Yuriko Yushimata - Religion Version 2.100
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Alle vorkommenenden Götter, Göttinnen, Heiligen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit real existierenden Religionen, Institutionen oder Gegebenheiten sind kein Zufall.
Teilweise als Einzelgeschichten bereits publiziert – z.B. telepolis.de -.
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FIN
Religiöse Rituale
Sie hatte Aniko fast 2 Jahre nicht mehr gesehen, dabei war Aniko doch ihre beste Freundin.
Sie wohnten einfach zu weit voneinander entfernt. Obwohl es mit der Hochgeschwindigkeitsplattform kaum 50 Minuten waren.
Miyuki schwieg, sie hatte ein leicht schlechtes Gewissen, weil sie sich so lange nicht bei Aniko gemeldet hatte. Auch Aniko schien etwas verlegen. Miyuki bemerkte, dass ihre Freundin an ihr vorbei sah und und am Ärmel ihrer Bluse zupfte, als sie zu sprechen begann. "Ich habe mich ewig nicht gemeldet, ich hoffe, Du hast trotzdem noch Lust, Dich mit mir zu unterhalten?" Miyuki prustete los. "Genau dasselbe wollte ich Dich gerade fragen." Beide lachten. Auf einmal war es wie immer. Sie nahmen sich in die Arme und gingen ein Stück. Aniko erzählte von ihrem neuen Freund. Dann setzten sie sich in ein Café, Aniko bestellte sich einen Trirrl in blau, Miyuki ließ sich eine dieser altertümlich zubereiteten Kaffeespezialitäten bringen, einen Latte macchiato. Sie liebte Kaffee. Ein Laster, dass sie sich erst im letzten Jahr angewöhnt hatte und das Aniko noch nicht kannte. Aniko krauste die Nase, als die Getränke kamen und sie Miyukis Getränk sah. " Iiieh, ist das echte Milch?" Miyuki lachte. "Das wäre viel zu teuer." Einen Augenblick schwiegen sie wieder beide. Dann bemerkte Miyuki, dass ihre Freundin sie intensiv ansah. "Aber was tust Du jetzt? Studierst Du noch, Miyuki?" Miyuki nickte. Aniko blickte sie neugierig an. "Immer noch Religionssoziologie? Was machst Du da eigentlich?" "Ich schreibe gerade meine Abschlussarbeit." "Worüber schreibst Du?" Aniko lehnte sich zu ihr hin. "Mich interessiert das wirklich." Miyuki setzte sich etwas entspannter hin. "Über religiöse Rituale im deutschen Teil Europas nach der Jahrtausendwende, also zu Beginn des 21ten Jahrhunderts." Aniko staunte. "Das ist über 300 Jahre her. Was untersuchst Du da?" Miyuki sah in die Ferne, sie versuchte in ihren Gedanken das Thema ihrer Abschlussarbeit möglichst klar und kurz zu fassen. "Ich untersuche die ritualisierten religiösen Praxen in einer Einrichtung, die Arbeitsagentur genannt wurde. Abgekürzt wurde das ARGE. Der deutsche Teil Europas und Japan waren sich damals ähnlich, in beiden Gesellschaften wurde die Arbeit zu einer Art religiösem Selbstzweck verklärt. Deshalb ist es auch im Kulturvergleich spannend." Miyuki sah, dass Aniko Schwierigkeiten hatte, sich das vorzustellen. Fragend blickte die Freundin Miyuki an. "Wie sah das aus?" "Oh, diese ARGE genannte Institution hat zum Beispiel viel Geld dafür ausgegeben, um Menschen ohne Arbeit zu zwingen, sinnlosen Tätigkeiten nachzugehen. Zum Beispiel wurden Arbeitslose dazu gezwungen, den ganzen Tag alte wertlose Puz z lespiele zu sortie ren und auf Vollständigkeit zu prüfen. Es wurde eine ganzer Dienstleistungssektor geschaffen, der nur dafür bezahlt wurde, Arbeit für Arbeitslose zu simulieren. Viele Arbeitslose wurden auch durch sinnlose Fortbildungen beschäftigt. Das ganze kostete viel Geld." "Aber wieso?" "Die Menschen glaubten damals, dass Menschen ohne fest zugewiesene Arbeit zu schlechten Menschen werden würden. In meiner Abschlussarbeit vertrete ich die These, dass dies letztendlich an bestimmte christliche Glaubenssätze anschließt. Die Arbeit war für die Leute eine Art säkularisierte Form der Religionsausübung." Miyuki seufzte. Aniko musste laut loslachen. Nach einer Weile schüttelte Aniko den Kopf. "Du nimmst mich hoch? Das ist ein Witz, oder?" Auch Miyuki musste lachen. "Nein, unsere Vorfahren hatten sie einfach nicht alle. Mir ist nur noch nicht ganz klar, woher sich dieser Wahn in Japan speiste." Aniko sah Miyuki an. "Ein verrücktes Thema." Lachend tranken sie aus.
FIN
Nicht Integrationsfähig
"... der Geruch der Ungläubigen" - die Worte des Mullahs gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie machte sich für ihre Forschung einige Notizen. Im Interview danach zeigte sich der Mullah wortgewandt und freundlich und doch wurde durch irgendetwas ihr Misstrauen geweckt. Seine Art sich zu bewegen wirkte künstlich und dann war da dieser Geruch. Sie bedankte sich und machte sich auf den Weg nach draußen. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie ihre Tasche im Sitzungszimmer vergessen hatte. Sie ging noch einmal zurück. In der Eile vergaß sie zu klopfen. Als sie in das Zimmer trat, saß auf dem Stuhl des Mullahs eine Art Hai und mit seinen Zähnen zermalmte er einen Tintenfisch. Neben ihm lag eine leere Hülle, ein Tarnanzug, der den Hai als menschlichen Mullah erscheinen lassen hatte. Der Hai wandte den Kopf zu ihr hin. Panisch floh sie. Das also war es, sie hätte es wissen müssen. Deshalb die künstliche Art sich zu bewegen hier an Land. Und sie dachte an den Geruch, nach Knorpelfisch. Sie hörte ihre Verfolger ohne sie zu sehen. Doch gerade noch rechtzeitig erreichte sie das Auto. Zwei dunkle Limousinen folgten ihr. Sie fuhr erst wahllos durch die Stadt, doch ihre Verfolger waren nicht abzuschütteln. Dann fiel ihr die Parteizentrale ein. Sie fuhr direkt auf den Hof der Partei für eine freiheitliche Nation. Tatsächlich trauten sich ihre Verfolger nicht in dieses Zentrum des Antiislamismus. Sie musste unbedingt den Parteiführer von dem unterrichten, was sie gesehen hatte. Sie hatte auch ihn erst kürzlich interviewt. Ohne zu überlegen lief sie direkt zu seinem Büro. Die Tür war angelehnt, atemlos stürmte sie hinein. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Zwei Haifische standen Ihr gegenüber, nur ihre Köpfe ragten aus den menschlichen Tarnanzügen. Der eine hatte den Körper des Mullah, der andere den des Parteiführers der Partei für eine freiheitliche Nation. Sie schrie. Ein Alptraum, schleimverschmiert wachte sie auf. Kein Wunder, dass sie einen Alptraum gehabt hatte. Sie war im Wohnzimmer in einem für die menschliche Anatomie gefertigtem Sessel in ihrem Tarn- und Schutzanzug eingeschlafen. An sich hatte sie sich nur kurz hinsetzen wollen, nachdem sie gestern eine religiöse Veranstaltung dieser Wesen besucht hatte. Sie erforschte zur Zeit religiöse und politische Zeremonien auf einem kleinen dicht bevölkerten Landzipfel in der nördlichen Hemisphäre dieses Planeten. Nun zog sie sich die menschliche Haut vom Körper. Als tintenfischähnliches Geschöpf war es für sie schwierig, sich unter irdischen Bedingungen ohne den menschlichem Tarn- und Schutzanzug zu bewegen. Trotzdem genoss sie die Möglichkeit, wenigsten hier in ihrer Wohnbehausung sich des Schutzanzuges entledigen zu können. Die Tür und die Fenster waren gesichert, niemand konnte sie überraschen, niemand sah sie. Für ihre Nachbarn war sie Frau Schmidt. Sie dachte noch einen kurzen Moment an ihren Alptraum. Früher waren haiähnliche Geschöpfe für ihre Art die größte Bedrohung gewesen. Ein Zeichen für Gefahr, immer noch. Dabei hatten sie auf ihrer Heimatwelt längst alle Haie ausgerottet. Aber diese Kultur weckte alte Ängste in ihr. Diese Kultur war primitiv und brutal. Sie fischten massenhaft Lebewesen aus dem Meer, nur um die meisten dieser Lebewesen dann verletzt wieder ins Wasser zu werfen, wo sie elendig zu Grunde gingen. Einmal hatte sie auch mit ansehen müssen, wie kleine Meereslebewesen lebend in kochendes Wasser geworfen wurden. Und auch Tintenfische wurden hier gegessen. Unmöglich hätte sie sich in ihrer wahren Gestalt diesen Wesen, die sich selbst Menschen nannten, zeigen können. Dabei war sie von schlanker eleganter Gestalt, ihre Tentakel hatten eine zarte hellblaue Farbe. Lira kroch unter die Schalldusche, um den Schmutz dieser Kultur, ein Begriff der ihr für diese primitive Gesellschaft an sich fehl am Platz erschien, von ihrer Haut zu waschen. Sie haderte mit sich und ärgerlich zuckten ihre Tentakel durch die Luft. An sich sollte sie als Ethnologin in der Lage sein, die Gesellschaften, die sie erforschte, ohne Wertungen oder zumindest mit einer kritischen Distanz zu den eigenen Vorurteilen zu untersuchen. Doch diese Wesen und dieser Planet, den sie Erde nannten, waren anders als alle Kulturen, die sie bisher erforscht hatte. Es war fürchterlich. Noch nie hatte sie Wesen kennengelernt, die so dahinvegetierten, übereinander herfielen, ihren Planeten wissentlich zerstörten und das auch noch stolz als ihre Kultur feierten. Die meiste Musik war ein primitives Stampfen oder erinnerte an gutturale Laute aus der Tierwelt. Meist wurde sie im Zusammenhang mit Ritualen zur Anbahnung der Paarung gespielt. Als Ethnologin hatte sie unterschiedliche dieser mit dem übergreifenden Begriff Tanzen bezeichneten Rituale untersucht. Die primitive Rohheit dieser Rituale hatte gleichzeitig etwas abstoßendes und faszinierendes. Aus ihren Drüsen sonderten die Wesen bei diesen Ritualen stinkende Sekrete ab, vermutlich Duftstoffe um Paarungsbereitschaft zu signalisieren. Und um diesen Geruch zu verstärken besprühten sie sich mit Sekreten aus den Innereien toter Tiere oder verrieben Extrakte abgestorbener Pflanzen auf ihrer Haut. Dann tranken sie große Mengen von Getränken, die ihnen das Bewusstsein raubten. Alles nur, um die Paarung einzuleiten. Alles in dieser Kultur drehte sich darum. Überall fanden sich unzählige Abbildungen paarungsbereiter Weibchen. Die Region, die sie erforschte, der Landzipfel in der nördlichen Hemisphäre, in dem sie sich befand und der von den Wesen stolz Erdteil und Europa genannt wurde, begriff sich dabei als besonders zivilisatorisch hochstehend. Ihre Forschungsobjekte erfüllten sie mit Ekel und, was sie besonders beunruhigte, mit Furcht, obwohl sie auch fasziniert war von dieser ursprünglichen Gier. Sie traute sich kaum noch aus ihrer Wohnbehausung. Vielleicht sollte sie sich ablösen lassen. Sie war schon zu lange hier. Doch zuerst musste sie die Zentrale überzeugen, dass diese Wesen eine Gefahr waren, wie die haiähnlichen Geschöpfe der Vergangenheit. Immer wieder schoss ihr das durch den Kopf. Nachts hatte sie Alpträume von Menschen mit Haifischgebiss und Haiflossen, blutverschmierten Zähnen, stinkendem Atem, Fleischfresser. Sie musste die Zentrale überzeugen. Am Abend holte Turun sie ab. Natürlich trug auch er einen menschlichen Tarnanzug, um nicht aufzufallen. Er schien es amüsant zu finden, sich unter Menschen zu bewegen. Er erforschte die Zusammensetzung der äußeren Planeten dieses Systems und war nur selten auf der Erde. Zur Zeit hatte er eine irdische Woche Urlaub. Sie hatte Angst, dass er sie nicht verstehen würde. Dort Draußen im Sonnensystem erschien ihm vermutlich alles hier auf der Erde unbedeutend. Für ihn war diese Zeit auf der Erde Erholung. Sie flogen in der Nacht mit seinem getarnten Gleiter zur geheimen Basis im Ozean. Endlich konnte sie sich wieder einmal wirklich frei bewegen. Endlich konnte sie wieder einmal in einem Salzlakenpool tauchen. Und der Krill war hervorragend. Sie war mit Turun in diesem Pool allein. Er hatte extra diesen Pool nur für sie organisiert. Seine Tentakel leuchteten lila, paarungsbereit in der männlichen Phase. Sie wusste, dass er sie mehr als nur sympathisch fand. Und er war sehr attraktiv, sie mochte seine schlanken kräftigen Tentakel. Er umschlang sie vorsichtig und doch eindeutig mit einem dieser Tentakel. Doch ihre Gedanken waren immer noch bei den Wesen, die diesen Planeten bevölkerten. Sie konnte sich nicht auf ihn konzentrieren. Turuns Tentakel löste sich wieder. Seine Stielaugen senkten sich rücksichtsvoll. "Lass uns in das Wassersolarium gehen. Du hast Entspannung nötiger als alles andere." Ihre Tentakel wurden leicht dunkelblau, es war ihr etwas peinlich, aber sie freute sich über sein Verständnis. "Danke." Im Wassersolarium holte er sich und ihr etwas zu Trinken und sah sie an. "Du hast Sorgen?" "Ich habe Angst vor ihnen. Das ist mir noch bei keiner meiner Forschungen passiert." Es brach aus ihr heraus. "Als Ethnologin sollte ich distanzierter sein, professionell nur versuchen, die Kultur zu verstehen. Aber das ist keine Kultur, sondern eine Krankheit." Er sah sie besorgt an. "So schlimm? Sie sind noch nicht so weit entwickelt. Du bist überarbeitet." Sie ließ einen ihrer Tentakel durch die Luft peitschen. "Das ist es nicht. Diese Gesellschaft ist krank und diese Wesen werden sich nie in eine zivilisierte Welt integrieren. Ich weiß gar nicht, ob sie es nicht könnten, aber sie wollen gar nicht. Sie sind stolz auf diese Krankheit, die sie ihre Kultur nennen." Einer ihrer Tentakel umklammerte einen der Tentakel Turuns, sie zwang ihn ihr in die Augen zu schauen. "Sie lassen ihre Kinder verhungern und benutzen stat t dessen die Nahrungsmittel um sie zu verbrennen und damit ihre Individualfahrzeuge zu betreiben. Sie lassen ihresgleichen draußen erfrieren, während sie sich paaren und überfressen." Sie ließ Turun los und wandte sich ab. "Ich fürchte mich davor rauszugehen, wieder ihr Gebrüll hören zu müssen, ihren Geruch zu riechen." Turun strich ihr mit einem Tentakel über den Rücken. "Du solltest Dich ablösen lassen. Obwohl ich das bedauern würde." Diesmal peitschten zwei ihrer Tentakel durch die Luft. "Nein, diese Wesen sind eine Gefahr. Ich habe das erkannt ! Im Zentralsystem denken sie, es wäre möglich, mit allen Kulturen und Wesen in Frieden zu leben. Wichtig wäre nur eine Verständigung. Und bisher stimmte das auch. Aber diese Wesen sind anders, Ihre Kultur ist aggressiv Sie werden unsere Zivilisation zerstören, wenn wir das zulassen." Wieder sah sie vor ihren inneren Augen das Bild einer menschlichen Fratze mit Haifischgebiss, Zähne in denen noch undefinierbare Reste hingen und die sich ihr näherten, gleich würde sie den Biss dieses Wesens spüren. Es würde zuerst einige Tentakel aus ihrem Körper reißen, bevor es sie verschlingen würde. Sie zitterte. Turun versuchte sie zu beruhigen. "Wir sind ihnen technisch weit überlegen." Doch Lira schüttelte seine Tentakel ab. "Sie sind schlau, nicht intelligent aber schlau. Und schau Dir ihre Paarungshäufigkeit an. Falls wir zulassen, dass sie dieses Sonnensystem verlassen, werden sie uns einfach durch ihre schiere Masse erdrücken. Ihre Religionen sagen das alle - 'Mehret e uch und macht e uch die Welt untertan' -. Und sie werden lebend geboren, halbfertig, bluttriefend bei ihrer Geburt. Das ist ihre Natur. Einer solchen Gesellschaft freundlich zu begegnen ist naiv und nicht zivilisiert. Wir müssen dafür sorgen, dass sie dieses Sonnensystem niemals verlassen." Turun sah sie besorgt an. "Ich erkenne Dich gar nicht wieder. Du weißt, die Charta billigt allen intelligenten Lebensforme n dieselben Rechte zu." Einen Moment schwiegen beide. Dann starrte Lira ihn eindringlich aus ihren Augenwülsten an. "Diesen Wesen, die sich selbst Menschen nennen, diese Rechte zuzubilligen, hieße die Werte der Charta mutwillig zu zerstören. Sicher, sie werden sagen, dass sie die Charta anerkennen, aber im Verborgenen werden sie daran arbeiten, die Charta zu umgehen. Bis es für uns zu spät ist. Sie leben nur für ihre Paarungslust und ihre A g gre s sivität." Und nach einer Pause fügte sie hinzu. "Wir dürfen ihnen nicht trauen!"
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