Die Prostata ist von Hause aus eine Drüse. Es gibt sie, dass wissen die meisten Männer vom Hörensagen schon. Aber man braucht sie doch eigentlich nicht, jedenfalls zum Überleben bestimmt nicht. Kreislauf, Verdauung, Atmung, Entgiftung funktionieren auch so, sie wird weder zum Fußballspielen noch beim Skat benötigt, ist nicht hilfreich beim Autofahren und dass sie beim Sex eine Rolle spielen soll, muss wohl ein Gerücht sein. Jedenfalls braucht der Mann bei dieserart Verrichtungen ein ganz anderes Organ, aber doch nicht die Prostata, oder?
Das Einzige, was Mann über sie schon recht früh erfährt, ist die Androhung der Erkrankung des Organs. Da diese aber relativ zuverlässig erst im Alter auftritt, muss man sich bis dahin auch nicht weiter dafür interessieren. Das kommt ja noch früh genug und verhindern kann man es eh nicht. Also was geht mich diese Prostata an. Wenn sie was will, soll sie sich melden, wenn nicht, auch gut.
Da bündelt sich schnell eine Menge Unwissenheit mit hartnäckigem Desinteresse und kann irgendwann zu tragischen Verwicklungen führen. Muss nicht, aber kann. Dem will ich vorbeugen helfen und ein wenig aufklären. Auch, indem ich schildere, was ich an Aufregung mit dem geheimnisvollen Organ erlebt habe.
Zunächst aber etwas trockene Aufklärung. Ja ich kann leider nicht mit Feuchtgebietpoesie dienen. Verbalpornografie liegt mir ohnehin nicht und da über die Prostata so wenig bekannt ist, will ich zunächst einmal nur in medizinisch-volkstümlicher Prosa beschreiben, was es mit dem Organ organisch, historisch und soziokulturell auf sich hat. Auch hier will ich nicht mit Wissen glänzen. Mir ging es nicht anders als anderen Männern. Ich habe mich mit dem wunderlichen Organ auch erst konkret beschäftigt, als ich Probleme bekam. Jetzt, mehrere peinliche Untersuchungen, Diagnosen und eine Operation weiter, kenne ich die Drüse ein wenig besser, freilich ist jetzt von dem mir nun besser bekannten Objekt bei mir nicht mehr viel übrig. Aber davon dann später mehr.
Komisch, mit der historischen Entwicklung des Wissens von der und über die Prostata ist es ganz ähnlich. Von ihrer Existenz hatte die Menschheit schon früh, noch bevor sie von Jesus erfuhr, Kenntnis. Bereits 300 vor der Geburt des Erlösers beschrieb Herophilos von Chalkedon in sehr groben Zügen die Drüse. Höchstwahrscheinlich war das die erste Erwähnung ihrer Existenz. In den Höhlenzeichnungen der Cro Magnon und Neandertaler fand man jedenfalls keine Hinweise. Herophilos hatte ihr den Namen Die Vorstehende verpasst; daher auch ihr deutscher, heute eher ungebräuchlicher Name Vorsteherdrüse. Man(n) wusste also lange von der Existenz der Drüse, aber nichts über ihre Funktion, jedenfalls nichts Genaues.
Noch Leonardo aus Vinci, der neugierige alte Zausel, raffte vergeblich sein ganzes Genie – und davon hatte er einiges – zusammen, um hinter ihre Funktion zu kommen und das Geheimnis zu lüften. Die widerspenstige Drüse jedoch verweigerte sich stur und hartnäckig der Entlarvung.
1538 zeigte Andreas Vesalius die Prostata als Teil des männlichen Urogenitalsystems. Irgendwie sei sie wohl an der Produktion des Urins beteiligt, vermuteten die Mediziner zurückliegender Jahrhunderte. Die Vermutung ergab sich aus ihrer Lage. Die Vorsteherdrüse ist im unteren Bauchraum, unterhalb des Bauchfelles beheimatet; die Harnröhre verläuft direkt durch sie hindurch und die Drüse besitzt Kanäle und Öffnungen zur Harnröhre hin. Da lag es nahe, ihr eine Verbindung zur Urinproduktion anzuhängen. Aber das war nur eine Unterstellung aus Unwissenheit.
Ambroise Paré konnte schließlich schon recht genaue Angaben ihrer Rolle bei der Ejakulation machen; eine erste richtige Beschreibung ihrer Anatomie lieferte schließlich Reinier De Graaf 1668. Und 1761 konnte der italienische Arzt Giovanni Battista Morgagni die Mission der Prostata ziemlich vollständig beschreiben, leider auch schon ihre krankhafte Vergrößerung.
Und das Unheil nahm seinen Lauf: 1889 schnitt Vincens Czerny erstmals eine Prostata vollständig heraus.
Wie es sich für unsere moderne Zeiten gehört, ist die Struktur und Funktionsweise der Prostata heute schon sehr detailliert bekannt und in so vielen Einzelheiten, dass es meine Ambitionen mit diesem Text völlig sprengen würde, wollte ich das alles erläutern. Mal abgesehen davon, dass ich das so detailliert auch nicht könnte. Ich bin nur Prostata-Geschädigter, kein Prostata-Gelehrter.
Trotzdem: Die Prostata ist ein sehr komplexes Gebilde, bestehend aus 30 bis 50 Einzeldrüsen unterschiedlicher Gewebearten und mit verschiedenen Zugängen zur Harnröhre. Dazwischen liegen Muskelfasern, denen eine sehr wichtige Funktion zukommt, und Nervenfasern, die auch nicht unwichtig sind. Nach außen wird der Komplex durch die Capsula prostatica – ein so schöner Name, dass ich mir nicht verkneifen konnte, ihn zu erwähnen – einer Art Schale aus Bindegewebe abgeschlossen.
Stellen sie sich die Prostata als eine Art Apfelsine vor. Eine relativ feste Umhüllung umschließt ein weicheres Gewebe im Innern. Das kann man sich doch gut vorstellen, oder? Die Apfelsine wird in diesem Text gelegentlich noch mal vorbeischauen.
Das Drüsengewebe macht normalerweise das, was dem Drüsengewebe so zukommt: Es produziert ein Drüsensekret. Die Flüssigkeit ist in diesem Fall beim Kindermachen von großer Wichtigkeit, weshalb sie, die Drüse, zu Unrecht so lange von Männern – und Frauen – missachtet wird. Das Sekret ist zunächst nur ein Hilfsmittel; das Medium, in dem sich die kleinen Jungs aus den Hoden, die Spermatozoen, bewegen können. Ohne dieses Sekret säßen die nämlich im Trockenen und da würden sie nicht weit kommen, jedenfalls nicht bis in die angestrebten Feuchtgebiete.
Das Sekret macht die Spermien noch auf andere Weise „Beine“. Es enthält Zitronensäure, die sie erst einmal flott macht. Die kommen nämlich, typisch männlich, als recht träge, um nicht zu sagen faule, verschlafene Typen aus den Hoden bzw. den Samenbläschen getaumelt und müssen erst einmal aus ihrer Bequemlichkeit geholt werden. Sie brauchen eine kräftige Ermunterung, sich auf den Weg zu machen. Das macht die Säure. Die Wegzehrung liefert das Prostatasekret auch noch in Form von Cholesterin, Natrium, Kalium, Zink, Magnesium und – etwas Süßes zum Nachtisch muss sein – auch noch Fruchtzucker.
Die Drüse ist also ein reichlich gedeckter Tisch, an dem sich die Spermien ausgiebig laben und für die lange Reise stärken können. Mich wundert allerdings, warum die Evolution nicht noch Alkohol ins Spiel gebracht hat. Das würde besser zu den Spermien passen und hätte das Angebot erst komplett gemacht. Gut genährt und leicht beschwipst würde das kurze, in aller Regel freudlose und – man glaubt es kaum – auch dazu noch höhepunktarme Leben der Spermien erst wirklich angenehm verlaufen. 99,999999… % von ihnen, meistens sogar 100 % leben ja nicht lange, beenden ihr irdisches Dasein abrupt in der Vagina, im Kondom, in der Schlafanzughose oder wo sie auch immer abgelagert werden.
Mit einem kleinen Schwips würden sie das bestimmt leichter ertragen, vielleicht sogar singend. Die Spermien als grölende Horde Trunkenbolde, kleine Fähnchen in den Vereinsfarben schwenkend, durch die Vagina ziehend – eine lebensnahe Vorstellung, oder? Ho, Ho, Ho, 100 Millionen Mann und 'ne Gallone Eierlikör, Ho, Ho, Ho, Kuckt mal, die Alte war sogar beim Frisör!
Um den Spermien den beschwerlichen Weg durch die Vagina und einem von ihnen die eindringliche Begegnung mit der Eizelle zu erleichtern, steuert die Prostata sogar noch geeignete Enzyme bei. Die weiblichen Empfängnisorgane sind nämlich keineswegs unbedingt empfangswillig. Ihre Gastfreundlichkeit gegenüber den Spermien lässt sehr zu wünschen übrig. Das in ihnen herrschende Klima – feucht, warm und sauer – macht den kleinen Jungs das Leben schwer. Sie müssen sich sehr beeilen und viel Durchsetzungsvermögen zeigen, um nicht vorzeitig auf der Strecke zu bleiben. Da hätte sich das mit der alkoholischen Marscherleichterung doch ganz gut gemacht.
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