So bekommen nach und nach diffuse Geräusche ihre sinnliche Zuordnung und aus der Muh wird eine Kuh und von ihr stammt die Milch, die ich morgens und abends so gerne trinke, weil sie immer mit dem Geruch des Kuhstalls verbunden ist und der atmet etwas von Wärme und Geborgenheit, Empfindungen, die vermutlich die frühesten Eindrücke jedes Kindes sind.
Waren die ersten Worte noch verknüpft mit direkten sinnlichen Eindrücken von dem, was sie bezeichneten, so tauchten nun Worte auf, für die es keine erlebbaren Gegenbilder gab. Sicher war es nicht das erste abstrakte Wort, das ich hörte, aber es war das erste, das mir als solches nachdrücklich in Erinnerung blieb, da es mich zum Nachdenken angeregt hat und ich vielleicht da zum ersten Mal bewusst wahrnahm, dass ich etwas wissen und ergründen wollte. Ich bin es, die neugierig ist und „warum“ fragt.
Dieses entscheidende Wort war „Krieg, kriegen und du kriegst ein Geschwisterchen“.
Das Wort „Krieg“ geisterte als Laut immer wieder durch die Luft, ohne dass ich anschaulich etwas damit verbinden konnte. Doch in den Stimmen der Erwachsenen, sprachen sie es aus, schwang Anspannung, Aufgeregtheit und Düsternis mit. Nie war Lachen dabei, wenn dieses Wort fiel.
Geheimnisvoller, ja freudiger waren die Töne, wenn vom „Kriegen“ eines Geschwisterchens die Rede war. Das klang nach einem Versprechen, und eines Tages war es so weit: Ich ging an der Hand von Bertha, unserem Kindermädchen, den Gartenweg entlang. Vom Haus her rief eine Stimme: „Es ist da, ein Mädchen, eine Margarete.“
Neben mir in der Blumenrabatte standen die letzten Herbstblumen. Heute würde ich sagen, es waren Astern, denn es war Mitte Oktober. Für mich aber waren es damals und noch lange Zeit danach Margaretenblumen.
Beim Hineingehen hörte ich ein Schreien, das nicht so klang wie das meines kleinen Bruders, der gut ein Jahr jünger war als ich, dieses Schreien war neu, es gehörte zu dem „gekriegten“ Schwesterchen. Wo aber kam das her, und würde es jetzt immer da bleiben?
Das Geheimnis blieb, aber in die Überraschungsfreude mischte sich langsam auch Ärger, denn die Mutter war ständig mit diesem neuen, kleinen Wesen, das entweder schlief oder schrie, beschäftigt. Dazu kam, dass es auch viel Arbeit machte, da es viele Windeln brauchte, ohne die ich inzwischen auskam und recht stolz darüber war. Denn ich war nun die große Schwester.
Aus dem „Kriegen“ war nun ein Bekommen geworden, doch das Wort „Krieg“ blieb und auch der besorgte, ängstliche Unterton.
Und dann bekamen wir noch etwas, das hatte nichts mit einem kleinen Kind, sondern mit großen Männern mit tiefen Stimmen und hohen, schwarzen Stiefeln zu tun. Sie schliefen in Zimmern unseres Hauses, die sonst für Gäste benutzt wurden. Tagsüber waren sie weg, doch wenn es dunkel und kalt wurde, da saßen sie um unseren großen Tisch im Wohnzimmer, schwatzten und lachten miteinander und der eine oder andere hob mich auf den Schoß oder gar auf die Schultern und lief mit mir durchs Zimmer. Mir war das unheimlich, wie diese fremden jungen Männer sich breit machten und einen Geruch von nassen, lehmigen und verschwitzten Lederstiefeln verbreiteten. Diese reihten sich zum Trocknen rund um den großen, gusseisernen Ofen auf. Über dem Ofen hing eine Wäschespinne, auf der die weißen Windeln der kleinen Schwester zum Trocknen hingen, und unten standen diese schwarzen Stiefel, dunkle Röhren, fast so groß oder gar größer als ich. Waren die Soldaten in ihrer Müdigkeit gar zu albern, dann stellten sie meine kleine Gestalt in eine solch schwarze Röhre, die so eng war, dass ich mich nicht darin bewegen konnte. Die jungen Männer hatten es sicher als Spaß für mich gemeint, ich aber erlebte diesen Zugriff als gewaltsam und furchterregend, unfähig mich dagegen wehren zu können. Für mich gehörte das zu dem Wort „Krieg“. Zumal ich aus den Erklärungen der Großen soviel mitbekam, dass das, was von ihnen als „Einquartierung“ bezeichnet wurde, etwas mit „Manöver“ zu tun hatte. Dies alles musste wohl zu dem Wort „Krieg“ gehören und bedeutete Gewalt, Wehrlosigkeit und Angst.
Aus dem grauen Nebel der folgenden Wochen vor dem Jahresende 1939 hebt sich ein verschwommenes Bild hell und leuchtend hervor. Um mich waren die Stimmen von Bertha und ihren Eltern und von unten drang der warme Geruch vom Kuhstall herauf, aber über mir glänzte und funkelte es. Es müssen die Lichter eines brennenden Weihnachtsbaums im Elternhaus von Bertha gewesen sein, der erhöht auf einer Kommode stand. Dieser erste überwältigende Eindruck eines Weihnachtsbaumes verdichtete sich für mich zum Urbild eines Lichterbaumes. Alle späteren blieben nur ein Abglanz dieses ersten bewusst wahr- genommenen. Oder war die Fülle des Lichtes so groß, weil es damals noch genügend Weihnachtskerzen gab? Im Gegensatz dazu, steckten am Baum an den späteren Kriegsweihnachten nur ein paar spärliche Kerzen, die oft schon vom Vorjahr halb abgebrannt waren und wieder verwendet wurden. Dass es danach von Jahr zu Jahr immer schlimmer wurde mit dem Krieg, das wurde mir als Kind unter anderem deutlich ablesbar an der kümmerlichen Beleuchtung des Christbaums.
Die schmerzliche Erinnerung an ein leuchtendes und warmes Weihnachten in Wildberg blieb vielleicht auch deshalb so nachhaltig, da kurz danach im Januar bei Schnee und Glatteis der Umzug nach Aalen stattfand und ich die vertraue Umgebung, das Haus, den Garten, die kleinen kopfsteinbepflasterten Gassen und, was das Schlimmste war, meine geliebte Bertha verlassen musste.
Bertha blieb zurück bei ihren Eltern und dafür kam zu uns deren in Haushaltsdingen erfahrene ältere Schwester Luise, die dann die folgenden sechs Jahre bei uns blieb, ehe sie, schon in die Jahre gekommen, einen noch älteren, bislang ehelos gebliebenen Kriegsheimkehrer heiratete, der für seinen Hof in einem Nachbardorf eine Frau brauchte.
Verkörperte Bertha für mich mit ihrer runden Figur und ihrer immer etwas krausen, schwer zu bändigenden Haarmähne die Lebenslust und die Freude am Erzählen, Singen und Lachen, so war Luise das genaue Gegenteil. Sie war großgewachsen und schlank, aber von zäher Natur. Ich erinnere mich nicht, dass sie in all den Jahren einmal krank zu Bett lag. Streng gegen sich selbst, war sie dies auch zu uns Kindern. Sie hatte den in den Nazijahren oft zu hörenden Spruch auf den Lippen: gelobt sei, was hart macht.
Sie war, was bei der zunehmenden Lebensmittelknappheit sehr hilfreich war, äußerst sparsam und umsichtig mit allen Dingen des Hauses und des Gartens und konnte immer alles noch einmal verwenden oder reparieren. Sie war kein Mensch der Worte, wohl aber der Tat. Oft hieß es, an ihr sei ein zweiter Hufschmied verloren gegangen, ihr Vater betrieb neben einer kleinen Landwirtschaft eine Hufschmiede und wurde im Dorf immer dann geholt, wenn es galt, tatkräftig zuzulangen. Ähnlich zupackend und verlässlich war Luise und dafür schätzte ich sie in den immer gefahrvolleren Jahren des Krieges, die sie uns Kindern im Bombenkeller oder gar bei Tieffliegerbeschuss im Freien Schutz und Sicherheit gab, da unsere Eltern häufig nicht für uns da sein konnten. Sie lebte für und in unserer Familie und ihr Urlaub bestand darin, dass sie in den Zeiten der Heu- und Kartoffelernte zu ihren Eltern fuhr, um dort nicht weniger hart zu arbeiten, da ihr Bruder im Krieg und Bertha in einer Firma kriegsdienstverpflichtet war.
Ich erlebte diese Wochen dann als die schönsten des Jahres. Ich war wieder in Wildberg, das zunächst auch von Bombenangriffen verschont geblieben war. Am Abend und am Sonntag konnte ich mit meiner geliebten Bertha zusammen sein.
Im Herbst 1943 setzten die häufigen Fliegerangriffe diesen von mir so genossenen Ernteeinsätzen ein Ende. Der Stuttgarter Hauptbahnhof mit den Gleisanlagen war so zerstört, dass wir von Wildberg aus nicht mehr über Stuttgart zurück nach Aalen fahren konnten. Das Fuhrwerk eines Bauern, der Milch nach Eutingen liefern musste, brachte uns an die Bahn in Richtung Tübingen. Unterwegs wurde der Zug beschossen, so dass wir uns zur Deckung in einen Graben neben dem Bahndamm werfen mussten. Luise legte sich über mich, um mich so zu schützen. Nach einiger Zeit konnten wir mit einem demolierten Zug ohne Fensterschreiben bis Tübingen weiterfahren. Von dort ging es weiter ins Filstal, wo wir in einen Zug bis Göppingen stiegen, von wo aus eine kleine Bahn über Hohenstaufen nach Schwäbisch Gmünd fuhr, was uns dann den Anschluss an einen Zug nach Aalen ermöglichte. Spätabends kamen wir erschöpft, aber heil in Aalen an.
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