Aber ich fühl mich, wie der schlechteste Mensch, den es gibt, weil Liebe fast mein ganzes Leben lang einen Bogen um mich macht. Gute Menschen haben immer mal Glück, sie werden geliebt, nur ich nicht.
Doch Gott antwortet nicht. Er hat mich längst vergessen. So oft hat er mich beschützt, um mich am Ende zu vergessen. Rauch noch eine während dieses einseitigen Gesprächs, gehe wieder nach Hause. Dusche, esse ein Brötchen mit Marmelade, zappe im TV rum, bis es Zeit ist, schlafen zu gehen.
Ein weiterer Tag ist geschafft, durchkreuzen. Als wäre irgendwann in der Zukunft ein Termin festgelegt und wenn ich den erreiche, ist alles gut. Ich muss es nur irgendwie bis dahin schaffen, am besten schlafend. Ich lebe nicht in der Gegenwart. Entweder in der Vergangenheit oder in der sich nie erfüllenden Zukunft, aber sehr selten in der Gegenwart. In der Gegenwart ist nun mal nichts.
23 Uhr ist Schlafenszeit. Ich drehe mich noch bis 1 Uhr morgens hin und her, bis ich endlich in einen traumlosen Schlaf falle.
Der Handy-Wecker klingelt. Ich stell ihn ab. 10 Minuten später klingelt er wieder. So geht das weiter, über eine Stunde lang. Nun muss ich aufstehen, ein weiterer Arbeitstag steht an. Als erstes geht es immer in die Küche, Kaffee aufsetzen. Nicht mit der neuen oder alten Kaffeemaschine, ich trinke nur türkischen Kaffee, schon seit Jahren. Die Maschine ist nur für Gäste, die ich sehr selten habe. Eigentlich gar keine mehr. Ich trinke meinen Kaffee, rauche und spiele mein Bauernhofspiel.
Vor einem Jahr hab ich das heruntergeladen. Damals auf Adis Rat, mir nicht den Kopf zu zerbrechen, hab ich nach einer Ablenkung gesucht und dieses Spiel heruntergeladen und wurde süchtig. Mittlerweile ist es keine Sucht mehr sondern Gewohnheit und Zeitvertreib. Manchmal spiele ich jede halbe Stunde und manchmal den ganzen Tag nicht. Jetzt ist es wieder Ablenkung, wenn auch keine gute. Ich bin eh schon spät dran, aber das ist egal. Im Büro wartet sowieso nichts, das erledigt werden muss. Ich muss einfach präsent sein.
Erstmal gemütlich ins Bad schlürfen, das übliche Morgenritual. Das Gesicht, das mir aus dem Spiegel entgegenstarrt, kann man der Welt da draussen nicht präsentieren. Meine grün-braunen Augen sehen aufgedunsen und müde aus. Es ist ein helleres grün. Das ist es immer, wenn ich traurig bin. Wenn ich wütend werde, dann sind sie dunkler. Mein dünnes, schnellfettendes, dunkelbraunes Haar hängt schlaff über die Schultern, ich sollte dringend nachschneiden und die Farbe auffrischen. Mein bleiches Gesicht hat durch den Gewichtsverlust in den letzten zwei Jahren immerhin eine schönere Form bekommen, Konturen. Die dünnen Lippen hängen nach unten. Haben sich seit Tagen nicht mehr nach oben, zu einem echten Lächeln verzogen. Make-Up muss sein, die Falten um die Augen kaschieren, die Unebenheiten der Haut ausgleichen. Ich hab keine Lust mich zu schminken und schick anzuziehen, aber ich muss funktionieren. Ausserhalb meiner Wände soll niemand sehen, dass ich leide. Immerhin hat es was Gutes, meine Figur gefällt mir mittlerweile ganz gut, ich hab abgenommen, hab einfach keinen Hunger. Dummerweise habe ich auch an den Brüsten abgenommen. Das war das Einzige, was mich an mir noch nie gestört hat, ich mochte meine Brüste, aber die sind nun weg.
Präsentabel verlasse ich die Wohnung, natürlich mit Musikbegleitung, aber es funktioniert einfach nicht mehr. An der Tramstation stell ich sie wieder ab. Der Weg zum Büro ist nicht weit. Da angekommen, schalte ich meinen PC an, gebe das Passwort ein und gehe auf die Terrasse einen Kaffee trinken und rauchen. Danach gehe ich erst mal auf die Toilette und Wasser holen, bevor ich mich an meinen Arbeitsplatz setze und als erstes die Mailbox öffne und dann alle anderen Programme, die ich gar nicht brauche, aber es sieht so aus, als hätte ich zu tun, falls jemand zu mir kommt. Jeden Morgen das gleiche Ritual.
Meist fange ich mit dem Tagebuch an. Ich schreibe, was ich letzten Abend gemacht und wie ich mich gefühlt hab. Jeden Tag schreibe und schreibe ich, mit irgendwas muss ich mich den ganzen Tag beschäftigen. Ich hab es auch angefangen, in der Hoffnung, mir die Schmerzen von der Seele zu schreiben und gut ist. Aber es hat in den ganzen zwei Jahren nicht geklappt. Vor kurzem hab ich einen Blog angefangen, ich wollte mir ein bisschen die Zeit vertreiben und schrieb im Blog über meine Erfahrungen mit Dating-Apps. Es sollte lustig sein. Aber dann trat Jack in mein Leben, stellte alles auf den Kopf und der Blog wurde zu meiner virtuellen Klagemauer. 50 Follower hab ich schon, die sich mein Gejammer antun, weitere lesen wohl mit.
Nach meinem Tagebucheintrag, dass den ganzen Tag über, mit Gedanken und Gefühlen gefüllt wird, kümmere ich mich um Blogeinträge. Ich lese auch die Blogs der anderen. Es tröstet mich, zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die leidet. Es gibt da draussen noch mehr, die sich ihren Schmerz anonym von der Seele schreiben. In so manchem Beitrag erkenne ich mich wieder.
Die Stunde bis zur nächsten Zigarette dauert ewig. Mittlerweile gehe ich schon rauchen, bevor eine Stunde um ist. Ich kann mich eh auf nichts konzentrieren, nicht dass es da etwas gäbe, worauf ich mich konzentrieren müsste.
Das war so nicht geplant. Was für Hoffnungen hab ich in diesen Job gesetzt.
Sommer 2013
Ich habe gerade meine Weiterbildung erfolgreich hinter mich gebracht. Natürlich bin ich sehr stolz auf meine Leistung, die ich trotz Vollzeitjob, Kind und Haushalt, Mitarbeiter führen, geschafft hab. Aber was soll ich nun damit anfangen? Wie soll es weitergehen?
Mein Chef, Bjarne, ruft mich an und meint, in einem anderen Projekt wird eine Stelle frei und man hat bei ihm angefragt, ob ich wohl Interesse daran hätte. Ich antworte, wenn sie gut bezahlen, why not. Ich rufe Liv, den Projektleiter an, um mich über die Details zu informieren. Mehr Lohn, weniger Mitarbeiter, schöneres Büro. Ich weiss, dass alle neuen Verträge nur befristet sind, Sparmassnahmen. Liv sagt, für mich gilt das nicht, ich werde selbstverständlich einen unbefristeten erhalten. Gut, klingt doch ganz gut, ich werde ihm noch ein offizielles Bewerbungsschreiben zukommen lassen. Das schreibe ich dann auch gleich nach unserem Gespräch und schicke es per Mail, ich muss mich ja nicht lang und breit erklären, die kennen mich alle seit Jahren und mein Dossier haben sie ja auch. Meine Bewerbung ist in fünf Minuten erledigt.
Ich freue mich. Klar weiss ich, dass ich als Mitarbeiterin, als Führungsperson sowohl gefürchtet, wie auch geschätzt werde. Es ehrt mich, dass sie mich haben wollen. Ich hab keine leichte Zeit hinter mir.
Nach meiner dreijährigen Ausbildung zur Kauffrau habe ich hier als Arbeitslose im Programm angefangen, damit ich ein bisschen Erfahrung sammle. Immerhin sammle ich seit meinem vierzehnten Lebensjahr Berufserfahrung, aber nicht im Büro. Ich hab in der Teppichfabrik Musterkataloge geklebt, hab in Restaurants und Bars Neben- wie Hauptberuflich gearbeitet, als Lagermitarbeiterin Kisten geschleppt, als Kassiererin im Einkaufszentrum gearbeitet und anderer Leute Büros und Wohnungen geputzt bis ich meinen Abschluss hatte. Hochverschuldet und 100 Bewerbungen später, kam ich ins Programm, weil mich keiner einstellen wollte, ich hatte keine Berufserfahrung.
Nach fünf Monaten bekam ich da eine Stelle in einem Projekt, zwar befristet, aber immerhin mit Bezahlung. Der Lohn war gut, ich hab nur leider nichts davon gehabt, da ich drei Jahre Schuldenanhäufung abstottern musste. Aber ich konnte gleich ans nächste Projekt als Gruppenchefin anknüpfen, noch bessere Bezahlung, aber brachte mir weiterhin nicht viel. Auch diese Stelle war befristet, doch ich konnte wieder zum nächsten Projekt als Gruppenchefin anschliessen. Dann bot mir Bjarne eine Festanstellung als Leiterin an. Noch bessere Bezahlung und nun konnte ich davon auch profitieren. Meine Schulden waren mittlerweile getilgt. Er liess mir freie Hand obwohl ich überhaupt keine Erfahrung hatte, aber er traute mir diese Aufgabe zu. Es war ein neues Projekt, wir starten mal und schauen wohin es führt.
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