Sie schwieg.
»Und all diese Stunden hast du hier in der Kälte gestanden und auf mich gewartet?«
»Ja!« rief sie böse. »Und ich habe meine Arbeit darüber versäumt, und die Schliekers haben nach mir gesucht und mich viele Male gerufen. Und wenn ich jetzt komme, wird er mich anbrüllen, und sie wird mich kneifen und an den Haaren ziehen. Das macht sie immer, wenn sie böse auf mich ist, und sie ist immer, immer böse auf mich!«
»Keiner wird dich anbrüllen, und keine wird dich an den Haaren ziehen«, tröstete der Professor. »Denn ich werde mit dir gehen und zu ihnen sprechen.«
»Nein, nein«, flüsterte sie hastig. »Du mußt erst viel später kommen, in einer viertel oder halben Stunde. Dann mußt du um ein Zimmer fragen und tun, als ob du mich gar nicht kennst. Sonst ist gleich alles verloren.«
»Aber, Rosemarie, Kind«, sagte der Professor mahnend, »dann müßte ich ja lügen. Und das weißt du wohl noch von deinem lieben Vater, daß wir nicht lügen dürfen. Du lügst doch nicht?«
»Die lügen und die betrügen!« rief sie. »Und wenn wir gegen sie aufkommen wollen, hilft uns allein die List.«
»Die List ist bei den Bösen, Rosemarie«, warnte der Professor. »Bei uns aber muß die Wahrheit sein.«
»Ach!« rief sie verzweifelt. »Warum habe ich dich nur gerufen?! Wenn du nicht auf mich hören und mir nicht so helfen willst, wie ich es dir sage, so machst du alles nur schlimmer. Die Kinder helfen mir schon und tun, was ich will. Vielleicht schaffe ich es mit ihnen allein. Es ist mein Haus, das dort«, rief sie leidenschaftlich. »Und es ist mein Hof und mein Vieh und mein Acker, und die Schliekers wollen es mir stehlen. Aber ich lasse es ihnen nicht! Der Philipp hat mir gesagt, wenn es ganz schlimm kommt, so zünden wir es lieber an und verderben alles, als daß …«
»Still! Still!« rief der Professor erschüttert. »Du weißt ja nicht, was du sprichst, du armes, unseliges Kind du! Haben sie dich so gequält?!«
Sie war still nach dem Ausbruch, nur ihr leises, jammervolles Weinen war zu hören.
»Rosemarie«, sagte er sanft. »Es gibt einen hellen Weg und es gibt einen dunklen Weg. Möchtest du denn deine liebe Mutter und deinen guten Vater nie wiedersehen?«
Sie weinte leiser.
»Ich bin«, sprach er, »vielleicht ein weltunerfahrener Mann. Aber ich bin ein sehr alter Mann und weiß eines, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Liebst du Gott, Rosemarie?«
Sie schwieg.
»Siehst du«, sagte er. »Es geht nicht um die Schliekers und um das Kneifen auch nicht und nicht um Haus und Hof – es geht um dich, meine Rosemarie. – Und nun zeige mir den Weg in das Haus, Rosemarie, und ehe wir auf den Hof kommen, kette den Hund an – ich habe Furcht vor Hunden.«
Und bezwungen von seiner Sanftheit, sagte sie leise: »So komm.«
Sie gingen den Zaun entlang, und bei der Zauntür nahm sie ihn bei der Hand und sagte: »Fürchte dich nicht, mein Bello soll dir nichts tun.«
Professor Kittguß macht einen Besuch, der im Kohlenstall endet
Der zottige Hofhund Bello hatte wirklich dem Professor nichts getan, sondern sich freundlich winselnd an Rosemarie gedrückt. Dann leitete den Paten die feste Hand seines Mädchens durch einen lichtlosen Raum, in dem es dumpf nach fauligen Kartoffeln und lau nach dem Spülstein roch, und nun stand er, plötzlich losgelassen, in einer häßlichen grünen, kleinen Küche, und der Rücken Rosemaries verschwand rasch durch eine Tür, hinter der Kindergeschrei laut wurde.
»Rosemarie!« rief er ihr nach.
»Marie, du Stromerin!« schalt eine herbe, böse Stimme vom Herdwinkel – und verstummte.
Die Frau drehte sich scharf nach dem Besucher um. Der Schein der Küchenlampe fiel ihr ins Gesicht. Es war blaß, mit großen braunen Augen, vorspringenden Backenknochen; es war noch jung, aber der Mund, wie ein scharfer, schmaler Strich, war alt und böse, fast ohne Lippen, und das Kinn vorgebogen und stark.
»He?!« fuhr die Frau mit ihrer harten Stimme den späten Besucher an und betrachtete ihn, ohne sich vom Fleck zu rühren.
»Gott zum Gruß!« antwortete der Professor und ging einen Schritt näher. »Ich bin der Professor Kittguß und …«
»Und«, setzte die Frau fort und überstürzte den armen Professor mit einem ganzen Schwall von bösen, schreienden Worten, »… und wenn Sie vom Amt kommen, so ist das keine Art, derart am späten Abend, und die Kinder zeige ich Ihnen heute nicht! Die Leute im Dorf mögen euch Briefe schreiben, soviel sie wollen, wegen Mißhandlung und schlechter Nahrung und keine Pflege, und ihr mögt mir jede Woche und jeden Tag und jede Stunde solch hochnäsige Gemeindeschwester auf den Hals schicken, oder ihr mögt auch selber kommen, ihr großer Professor, ihr – ihr verdient euer Geld im Sitzen, wo ich mir um dreißig Mark im Monat für solch uneheliches Balg das Fleisch von den Händen mit den eingedreckten Windeln wasche! Aber heute zeige ich Ihnen die Kinder doch nicht, und wenn Sie da stehenbleiben bis Mitternacht, wo mir mein Mädchen auch noch weggelaufen ist und sich rumgetrieben hat. Der werde ich wieder einmal zeigen, wo das rechte Ende am Besen sitzt! Schlecht sind die Menschen alle, und darum möchten sie einen auch schlecht machen, und wenn Sie was wollen, so kommen Sie morgen früh um zehn, und da können Sie sich die ganze fünffache Sündenherrlichkeit frisch gewaschen und sauber angezogen betrachten dürfen – wenn sich nicht gerade wieder eines im letzten Augenblick vollmacht!«
Zuerst hatte der Professor noch versucht, die Frau Schlieker zu unterbrechen, dann aber hatte er still und geduldig unter diesem Wortschwall gestanden, und ein ganz ähnliches Gefühl von Trauer und Bestürzung war in ihm aufgestiegen wie vorhin bei dem Ausbruch Rosemaries am Zaun. Als sie aber geendet hatte, ging er auf die Frau zu, streckte ihr die Hand hin und sagte: »Gott zum Gruß, Frau Schlieker!«
Sie sah die Hand verblüfft an, als habe sie einen Schlag bekommen, aber sie faßte sich und murmelte nur mürrisch: »Ja, ja, schon gut. Guten Abend also, und machen Sie, daß Sie jetzt weiterkommen.«
»Nein«, beharrte er und bot ihr weiter die Hand. »Gott zum Gruß, habe ich gesagt. Das bedeutet etwas anderes.«
Eine Weile war es still. Die weiße Männerhand zeigte immer weiter auf die Frau. Schließlich lachte die böse und doch verlegen auf: »Also, meinethalben: Gott zum Gruß.«
Und sie berührte für eine Sekunde mit ihrer kühlen, feuchten Hand die des Professors.
»Nun aber sehen Sie, daß Sie weiterkommen. Ich habe nicht so viel Zeit wie Sie. Ich habe fünf Gören zu versorgen.«
»Und das sechste ist Rosemarie«, sprach der Professor sanft. »Haben Sie Rosemarie gemeint, als Sie von Ihrem Mädchen sprachen, das sich rumgetrieben hat?«
»Ach nee«, antwortete die Frau gedehnt; der Zwischenfall eben war schon ganz vergessen und die alte, böse, streitlustige Stimmung erwacht. »Sie fragen also um die Marie? Und warum tun Sie so, als kämen Sie vom Amt, und dabei kommen Sie von der Vormundschaft?! – Wir haben vor keinem Richter und vor keinem Gendarm Angst, daß Sie es nur wissen!! Und wenn Ihnen das Gör jetzt seine Lügen geschrieben hat, so wird ihr mein Mann schon zeigen, was er für eine Hand schreibt! Denn den alten Spruch kennen Sie ja wohl auch: Pastors Kinder und Müllers Vieh gedeihen selten oder nie …«
Sie schoß zum Küchenfenster: »Päule! Päule! Sollst einmal kommen, wir haben feinen Besuch.«
Und ohne Atemholen schalt sie weiter: »Aber wenn ich sie unser Mädchen nenne, so stehe ich auch dazu, denn was gehört ihr schon weiter von dem ganzen Betrieb hier als die Schulden?! Mein Mann und ich, wir dürfen uns ja wohl totschuften, bloß damit das feine Fräulein was vor den Schnabel kriegt, und mit fünf Unehelichen plagt man sich, nur damit sie im Winter was Warmes im Leibe und auf dem Leibe hat – aber danken tut es einem keiner! – Päule, da ist einer vom Vormundschaftsgericht und fragt nach der Marie.«
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