Gammla schaut ihn verständnislos an. In diesem Augenblick wird dem Großstadtmenschen bewusst, wie unüberlegt er sich gegenüber Gammla geäußert hat. Wie soll die Neanderthalerin die Ausführungen von ihm begreifen können. Gammla ist ja in einer ganz anderen Erlebniswelt groß geworden. Dass aber die Frühzeitfrau sprechen kann, ist für ihn ein Glücksfall. Denn nun bietet sich die Gelegenheit, durch gezielte Fragen an Gammla mehr aus dem Leben der Neanderthaler zu erfahren. Und das war doch schon immer sein großer Wunsch gewesen.
Johann spürt die Kälte, die an seinen Beinen hoch kriecht. Er steht auf, um einige Bewegungsübungen auszuführen. Während er zwei Tassen von heißem Tee zu sich nimmt, denkt er mit Schrecken daran, dass er zu Hause noch Klausuren zu korrigieren hat. Er versucht diesen Gedanken zu verdrängen. Für ihn ist es im Moment wichtiger, mit Gammla im Gespräch zu bleiben. Johann geht im Schnee unruhig auf und ab. Die Neanderthalerin sitzt derweil regungslos auf dem Baumstumpf.
Als Johann sich wieder zu Gammla gesetzt hat, blickt sie ihn auf einmal herausfordernd an. Dann erhebt sie sich und sagt: „Du musst mit mir kommen, um meine Großfamilie kennen zu lernen.“ Diese Aufforderung kommt für den Großstadtmenschen völlig überraschend. Er sieht Gammla ungläubig an. Aber auf einmal wird ihm bewusst, dass er die einmalige Chance hat das zu erleben, wovon er schon immer geträumt hatte, nämlich am Leben der Neanderthaler teilnehmen zu können. Wenn auch nur für eine kurze Zeit. Johann signalisiert der Gesprächspartnerin seine Bereitschaft, mit ihr die Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen. Über mögliche Risiken macht er sich in diesem Moment keine Gedanken. „Ich finde es aufregend und spannend, deinen Clan kennen zu lernen“, äußert er sich gut gelaunt. „Auch ich möchte dir meine Familie vorstellen und zeigen, in welcher Umgebung wir leben. Du sollst Gast in meinem Haus sein.“ Dabei untermauert Johann seine Ausführung durch Mimik und Gestik. Gammla scheint ihn verstanden zu haben, denn sie nickt ihm zustimmend zu. Johann fährt in seiner Ausführung fort: „ Ich schlage daher vor, dass wir nach unserem Aufenthalt in deiner Großfamilie eine Zeitreise in die Zukunft unternehmen.“ Dann sagt er zu sich selbst: „Eiszeitalter versus Informationszeitalter.“ Ein Schmunzeln zeigt sich in seinem Gesicht.
Ohne dass Gammla ihm groß Beachtung schenkt, hat Johann sein Smartphone aus der Jackentasche herausgeholt und sendet Roswitha eine SMS: „Mein Liebes, ich werde heute etwas später nach Hause kommen. Gruß, Jo“
2.
Der Clan der Neanderthaler
Durch eine Zeitschleuse sind Gammla und Johann in ein Kaltsteppengebiet während der letzten Eiszeit gelangt, in dem der Clan von Gammla lebt.2 Eisiger Wind schlägt ihnen entgegen und Johann bereitet es große Schwierigkeiten, Gammla auf dem vom Schnee bedeckten Untergrund folgen zu können. Plötzlich bleibt die Neanderthalerin stehen und zeigt in eine bestimmte Richtung. Von weitem erkennt man zeltähnliche Behausungen. „Dort wohnt meine Großfamilie“, ruft Gammla ihrem Begleiter zu und beginnt sich schneller vorwärts zu bewegen. Johann fällt das Atmen immer schwerer und jeder Schritt wird für ihn zur Qual. So hat er sich seinen Ausflug in die Eiszeit nicht vorgestellt. Schon bald sind die Umrisse einiger Neanderthaler zu erkennen.
Gammla hält für einen Moment inne und dreht sich nach Johann um, der froh über diese Unterbrechung ist. „Es ist nicht mehr weit. Ich kann es kaum abwarten, wieder bei meiner Familie zu sein“, hört er ihre Stimme. „Hauptsache, ich kann mich bald am Lagerfeuer aufwärmen“, denkt Johann bei sich, dem die Kälte ziemlich zusetzt. Sehnsüchtig hat er das Kaminfeuer in seinem Eigenheim vor Augen. Er versucht die letzten Kräfte zu mobilisieren, um den Anschluss an Gammla nicht zu verlieren.
Nachdem sie den Lagerplatz des Neanderthalerclans erreicht haben, werden sie mit großem Jubel begrüßt. Johann ist tief bewegt. Als Gammla ihm auch noch ihre Familienmitglieder vorstellt, ist es für den Großstadtmenschen ein besonderes Erlebnis. Er kann es kaum fassen, Neanderthalern gegenüber zu stehen. Mit einem kraftvollen Händedruck nehmen sie Kontakt zu Gammla’s Begleiter auf, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden haben.
Der Clan besteht aus 22 Mitgliedern, wobei das Geschlechterverhältnis auffallend ist, nämlich 10 männliche und 12 weibliche Mitglieder unterschiedlichen Alters. Ursprünglich hatten sich zwei Familien zusammengeschlossen, um bessere Überlebenschancen zu haben. Johann hofft, sehr viel über die Neanderthaler und von den Neanderthalern lernen zu können. Vor allem aber möchte er viel aus dem Leben von Gammla erfahren.
Gammla kam in einem Vorhöhlenbereich in der Nähe eines Flusses zur Welt. Es war damals für sie von Vorteil gewesen, dass ihre Geburt in eine Sommerphase fiel. Dadurch hatten die Mitglieder des Sozialverbandes, dem Gammla nun angehörte, bessere Möglichkeiten, sie am Leben zu erhalten. Ihre Mutter Wilma, die später ein Alter von 54 Jahren erreicht, brachte in ihrem Leben nur zwei Kinder zur Welt, die überleben konnten. Die Kindersterblichkeit war sehr hoch gewesen. Nach ihrer Tochter Gammla, von der sie mit 14 Jahren entbunden wurde, erblickte zwei Jahre später ihr Sohn Agho das Licht der Welt. Der Vater Hum war zu dieser Zeit der Ranghöchste im Sozialverband. Auch er erreicht ein hohes Alter von 56 Jahren. Auffallend ist, dass Hum nur eine geringe Fitness (Fortpflanzungserfolg) aufweist. Trotzdem besitzt er ein hohes Ansehen im Clan. Dafür gibt es eine Erklärung: Über viele Jahre hinweg ist Hum ein erfolgreicher Jäger gewesen. Das hat allerdings auch einen hohen Preis gehabt, da er schwere körperliche Schäden erlitten hat. Im Laufe seines Lebens ist er immer mehr auf die ständige Pflege durch die Clanmitglieder angewiesen. Seine Lebenserfahrung und sein Wissen sind aber von großem Vorteil für den Clan.
Wilma ist eine erfahrene Jägerin und Sammlerin gewesen, die ein hohes Ansehen bei den Mitgliedern des Clans besitzt. Trotz ihrer körperlichen Gebrechen, die sich im Laufe der Zeit eingestellt haben, geht sie gelegentlich noch Sammelaktivitäten nach. Dabei folgt sie einer alten Erkenntnis: Wissen zahlt sich immer aus. Vor allem hat sie sich viele Kenntnisse in der Heilkunde angeeignet.
Als Säugling und Kleinkind wurde Gammla bis zu einem Alter von etwa 3 Jahren überwiegend gestillt. Sie war ständig in einem engeren körperlichen Kontakt zu ihrer Mutter oder zu anderen betreuenden Personen. Die erwachsenen Gruppenmitglieder beteiligten sich auf ihre Art und Weise an der Betreuung von Kleinkindern. Durch den Umgang mit Erwachsenen und durch die Beschäftigung mit ihrem Bruder Agho erlernte Gammla die Verhaltensweisen, die für das Zusammenleben in einem Sozialverband wichtig sind. Das soziale Netz, in das Gammla eingebunden ist, stellt für sie einen guten Schutz dar.3
Nur durch eine mobile Lebensweise kann der Clan seine Nahrungsgrundlagen sichern. Dabei müssen die Sozialpartner als Jäger und Sammler immer wieder an die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit gehen.4
Regelmäßig wechseln sie ihre Lagerplätze, wobei sie sich immer den jahreszeitlichen Wechseln der Tiere anpassen. Daher müssen auch die Neanderthalerkinder über eine gute körperliche Verfassung verfügen. Immer wieder können Hungerphasen eintreten, die vor allem im Spätwinter überwunden werden müssen. Um ihre Kinder Gammla und Agho auf nahrungsärmere Zeiten vorzubereiten, ging Wilma im Anschluss an die Stillzeit oft dazu über, durch vorgekautes Essen die beiden Kleinkinder durch Mund-zu-Mund-Fütterung zu ernähren. In der sozialen Gemeinschaft, in der Gammla aufwuchs und die ihr Schutz und Geborgenheit gab, erlernte sie das Wissen und die Techniken der eiszeitlichen Kultur.5
Читать дальше