Linda sah es nun auch und fing an zu schreien. An einem kurzen Seil hing Henriette, erhängt. Man sah gleich, dass sie nicht mehr am Leben war. Ihr Gesicht war bläulich verfärbt und die Zunge hing leicht geschwollen heraus. Sie musste seit Stunden Tod gewesen sein. Willi: „Hör endlich auf zu schreien, damit weckst du sie auch nicht wieder auf.“ Er griff nach Henriettes Fuß und stellte fest: „Sie ist ganz kalt. Ich rufe jetzt die Polizei.“ Linda hatte sich wieder gefangen und meinte: „Sollten wir sie nicht abschneiden und mit Wiederbelebung beginnen?“ Willis Antwort war entsprechend: „Linda, da gibt es nichts mehr zum wiederbeleben. So leid mir das für Henriette tut, aber sie hat den Löffel abgegeben.“ Willi wählte die 110 und sagte nur kurz und knapp: „Hier ist Hausmeister Willi Bongartz, aus der Görlitzer Strasse 36. Ich will einen Selbstmord melden. Frau Henriette Berger hat sich im gleichen Haus, in der zweiten Etage in ihrer Wohnung erhängt. Bitte veranlassen sie alles Weitere.“ Linda hatte inzwischen das Wohnzimmer verlassen. Sie konnte den Anblick, der dort hängenden Henriette nicht mehr ertragen. Blass und geschockt setzte sie sich in die Küche auf einen Stuhl. Sie stammelte immer wieder: „Warum hat sie das getan? Warum? Ihr ging es doch gut. Wie ist sie nur auf den Tisch gekommen? Sie konnte doch ohne Rollator, kaum gehen. Das ist kein Selbstmord.“ Willi setzte sich neben sie und fragte: „Was redest du denn da für einen Stuss? Wer um alles in der Welt sollte Henriette denn umgebracht haben? Und vor allem, warum? Nein Linda, das ist Selbstmord.“ Dann stand er auf und ging noch einmal zurück ins Wohnzimmer. Nach einer Weile kam er zurück und hielt ein Zettel in der Hand. Willi: „Lies das, vielleicht glaubst du mir jetzt.“ Sie nahm das Schreiben und las laut vor: „Hallo meine Lieben. Bitte seit mir nicht böse, dass ich diesen letzten endgültigen Schritt vollzogen habe. Ich kann einfach nicht mehr. Jeden Tag aufs Neue diese Mühe und Qual ertrage ich einfach nicht mehr. Und dazu kamen auch noch diese unerträglichen Schmerzen. Ich hoffe, ihr könnt mir irgendwann verzeihen. Eine letzte Bitte habe ich aber noch an euch. Ich möchte nicht, dass mich die Würmer langsam auffressen und wünsche mir eine Feuerbestattung. Ich hoffe, ihr seid nicht allzu traurig. Wir sehen uns auf Wolke 27 wieder. Eure Henriette.“ Willi: „So viel zu deiner Mordtheorie. Der Abschiedsbrief sagt doch alles.“ Linda: „Das hat sie nie und nimmer geschrieben.“ Willi: „Das ist doch ihre Unterschrift.“ Linda: „Der Rest ist auf einem Computer geschrieben worden, aber Henriette hat doch gar keinen Computer, geschweige einen Drucker. Sie kannte sich mit so was überhaupt nicht aus. Schluss jetzt, ich rufe Hans an, der muss sofort kommen. Nicht dass da etwas vertuscht wird. Ich bleibe dabei, es war kein Selbstmord.“ Durch die Schreie die Linda von sich gegeben hatte, wurden auch andere Hausbewohner angelockt. Es läutete an der Tür. Willi: „Das wird die Polizei sein, ich mache auf.“ Linda zog ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer von Hans. Nach einigem läuten, nahm Hans ab. Linda: „Hans, ich weiß das du bei Gericht bist, aber kannst du dich dort loseisen und zu uns kommen?“ Hans Kramer stutzte und fragte: „Ist etwas passiert, deine Stimme klingt nicht gerade erfreulich.“ Linda: „Es ist etwas mit Henriette, bitte komme sofort.“ Hans: „Was ist mit ihr? Mach es nicht so spannend. Ist sie gestürzt oder was ist mit ihr?“ Linda: „Schlimmer Hans, viel schlimmer. Sie hat sich angeblich, das Leben genommen. Ich denke, sie wurde ermordet.“ Hans verzichtete auf weitere Details und verließ sofort das Gericht. Ihm war es egal, dass er noch keine Zeugenaussage gemacht hatte, im schlimmsten Fall müsste er eben ein Ordnungsgeld bezahlen. Henriette hatte Vorrang. So schnell er konnte machte er sich auf den Weg in die Görlitzer Strasse 36. Willi hatte inzwischen die Haustür geöffnet, weil er dachte, es ist die Polizei. Doch dem war nicht so. Eine Abordnung von vier anderen Hausbewohnern stand vor der Tür. Der älteste, Herr Mielke, meldete sich zuerst zu Wort: „Willi, ist alles in Ordnung? Wir haben gerade Schreie aus Henriettes Wohnung gehört. Geht es ihr gut?“ Willi wollte es den Mitbewohnern so schonend wie möglich beibringen: „Das war nicht Henriette die geschrien hat, sondern Linda.“ Herr Mielke fragte weiter: „Und warum hat sie so geschrien? Haben wir wieder einmal Ratten im Haus? Hat unser lieber Herr Hauswirt wieder ein paar Tierchen ausgesetzt, damit wir schneller das Feld räumen? Nicht mit uns. Da muss er schon mit anderen Kalibern auffahren.“ Willi: „Nein, es war keine Ratte, die Linda gesehen hat.“ Die kam gerade aus der Küche und platzte in das Gespräch: „Hans kommt gleich. Hoffentlich kann er zur Aufklärung von Henriettes Tod etwas beitragen.“ Frau Dobler rief entsetzt: „Was, Henriette ist Tod? Das ist nicht wahr. Henriette, Henriette?“ Sie lief an Willi vorbei und die anderen drei folgten ihr. Willi meinte dann zu Linda: „Jetzt haben wir den Salat. Nicht das uns noch die beiden alten zusammenklappen und den Herzkasper bekommen.“ Man hörte auf einmal nichts mehr. Totenstill war es, im wahrsten Sinne des Wortes. Alle hatten sich um den Wohnzimmertisch versammelt und hielten inne. Alle bekreuzigten sich bis Frau Huber, gefasst sagte: „Wir sollten sie abhängen, das hat sie nicht verdient. Es ist ihrer unwürdig.“ Die anderen stimmten ihr zu, doch Willi und Linda behielten in dieser Situation einen kühlen Kopf. Linda: „Die Polizei müsste jeden Moment da sein, die müssen das machen, schließlich ist das ein Tatort.“ Dann gab sie ihnen ihren Abschiedsbrief zu lesen. Alle waren einer Meinung, dass diese letzten Zeilen, nicht von Henriette geschrieben wurden. Linda schickte alle wieder aus der Wohnung. Gerade noch rechtzeitig, weil die Polizei schon im Anmarsch war. Ein Streifenwagen mit zwei Polizisten klingelte bei Henriette und Willi ließ die Beamten herein. Wie sie an der Haustür von Henriette ankamen, wurden sie bereits von den Hausbewohnern gebührend in Empfang genommen. Frau Meier fragte gleich: „Wo bleibt der Arzt, vielleicht kann er ihr doch noch helfen?“ Willi mischte sich ein und sagte kurz und knapp: „Frau Meier da kann man nicht mehr helfen. Henriette ist schon ganz kalt. Und nun lass die Beamten ihre Arbeit machen.“ Der eine Beamte fragte ihn: „Haben sie bei uns in der Notzentrale angerufen?“ Willi: „Ja, meine Herren, wenn sie mir bitte folgen würden. Frau Berger hängt im Wohnzimmer. Wir haben alles so gelassen, wie wir es vorgefunden haben.“ Der Beamte ging vor und bat Willi draußen zu warten. In der Zwischenzeit, war auch Hans eingetroffen. Er stürmte in den zweiten Stock und fragte gleich Linda: „Was ist geschehen?“ Linda erzählte ihm was passiert war und Hans öffnete mit seinem Schlüssel die Wohnungstür. Er ging hinein und bekam gerade noch mit, wie der Beamte sagte: „… wir gehen von Suizid aus. Es ist auch ein Abschiedsbrief vorhanden.“ Hans Kramer sagte mit fester Stimme: „Guten Tag meine Herren, ich glaube wir kennen uns. Hauptkommissar a.D. Kramer, Morddezernat Berlin Mitte. Bei der Toten handelt es sich um meine Tante. Sie gestatten, das ich einen Blick auf sie werfe?“ Der Beamte antwortete: „Weil sie es sind. Wenn sie sich das unbedingt antun wollen, nur zu.“ Hans stand nun vor der hängenden Henriette. Kein schöner Anblick. Hans blendete alle Gefühle aus und konzentrierte sein Hauptaugenmerk alleine auf die Fakten. Seil zu kurz, oder Henriette war zu klein, so sein erstes Resümee. Dann las er den Brief. Nach einer Weile, meinte Hans zu einem der Beamten: „Rufen sie den Kollegen Wagner von der Mordkommission. Er soll den Gerichtsmediziner und die Spurensicherung gleich mitbringen. Das ist, meiner Meinung nach, ein als Selbstmord getarnter Mord.“ Der Beamte: „Und wenn nicht? Dann habe ich den ganzen Papierkram an der Backe.
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