Ursprünglich hatte sie an alten Familienschmuck gedacht. Irgendetwas Wertvolles, was Tante Juana an sie weitergeben wollte, doch dass, was sie jetzt vor sich in der Kassette liegen sah, verschlug ihr vollkommen die Sprache:
Militärorden, Kriegsabzeichen und Fotos.
Mia schluckte und nahm die Fotos an sich. Sie zeigten eine junge Dame mit langen schwarzen Haaren in Begleitung eines ebenso jungen Mannes. Er trug einen schwarzen Dienstanzug von Hitlers SS. Mia hielt den Atem an. Unter den Fotos lag noch etwas. Sie spürte, wie ihre Finger etwas metallisches berührten. Dann hatte sie das Ding in der Hand und vollzog eine volle Rolle rückwärts.
Das was sie so derart erschreckt hatte, war ein Silberring mit einem Totenkopf. Auch der musste etwas mit der SS zu tun haben. Mia spürte, wie ihr ein eisiger Schauer den Rücken hinunterlief. Sie legte die Gegenstände zurück in die Kassette, ging ins Badezimmer und dort direkt unter die Dusche. Auch wenn draußen heiße Temperaturen herrschten, hier drinnen war es ihr plötzlich eisigkalt geworden. Daher drehte sie zunächst den Warmwasserhahn auf. Der wärmende Strahl beruhigte ihr Gemüt ein wenig. Langsam gab sie etwas von dem kalten Wasser hinzu, bis sie das warme Wasser ganz abdrehte und sich dem erfrischenden Nass hingab. Ganz allmählich spürte sie, wie sich ihr Körper entspannte. Sie ließ etwas von dem Shampoo in ihre Hand laufen und massierte es in ihre Kopfhaut ein. Es prickelte und roch nach exotischen Blumen. Sie seifte ihren nackten Körper ein und genoss den weißen Schaum auf ihrer Haut. Derweil ging ihr Wirres Zeug durch den Kopf. Was hatte Tante Juana mit der SS zu tun? War sie eine Nazi-Braut gewesen? War es das, worüber niemand hatte sprechen wollen? War sie deshalb von der Familie verstoßen worden?
Der Gedanke durchfuhr sie wie ein Stromschlag. Vor Schreck ließ sie die Seife fallen. Das machte Sinn, auch wenn sonst gar nichts einen Sinn machte. Sie stieg aus der Duschkabine und trocknete sich ab. Ihr Magen meldete sich. Erst jetzt stellte sie fest, dass sie seit jenem kleinen Snack auf ihrem Inlandsflug nichts mehr gegessen hatte. Über den Hausapparat rief sie die Rezeption an. Zum Glück gab es einen Zimmerservice und für ein Abendessen war es gerade die richtige Zeit. Sie bestellte sich Empanadas (Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen) und Puchero (Gemüse und Fleischeintopf) und dazu einen Rotwein aus Mendoza, der Weinhauptstadt Argentiniens. Während sie auf den Service wartete wanderte ihr Blick zurück zu der kleinen Metallkassette. Was soll ich jetzt mit dem Kram anfangen?
Sie beschloss sich die einzelnen Objekte genauer anzusehen. Da war zunächst der Ring. Er war zweifelsfrei aus Silber gearbeitet. Auf seiner Stirnseite saß ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen. An seiner Seite waren einige mysteriöse Zeichen angebracht. Mia hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten. Der Ring flößte ihr Angst ein. Schnell legte sie ihn wieder aus der Hand und widmete sich stattdessen den Kriegsabzeichen. Die meisten waren Orden, Anstecknadeln, Spangen und Abzeichen mit Hakenkreuzen. Auch hier wusste Mia nicht genau, was sie bedeuteten, sie sahen jedenfalls sehr wichtig und bedeutsam aus. Besonders das große, schwarze Kreuz mit Silbereinfassung und Band in den Farben des ehemaligen Deutschen Reiches machte einen großen Eindruck auf sie. Wieder lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Was hatte Tante Juana mit all diesen Sachen zu tun?
Es klopfte an der Zimmertür. Mia zuckte zusammen, legte die Gegenstände schnell wieder weg und ging zur Tür. Es war der Zimmerservice. Mia dankte ihm und trug das Tablett mit den Köstlichkeiten zu dem kleinen Tischchen mit den beiden Stühlen, die neben Bett und Kleiderschrank ihr Zimmer zierten. Zuerst war der Wein an der Reihe. Sie goss sich ein halbes Glas voll und kippte den Rebensaft in einem Zug herunter. Das war zwar nicht gerade Ladylike, half aber immerhin einigermaßen in Stimmung zu kommen. Sie goss sich das Glas wieder halb voll und widmete sich ganz dem vorzüglichen Essen. Danach wurde sie müde. War es der Wein, das Essen oder die lange Reise? Sie konnte es nicht genau sagen. Jedenfalls schaffte sie es gerade noch bis zu ihrem Bett, ließ sich fallen und nickte sofort ein.
Der gemütliche Zustand hielt allerdings nicht lange an. Die verworrenen Gedanken in ihrem Kopf wollten nicht weichen. Sie träumte wirres Zeug, erschrak, wachte auf und wusste zunächst nicht wo sie war. Sekunden später fiel es ihr ein. Sie gähnte, setzte sich auf und rieb sich die Augen. Sie war in einem Hotelzimmer in Córdoba - Argentinien. Langsam kam die Erinnerung zurück. Das galt auch für die mitgebrachten Erbstücke und für die Notizbücher von Tante Juana. Vielleicht würden die etwas mehr Aufschluss gegeben können. In der Weinflasche befand sich noch ein Rest des guten roten Tropfens. Mia kippte die Flüssigkeit in ihr Glas, schnappte sich die Notizbücher und fing an willkürlich darin zu blättern.
Die ersten Seiten gaben nicht viel her. Tante Juanas krakelige Handschrift war kaum zu entziffern. Außerdem waren sie voll mit Wasserflecken. Mia erkannte ein paar Jahreszahlen. Sie reichten bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Dann, ab der zehnten Seite besserte sich langsam die Schrift, so dass sie zumindest einen Teil des Geschriebenen entziffern konnte. Sie las:
...ich konnte es kaum glauben, aber sie wollten mich einfach loswerden. Ich saß mit einer Ordensschwester in dem Ford eines Geistlichen, wollte die Tür öffnen und die beiden fragen, ob es wirklich angehen konnte, dass sie mit ihrer Drohung ernst machten. Und tatsächlich drückte ich noch den Hebel nach unten und versuchte die Wagentür zu öffnen, nur um ihnen diese eine Frage zu stellen. Doch die beiden schwiegen und der Ford fuhr los.
Nach knapp einer Stunde hielt er am Hang unterhalb eines großen dunklen Gebäudes. Mir schwante übles.
„Hier musst du aussteigen“, sagte Paulus, der Padre. Ich starrte das Gebäude an und wollte nicht aussteigen. Der Padre fuhr den Ford hinauf auf den großen Vorplatz.
„Nun geh schon“, wiederholte er. Ich blickte ihn unsicher an. Er nickte langsam und deutete auf ein großes Tor. Wie von Geisterhand erschienen zwei Männer, nahmen mir den Koffer ab und packten mich unsanft am Oberarm. Ich wehrte mich, wollte nicht mitgehen, hatte allerdings gegen die beiden keine Chance.
Das große Tor öffnete sich. Ich stand einfach nur da, ohne zu wissen, was ich tun sollte. Ich war umgeben von hohen Mauern und Stacheldraht und dachte: Dies ist ein richtiges Gefängnis, hier komme ich so schnell nicht wieder raus.
Ich sollte recht behalten. Jemand schickte mich auf den Flur. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Meine fragile Blase verlangte dringend nach einer Toilette, aber da war keine. Endlich kam jemand, eine Frau in Uniform. Ich wollte sie fragen, wo die Toilette war, aber die streng drein blickende Dame schrie mich an und sagte, ich sollte mich an die Wand zu stellen. Ich tat, was sie von mir verlangte. Dabei kniff ich mir die Beine zusammen.
„Aber ich wollte doch nur...ich meine, ich muss dringend auf die Toilette!“, sagte ich.
Statt einer Antwort schlug die Frau zu. Mit einem Bambusstock, auf meinen Rücken. Ich schrie auf, klappte zusammen. Die Schmerzen in meinem Unterleib waren zurück. Die Frau hob abermals den Stock und schlug erneut auf mich ein. Und dann noch ein drittes Mal. Ich zitterte am ganzen Leib, als ich zu Boden ging, konnte nichts mehr bei mir halten, verrichtete meine Notdurft in der Hose und auf dem polierten Fußboden. Dafür hagelte es weitere Schläge. Und damit war noch lange nicht Schluss. Die Frau zog eine Schere aus der linken Uniformtasche, drückte mich brutal nach unten und schnitt mir die Haare ab. In Sekundenschnelle, lagen meine schönen schwarzen Locken auf dem Boden - In meinem eigenen Blut und Urin. Ich wäre am liebsten gestorben. Doch der Albtraum ging weiter. Ein männlicher Pfleger brachte mich in den Waschraum. So lief das hier. Die männlichen Pfleger kümmerten sich um die Mädchen und die weiblichen um die Jungs. Das war eine Frage der Würde. Sie sollte uns Neuankömmlingen genommen werden.
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