die Häuser waren allesamt verlassen. Ich begegnete niemandem, doch bei jedem Betreten eines Hauses war ich darauf gefasst, dass ich einem Besitzer begegnen würde und ich wusste nicht, was ich als Grund für mein unerlaubtes Eindringen vorbringen sollte. Aber ich musste durch die Häuser gehen! Ich erkannte keinen anderen Weg, der mich an den Häusern vorbei führte. Eine Spannung wuchs in mir, jedoch war sie angenehm, denn ich war auf das Erscheinen eines Menschen gefasst. Mit der Zeit und unendlich viele Türen und Häuser weiter ließ die Spannung allmählich nach. Alle Häuser waren nicht nur verlassen, sie schienen es seit vielen Jahren zu sein, sie wirkten trostlos, staubig, vernachlässigt. Das helle Sonnenlicht kämpfte sich durch das Grau der vor Schmutz starrenden Fenster und konnte die Räume kaum mehr als in ein diffuses, trauriges Dämmern tauchen.
Als ich niemanden mehr erwartete, war ich umso überraschter, als mich eine schöne, junge Frau mit langem, lockigem, braunem Haar wie eine Freundin begrüßte, als ich gerade eine schwere, dunkelbraune Holztür in das nächste Haus öffnete.
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