Vinzenz Verstand fällt, bevor sein Körper vor Angst zucken kann. Die Berührung der Hexe Merga, eine junge exotische Frau mit Dreadlocks, übernimmt, für den Bruchteil einer Sekunde, den Verstand des gelähmten Predigers. Der menschliche Geist ist nicht dazu imstande sich die Hölle auch nur ansatzweise vorzustellen, doch Merga kann es sehr bildlich umschreiben.
Vor Vinzenz geistigem Auge verbrennt seine Haut, der sengende Schmerz schleift sich von den Fingern bis zu seiner Stirn. Grobe Stücke platzen von seinem kokelnden Fleisch ab. Seine Zähne wachsen unaufhaltsam bis der Unterkiefer auskugelt und erbarmungslos abreißt. Beide Unterarme biegen sich über die Gelenke nach hinten bis sie mit einem dumpfen Knall brechen. Die Vision verschwindet so schnell wie sie erschienen ist. Die Hexe nimmt ihren Finger von seiner Schulter. Vinzenz taumelt als er die Kontrolle über sich selbst wiedererlangt, kalter Schweiß fliest seine Stirn hinunter, seine Augen sind weit aufgerissen. Der Geruch von Schwefel und Verwesung kriecht durch seinen Hals. Johannes lehnt sich ein Stück vor.
Halleluja, seht an, seht an, die Pfaffen sind da. Seit Luther warten wir auf euch.
Er haucht die Worte in sein Senfglas voll Edelabsinth.
Ich hatte viel Spaß.
Er nimmt einen schnellen Schluck.
Versteht mich nicht falsch, aber ich dachte wirklich, das würde schneller gehen. Das hat scheiße lange gedauert. Wir hätten schon vor Jahrhunderten verhandeln können, aber ihr lernt ja nie dazu.
Nepomuks Blick verharrt beinah ignorant auf Johannes, während um ihn herum die ersten Augen ihre wahren Farben offenbaren. Der Gottesmann füllt seine Lunge mit der verqualmten Raumluft.
In nomine Patris, et …
Im Kloster lernt man sich zu verbeugen, oder?
Zorn mischt sich in Johannes Stimme. Er nippt wieder an seinem Absinth. Nepomuk beginnt erneut.
In nomine …
Ihr verbeugt euch vor dem Abt, vor dem Altar und vor…
Vinzenz angeschlagener Verstand findet einen Moment der Klarheit und verdrängt eine Sekunde lang seine Furcht.
Gott wird …
Wütende Ehrlichkeit reißt seine Klauen in Johannes Stimme.
Gott wird deine Mutter ficken, Vinzenz. Gott wird dir deine scheiß Augen auspicken.
Nepomuks Stimme erhebt sich im knochigen Körper.
Schweig still Dämon!
Schweig still Exorzist!
Vinzenz weicht erschrocken zurück, als sich Johannes Glas entzündet. Die Stichflamme sprießt über seinen Kopf hinaus, bevor sie in einer brennenden Pfütze an der Zimmerdecke erlischt. Für ihn waren Exorzismen harte Arbeit, aber nie eine Gefahr für ihn selbst.
König Herodes hat sich ausgestreckt, auf den Boden gelegt und gefleht! Du wirst demütig sein oder ich zünde dich jetzt und hier, bei lebendigem Leibe, an.
Johannes kippt sich den restlichen Absinth in den Rachen.
_KAPITEL 7
_Harmageddon // 2013 vor Christi
D
as erste was er spürt ist das nasse Gras an seinem nackten Körper. Klare Wassertropfen gleiten von den Halmen auf seine Haut. DerRegen peitscht auf seinen Rücken. Ein weißgreller Blitz schlägt im Horizont ein, der Donner sucht bis zum heutigen Tage seines Gleichen. Es ist kalt. Johannes fühlt sich schwach, als er zum ersten Mal nach Luft ringt. Er bereut es. Die Luft will wieder aus ihm heraus. Sie besteht darauf. Die Sterne haben Mitleid, der Mond verspottet ihn. Nach ein paar weiteren bemühten Versuchen zu atmen, richtet er sich zitternd auf, der Mond weicht einen Schritt zurück. Es blitzt ein zweites Mal. Der Donner reißt Johannes zu Boden. Der Engel Mara, schöner als der Nachthimmel über Eden, kniet neben dem jungen Mann. Sie faltet ihren linken Flügel über ihm aus. Ihre Augen werfen ein sanftes hellgrünes Licht auf ihn. Das Wasser prasselt dumpf auf ihre schneeweißen Federn.
Fürchte dich nicht.
Ihr Haar ist verborgen von der Kapuze ihres ultramarinblauen Mantels, nur ihr schwarzer Haaransatz gewinnt Tropfen für Tropfen an Interesse des Nachtgestirns. Es formt eine Korona um ihr verfluchtes Haupt. Johannes Stimme zittert gegen den Regen. Die Engel haben es versucht, aber auf Menschlichkeit kann man niemanden vorbereiten.
Ist, ist das die Hölle?
Mara legt ihre Hand auf seine bleiche Wange.
Nein,…
Ihr Mund muss kein Lächeln offenbaren, ihre Augen genügen.
…aber von hier ist es nicht mehr weit.
Maras Blick lässt die Lava in seinem Gemüt erstarren. Ihre Lippen brechen den Regen. Der Wind kuscht vor ihr.
Ich habe sehr lange auf dich gewartet.
Sie hebt den Flügel ein Stück höher. Seine Augenlider verweigern jeden Befehl.
Wer… Wer?
Der Donner nennt mich Mara.
Wasser stürmt aus dem Himmel.
Und du bist Johannes, der einzige Dämon, dem der Herr eine Seele geschenkt hat. Du bist unser einziger Schutz.
_KAPITEL 8
_Rumänien // Vor 13 Jahren
V
inzenz schließt die Holztür hinter seinem Meister Nepomuk. Er will sich bei seinem ersten Einsatz beweisen, sein junges Alter steht immer noch im Mittelpunkt einiger missgünstigen Diskussionen im Vatikan. Das Geräusch der schließenden Türe fährt durch jede dünne Wand des Hauses, doch es stoppt an Nepomuks ledernen Schuhsohlen. Muffig süßlicher Geruch frisst sich aus der Tapete. Das einzige übriggebliebene Möbelstück im Raum ist ein 1,10 Meter breites Bett, indem vor neun Wochen noch der Großvater der Besessenen geschlafen hat. Die Arme und Beine der Besessenen sind mit Gürteln und zerrissenen Hemden an das Bettgestell gefesselt. Die Augen der jungen Frau folgen dem alten Exorzisten als würde ihr Leben davon abhängen. Sie würdigt Vinzenz keines Wimpernschlages. Nepomuk faltet seine Hände um das Gestell zu ihren Füßen.
Dämon, weißt du wer ich bin?
Er liefert sich ein eisiges Wettstarren mit der Besessenen.
Du weißt wer ich bin, nicht wahr?
Der Exorzist lehnt sich auf seine erfahrenen Schultern.
Hast du deine Zunge verschluckt, Dämon?
Die junge Frau öffnet langsam ihren Mund. Ihre gesammelte Spucke läuft ihre Mundwinkel hoch und tropft an die Decke. Vinzenz folgt mit großen Augen dem Verstoß gegen die Naturgesetze.
Scheiße.
Bruder Rocco, du sollst nicht fluchen.
Verzeihung, Monsignore.
Nepomuks Augen haben die der Besessenen nicht verlassen.
Wozu bist du hier?
Der Dämon fletscht langsam seine Zähne. Als die blauen Lippen schwarze Zähne und eiterndes Zahnfleisch freilegen, wird aus dem Drohen ein zaghaftes, aber überlegendes Lachen.
Bruder Rocco wir beginnen.
Ja, Monsignore.
Vinzenz stellt sich an das Kopfende des Bettes. Als er seine Hände zum Gebet faltet, schiebt sich das gesamte Gestell an die andere Seite des Raumes. Die Köpfe der Exorzisten folgen.
Bruder Rocco.
Ja, Monsignore.
Bemüht zieht der junge Geistliche das Bett an seinen vorgesehenen Platz. Der Holzfußboden hätte darunter gelitten, wenn er nicht schon genug gelitten hätte. Vinzenz faltet seine Hände erneut. Eine panische Männerstimme entspringt aus dem teilnahmslosen Gesicht der jungen Frau, die Wörter kratzen und quietschen zur selben Zeit.
Eure Welt steht auf dem Kopf, du wirst es sehen Exorzist.
Eine Pfütze aus Urin sammelt sich in ihrem Nachthemd. Die ersten Tropfen fließen in einem, tiefgelben fast braunen Strahl, an die Decke. Der Dämon verdreht seine Augen und beginnt mit seinem eigenen Exorzismus.
In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen.
Der junge Exorzist sieht verwundert zwischen Dämon, Meister und Zimmerdecke hin und her. Sein Mund steht ein Stück weit offen. Nepomuk fährt fort.
Sag mir deinen Namen, Dämon. Ich befehle es dir, im Namen Jesu Christi.
Ich, bin, Luzifer.
Ja, den Witz habe ich schon mal irgendwo gehört.
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