Ganz sicher bin ich mir jedoch bei den Schuhen, weil ich mich erinnern kann, sie an dem Discoabend immer angesehen zu haben, wenn ich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden oder aber dabei ertappt worden zu sein, wenn ich jemanden beobachtet hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie ich mich sonst hätte verhalten sollen. Ich erinnere mich an dunkelblaue Turnschule mit roten Steifen, wie ich sie auf dem Bild trage.
Das alles lässt mich zu dem Schluss kommen, dass ich an dem Abend wohl recht ansprechend, wenngleich zeitweise auch verschüchtert ausgesehen haben muss. Die Jungs neben mir müssen wohl ähnlich dagesessen haben, denn schließlich wurden wir alle kollektiv von einer Gruppe Mädchen zum Tanzen aufgefordert. Auch wenn ich als Gruppenzugehöriger zum Tanzen aufgefordert wurde, so war ich trotzdem überzeugt, dass meine Tanzpartnerin sich von mir angezogen fühlte, denn es war sie, die ich schon seit Tagen so liebenswert fand und die ich geküsst hatte. Für mich war sie die schönste Frau der Welt, wahrscheinlich war sie für mich die einzige Frau. Ich hatte nach dem Tanz nur noch Augen für sie und hatte mir schon überlegt, ihr ein Eis zu kaufen, um mich ihr zu nähern. Aber zum Glück war ich damals zu schüchtern, um den Plan in die Tat umzusetzen.
An weitere Begebenheiten mit ihr kann ich mich nicht erinnern und glaube daher, dass ich ihr auf der restlichen Fahrt aus dem Weg ging. Ich hatte an dem Abend meine Leidenschaft wohl gerade noch so besiegt, und wollte wahrscheinlich die Wunden nicht wieder aufplatzen lassen, die der harte Kampf in mir hinterlassen hatte. Dass es damals sehr weh tat, weiß ich schon deshalb ziemlich genau, weil ich auch heute noch häufig unter meiner Leidenschaft leide, wenn ich mich zu einer Frau hingezogen fühle. Jedoch führe ich derartige Kämpfe mit mir nicht mehr so hart und bin schnell in der Lage, meine Sehnsüchte zu unterdrücken, weil ich mittlerweile von der Vernunft stark beeinflusst bin und Verhaltensmuster entwickelt habe, nach denen ich mich richten kann, ohne verletzt zu werden.
Wenn ich jetzt so über das alles nachdenke, weiß ich eigentlich gar nicht, was ich da stets unterdrücke. Zwar denke ich, dass es die Liebe ist, weiß aber hierüber eigentlich nichts zu sagen. Ich glaube, sie ist mehr als sich zu jemandem hingezogen zu fühlen. Es ist viel wichtiger, es bei dem Menschen dann auch aushalten zu können. Wenn ich überlege, zu wie vielen Mädchen ich mich schon hingezogen fühlte, wie oft ich schon verliebt war, erscheint es mir jetzt eher so, dass es im Grunde alles nur Möglichkeiten waren, mit einem Mädchen zusammen zu kommen. Leider jedoch nie ein Zusammensein, an das ich mich erinnere, weil ich es genossen hätte. Keine wirkliche Liebe.
Die Erkenntnis, dass man im Grunde erst nur Möglichkeiten nachgeht, bevor man wirklich liebt und mit jemandem wirklich gerne sein Leben teilt, erscheint mir als unbestreitbar. Manche Menschen erkennen im jetzigen Zeitalter der Selbstverwirklichung ja auch erst Jahre später, dass sie die Möglichkeit, die sie die ganze Zeit verfolgten, nicht genutzt haben und ihren Partner nicht lieben. Die Scheidungen und Trennungen geben mir Recht. Andererseits zeigen die vielen Singlehaushalte, dass die Suche nach der idealen Partnerschaft mit zu viel Risiko und Aufwand verbunden ist und man daher lieber einige Möglichkeiten ungenutzt verstreichen lässt. Man hat sich im Laufe der Jahre so viel mit dem Thema beschäftigt, dass man schon von vornherein die Chancen der Möglichkeiten abzuschätzen gelernt hat und auf die günstigste wartet, um seine Energie nicht in etwas Aussichtsloses zu stecken. Ich werde jetzt jedoch zu allgemein. Vielleicht schließe ich ja auch nur von mir auf die andern. Bei mir jedenfalls erscheint es mir als die Wahrheit. Ich überlege mir immer schon im voraus, wie es wohl ausgeht, wenn ich meiner Lipido nachzugeben gewillt bin. Meine Schwarzseherei verhindert dann, dass einige Möglichkeiten sich entwickeln können. So habe ich es noch nie geschafft, mit einem Mädchen, das ich liebe, besser gesagt: das eine Möglichkeit zur Liebe darstellt, so zusammen zu kommen, dass es mein Inneres befriedigt hätte. Bis zu diesem Abend auf der Party.
Eine Beziehung war nie meine Absicht. Das hatte ich ihr auch gesagt: »Es hat ja keinen Zweck. Einer von uns würde bestimmt darunter leiden. Und außerdem sehen wir uns ja eh nicht wieder.« Wahrscheinlich war dieser Gedanke auch geradezu die Voraussetzung für meine Liebeserklärung. Es ging nur um den Moment, es ging mir nur darum, sie an meinem Gefühl teilhaben zu lassen, sie quasi dafür zu belohnen, dass sie es in mir erweckt hatte. Ich war einfach nur glücklich, es ihr zu sagen. Es war keine Entscheidung, kein Sag-ich’s/Sag-ich‘s-nicht, kein Entweder-Oder zwischen dem ich sonst immer schwanke. Es kam einfach so aus mir raus, es war eine innere Befriedung, den Moment mit ihr zu genießen und mit ihr darüber zu reden. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal einfach so fallen ließ. Vielleicht habe ich es noch nie getan aus lauter Angst vor der Konsequenz, dem Gedanken an die Zukunft und das Ende, all den Zweifeln und dem Misstrauen. Es ist so tief in mir drin, dass ich wohl schon gar nicht mehr einfach nur für den Moment leben kann. Dabei war es so wunderbar, mit ihr einfach nur über meine Liebe zu reden, mich zu befreien von all dem gedanklichen Ballast, den ich damit verbinde. All diesen Ballast spürte ich bei ihr nicht, weil keine Zukunft geplant oder da sonst etwas war, was ich hätte bedenken müssen. Es ging nur um den Moment. Ich konnte einfach nur meine Empfindungen ausleben. So gaben wir uns zum Abschied noch einen leichten Kuss. Aber auch ohne Kuss wäre es für mich ein bedeutendes Liebeserlebnis gewesen. Es erscheint mir, als hätte ich in dem kurzen Gespräch, in dem ich einfach ohne Umschweife meine Gefühle wirken ließ, mehr Befriedigung gefunden, als es sonst irgendwie möglich wäre, und so kann ich jetzt ungelogen behaupten, mich damals auf den ersten Blick verliebt zu haben. Wäre ich rational an die Sache ran gegangen oder hätte versucht, der Möglichkeit nachzugehen, um sie auszubauen, es wäre wohl eher ein Ausschlachten geworden. Die Liebe wäre wohl schnell wieder verflogen. Als reines Gefühl aber hält diese Liebe, denn auch wenn Liebe ja bekanntlich blind macht, so hielt diese Blindheit bei mir bislang noch nie lange vor. Nun allerdings ist mir der zweite Blick verwehrt und mir bleibt eine schöne Erinnerung ohne bitteres Beiwerk, eine Liebe ohne Leiden.
Geschrieben August 2002
»Lass mal gut sein! Heranwachsende, die am Tresen einpennen, sind heutzutage doch ein gewohntes Bild. Ist doch eigentlich nicht der Rede wert. Wenn du da also gleich wieder von Entartung redest, ist das doch völlig überzogen. Das ist mir einfach viel zu simpel. Was genau ist denn daran so abartig? Wenn man das Ganze mal differenziert betrachtet, stellt es sich doch ganz anders dar. Eine neue Generation bringt doch zwangsläufig Degeneration mit sich. Veränderungen sind doch schlechterdings vorgesehen! Fragt sich nur, wie man sie bewertet. Und wenn die heutige Jugend zunehmend verwildert, kann darin doch durchaus auch eine Verfeinerung des Zeitgeistes gesehen werden!«
»Dann ist dieser Zeitgeist eben Scheiße! Guck dir dieses Elend doch mal an!«
»Mich stört der Junge überhaupt nicht. Selbst wenn er jetzt den Tresen vollsabbern würde, würde ich es nicht als abartig bezeichnen. Lass ihn doch schlafen. Vielleicht hat er es nötig. Du weißt doch gar nichts über den Jungen. Du gehst natürlich wieder wie selbstverständlich davon aus, dass er ein Schwachkopf ist, und das bringt dich gegen ihn auf. Du unterstellst ihm, er würde nichts aus seinem Leben machen. Aber was macht dich da so sicher? Das er jetzt schläft, zeigt doch nur, dass er einfach zuviel zugemutet hat. Jeder braucht mal ne Pause.«
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