Margaret war doch etwas erschrocken. "Was tun wir dann?"
Garcia verzog seine Mundwinkel. "Wir hauen ab. Unsere Reise könnte dann vielleicht etwas länger dauern."
"Und wenn sie uns trotzdem erwischen?"
"Dann verhandeln wir. Meistens sind sie mit der Hälfte der Ladung zufrieden und ziehen wieder ab. Vielleicht haben wir auch Glück, und ein Schiff der Königlichen Marine ist in Sichtweite."
Margaret schluckte leer und erwiderte das Lächeln von Garcia. Doch auch so würde es einige Wochen dauern, bis sie wieder Festland sähen.
Bei ruhiger See saß Margaret meistens auf einer der zahlreichen, mit Stricken festgezurrten Holzkisten und las in ihren wenigen Büchern, die sie aus ihrer zurückgelassenen Sammlung ausgewählt und mit auf die Reise genommen hatte. Zu den Mahlzeiten traf man sich, wenn immer es der Dienstplan zuließ in der Messe und Margaret lauschte den Geschichten der Offiziere.
Garcia wusste inzwischen Bescheid über die Reisepläne von Margaret und machte aus seinen Bedenken kein Hehl: "Du solltest diese Reise nicht allein machen. Du bist des Weges nicht kundig und Schottland ist in Aufruhr, besonders dort wo du hinwillst."
Margaret wusste, dass er recht hatte. "Ich habe keine andere Möglichkeit. Vielleicht finde ich ein paar nette Kerle wie euch, die mich begleiten."
Jose sah sie mit erhobenen Augenbrauen an. "Da sind nur Fischer und Seeleute, die haben andere Pläne, als dich in die Highlands zu eskortieren." Immerhin nahm er sich Zeit anhand der Angaben von Margaret eine Karte zu zeichnen, die den Weg von Greenock auf dem Wasser ins Innere des Landes und von dort nach Blair Mhor skizzierte. "Du wirst ein Boot brauchen, das dich hinbringt, und nachher ein oder zwei Pferde."
"Dessen bin ich mir bewusst", antwortete sie mit fester Stimme und versuchte ihre eigenen Befürchtungen zu überwinden.
Die Tage wurden für Margaret länger und länger. Stürmische See mit bedrohlichen Wolkentürmen wechselten mit trägen Flauten bei endlos blauem Himmel, hektische Aktivitäten der Offiziere und Matrosen mit langweiligem Schaukeln des Schiffes. Oft sah man sie an der Reling stehen, manchmal ihre Arme aufgestützt; sie schien die Windseite zu suchen, als ob sie in die Vergangenheit zurückblickte. Sie ließ sich auch von unruhiger See nicht abhalten, im Gegenteil: sie verankerte ihre Füße, fasste die Reling fest mit beiden Händen und atmete die salzige Luft. Manchmal schüttelte sie heftig den Kopf und machte sich Vorwürfe, dass sie sich in Amerika mit Scott eingelassen und ihn sogar als Ehemann an ihrer Seite geduldet hatte, versuchte eine Brücke zu schlagen zwischen der unsicheren Zukunft und ihrer Vergangenheit …
Der Vater von Margaret war mit seinem Nachbarn MacAreagh lediglich in einer Sache gleicher Meinung gewesen: in ihrem Hass gegen die Engländer insgesamt und in ihrer Ablehnung der Anfang des Jahrhunderts beschlossenen Union zwischen Schottland und England im Besonderen. Da konnten sie zusammen bechern und schimpfen, was jedoch meistens nicht lange dauerte, denn die Beschimpfungen zielten über kurz oder lang auf den anderen und man musste sie voneinander abhalten, damit sie nicht an Ort und Stelle mit dem Schwert aufeinander losgingen.
In jenem Jahr war Margaret noch ein Mädchen, hoch aufgeschossen zwar und mit leichter Stupsnase, doch wer sie ansah, spürte das Versprechen zukünftiger Schönheit. Für ihren Vater Morvin war sie das kostbarste Gut überhaupt. Ihr älterer Bruder, vorbestimmt als Erbe, hatte sein Leben vorzeitig in einem der zahllosen Zwiste mit ihren mächtigeren Nachbarn verloren.
Der kleine Ronald MacAreagh sah seinen Vater selten und meistens aus der Ferne, wenn er seines Amtes als Clan-Chief waltete. Ronald war Teil der Kinderschar auf Schloss Blackhill. Ihre Mütter, eine von ihnen seine leibliche, versorgten sie — jede nach ihrer Zeit und ihrer Zuneigung — mit dem, was ein kleiner Junge brauchte. Doch bald war er in der Gemeinschaft von Gleichaltrigen, angeführt vom Ältesten, kaum ein paar Jahre älter als er. Sie wetteiferten stets untereinander und trugen ihre Kämpfe aus. Ronald war der Wildeste unter ihnen und bald war er der Herrscher über die halbwüchsige Gruppe.
Den Platz an der Seite seines Vaters hatte er sich erkämpfen müssen. Dieser hatte ihm die Feindbilder frühzeitig eingeimpft: zu allererst der Clan der MacLennochs im Süden, dann der Nachbar im Westen, angeführt von Margarets Vater Morvin. Ronald war sich schon früh bewusst, dass er eines Tage die Nachfolge seines Vaters antreten würde und er unternahm alles, um zu beweisen, dass er dessen würdig war. Wo immer eine Herausforderung anstand — eine Grenzbereinigung, eine widerspenstige Familie die nach neuen Pfründen suchte, die Demütigung eines Widersachers — stets war Ronald zuvorderst und zuerst.
Morvins Clan war kleiner als derjenige der MacAreaghs, und meistens vor den Küsten mit der Fischerei beschäftigt. Das Meer gab genug her, viele Fischer standen in Morvins Diensten und die Erträge flossen reichlich. Doch eines hatte Morvin übersehen, oder übersehen wollen, schmerzhaft, denn er konnte sich nicht dagegen wehren: Nach und nach hatte der alte MacAreagh sein Gebiet ausgedehnt, die Bauern unter seine Fuchtel genommen, ihnen die Pachtzinsen abgenommen, seine Grenzen immer weiter gezogen und jeden noch so kleinen Widerstand niedergeschlagen. Morvin hatte zwar genug Geld, das Meer gleich vor der Haustür und dessen Früchte im Überfluss, aber bald kaum noch Land für Vieh und Getreide.
Schließlich war Margaret im heiratsfähigen Alter.
Morvin tauchte unverhofft bei seiner Frau auf: "Die Zeit ist gekommen, unsere Tochter zu vermählen. Ich meine, der junge MacAreagh sei der Richtige für sie. So sorgen wir nicht nur für ihre, sondern auch für unsere Zukunft."
Seine Frau rieb sich die Augenbraue und meinte: "Und wenn der Alte nicht einverstanden ist?"
"Er wird meinem Angebot und sein Sohn unserer Tochter nicht widerstehen können."
"Und was ist dein Angebot, Morvin?"
"Wir akzeptieren die neuen Grenzen und er lässt uns dafür in Ruhe. Margaret wird Schlossherrin auf Blackhill."
Seine Frau kratzte sich schließlich die andere Augenbraue. "Wenn du denkst, das sei das Beste für uns und Margaret … "
Morvin atmete auf. "Sicher, für uns alle. Ich meine, du solltest sie darauf vorbereiten."
Er machte sich also bereit, dem alten MacAreagh seine Aufwartung zu machen. Er wählte seinen längsten Umhang aus, schloss ihn um seinen Leib, gurtete ihn fest und schlang das lange Ende über die Schulter. Das wuchtige Barett, das er schon lange nicht mehr getragen hatte, erhielt zum Schmuck drei neue Adlerfedern und sein Breitschwert steckte in frisch gewichstem Lederzeug. Er ließ seinen Pfeifer und die Diener antreten, die Pferde striegeln und besorgte sich eine Leibwache aus seinen besten Leuten. Die Zeltbauer sollten sich ausrüsten und für eine angemessene Übernachtung unterwegs sorgen.
Morvins Frau hatte ihrer Tochter die Vorteile einer Verbindung mit Ronald MacAreagh dargelegt: "Du bist jetzt erwachsen, Margaret. Vater und ich dachten, dass es für dich das Beste ist, wenn du heiratest. Von diesen Fischersleuten hier kommt ja keiner dafür infrage."
Margaret hatte keinen Augenblick daran gedacht. Sie war völlig überrascht, aber der Schrecken war ihr nicht in die Glieder gefahren. "Du meinst, heiraten? Richtig heiraten?"
"Ja, Margaret, du gehst den Weg jeder Frau."
Da beschlich sie doch ein mulmiges Gefühl. "Wen denn? Wen soll ich denn heiraten?"
"Den Sohn des alten MacAreagh, Ronald. Nachfolger seines Vaters, wenn er einmal das Zeitliche segnet. Du wirst die neue Schlossherrin auf Blackhill."
Margaret atmete schnell. "Das sind doch unsere Feinde. Vater schimpft doch immer über sie."
Ihre Mutter nickte bedeutungsvoll. "Eben auch darum. Wir sichern so den Frieden zwischen uns."
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