Der Tod von Henriette Berger, machte im Viertel, in Windeseile die Runde. Willi Bongartz sorgte dafür, dass jeder der es hören wollte, von der grausamen Tat erfuhr. Hans fuhr an diesem Tag noch einmal in sein Büro und wickelte die letzten beide Aufträge noch ab, bevor er neue Aufträge auf unbestimmte Zeit verschob. Den Kunden war das zwar nicht Recht, aber verschoben war allemal besser, als abgesagt. Seine Kunden waren mit seiner Arbeit äußerst zufrieden. Sie schätzten seine Diskretion und seine Erfolgsquote, die immerhin bei 96% lag. Manche Fälle konnte auch er nicht lösen. Aber in den meisten Fällen, stellte er seine Auftraggeber zufrieden. Die Bandbreite seiner Kunden, war zum größten Teil in der Industrie angesiedelt. Wirtschaftsspionage, Patentverletzungen und Datendiebstahl standen an oberste Stelle. Ab und zu kam es auch vor, dass er vermisste Personen suchte. Zumeist kamen diese Aufträge von Banken, die verzweifelt nach eventuellen Erben, für die Bankeinlagen ihres Kunden suchten. Aufträge von der Abteilung „Mord und Totschlag“, lehnte er grundsätzlich ab. Das hing auch mit seinem letzten spektakulären Fall zusammen, bei dem seine Frau im eigenen Haus ermordet wurde. Der Täter konnte bis heute nicht ermittelt werden. Hans kündigte damals seinen Job bei der Kripo Berlin Mitte und verkaufte anschließend sein Haus. Ein halbes Jahr später, machte er sich als Privatermittler selbstständig. Und er hat es bis heute nicht bereut. Im Gegenteil, Hans war froh darüber. Ständig hatte er es mit Leichen und Verbrechern der übelsten Art zu tun. Stets war der Tod präsent. Die Bilder der Toten verfolgten ihn sogar nachts bis in seine Träume. Oft wachte er schweißgebadet auf, weil er wieder einmal einen Albtraum hatte. Hans packte noch die Schmutzwäsche in eine Tasche, bevor er sein Büro verließ. Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr Richtung Innenstadt zu einer kleinen Pension. Dort quartierte er Kunden von sich ein, die über Nacht in Berlin bleiben mussten. Die Pension Krause war billig, sauber und sehr diskret. Der Besitzer stellte nie unnötige Fragen und der Service war gut. Hans buchte ein Zimmer für zwei Nächte. Herr Krause gab ihm sein bestes Zimmer, das sehr ruhig war. Es hatte ein großes Fenster zum Hinterhof, der wie ein kleiner Park aussah. Nachdem er sein Gepäck verstaut hatte, machte sich Hans noch etwas frisch und fuhr zurück in die Görlitzer Strasse 36. Er wollte alle Hausbewohner befragen, vielleicht hatte ja doch jemand etwas gesehen oder gehört. Aber dem war nicht so. Keiner der Anwohner hatte etwas bemerkt. Außer das am Wochenanfang der Schornsteinfeger da war und die Kamine reinigte. Und am gleichen Tag, wurden auch noch die Heizungen abgelesen und mit neuen Röhrchen bestückt. Sonst war nichts geschehen, was zur Aufklärung des Todes Tante Henriette beigetragen hätte. Seine Befragung endete bei Linda Hofmann. Die 32 jährige war gerade von der Arbeit zurückgekehrt. Sie arbeitete abwechselnd in verschiedene Supermärkte als Auffüllkraft. Sie musste dabei die Regale mit den verkauften Waren wieder befüllen, so dass immer genügend Artikel im Regal standen. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Supermarkt, als leere Regale. Der Kunde würde dann mit Sicherheit bei der Konkurrenz einkaufen. Er läutete bei ihr und Linda öffnete. Linda: „Komm rein. Ich dachte, du schläfst im Büro?“ Hans: „Ich habe alle Nachbarn befragt, ob sie was gesehen oder gehört haben. Aber das hätte ich mir sparen können. Es muss aber jemand bei Henriette gewesen sein. Sie muss ihn hereingelassen haben.“ Linda: „Henriette musste ihn kennen, einem Fremden hätte sie nie und nimmer aufgemacht.“ Hans: „Das sehe ich genauso. Aber kannst du dir einen unserer Nachbarn als Mörder vorstellen?“ Linda: „Mit Sicherheit nicht. Der Einzige der körperlich dazu in der Lage wäre, ist unser Tratschweib, Willy. Ich habe immer noch das Bild im Kopf, wie sie da hing. Warum sie? Was hat sie getan, das man sie umbringt?“ Hans: „Ich weiß es doch auch nicht. Mir fällt kein Motiv ein.“ Linda ging in die Küche, holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und stellte sie zusammen mit einem Öffner auf den Tisch. Hans öffnete die Flaschen und beide nahmen einen Schluck. Hans: „Und der Witz ist, nichts fehlt, außer dem Schlüsselbund.“ Linda: „Vielleicht hat sie ihn verloren und der Mörder hat ihn gefunden?“ Hans: „Dann hätte sie dir oder mir Bescheid gesagt. Du weißt doch, dass Henriette immer den Schlüssel sofort ins Schloss steckte, wenn sie nach Hause kam.“ Linda: „War ja nur so ein Gedanke. Warum hat er ihn mitgenommen?“ Hans: „Ich glaube, damit der Mörder die untere Haustür unbemerkt aufschließen konnte. Willy schließt ja immer um 22:00 Uhr die Haustür ab. Wir müssen das Ergebnis der Gerichtsmedizin abwarten. Bevor wir nicht den etwaigen Todeszeitpunkt haben, können wir nur spekulieren.“ Linda: „Du musst noch einmal nachsehen, ob wirklich nichts gestohlen wurde. Vielleicht hatte sie Bargeld unter der Matratze versteckt.“ Hans: „Bei der Rente? Sie hatte gerade genug um über die Runden zu kommen. Ich habe ihr jeden Monat 250.- Euro Miete für das Zimmer gegeben, sonst hätte sie die Wohnung schon längst aufgeben müssen.“ Linda: „Und was wird jetzt aus der Wohnung?“ Hans: „Wie so? Ich behalte sie, schließlich stehe ich mit im Mietvertrag.“ Linda: „Das wird dem Henning gar nicht schmecken. Aber seit wann stehst du mit im Mietvertrag?“ Hans: „Seit ich hier eingezogen bin. Henriette bestand darauf, weil sie keine Scherereien mit dem Amt und mit dem Vermieter, Michael Henning haben wollte. Du kennst sie ja, pardon, kanntest sie ja.“ Linda: „Und was ist wenn der Henning dahinter steckt?“ Hans: „Ach was, man bringt doch niemand um, nur um einen lästigen Mieter loszuwerden. Und zudem stehe ich auch im Mietvertrag. Nein, ihr Tod ist bestimmt eine Verwechslung oder ein Versehen.“ Linda: „Weißt du was, wir gehen jetzt ins „Scharfe Eck“, zu Jupp. Ein bisschen Abwechslung tut uns ganz gut.“ Hans: „Aber morgen früh um 11:00 Uhr müssen wir spätestens auf dem Polizeipräsidium sein. Du musst mittags auch wieder arbeiten.“ Linda zog sich schnell um und zu Fuß liefen sie die paar Meter zum „Scharfen Eck“. Die Kneipe war gut besucht. Linda und Hans setzten sich an den Stammtisch, wo auch, wen wundert es, auch Willy Bongartz saß. Er hatte schon einiges intus, was er aber geschickt mit lockeren Sprüchen und flachen Witzen überspielte. Kaum das Linda und Hans saßen, wurde es merklich ruhiger. Alle schauten die beiden gespannt an, in der Hoffnung, dass sie die neusten Infos von Henriettes Tod erfahren würden. Hans merkte das und setzte den Erwartungen gleich ein Ende. Er sagte: „Keine Fragen zu Henriettes Tod. Willy hat bestimmt schon alles erzählt. Wir sind hier um in Ruhe ein Bier, oder zwei, zu trinken.“ Enttäuschung machte sich breit. Wohl oder übel mussten sie sich der Entscheidung der beiden beugen. Der Rentner Otto Häusler, ergriff das Wort: „So langsam aber sicher, werden es immer weniger hier auf dem Kiez. Erst vor zwei Monaten, ist der Erwin Linde in der Spree ertrunken. Dabei saß er doch im Rollstuhl. Die Bullen haben gesagt, er war besoffen und ist dann zu dicht am Ufer entlang gefahren. Tragischer Unfall.“ Herr Koslowski fuhr fort: „Und was war mit Herbert Kimmig? Der ist aus unerklärlichen Umständen von der Straße abgekommen, hat sich mehrfach überschlagen. Ist noch an der Unfallstelle verblutet. Und beide wohnten in der Görlitzer Strasse.“ Hans wurde hellhörig, aber tat so, als wenn es nur ein Zufall gewesen ist. Hans: „Unfälle gibt es jeden Tag. Und wenn man älter ist, kommen auch noch körperliche Defizite. Da kommt es schnell einmal zu einem tödlichen Unfall. Meist ist ein Schwächeanfälle, Herzinfarkte oder Zuckerschocks, die Auslöser von diesen Unfällen.“ Frau Wiener, meinte aber: „Und wenn jemand Topfit ist? Wie erklärst du dir dann, das eine gesunde Frau, plötzlich Herzprobleme bekommt?“ Linda: „Vielleicht hat sie früher schon gesundheitliche Probleme gehabt, die nur nicht erkannt wurden.“ Der Rentner, Herr Lang fügte hinzu: „Frau Wiener meint bestimmt, Frau Matuschek. Ich habe sie gut gekannt und die war mit Sicherheit kerngesund. Mysteriöser erscheint mir der Unfalltod von meinem Freund, Justus Memminger. Der ist angeblich beim hinabsteigen der Kellertreppe gestürzt und hat sich das Genick gebrochen. Fakt ist, das in diesem Viertel viele ältere Menschen, ganz plötzlich zu Tode gekommen sind. Sei es durch unerklärliche Unfälle, oder durch plötzliche Erkrankungen. Da muss man sich schon fragen dürfen, ob da System dahinter steckt. Zumal die meisten davon in Wohnungen von Herrn Henning gewohnt haben. Man munkelt schon, dass so Wohnungen entmietet werden.“ Hans machte dieser Satz nachdenklich. Er wollte aber nicht das die Gerüchteküche weiter brodelt und sagte: „Lasst uns doch sachlich bleiben. Die Polizei ist doch nicht blöde. Wenn da etwas faul gewesen wäre, hätten die es bestimmt herausgefunden. Die machen einen guten Job und bekommen dafür wenig Geld. Was haltet ihr von dem neuen Mietgesetz? Mietpreisbremse nennt sich das, glaubt ihr, das das funktioniert?“ Nun kam Feuer unter dem Kessel. Jeder hatte seine eigene Meinung, genau das, was Hans wollte. Weg von den Mordtheorien, hin zur faktischen Diskussion. Die Themen wechselten sich nun ab. Nach der Miete, kam die Rente dran, dann die Flüchtlinge und zum Schluss Hartz IV. Kein gutes Haar wurde an der Regierung gelassen, jeder bekam sein Fett ab. Gegen 22:30 Uhr verabschiedeten sich Linda und Hans von dem Stammtisch und machten sich auf den Heimweg. Unterwegs, meinte Linda: „Schon komisch, das so viele alte Menschen plötzlich versterben, die in Wohnungen von Michael Henning wohnen, besser gesagt wohnten.“ Hans antwortete: „In anderen Wohnungen in Berlin wird auch gestorben. Und wenn man über 70 ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man den Löffel abgibt wesentlich höher, wie wenn man 30 ist. Du kennst doch die Leute hier, da wird schon einmal aus der Mücke ein Elefant gemacht.“ Linda: „Du hast ja Recht, aber an jedem Gerücht, ist ein Funken Wahrheit.“ Hans: „Du glaubst doch nicht, dass Henning durchs Viertel geht und alte Menschen killt. Das sind alles Hirngespinste von senilen alten Rentnern, die nichts anderes zu tun haben. Ich halte das alles, für Stammtischgeschwätz.“ Linda: „Mein Angebot gilt immer noch, du darfst gerne bei mir übernachten. Du brauchst jetzt nicht extra mit dem Taxi ins Büro fahren.“ Hans: „Du kennst meinen Standpunkt. Sei mir bitte nicht böse, aber ich muss noch einmal ins Büro, weil ich für morgen früh noch ein paar Unterlagen brauche. Schlaf gut.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und schob sie durch die Tür der Görlitzer Strasse 36. Dann lief er zum nächsten Taxistand, der nur einige Meter um die Ecke lag.
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