“ Hans: „Und wenn sie nicht gleich anrufen, dann haben sie mich an der Backe. Und das wird um einiges unangenehmer sein, wie ein paar Formulare auszufüllen. Rufen sie ihn endlich an, oder soll ich das für sie tun?“ Widerwillig rief der Polizist seinen Kollegen Klaus Wagner, bei der Mordkommission an. Nach einem kurzen Gespräch kam er aus der Küche zurück und übergab Hans das Telefon: „Herr Wagner möchte sie sprechen.“ Hans nahm das Telefon und Wagner fing gleich an zu sprechen: „Na, mein Freund, ich wusste gar nicht das du wieder im Dienst bist. Bei welchem Dezernat bist du gleich noch einmal?“ Hans: „Freut mich dich zu hören. Einmal Bulle, immer Bulle. Schick deine Leute, es ist eindeutig Mord. Wenn ich nicht Recht habe, lasse ich für alle ehemaligen Kollegen eine Grillparty springen. Du weißt ja, ich irre mich selten.“ Wagner: „Und du bist da ganz sicher?“ Hans: „Absolut sicher.“ Wagner: „Na schön, ich komme und schau mir den Tatort an, aber versprechen kann ich nichts. Wenn ich den geringsten Zweifel an deiner Theorie habe, dann bin ich wieder weg. Einverstanden?“ Hans: „Ist in Ordnung. Aber egal zu welchem Resultat du kommst, ich will auf jeden Fall eine Obduktion und das so schnell wie möglich. Du weißt ja selbst, dass KO Tropfen nur begrenzte Zeit nachzuweisen sind. Je schneller, desto besser.“ Wagner: „Schon vergessen, du bist nicht mehr mein Chef. Ich bin in 30 Minuten da, dann sehen wir weiter.“ Beide legten auf und Hans gab das Handy dem Beamten zurück. Der Polizist fragte: „Und, kommt der Hauptkommissar?“ Hans: „Ja. Sie sorgen inzwischen dafür, dass keiner mehr die Wohnung betritt. Ich mache noch ein paar Fotos von der Vorfinde-Situation, damit alles dokumentiert ist. Sicher ist sicher.“ Hans zog sein Handy aus der Hosentasche und machte ein paar Aufnahmen. Dann verließ auch er den vermeidlichen Tatort. Erst jetzt wurde ihm wieder klar, dass seine Tante da oben an einem Strick hing. Aber für Gefühle war es der falsche Augenblick. Er ging vor die Wohnungstür und traf dort auf die anderen Mieter der Görlitzer Strasse. Hans fragte Willy Bongartz: „Du und Linda habt sie gefunden, habt ihr irgendetwas im Zimmer verändert?“ Willy: „Ich glaube nicht. Es war ja stockfinster, man hat nichts gesehen, da die Rollläden unten waren.“ Linda fügte hinzu: „Das ist richtig. Aber ich bin in der Dunkelheit, über den Stuhl gestolpert, der umgekippt auf dem Boden lag.“ Hans: „Das heißt, das Henriette den Stuhl, zuerst auf den Tisch gestellt und dann auf den Stuhl gestiegen ist. Das muss doch ganz laut gepoltert haben, wie sie den Stuhl vom Tisch gestoßen hat. Hast du denn nichts mitbekommen, Willy? Schließlich wohnst direkt darunter.“ Willy: „Tut mir leid ich habe Fußball geschaut und irgendwann bin ich eingeschlafen. Sorry.“ Hans: „Schade, sonst könnten wir den genauen Todeszeitpunkt bestimmen.“ Linda: „Gehst du von Mord aus?“ Hans: „Worauf du einen lassen kannst. Alle Anzeichen, deuten daraufhin. Hat denn jemand von euch, einen Fremden im Haus gesehen?“ Diese Frage stellte er den anderen Bewohnern des Hauses, welche noch im Hausflur standen. Die schüttelten nur mit dem Kopf. Keiner von ihnen hatte etwas gesehen oder gehört. Linda fragte Hans: „Kommen jetzt deine ehemaligen Kollegen vom Morddezernat?“ Hans: „Wagner muss gleich da sein. Warten wir ab, was er meint. Ich werde mit ihm ein ernsthaftes Gespräch führen müssen.“ Er nahm einen Notizblock und notierte die Fakten, die seine Mordtheorie stützen sollten. Hans fragte Willy: „Hast du einen Zollstock?“ Willy: „Natürlich, ich hole ihn.“ Kaum das er wieder zurück war, kam auch Kriminalhauptkommissar Klaus Wagner mit seinem Kollegen, Oberkommissar Frank Steiner die Treppe hoch. Hans begrüßte beide mit den Worten: „Ich hätte mir auch ein schöneres Wiedersehen gewünscht, aber ich habe es mir auch nicht ausgesucht.“ Er gab ihnen die Hand und Wagner meinte: „Dann wollen wir mal. Hast du was angefasst oder verändert?“ Hans: „Es ist alles noch so, wie wir es vorgefunden haben.“ Hans ging voran und schloss die Haustür auf. Wagner: „Du hast einen Schlüssel für die Wohnung?“ Hans antwortete gereizt: „Na klar, schließlich habe ich hier ein Zimmer. Ich wohne seit drei Jahren hier. Wohnen ist zu viel gesagt. Meist war ich nur am Wochenende hier und hab Tantchen im Haushalt geholfen und meine Wäsche gewaschen.“ Wagner: „Dann musst du auch erkennungsdienstlich behandelt werden, um deine Fingerabdrücke auszuschließen.“ Hans: „Spar dir deinen Sarkasmus. Komm lieber ins Wohnzimmer und schau dir den Tatort an.“ Hans ging vor und zeigte auf seine tote Tante. Er zog den Zollstock aus seiner Hosentasche und maß den Abstand zwischen Tante Henriettes Füßen und dem Tisch. Dann zeigte er auf den Zollstock und stellte fest: „Der Abstand beträgt 75 Zentimeter. Und der Stuhl ist nur 52 Zentimeter hoch. Was sagt uns das?“ Hans reichte ihm den Zollstock. Wagner machte ein Foto von dem am Boden liegenden Stuhl, dann hob er ihn auf und stellte ihn auf den Tisch, direkt unter Tante Henriettes Füße. Wagner maß den Abstand zwischen Stuhl und Füßen, dann sagte er: „Über zwanzig Zentimeter fehlen zu einem festen Stand.“ Steiner machte ein Foto davon und meinte: „Chef, ich glaube, Hans hat Recht. Wie es scheint, ist es ein arrangierter Selbstmord.“ Wagner: „Ich rufe die SpuSi und den Gerichtsmediziner an. Wer hat deine Tante gefunden?“ Und Hans erklärte den beiden Ex Arbeitskollegen, wie Henriette aufgefunden wurde. Er übergab ihm dann den Abschiedsbrief. Wagner las ihn durch und meinte: „Und du sagtest, deine Tante hat keinen PC, Drucker oder Schreibmaschine?“ Hans: „So etwas hat sie noch nie besessen. Der Brief ist getürkt.“ Steiner: „Das ist alles schön und gut, aber warum sollte jemand die alte Dame töten? Was für ein Motiv hätte er gehabt?“ Hans: „Wenn ich das wüsste, wären wir dem Täter schon auf der Spur. Eins ist sicher, freiwillig ist sie nicht auf den Tisch, geschweige den Stuhl gestiegen. Ich denke, sie wurde vorher außer Gefecht gesetzt und dann erhängt. So wie sie aussieht, muss sie noch gelebt haben, als sie aufgehängt wurde.“ Wagner stieg auf den Tisch und sah sich die offenen Augen und die Wangen der Toten an. Nach prüfendem Blick, meinte er: „Sie hat Blutungen auf der Netzhaut und an den Wangen, dass heißt sie wurde stranguliert. Deine Tante hat auf jeden Fall noch gelebt, als sie erhängt wurde. Auch ihre blauen Lippen sprechen dafür.“ Er sprang vom Tisch und zog sein Handy aus der Tasche und meinte zu Hans: „Egal was wir bei unseren Ermittlungen herausfinden, du machst nichts auf eigene Faust und hältst die Füße still.“ Hans: „Wenn ihr eure Arbeit gründlich und korrekt macht, ist das kein Problem für mich. Sollte ich aber das Gefühl haben, ihr verbockt es, dann kann ich für nichts garantieren. Ich bin schließlich Ex Bulle und jetzt privater Ermittler.“ Wagner: „Soll das eine Drohung sein?“ Hans: „Nein, nur Fakt. Ich will den Mörder meiner Tante. Sie hat niemanden etwas getan und hat einen solchen Tod nicht verdient. Darum bin ich ja einmal Bulle geworden.“ Steiner: „Keiner hat dich gezwungen aus deinem Job auszusteigen.“ Hans sah ihn scharf an und erwiderte: „Hättet ihr damals besser auf meine Frau aufgepasst, dann würde sie heute noch leben.“ Wagner: „Hört auf, alle beide. Was geschehen ist, ist geschehen. Wir sollten uns jetzt besser der Gegenwart widmen, als in der Vergangenheit zu wühlen.“ Hans: „Ausnahmsweise einmal ein vernünftiger Satz von dir. An mir soll es nicht liegen.“ Insgeheim dachte Hans nicht im Geringsten daran, die Ermittlungen seinen Ex Kollegen, alleine zu überlassen. Wagner: „Du musst noch aufs Präsidium kommen und dich erkennungsdienstlich behandeln lassen.“ Hans: „Ihr habt doch meine Fingerabdrücke, was soll der Scheiß?“ Wagner: „Du kennst die Vorschriften. Bring bitte gleich diesen Hausmeister und die Frau mit, die deine Tante gefunden haben. Fehlt denn irgendetwas? Wurde etwas gestohlen?“ Hans: „So viel ich sehe, ist noch alles da. Bis auf den Hausschlüssel, vermisse ich nichts. Wenn ihr mit der SpuSi fertig seid, werde ich genauer nachsehen.“ Steiner: „Dann können wir Raubmord schon einmal ausschließen.“ Hans verließ die Wohnung, auf dem Weg nach unten kam ihm Linda entgegen. Die fragte: „Und, gibt es was Neues?“ Hans: „Bisher nicht. Die SpuSi muss erst alles sichern und auswerten. Und dann müssen wir die Obduktion abwarten. Du und Willi, sollt Morgen ins Präsidium kommen, um eure Aussagen zu machen. Wenn ihr wollt, nehme ich euch gegen 10:00 Uhr mit.“ Linda: „Geht klar. Und wann darfst du wieder in die Wohnung?“ Hans: „Zwei Tage wird es wohl dauern.“ Linda: „Wenn du möchtest, kannst du solange bei mir bleiben.“ Hans: „Danke Linda, aber ich schlafe so lange im Büro.“ Linda: „Du kannst ruhig bei mir schlafen, ich lasse dich auch in Ruhe, obwohl mir das sehr schwer fällt.“ Hans schmunzelte, wusste er doch, dass Linda einer Liaison oder Verhältnis nicht abgeneigt wäre. Hans antwortete: „Ich will dich nicht in Versuchung bringen. Und deshalb ist es wohl besser für uns beide, dass ich im Büro schlafe.“ Linda trat ganz dicht an Hans heran und fragte: „Was gefällt dir an mir nicht? Habe ich zu wenig in der Bluse, oder ist mein Arsch zu klein? Kann es sein, dass ich hässlich bin? Ah, ich bin dir wahrscheinlich zu alt.“ Bevor sie weitere Details aufzählen konnte, meinte Hans: „Süße, die Diskussion hatten wir doch schon einmal. Du bist eine wunderbare Frau, sehr hübsch und sexy. Ich könnte mir keine bessere Frau an meiner Seite vorstellen, aber wie ich dir schon damals sagte, habe ich den Tod von meiner Frau noch nicht überwunden. Und du bist nun einmal keine Frau für eine Nacht.“ Linda: „Hans, das hast du mir schon beim letzten Mal gesagt. Irgendwann muss man auch loslassen können. Ich glaube, deine verstorbene Frau würde es genauso sehen.“ Hans: „Wenn ich darüber hinweg bin, wirst du es als Erste erfahren, versprochen.“ Linda: „Wer nicht will, der hat schon. Du weißt ja gar nicht, was dir alles entgeht. Stunden der Wollust und Triebe, gepaart mit Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Und von den entgangenen Höhepunkten, möchte ich erst gar nicht sprechen.“ Hans: „Ich hole dich morgen früh um 10:00 Uhr ab. Also, bis dann.“
Читать дальше