Gemäß den Missionsdirektiven hielten wir in sicherer Entfernung und schickten eine Gruppe in Strahlenschutzanzügen hinaus. Wie in den Durchführungsvorschriften zur Erkundungsmission im Operationsgebiet festgelegt, nahmen wir Boden- und Wasserproben im Dorf und in den verschiedenen vorgeschriebenen Entfernungen.
Wir nahmen Kontakt mit den Einwohnern auf und konnten mithilfe des mitgeführten elektronischen Übersetzers schnell in Verhandlungen eintreten. Nach der audiovisuellen Dokumentation der Auswirkungen des Vorfalls auf die Physiologie der Einwohner sowie der einvernehmlichen Entnahme verschiedener Proben (Blut, Speichel, Urin) konnten wir zwei der Einwohner überzeugen, uns zurück zum Missionszentrum für eingehende Untersuchungen zu begleiten.
Aus dem Missionsbericht von Lt. Henrik Masters, kommandierender Offizier 3rd Platoon (Deep Recon), 2nd FORECON, USMC, 14. März 2001.
„Sind wir drauf?“ Die Reporterin drückte sich die Hand gegen das rechte Ohr. Über ihr Mikrofon gebeugt schaute sie fragend knapp an der Kamera vorbei. Sie nickte bestätigend und blickte lächelnd direkt in die Kamera.
„Hallo und herzlich willkommen. Hier ist Karen Metcalf für US News Network live von der USS Abraham Lincoln .“ Sie schrie, um den Lärm der startenden Hubschrauber zu übertönen, zu denen sie jetzt deutete.
„Hinter mir sehen Sie die Hubschrauber, die seit dem Eintreffen des Trägers und seiner Begleitflotte hier am Horn von Afrika gestern Abend rund um die Uhr im Einsatz sind, um Menschen und Material an Land zu bringen.“ Sie drehte sich zurück zur Kamera und deutete zur Seite. „Schwenk mal dort rüber, Matt.“
Der Kameramann folgte ihrer Anweisung und zoomte das Land heran. Hubschrauber setzten auf, wurden entladen. Andere hoben ab, stürzten sich mit gesenkter Nase dem Flugzeugträger entgegen. Landungsboote spien Fahrzeuge aller Größen und Arten an Land. G.-I.-Ameisen wuselten durch das Lager, trugen Kisten, bauten Zelte.
„Weniger als eine Meile von uns entfernt liegt das ehemalige Somalia, die Wunde in der Welt, wie Präsident Jacobs es nannte, die Wunde, die Operation Heal schließen wird“, erläuterte die Stimme der Frau aus dem Off. „Bleiben Sie dran, nach einer kurzen Unterbrechung melden wir uns aus dem entstehenden Basislager Port Bush wieder.“
Beginn der 24/7-Liveberichterstattung über Operation Heal durch US News Network, 19. September 2001.
Tom Hoyt, Barkeeper: „Ja, den Kerl kenne ich. Voll der Schaumschläger. Der war öfter hier. Vorgestern? Ja, ja, vorgestern auch. Da hatte ihn so ne Tussi angebaggert und er hat richtig vom Leder gezogen. Von seinem Einsatz in der Wunde. So ein Spinner. Hat erzählt, er hat mit seinem Platoon da ein Mutantendorf dem Erdboden gleichgemacht. So richtig rambomäßig, mit MG und Flammenwerfer und so. Dabei weiß doch jeder, dass unsere Jungs für den Wiederaufbau drüben sind. Aber die Tussi stand voll drauf. Die sind dann hinten raus zusammen. Die trug so ein Leopardenfummel und High Heels. Wie? Nee, die war zum ersten Mal hier. An die hätte ich mich auf jeden Fall erinnert. Andere Auffälligkeiten? Mal überlegen. Hm, wissen Sie, was komisch war? Kurz nach den beiden sind noch zwei Typen hinten raus. Die haben mir einen Zwanziger liegen lassen, aber deren Bierflaschen waren noch ganz voll. So Schnösel in Poloshirts.“
Auszug aus den Augenzeugenaussagen zum Verschwinden von Henrik Masters, aufgenommen von Detective Cathrine Grant, Los Angeles Police Department am 05. Februar 2002, aus Gründen der nationalen Sicherheit zur Verschlusssache erklärt.
„Nehmen Sie doch Platz, Colonel.“ Der Mann im Laborkittel deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Der Uniformierte hängte seine Mütze an den Haken neben der Tür, machte einen halben Schritt in die Bürokammer hinein und ließ sich nieder. Der Wissenschaftler setzte sich ebenfalls. „Was kann ich für Sie tun?“
„Meine Vorgesetzten möchten über Ihre Fortschritte informiert werden, Doktor Shepard. Bitte …“
„Aber ich schicke doch regelmäßig meine Berichte!“ Shepard stützte sich auf den Schreibtisch auf. „Und im Computernetz sind die Daten jederzeit stundenaktuell abrufbar! Warum lasst ihr uns nicht einfach unsere Arbeit machen!“
Der Offizier warf seinem Gesprächspartner einen strengen Blick zu und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, sich wieder zu setzen.
„Doktor, lassen Sie mich doch bitte ausreden.“ Der Wissenschaftler sank zurück.
„Also, Doktor, natürlich bekommt das Hauptquartier Ihre Berichte. Aber, nun ja, wir verstehen sie nicht ganz. Deshalb bin ich hier. Bitte erklären Sie mir in einfachen, nicht-wissenschaftlichen Worten, wo wir mit dem Projekt stehen.“
„Ach so. Ah.“ Shepard strich sich durch das lichte Haar und rieb sich Augen und Nasenwurzel. „Also, es läuft gut. Besser als wir erwartet haben. Die von unseren Unterstützungsmannschaften ausgebrachten Nanobots graben sich durch das Erdreich und absorbieren zum einen die Strahlung und gewinnen daraus ihre Betriebs- und Reproduktionsenergie.“
Der Colonel nickte.
„Außerdem“, fuhr der Doktor fort, „entziehen die Nanobots den Radionukliden direkt die überzähligen Nukleonen, um die Halbwertzeit deutlich zu reduzieren. Dies geschieht …“
„Doktor, die Grundprinzipien sind mir klar. Wie weit sind Sie?“
„Äh, ja. Ja, natürlich.“ Er rief einige Daten auf seinem Laptop ab. „Der erste Nanobotdurchlauf hat bislang ein Drittel der uns zugewiesenen Fläche bearbeitet und die Strahlung dort um zwanzig Prozent reduziert. Den zweiten Durchlauf konnten wir somit drei Wochen vor dem geplanten Zeitpunkt starten. Die Strahlung wurde damit auf bislang fünf Prozent der Fläche auf insgesamt die Hälfte der Ausgangsdosis reduziert. Wenn es so weitergeht, werden wir noch vor Jahresende den letzten Durchlauf und in einem Jahr die Revitalisierung in Angriff nehmen.“
„Na also. Das heißt, wir werden rechtzeitig fertig?“
„Nun, wenn sich an den zu berücksichtigenden Parametern keine unvorhergesehenen Änd…“
Der Offizier räusperte sich.
„Ja.“ Shepard blinzelte. „Ja, wir werden rechtzeitig fertig.“
„Gut.“ Er stand auf, nahm seinen Hut. „Schreiben Sie das beim nächsten Mal doch einfach in Ihren Bericht. Dann kann ich mir den Weg hier heraus sparen.“ Er öffnete die Tür.
„Warum haben Sie denn nicht einfach angerufen?“
Colonel Wurtz hielt kurz inne, drehte sich aber nicht um. „Feiern Sie schön. Ich lasse Kuchen hier.“ Er ging hinaus und schloss die Tür.
Aufzeichnung der audiovisuellen Büroüberwachung, Office 01/04, Treatment Center 17, 03. Juli 2002.
Carla, mein Liebling,
ich muss hier raus. Ich muss weg. Es ist unbeschreiblich, was hier passiert. Wenn wir wirklich hier sind, um dem Land zu helfen, dann weiß ich nicht, was das für eine Hilfe sein soll. Ich habe Angst. Ich will hier weg.
Am Wochenende darf ich nach Bushville. Ich werde versuchen, mich auf ein Schiff zu schleichen und mich irgendwo hin abzusetzen, vielleicht nach Europa. Versuch, ein Visum zu bekommen, dann treffen wir uns da. In Rom. Du wolltest doch schon immer nach Rom. Wenn ich erzähle, was hier passiert, bekommen wir bestimmt Asyl.
Ich liebe dich
Mike.
Handgeschriebener Brief von Private Michael Durst, USMC, gefunden im Gepäck von Private Tom Beck, USMC, bei der routinemäßigen Durchsuchung vor Antritt des Heimaturlaubs, Port Bush, 14. Oktober 2002.
+++ EILMELDUNG: UN-Vollversammlung hebt sämtliche Sanktionen gegen die USA auf. +++ Generalsekretär Kim spricht von „Rehabilitation vor den Völkern der Erde“. +++ Präsident Jacobs wird heute Abend eine Fernsehansprache an die Nation halten +++ DOW JONES steigt um 11 % +++ EILMELDUNG: UN-Vollversammlung hebt …
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